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Die Küchenuhr
Die Kurzgeschichte handelt von einem jungen Mann, der bei einem Bombenangriff seine Eltern und sein Heim verloren hat. Mittels einer verbliebenen Küchenuhr …
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Werk und Bedeutung
„Die Küchenuhr“ ist eine Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert. Sie entstand zu Beginn des Jahres 1947, wurde am 27. August 1947 in der Hamburger Allgemeinen Zeitung veröffentlicht und erschien im Dezember 1947 in Borcherts zweiter Prosasammlung „An diesem Dienstag“.
Die Geschichte erzählt von einem zwanzigjährigen Mann, der bei einem Bombenangriff seine Eltern und sein Zuhause verloren hat. Eine stehen gebliebene Küchenuhr erinnert ihn an die alltägliche Fürsorge seiner Mutter. Erst nach ihrem Tod versteht er das frühere Familienleben als verlorenes „Paradies“. Der Text gehört zu Borcherts bekanntesten Werken und gilt als typisches Beispiel der Trümmerliteratur, also der Literatur über Kriegserfahrungen, Zerstörung und das Leben in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Außerdem ist er eine Dinggeschichte: Ein Gegenstand bringt die Erlebnisse, die Lebenslage und die Gefühle der Hauptfigur zum Ausdruck.
Handlung
Ein zwanzigjähriger Mann mit einem auffällig alten Gesicht setzt sich zu mehreren Menschen auf eine Bank. Sein Gang wirkt noch jung, doch sein Gesicht scheint bereits vom Erlebten gealtert. Er zeigt den Anderen den einzigen Gegenstand, der ihm nach einem Bombenangriff geblieben ist: eine kaputte Küchenuhr. Seine Eltern sind ums Leben gekommen, sein Heim ist zerstört.
Die Uhr ist bei halb drei stehen geblieben. Ein Mann erklärt sachlich, vermutlich habe die Druckwelle der Explosion das Uhrwerk beschädigt. Für den jungen Mann hat die Uhrzeit jedoch eine persönliche Bedeutung. Sie erinnert ihn daran, wie er regelmäßig nachts um halb drei nach Hause kam. Seine Mutter stand dann auf, bereitete ihm Essen zu und wartete in der kalten Küche, während er aß. Damals erschien ihm ihre Fürsorge selbstverständlich.
Erst nach dem Verlust erkennt der junge Mann, dass dieses alltägliche Beisammensein für ihn das „Paradies“ war. Nachdem er vom Tod seiner Eltern berichtet hat, schweigt er. Auch die übrigen Menschen bleiben zunächst auf Abstand. Am Ende denkt jedoch der neben ihm sitzende Mann immer wieder an das Wort „Paradies“.
Erzählweise und Sprache
Die Geschichte beginnt ohne Einleitung mitten in einer Situation. Dieser unvermittelte Einstieg ist typisch für die Kurzgeschichte. Mit wenigen Angaben entstehen der Schauplatz und die Figuren. Borchert verwendet Pronomina, bevor die betreffenden Personen genauer eingeführt werden. Namen erhalten sie nicht; sie bleiben allgemeine, durch ihre Zeit und ihre Kriegserfahrungen geprägte Typen.
Die Sprache besitzt nach Werner Zimmermann eine „niedrige Sprechlage“: Der Wortschatz ist begrenzt und an der Alltagssprache orientiert, der Satzbau wirkt teilweise nachlässig und „trümmerhaft“. Die kurzen, schlichten Sätze stehen im Präteritum. Erzählende Prosa und direkte Rede sind nicht durch Anführungszeichen voneinander getrennt. Fragen unterbrechen den Bericht immer wieder.
Wichtige Stilmittel sind Wiederholungen und Antithesen, also Verbindungen von Gegensätzen. Dazu gehören der junge Gang und das alte Gesicht des Mannes sowie der geringe materielle und der große persönliche Wert der Uhr. Wiederkehrende Wörter und Aussagen, besonders die Uhrzeit halb drei und das Wort „Paradies“, machen die Gedanken und Gefühle der Figuren sichtbar.
Der Ort bleibt kulissenhaft und wird nur knapp beschrieben. Der Erzähler tritt hinter den Figuren zurück; der Dialog bestimmt die Handlung. Dadurch konzentriert sich die Geschichte auf ihren inneren Gehalt: Verlust, Erinnerung, Einsamkeit und die verspätete Erkenntnis menschlicher Fürsorge.
Uhr und verlorenes Paradies
Die Küchenuhr ist das zentrale Symbol der Geschichte. Äußerlich ist sie wertlos, weil sie kaputt ist und die fortschreitende Zeit nicht mehr anzeigen kann. Für den jungen Mann besitzt sie jedoch einen hohen ideellen Wert. Sie bewahrt die Erinnerung an seine Eltern und an das frühere Zuhause. Werner Zimmermann deutet sie deshalb nicht nur als Erinnerungsstück oder Dingsymbol, sondern als Reliquie und als einen „Gegenstand von magischer Heilkraft“.
