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Schismogenese

Schismogenese (wörtlich: „Entstehung von Spaltung“) ist ein Konzept, um die Entstehung konfliktbehafteter oder gegensätzlicher sozialer Verhaltensmuster …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Wettbewerb zwischen Gleichrangigen
  3. 3. Ungleichheit und wechselseitige Verstärkung
  4. 4. Kommunikationsstile und Missverständnisse
  5. 5. Bewusste kulturelle Abgrenzung

Grundidee und Bedeutung

Schismogenese bedeutet wörtlich „Entstehung von Spaltung“. Das Konzept erklärt, wie zwischen Gruppen oder Personen konfliktbehaftete, gegensätzliche soziale Verhaltensmuster und kulturelle Normen entstehen. Im Zentrum steht ein wechselseitiger Prozess: Das Verhalten einer Seite beeinflusst die andere Seite, deren Reaktion wiederum das ursprüngliche Verhalten verstärkt. Dadurch können sich Unterschiede und Konflikte zunehmend aufschaukeln.

Der Anthropologe und Psychologe Gregory Bateson entwickelte das Konzept in den 1930er-Jahren zunächst für Kleingruppen oder Teile einer Gesellschaft. Es unterscheidet zwei Grundformen: die symmetrische und die komplementäre Schismogenese. Anders als der soziologische Funktionalismus, der die Entstehung von Solidarität in Gesellschaften betont, richtet das Konzept den Blick auf Auseinanderentwicklung, Konfrontation und Konflikt. W. E. Mühlmann nahm den Ansatz in Deutschland auf.

Paul Watzlawick und die psychologisch-sozialwissenschaftliche Palo-Alto-Forschungsgruppe verwendeten den Begriff 1967 in der Kommunikationstheorie. Deborah Tannen übertrug ihn 1990 auf die Analyse von Gesprächen. Hein Retter stellte 1999 allerdings fest, dass sich Schismogenese nicht als soziologischer Fachbegriff etabliert habe. David Graeber und David Wengrow erweiterten das Konzept 2021 auf historische Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen.

Wettbewerb zwischen Gleichrangigen

Als symmetrische Schismogenese bezeichnet Bateson eine wettbewerbsartige Beziehung zwischen gleichrangigen Partnern. Beide Seiten zeigen gleichartiges, spiegelbildliches Verhalten und versuchen ständig, die jeweils andere Seite zu übertreffen. Die Reaktion des einen wird zum Anlass für eine noch stärkere Reaktion des anderen.

Paul Watzlawick nennt Prahlen als Beispiel für ein solches sich aufschaukelndes Verhalten. Auch zwei Freunde, die sich gegenseitig Witze erzählen und jeweils mit einem noch lustigeren Witz antworten, verhalten sich nach diesem Muster. Typische Erscheinungsformen sind Konkurrenz, Rivalität und Wettrüsten. Solche Interaktionen laufen häufig auf eine Eskalation zu.

Ungleichheit und wechselseitige Verstärkung

Komplementäre Schismogenese entsteht zwischen Partnern, deren Verhaltensweisen verschieden, aber aufeinander bezogen sind. Ein Beispiel ist die Verbindung von Dominanzstreben auf der einen und Unterwerfung auf der anderen Seite. Weitere Gegensatzpaare sind Unterstützung und Abhängigkeit sowie Exhibitionismus und Voyeurismus.

Dabei handelt es sich nicht nur um einseitige Machtausübung. Entscheidend ist eine Dynamik des Missverstehens: Die Beteiligten „interpunktieren“, wie Watzlawick es nennt, die Bedeutung derselben Situation unterschiedlich. Freundlich gemeinte Zurückhaltung kann beispielsweise als Schüchternheit oder mangelnde Willensstärke verstanden werden. Der andere glaubt deshalb, stärker anleiten zu müssen. Fügt sich die zurückhaltende Person in diese Rolle, bestätigt sie den dominanten Partner, wodurch sich beide Verhaltensweisen weiter verstärken.

Kommunikationsstile und Missverständnisse

Deborah Tannen erklärt mit komplementärer Schismogenese mögliche „Teufelskreise“ zwischen unterschiedlichen Kommunikationsstilen von Frauen und Männern. Nach ihrer Darstellung verwenden Männer überwiegend direkte, aufgabenbezogene Strategien, Frauen dagegen meist indirekte, auf Harmonie, Konsens und Rückversicherung gerichtete Strategien.

