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Komplementarität
Komplementarität ist ein Begriff der Erkenntnistheorie für zwei (scheinbar) widersprüchliche, einander ausschließende, nicht aufeinander reduzierbare …
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Begriff und Grundmerkmale
Komplementarität bezeichnet in der Erkenntnistheorie zwei scheinbar widersprüchliche, einander ausschließende und nicht aufeinander reduzierbare Beschreibungsweisen oder Versuchsanordnungen. Beide sind dennoch notwendig, um ein Phänomen oder einen Sachverhalt als Ganzes zu verstehen. Niels Bohr führte diese Idee als Komplementaritätsprinzip in die Quantenphysik ein; später wurde sie auf zahlreiche andere Gebiete übertragen. Dadurch wurde der Begriff vieldeutig und meint teilweise nur noch ein allgemeines „Sowohl-als-auch“.
Komplementäre Eigenschaften müssen dieselbe Referenz besitzen, also dasselbe Objekt betreffen. Sie sind jedoch nicht kausal voneinander abhängig. Die zugehörigen Methoden unterscheiden sich grundsätzlich in ihrem Verfahren und können in der Regel nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander angewendet werden.
Vorläufer und verwandte Vorstellungen
Claude Lévi-Strauss sah in komplementären Gegensätzen oder Dichotomien wie „Mann↔Frau“, „alt↔jung“, „klein↔groß“ und „kalt↔heiß“ ein Grundmuster der menschlichen Kategorisierung.
Verwandte Ansätze, die fundamentale Widersprüche aufheben oder Paradoxien kennzeichnen sollen, finden sich bereits in unterschiedlichen Traditionen. Dazu gehören das Yin-Yang-Prinzip der chinesischen Philosophie, nach dem Gegensätze unlösbar zu einer Ganzheit verbunden sind, sowie theologische Fragen zur Natur Jesu Christi, zur Vereinbarkeit von Gottes Liebe und Allmacht mit dem Bösen und zum Verhältnis von Schöpfung und naturwissenschaftlicher Erklärung. Weitere Beispiele sind die coincidentia oppositorum bei Nikolaus von Kues, Baruch de Spinozas Doppel-Aspekt-Lehre, nach der Geist und Materie zwei Seiten derselben Sache sind, der psychophysische Parallelismus bei Gottfried Wilhelm Leibniz und Gustav Theodor Fechner sowie Immanuel Kants Antinomien, etwa der Gegensatz zwischen Willensfreiheit und Kausalität.
Das Wort „komplementär“ wurde ebenfalls schon vor Bohr verwendet: in der Logik für das Verhältnis einer Klasse zu ihrem Komplement, in der Wahrnehmungslehre für Komplementärfarben, in Psychologie und Psychoanalyse für voneinander abgespaltene und wechselseitig unzugängliche Bewusstseinsbereiche sowie in der Sprachwissenschaft für Gegenbegriffe. Auch Sozialpolitik, Technik und Naturwissenschaften kannten entsprechende Verwendungen.
Bedeutung in der Quantenphysik
In der Quantenphysik wird Komplementarität vor allem durch den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichtes erklärt: In einer Versuchsanordnung muss Licht als Welle, in einer anderen als Teilchen beschrieben werden, wie das Doppelspaltexperiment zeigt. Ein weiteres Beispiel sind komplementäre Messgrößen wie Ort und Impuls eines Elektrons. Nach der Heisenbergschen Unschärferelation können sie nicht gleichzeitig einen exakt definierten Wert besitzen.
Bohr verwendete den Begriff allerdings nicht völlig eindeutig. Im Mittelpunkt stand für ihn der komplementäre Charakter der quantenmechanischen Naturbeschreibung. Dieser verlangt eine neue Sicht auf das Verhältnis zwischen der Darstellung in Raum und Zeit und der Forderung nach Kausalität. Wissenschaftliche Aussagen hängen demnach von der gewählten Versuchsanordnung und den übrigen Untersuchungsbedingungen ab. Verschiedene Anordnungen können einander ausschließende Merkmale desselben Gegenstands sichtbar machen.
