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Dialekte im Saarland
Ähnlich wie im Niederländischen existieren für viele Pronomina zwei Formen, eine betonte und eine unbetonte, von denen im Normalfall die unbetonte verwendet …
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Einordnung und Verbreitung
Die saarländischen Dialekte gehören zum Westmitteldeutschen und umfassen rheinfränkische sowie moselfränkische Mundarten. Umgangssprachlich heißt der jeweilige Dialekt meist „Platt“, oft mit Ortsangabe, etwa „Sankt Wendeler Platt“. Außerhalb des Saarlandes wird besonders das rheinfränkische „Saabrigga Platt“ aus Saarbrücken als saarländischer Dialekt wahrgenommen.
Die wichtigste Grenze ist die das-dat-Linie des Rheinischen Fächers. Sie verläuft von Völklingen im Südwesten über das Land nach St. Wendel/Freisen im Nordosten und trennt moselfränkisches von westpfälzischem beziehungsweise rheinfränkischem Saarländisch. Im Moselfränkischen steht zum Beispiel wat? für „was?“, im Rheinfränkischen was?. Um Lebach und Schmelz liegt entlang der Prims die „datt-watt“-Grenze. Schmelz gilt als letzte Hochburg moselfränkischer Eigenheiten in Richtung Rheinfränkisch; die Gegend wird wegen lòò („da, dort“) und hei („hier“) auch „Lohei“ genannt.
Kleinere Dialektinseln gibt es in Ensheim und Eschringen, in Kleinblittersdorf-Bliesransbach sowie in Mandelbachtal-Bliesmengen-Bolchen. Dort wurden alte Monophthonge noch nicht diphthongiert; deshalb zählen diese Mundarten zum Lothringischen. Ein alemannischer Ursprung wird zwar manchmal behauptet, trifft nach dem Artikel aber nicht zu.
Seit dem 13. Jahrhundert stand das Gebiet sprachlich vor allem unter Trierer, lothringischem und luxemburgischem Einfluss. Die frühneuhochdeutsche Diphthongierung wandelte die Langvokale î, û und iu [y] zu ei, au und eu/äu. Zwischen etwa 1350 und 1600 entstand die heutige dat/das-Linie, als der Osten stärker an den pfälzischen Raum angebunden wurde. Seit der Industrialisierung wirkte vor allem die sich ausbreitende Schriftsprache. Konfessionelle und politische Grenzen sowie die Heimläufergrenze, innerhalb derer Bergleute ihre Dörfer zu Fuß erreichen konnten, werden als Gründe für unterschiedliche Entwicklungen genannt.
Wortschatz und Ortsnamen
Der Wortschatz enthält typische regionale Formen und Unterschiede zwischen den beiden Dialektgruppen. Beispiele sind jòò für „ja“, nää beziehungsweise moselfränkisch nää, nään für „nein“, Grumbeere/Grombeere beziehungsweise Grompern für „Kartoffeln“, Gellerriewe/Gellreiwen für „Karotten“ und Freck für „Erkältung“. „Hallo, wie geht es dir?“ kann kurz Unn? beziehungsweise Onn? heißen. Für „schau mal da“ stehen etwa lu/gugg mòòl dòò oder moselfränkisch l(o)u mò lòò.
Auffällig ist holle/hole statt nemme („nehmen“): Isch holl mei Medizin bedeutet „Ich nehme meine Medizin“. „Nehmen“ bleibt oft nur mit Vorsilben erhalten, etwa abnemme oder mitnemme; im Moselfränkischen können auch diese Formen durch aafhollen und mëdhollen ersetzt sein. Ei ist ein häufiges Füllwort am Satzanfang, ähnlich englischem well. Es kann eine Antwort, eine Denkpause oder Nachdruck markieren, etwa Eijò! („Ja, gewiss!“) oder Ei nää! („Nein!“). Die Angaben zu solchen Besonderheiten sind im Artikel allerdings ausdrücklich als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.
