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Aorist
Französisch: Futur composé | Futur simple | Imparfait | Passé composé | Passé récent | Passé simple. Griechisch: Paratatikos · Zuletzt bearbeitet vor 2 Monaten …
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Grundidee und Aspekt
Der Aorist ist in einigen indogermanischen und anderen Sprachen, etwa im Georgischen, ein Vergangenheitstempus. Er stellt einen Vorgang als einzelne, abgeschlossene und punktuelle Handlung dar: Anfang und Ende gelten als klar begrenzt. Damit trägt er den perfektiven Verbalaspekt. „Perfektiv“ bedeutet hier, dass eine Handlung als Ganzes und abgeschlossen betrachtet wird.
Anders als Präteritum beziehungsweise Imperfekt oder Perfekt kann beim Aorist die Aspektbedeutung so wichtig sein, dass die Zeitbedeutung zurücktritt. Die Bezeichnung Aorist wird allerdings nicht in allen Sprachen gleich verwendet: Im Türkischen meint sie ein Tempus, das eher dem imperfektiven Aspekt nahekommt.
Aorist und Imperfekt in indogermanischen Sprachen
In vielen indogermanischen Sprachen bilden Aorist und Imperfekt – oder entsprechende Formen des lateinischen Perfekts – ein Bedeutungspaar. Der Aorist ähnelt im Deutschen Verben wie „erblicken“, „finden“ oder „vernehmen“: Sie bezeichnen einen einmaligen, abgeschlossenen Vorgang. Das Imperfekt ähnelt dagegen „betrachten“, „suchen“ oder „zuhören“: Es beschreibt einen andauernden, wiederholten oder gewohnheitsmäßigen Vorgang.
Diese Gegenüberstellung betrifft nicht nur Zeitformen, sondern auch den Aspekt. Im Altgriechischen haben Präsens- und Aoriststamm im Konjunktiv und in der Wunschform keine Zeitbedeutung, sondern unterscheiden Aspekte. ἀκούωμεν bedeutet „wir wollen zuhören“, ἀκούσωμεν dagegen „wir wollen [es] hören (‚vernehmen‘)“.
Vermutlich drückte der Aorist in der indogermanischen Ursprache zunächst nur den Aspekt aus und verband sich schon früh mit einer Zeitbedeutung. Im Sanskrit war er ursprünglich ebenfalls Zeit- und Aspekt-Kategorie; die Unterschiede zwischen den Vergangenheitstempora wurden dort jedoch früh schwächer. Im Hindi tritt das Phänomen erneut auf.
Wichtige Bildungsweisen
Im Urindogermanischen gab es mehrere Arten, den Aorist zu bilden. Sie lassen sich besonders anhand des Altgriechischen und Sanskrits erklären. Im Lateinischen ist der Aorist mit dem Perfekt zusammengefallen, doch alte Aoristbildungen leben als Arten des Perfekts fort. Altgriechisch und Sanskrit setzen bei Vergangenheitstempora ein Augment vor die Form.
Der s-Aorist oder sigmatische Aorist enthält das Tempuszeichen -s-. Beispiele sind altgriechisch ἀκούω akouō „ich höre“ – ἤκουσα ēkousa „ich hörte“ und lateinisch dīcō „ich sage“ – dīxī (<*dic-s-i) „ich habe gesagt“.
Der thematische beziehungsweise starke Aorist wird ohne Tempuszeichen gebildet, im Sanskrit aber mit dem Themavokal a. Dabei kann quantitativer Ablaut auftreten: Im Präsens steht die Normalstufe, im Aorist die Schwundstufe. Ein Beispiel ist altgriechisch λείπω leipō „ich verlasse“ – ἔλιπον elipon „ich verließ“. Auch das Präteritum starker deutscher Verben ist ein Überrest des indogermanischen Ablauts.
