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Dichotomie
Dichotomie bezeichnet die tatsächliche oder scheinbare Zweiteilung von Erfahrungsbereichen in Entweder-Oder-Gegensätze. Sie können einander ergänzen …
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Grundidee und Abgrenzung
Eine Dichotomie ist die tatsächliche oder scheinbare Zweiteilung eines Erfahrungsbereichs in Entweder-oder-Gegensätze. Die beiden Seiten können sich ergänzen, etwa Welle und Teilchen, sie können eine Aufteilung in zwei Teile ausdrücken, oder sie dienen als Kategorien des Denkens, etwa abstrakt und konkret oder Form und Inhalt.
Verwandt ist der Dualismus, eine philosophische Strömung, die die Wirklichkeit in Paare wie Mann–Frau, Tag–Nacht oder Gut–Böse einteilt. Auch soziologische Theorien arbeiten mit solchen Gegenüberstellungen, beispielsweise Tönnies’ Gemeinschaft und Gesellschaft sowie Durkheims mechanische und organische Solidarität.
Regeln einer dichotomen Einteilung
Bei der Einteilung einer Menge in zwei Untergruppen A und B gilt:
- Jedes Element muss genau einer der beiden Untergruppen zugeordnet werden können.
- Kein Element darf zugleich zu A und B gehören. Die Untergruppen sind also disjunkt, haben keine Schnittmenge.
- Zusammen müssen beide Untergruppen den ursprünglichen Begriff vollständig erfassen: Ihre Vereinigung ergibt wieder die Ausgangsmenge.
Dadurch sind unvollständige oder überlappende Einteilungen ausgeschlossen. Dichotomien sind jedoch nicht immer sinnvoll. Einteilungen wie Alt und Jung, Stadt und Land oder Schwarz und Weiß können Unterschiede überbetonen und Gemeinsamkeiten verdecken; dies wird als „Schwarz-Weiß-Malerei“ bezeichnet.
Mathematik, Logik und Statistik
Typische mathematische und logische Dichotomien sind die Einteilung ganzer Zahlen in gerade und ungerade Zahlen, reeller Zahlen in rationale und irrationale Zahlen sowie rationaler Zahlen in ganze Zahlen und Brüche, deren Zähler und Nenner teilerfremd sind. Aussagen werden in der klassischen Logik als wahr oder falsch eingeteilt; dies wird mit „Tertium non datur“ beschrieben: „Etwas drittes gibt es nicht“.
Eine dichotome oder binäre Variable besitzt genau zwei Ausprägungen, zum Beispiel eine Münze mit „Kopf“ und „Zahl“. In der Testtheorie heißt ein Antwortformat dichotom, wenn nur zwei Antworten wie „Ja“ und „Nein“ möglich sind. Davon unterscheiden sich mehrfach gestufte Formate wie „nie“, „selten“, „manchmal“, „oft“ und „immer“.
In der mathematischen Optimierung ist ein dichotomes Verfahren eine Methode zur lokalen nichtlinearen Optimierung ohne Nebenbedingung. Die Intervallhalbierungsmethode arbeitet dabei mit gleich großen Halbierungen von Intervallen.
Astronomie und Planetologie
In der Astronomie bezeichnet Dichotomie die Halbphase eines nicht selbst leuchtenden Gestirns, meist eines Planeten oder Mondes. Es wird bei einem Phasenwinkel von 90° zur Hälfte beleuchtet gesehen und erscheint als Halbkreisfläche. Das bekannteste Beispiel ist der Halbmond. Von der Erde sind Halbphasen außer beim Mond nur bei den unteren Planeten Merkur und Venus beobachtbar.
In der Planetologie meint Dichotomie zwei deutlich verschieden gestaltete Halbkugeln eines festen Himmelskörpers. Beispiele sind die Land- und Wasserhemisphäre der Erde, die Mare auf der Vorderseite des Mondes, die auf der Rückseite weitgehend fehlen, sowie die Zweiteilung des Mars: Im Norden liegen vor allem Tiefebenen, im Süden gewaltige Hochländer. Der trennende mittlere Großkreis ist beim Mars um 40° gegen den Äquator geneigt; sein Schwerpunkt ist wegen der unsymmetrischen Massenverteilung um drei Kilometer in Richtung der nördlichen Tiefebenen versetzt.
Der Ausdruck „Venus-Dichotomie“ ist nach dem Artikel nicht korrekt: Er bezeichnet nicht die Halbphase, sondern die zeitweilige Sichelgestalt der Venus. Die Hörner der Venussichel greifen wegen der dichten Venusatmosphäre über und stehen nicht um 180° gegenüber.
Dichotomes Denken in der Klinischen Psychologie
Dichotomie bezeichnet hier ein absolutes Denkmuster und eine kognitive Verzerrung: Dinge werden nur zwei extremen Kategorien zugeordnet, während Zwischenstufen und Graustufen ignoriert werden. Deshalb heißt dieser kognitive Stil auch Alles-oder-Nichts-Denken. Beim Schwarz-Weiß-Denken werden neutrale Informationen in die negative Kategorie eingeordnet; dies deutet auf depressives Denken hin.
Dichotomes Denken kann bei Depressionen sowie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung und Dissoziativer Identitätsstörung vorkommen. Beispiele sind die Einteilung in Gut und Böse, makellos und fehlerhaft, sauber und schmutzig oder heilig und sündhaft. Es kann außerdem Vorurteile und Rollenbilder, etwa über weibliches und männliches Verhalten, prägen.
Es kann Abwägungen verdichten, Konflikte vereinfachen und dadurch Entscheidungen sowie konsequentes Handeln erleichtern. Zugleich gehen viele Abwägungsmöglichkeiten verloren; Sachverhalte können zu schnell, einseitig und subjektiv bewertet werden. In Gruppen und Organisationen kann die rhetorische Strategie Advocatus Diaboli eingesetzt werden, um den Diskussionsstand zu kritisieren und Einschränkungen oder Einseitigkeiten zu korrigieren.
Verwendungen in weiteren Fachgebieten
In der Botanik ist eine dichotome Teilung die Verzweigung einer Sprossachse in zwei annähernd gleiche Teile. In der Phylogenetik werden Verzweigungen evolutionärer Äste in Kladogrammen oder Stammbäumen als dichotom angenommen; unklare Verwandtschaftsverhältnisse werden als polytome Knoten dargestellt. Anatomisch kann etwa die Aufspaltung der Luftröhre in zwei Hauptbronchien gemeint sein.
In der strukturalistischen Sprachwissenschaft sind unter anderem Synchronie und Diachronie sowie Signifikant und Signifikat grundlegende Dichotomien. In der Volkswirtschaftslehre bezeichnet die reine Dichotomie des Geldes bei David Hume eine strikte Trennung von güter- und geldwirtschaftlichem Sektor; Inflation habe ihre Ursachen allein im geldwirtschaftlichen Sektor. Die Trennung in nominale und reale Größen heißt (neo)klassische Dichotomie.
Im deutschen Strafrecht ist die Einteilung in Verbrechen und Vergehen nach § 12 StGB die „Dichotomie des Strafrechts“. Sie ersetzte in der BRD zum 1. Januar 1975 die frühere Trichotomie. Die Sein-Sollen-Dichotomie trennt deskriptive von normativen Aussagen; aus einem Sein kann deshalb nicht auf ein Sollen geschlossen werden. Der Hylemorphismus erklärt endliche Substanzen durch die zwei Prinzipien Stoff beziehungsweise Materie (hýlē) und Form (morphḗ).