Ortsnamen werden oft stark von der amtlichen Schreibweise abweichend gesprochen, zum Beispiel Kaschdel für Blieskastel, Neinkerje für Neunkirchen, Zweebrigge für Zweibrücken und Laùätre/Laut(e)re für Kaiserslautern. Namen auf -dorf können -troff oder -truff ergeben, etwa Altroff für Niedaltdorf; -weiler wird meist -willer oder -willa ausgesprochen. Bei Orten auf -en (dialektal -e) werden Einwohnerbezeichnungen häufig mit -a gebildet: Saarbrigge → Saarbrigga, Neinkeije → Neinkeija. Die Bildungsweise richtet sich nach der Herkunftsregion: daher etwa Dresd(e)na, Minsch(e)na, aber auch Erlanga und Brema.
Der französische Einfluss zeigt sich in Wörtern wie Plümmo aus plumeau, Troddwa/Trottuar aus trottoir, Däätz aus tête, Portmonnää aus porte-monnaie, Parapli aus parapluie und Riddong aus rideau. Auch isch hann kald („ich habe kalt“) entspricht dem französischen j’ai froid. Französische Wörter werden in Lautung und Betonung an den Dialekt angepasst.
Aussprache und Schreibweise
Eine einheitliche Aussprache gibt es nicht; Regeln können sich von Dorf zu Dorf sowie zwischen Rhein- und Moselfränkisch unterscheiden. Eine standardisierte Schriftsprache fehlt. Mundartautoren schreiben im Allgemeinen phonetisch mit angepasster deutscher Rechtschreibung. Für langes offenes o [ɔː] wird meist ò oder zur Längenmarkierung òò verwendet; moselfränkisch erscheint außerdem ë.
Kennzeichnend ist die binnendeutsche Konsonantenschwächung: Der Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten wird neutralisiert. Bei Konsonant plus r am Silbenanfang kann eine Anlautverhärtung auftreten, etwa bei Programm. Häufig werden sch [ʃ] und das weiche ch [ç] nicht unterschieden, sondern als alveolopalataler Reibelaut [ɕ] gesprochen. Deshalb können Kirche und Kirsche beide Kersch /kɛɐɕ/ heißen und sind nur aus dem Zusammenhang unterscheidbar. Die hochdeutsche Verbindung pf wird grundsätzlich zu pp: Kopp („Kopf“), Päär („Pferd“), Abbel („Apfel“). Intervokalisches b kann zu w oder [β] werden, etwa in Weiwer („Weiber“); im Moselfränkischen findet sich dies auch am Wortende. Das moselfränkische t statt s in wat? ist das Hauptmerkmal der dat/das-Linie.
Neben kurzem offenem /ɔ/ und langem geschlossenem /oː/ kennt das Saarländische langes offenes o /ɔː/, etwa klòòr oder hòòrisch. Ein nativ gesprochenes ö fehlt: schön wird scheen, Wörter wird Werda. Auch ü wird meist durch i ersetzt, zum Beispiel iwwa („über“) und Gligg („Glück“). Bei Diphthongen sind ei [ɐɪ̯] und au [ɐɵ̯] oft weiter vorn und geschlossener als im Standarddeutschen. Ein eigenständiges eu gibt es nicht; es wird regional durch ei oder au ersetzt, etwa eier/auer („euer“) und nei/nau („neu“). Viele hochdeutsche Diphthonge werden durch Einzelvokale ersetzt: kää oder kenn für „kein“, e für „ein“, laafe oder lòòfe für „laufen“ und uff/off für „auf“.
Unbetontes -en wird im Rheinfränkischen meist zu -e, etwa lache, esse, Laderne und Dillinge; dies gilt im südwestlichen Moselfränkischen im Allgemeinen nicht. -agen wird zu -aan, etwa saan, Waan und schlaan. Die Wortbetonung entspricht meist der Standardsprache, kann aber besonders bei Ortsnamen auf der ersten Silbe liegen, etwa Zwääbrigge und Neinkeije.