Nach Hans Graßl zeigt die stehen gebliebene Uhr zugleich, dass die vergangene Zeit unwiederholbar abgelaufen ist. Der kreisförmige Weg der Zeiger, den der junge Mann mit dem Finger nachzeichnet, verweist auf seine gegenwärtige Lage: Ohne Eltern und Zuhause steht er allein und schutzlos in der Welt. Weil sich die Anderen von ihm abwenden, spricht er schließlich mit der Uhr und verleiht ihr ein „Gesicht“; er personifiziert sie, behandelt sie also wie ein menschliches Gegenüber. Ihre Tellerform erinnert außerdem an das gemeinsame Essen in der Familie und damit an deren fortdauernde Wirkung.
Das zweite zentrale Bild ist das „Paradies“. Gemeint ist kein ferner oder prächtiger Ort, sondern eine kleine alltägliche Handlung: Jede Nacht um halb drei bereitete die Mutter ihrem Sohn Essen zu und leistete ihm Gesellschaft. Wilhelm Große versteht dies als Ausdruck einer „ganz tiefen, einfachen, nicht hinterfragten Liebe“ und als Symbol für Menschlichkeit. Der Krieg zerstört diese Geborgenheit. Damit greift die Geschichte das biblische Motiv der Vertreibung aus dem Paradies auf.
Der junge Mann erkennt den Wert der mütterlichen Liebe erst, als sie unwiederbringlich verloren ist. Graßl betont auch seine Schuldgefühle: Früher nahm der Sohn die Fürsorge gleichgültig hin und reduzierte sie auf die Stillung seines Hungers. Die Mutter fror und schwieg; ihre Kälte kann neben den kalten Küchenfliesen auch auf die Entfremdung zwischen ihr und dem Sohn verweisen. Die verspätete Erkenntnis lässt sein Gesicht vorzeitig altern und führt am Ende ins Schweigen.
Figuren und offener Schluss
Der junge Mann ist durch Gegensätze gekennzeichnet. Obwohl er erst zwanzig Jahre alt ist und sich jung bewegt, besitzt er ein „ganz altes Gesicht“. Seine Heiterkeit steht im Gegensatz zum Tod der Eltern und zur Zerstörung seines Zuhauses. Die Forschung deutet diesen Zustand unterschiedlich. Wilhelm Große versteht ihn als Schock und beginnenden Wahnsinn; gerade als aus der gesellschaftlichen Norm Gefallener erkenne der Mann jedoch klarer als die Anderen, wie wichtig Menschlichkeit sei. Dieter Schrey sieht ihn durch die Kriegserfahrung nachhaltig zerstört: Wie die Uhr sei auch er bei halb drei stehen geblieben und auf seine Erinnerung fixiert.
Werner Zimmermann widerspricht einer rein „naturalistisch-nihilistischen Deutung“. Für ihn ist der Mann eher ent-rückt als ver-rückt: Durch sein Leiden habe er eine Erkenntnis gewonnen, die ihm innere Heiterkeit verleihe. Das alte Gesicht könne deshalb neben dem Kriegsschock auch eine durch die Nähe des Todes entstandene Altersweisheit ausdrücken. Der junge Mann sieht nun hinter dem äußeren Wert der Dinge deren eigentliches Wesen.
Die übrigen Personen haben ähnliche Kriegserfahrungen gemacht, bilden aber keine Gemeinschaft. Sie bleiben mit sich selbst beschäftigt, vermeiden Blickkontakt und wenden sich vom jungen Mann ab. Selbst sein persönlicher Bericht führt zunächst nur zu einem unpersönlichen Gespräch. Dadurch entsteht inmitten der Kriegstrümmer ein Eindruck von Einsamkeit und Heimatlosigkeit.
Am offenen Schluss erreicht der junge Mann dennoch seinen Nebenmann. Dieser hatte zuvor sachlich über die Wirkung einer Bombe gesprochen und dabei auf seine Schuhe gesehen. Nun ist er von der Erzählung ergriffen und denkt immerzu an das Wort „Paradies“. Nach Zimmermann überträgt sich diese Wirkung auch auf die Lesenden: Die Geschichte endet äußerlich, wirkt aber in ihren Gedanken weiter. Große sieht darin zugleich eine Zukunftsmöglichkeit. Weil Humanität hier aus kleinen alltäglichen Handlungen entsteht, kann sie eine Grundlage für eine neue menschliche Gesellschaft bilden.
Entstehung und Veröffentlichung
Borchert schrieb „Die Küchenuhr“ zu Beginn des Jahres 1947. Er war damals schwer krank und bereits bettlägerig. Aus seinem Krankenbett verfasste er mehrere Dutzend Kurzgeschichten sowie das Drama „Draußen vor der Tür“. Am 20. November 1947 starb er im Basler St.-Clara-Spital im Alter von 26 Jahren.
Nach der Zeitungsveröffentlichung vom 27. August 1947 wurde die Geschichte im Dezember desselben Jahres in den postum veröffentlichten Band „An diesem Dienstag“ aufgenommen. Rowohlt verlegte zunächst 5000 Exemplare; bereits im folgenden Monat erschien eine zweite Auflage in derselben Höhe. 1949 wurde die Kurzgeschichte in das ebenfalls bei Rowohlt erschienene Gesamtwerk Wolfgang Borcherts aufgenommen.