Beim Wurzelaorist ist die Verbalwurzel selbst der Aoriststamm, etwa altgriechisch γιγνώσκω gignōskō „ich erkenne“ – ἔγνων egnōn „ich erkannte“ oder lateinisch videō „ich sehe“ – vīdī „ich sah“. Der reduplizierte Aorist verdoppelt die erste Stammsilbe; dies ist sonst für das Perfekt typisch. Beispiel: altgriechisch ἄγω agō „ich führe“ – ἤγαγον ēgagon.
Gebrauch im Neugriechischen und in slawischen sowie romanischen Sprachen
Im Neugriechischen unterscheiden die meisten Verben einen Präsensstamm und einen Aoriststamm. Je nach Aspekt gibt es dadurch unterschiedliche Formen für Futur, einfache Vergangenheit, Imperativ und Konjunktiv, aber nicht für das indikativische Präsens oder für mit Hilfsverb gebildete Zeiten wie Perfekt und Plusquamperfekt. Der Aorist Indikativ bezeichnet meist eine punktuelle, einmalige Vergangenheitshandlung, zum Beispiel τρέχω „ich renne“ – έτρεξα „ich rannte“.
Für Dauer, Wiederholung oder Gleichzeitigkeit steht die Vergangenheitsform des Präsensstamms, der Paratatikos: έβρισκα κάθε μέρα… bedeutet „ich fand jeden Tag…“. Auch im Konjunktiv und Imperativ unterscheidet der Aoriststamm die einmalige Handlung vom Präsensstamm für eine wiederholte oder grundsätzliche Handlung. Der sogenannte „Aorist Konjunktiv“ dient im Neugriechischen häufig als Satzbaukonstruktion der Hypotaxe und als Infinitiv-Ersatz; die Bezeichnung ist daher missverständlich. Manche häufigen Verben, etwa κάνω „machen“, haben gleiche Präsens- und Aoriststämme; είμαι „sein“, έχω „haben“ und ξέρω „wissen“ unterscheiden keine Aspekte.
Im Niedersorbischen ist der Aorist neben Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt Teil des synthetischen Präteritums. Im Bulgarischen stehen zwei Stämme für perfektiven und imperfektiven Aspekt sowie Aorist als übliche Erzählzeit und Imperfekt als Verlaufsform der Vergangenheit gegenüber. Im Serbokroatischen wird der Aorist mündlich vor allem regional, besonders im ländlichen Serbien, gebraucht; das Imperfekt ist nur schriftsprachlich erhalten.
Das spanische pretérito indefinido bezeichnet einmalige, perfektive, punktuelle Handlungen der Vergangenheit. Vergleichbare romanische Formen sind französisch passé simple, italienisch passato remoto und rumänisch perfectul simplu. Gegenüber dem pretérito imperfecto wird die passende Form anhand der Zeitbestimmung im Satz gewählt.
Besondere Verwendung im Türkischen und Quenya
Im Türkischen bezeichnet Aorist (geniş zaman, auch r-Präsens) zusammen mit dem abgeleiteten Vergangenheits-Aorist (geniş zamanın hikâyesi) Vorgänge ohne zeitliche Festlegung. Er hat eine modale Komponente und wird etwa für vorgestellte, noch nicht vollzogene Vorgänge, Höflichkeitsformen, hypothetische Aussagen und gewohnheitsmäßige Vorgänge verwendet. Beispiele sind Dikkat et, yoksa düşersin. „Pass auf, sonst fällst du.“ und Kızım sebze sever. „Meine Tochter mag Gemüse.“ Der Vergangenheits-Aorist kann eine Gewohnheit in der Vergangenheit oder einen persönlich betrachteten Vorgang unabhängig von der Zeitstufe ausdrücken: Çocukken futbol oynardım. „Als Kind pflegte ich Fußball zu spielen.“
In Tolkiens Kunstsprache Quenya bezeichnet der „Aorist“ eine zeitlich unbestimmte Handlung. Zeitpunkt und Dauer sind unwichtig, etwa weil sie sich ständig wiederholt oder einen andauernden beziehungsweise unveränderlichen Zustand beschreibt. Im Deutschen entspricht dies meist dem Präsens, zum Beispiel „Atlantis liegt im Meer“.