Bohr verallgemeinerte diese erkenntnistheoretische Einsicht auch auf wissenschaftliche Befunde etwa in Biologie und Psychologie. Die Heisenbergsche Unschärferelation war für ihn nur ein elementares Beispiel des umfassenderen Komplementaritätsprinzips. Umstritten ist, wie stark seine Wortwahl durch ältere philosophische und theologische Ideen beeinflusst wurde.
Anwendungen außerhalb der Quantenphysik
In der Biologie bezeichnet Komplementarität unter anderem das Verhältnis räumlich zueinander passender molekularer Strukturen. Ihr Zusammenwirken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip ermöglicht eine bestimmte Funktion.
In Neuropsychologie, Psychophysiologie, Psychosomatik und Komplementärmedizin dient der Begriff dazu, persönliches Erleben und neuronale Prozesse beziehungsweise „rein psychische“ und „rein körperliche“ Faktoren gemeinsam zur Erklärung von Gesundheitsstörungen und Krankheiten heranzuziehen. In der Ethnopsychiatrie nach Georges Devereux beschreibt er die gegenseitige Ergänzung und Korrektur verschiedener Methoden, die denselben Gegenstand untersuchen. Dazu gehört auch das Standortbewusstsein der Forschenden als Gegenmittel zur Verabsolutierung einzelner kultureller Aspekte.
In der Kommunikationstheorie Paul Watzlawicks sind komplementäre Beziehungen zirkuläre Kommunikationsabläufe, in denen sich zwei Verhaltensmuster gegenseitig ergänzen und bedingen, beispielsweise bei Lehrer und Schüler oder Verfolger und Verfolgtem. In der Wirtschaft können zwei Währungen innerhalb lokaler Wirtschaftskreisläufe zusammenwirken; eine solche zusätzliche Währung heißt Komplementärwährung. In der Pädagogik erklärt Jongebloed Bildung anhand des Verhältnisses von Erkenntnis und Erfahrung. Im Völkerstrafrecht bestimmt der Komplementaritätsgrundsatz das Verhältnis zwischen dem Internationalen Strafgerichtshof und den nationalen Gerichten.
Grenzen und Kritik
Kritisiert wird vor allem die breite Übertragung des quantenphysikalischen Begriffs auf andere Wissenschaften. Wenn Komplementarität nur noch ein vages „Sowohl-als-auch“ ausdrückt, liefere sie kaum mehr als eine Metapher, könne überflüssig sein oder vorhandene Widersprüche verdecken. Nicht jedes Gegensatzpaar, Dilemma und jede Dualität bildet eine komplementäre Beziehung.
Bei vielen Übertragungen fehlen zentrale Merkmale des quantenmechanischen Komplementaritätsprinzips. Häufig liegen keine physikalisch formulierten Beobachtungssätze aus experimentellen Versuchsanordnungen vor. Die Methoden sind selten genau definiert, und es bleibt ungeklärt, ob sie sich tatsächlich gegenseitig ausschließen oder nicht gleichzeitig angewendet werden können. Oft wird auch nicht bestimmt, ob die Methoden grundsätzlich verschieden sind und zu kategorial unterschiedlichen Bezugssystemen gehören.
Außerhalb der Quantenphysik handelt es sich daher vielfach nicht um streng unvereinbare, experimentell gewonnene Beobachtungssätze, sondern um Interpretationen, Methodenkombinationen, unterschiedliche Ansichten oder Wechselwirkungen. Andere Autoren schreiben dem Konzept dennoch eine heuristische und methodologisch fruchtbare Funktion zu: Es soll Beziehungen sichtbar machen und zwischen Sichtweisen vermitteln, ohne zwingend ein Problem zu lösen. Für viele Fälle werden deshalb die genaueren Ausdrücke „Komplementärverhältnis“ oder „wechselseitige Ergänzung“ empfohlen. Auch „Perspektive“, „Doppel-Perspektive“ und „Perspektivität“ gelten als weniger belastete Begriffe, weil sie nicht mit den besonderen Definitionen der Quantenmechanik verbunden sind.