Beim eher „männlichen“ Stil werden Probleme unmittelbar angesprochen und Wünsche offen, mitunter als Befehl oder Kommando, formuliert. Status, Souveränität und Entscheidungsfreude spielen dabei eine wichtige Rolle. Im eher „weiblichen“ Stil kann ein Wunsch indirekt ausgedrückt werden: Statt „Könntest Du mal einkaufen gehen?“ heißt es etwa: „Ach, ich bräuchte jetzt noch dringend ein Paar Sachen aus dem Laden, wenn ich nicht so müde wäre…“

Viele Männer empfinden eine solche indirekte Botschaft als manipulativ, obwohl sie letztlich ein ähnliches Ziel wie eine direkte Aufforderung verfolgt. Der Unterschied führt zur Irritation und lenkt das Gespräch auf den Beziehungsaspekt der Kommunikation: Die eine Seite fragt, warum Wünsche nicht klar ausgesprochen werden; die andere fragt, warum ihr Gegenüber nicht versteht, was gemeint ist.

Zur Schismogenese kommt es besonders, wenn unterschiedliche Empfindlichkeiten nicht offen kommuniziert werden. Ein Mann kann sich aus einem Gespräch zurückziehen, weil er sich manipuliert fühlt. Die Frau deutet den Rückzug möglicherweise als Verlust von Nähe und sucht deshalb verstärkt Nähe. Der Mann versteht dies wiederum als zunehmende Manipulation und zieht sich noch weiter zurück. So verstärken sich die entgegengesetzten Reaktionen gegenseitig und können in Abneigung und Misstrauen enden.

Bewusste kulturelle Abgrenzung

David Graeber und David Wengrow definieren Schismogenese in ihrem Buch „Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“ von 2021 abweichend als Tendenz menschlicher Gruppen, sich durch bewusst gewählte gegensätzliche Verhaltensweisen voneinander abzugrenzen. Benachbarte Gesellschaften stehen miteinander in Kontakt, lehnen aber kulturelle Muster der jeweils anderen ab und präsentieren demonstrativ das „genaue Gegenteil“. Dies kann Einstellungen zu Arbeit, Nahrung und materiellem Wohlstand ebenso betreffen wie Kleidung und Wohnformen. So entstehen Gruppenidentitäten durch gegenseitige Distinktion, also soziale und kulturelle Abgrenzung.

Im Vergleich mit Batesons Modell ähnelt dies einer komplementären Schismogenese. Graeber und Wengrow unterscheiden jedoch nicht zwischen einer symmetrischen und einer komplementären Form. Sie knüpfen an Marcel Mauss an, der scharf gezogene kulturelle Grenzen innerhalb ähnlicher Lebensräume untersuchte. Ähnlichkeiten zwischen Gruppen verschiedener genetischer und sprachlicher Herkunft lassen sich häufig durch dieselbe Subsistenzweise erklären, also durch die Art der Lebens- und Nahrungsgewinnung, etwa als Jäger und Sammler, Reiternomaden oder Gartenbauer. Auffällige Unterschiede zwischen benachbarten Kulturen mit ähnlichen Umweltbedingungen erfordern dagegen eine andere Erklärung.

Nach Mauss grenzen sich solche Kulturen bewusst voneinander ab, um ihre eigene Identität zu leben. Daraus entstehen „Strukturen der Verweigerung“: Gruppen übernehmen bestimmte Dinge absichtlich nicht, selbst wenn diese Vorteile hätten. Diese bewusste Ablehnung gilt ihm als besonders starke Triebfeder der Gruppenbildung.

Als klassisches Beispiel nennen Graeber und Wengrow Athen und Sparta im fünften Jahrhundert vor Christus. Die beiden griechischen Stadtstaaten bildeten gegensätzliche „Antitypen“: Athen war unter anderem kosmopolitisch, kommerziell, luxuriös, demokratisch und städtisch, Sparta dagegen fremdenfeindlich, autark, sparsam, oligarchisch und dörflich. Weitere Beispiele sind die mittelsteinzeitlichen Kulturen des Hoch- und Tieflandes im Fruchtbaren Halbmond Westasiens, Teotihuacán und die Tieflandkultur der Maya, Tenochtitlan und Tlaxcala sowie die Bergvölker Südostasiens im Vergleich zu ihren Nachbarn in den Tälern.

Nicht jede soziale Abgrenzung eskaliert zu einem offenen Konflikt. Pierre Bourdieu untersucht in „Die feinen Unterschiede“ fein abgestufte, meist nicht konfrontative symbolische Formen und subtile Strategien der sozialen Distanzierung.

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