Grammatik und Verbformen
Ein wichtiges grammatisches Merkmal sind „neutrale Feminina“: Frauen werden bei Vornamen gewöhnlich mit dem Neutrum bezeichnet, etwa es Anna oder es Hilde; am Satzanfang kann daraus s Susanne werden. Dies wird nicht als Geringschätzung erklärt, sondern mit den neutralen Wörtern „das Mädchen“ und „das Fräulein“. Bei verheirateten Frauen mit dem Familiennamen des Mannes ist die Form feminin, zum Beispiel die Bäggasch. Ebenso bleiben gesiezte Frauen oder Frauen mit Nachnamen feminin: „Die Frau Müller hat gesahd“.
Im Präsens gibt es im Plural grundsätzlich nur eine Verbform: mir sinn, ihr/dir sinn, die sinn. Auch die erste Person Singular fällt häufig mit dem Infinitiv zusammen, etwa isch gehn oder isch hann; im rheinfränkischen Bereich heißt es isch gugge, mir gugge, ihr gugge, die gugge, im moselfränkischen Bereich ësch/eisch guckn, mir guckn, dir guckd, se guckn. Die zweite Person Singular endet meist auf -sch oder -schd, etwa du gehsch(d), du hasch(d), doo/dau guckschd.
Das Präteritum ist normalerweise ungebräuchlich. Bei hann und sinn kommt es vor allem als Hilfsform für das Plusquamperfekt vor. Häufig sind Perfektformen wie Isch hann geschdern kää Probleme gehatt und auch das „Superplusquamperfekt“ Er hott mers gesaat gehatt. Der Konjunktiv II wird meist mit duun („tun“), regional auch gehn, gebildet: isch dääd saan oder isch gäng(d) saan bedeutet „ich würde sagen“. Der Konjunktiv I fehlt faktisch. Genn kann „werden“ als Hauptverb oder im Passiv ersetzen, wird aber selten für Zukunftsformen verwendet.
Die Kasusunterscheidung ist stark reduziert. Im Dativ verändert sich das Nomen meist nicht; der Artikel unterscheidet etwa die Kinner von de Kinner. Der Akkusativ wird meist durch den Nominativ ersetzt, und der Genitiv fehlt. Besitz wird mit von oder einer Dativ-Possessiv-Konstruktion ausgedrückt: de Schwòòer vum Chef oder em Hilde sei Schwòòer.
Pronomen, Diminutive und Satzbau
Viele Pronomina haben eine unbetonte und eine betonte Form. Häufig sind etwa isch/sch für „ich“, de für unbetontes „du“, a oder moselfränkisch (e)n für „er“, se für „sie“ und s beziehungsweise moselfränkisch et für „es“. Die betonte Form die/se wird vor allem für die seltene feminine dritte Person Singular oder die Höflichkeitsanrede verwendet; für die dritte Person Plural steht gewöhnlich die. Das nicht flektierte dòò („da, hier, dort“) kann Demonstrativpronomen ersetzen: Das dòò Audo bedeutet „dieses Auto“.
Unbetonte Wörter können mit Nachbarwörtern verschmelzen; solche Verschmelzungen heißen Klitika. Hannersm gesaat? bedeutet „Habt ihr es ihm gesagt?“ und enthält eine dreifache klitische Verbindung.
Das Diminutiv, also die Verkleinerungsform, endet meist auf -je oder -sche: Wutz → Wutzje und Waan → Wäänsche. Daneben gibt es das besonders verstärkende, seltenere -elsche, etwa Wutzelsche. Anders als im Standarddeutschen hat das Diminutiv einen eigenen Plural, zum Beispiel e Bäämsch[ə] gegenüber zwää Bäämsch[ɐ]. Auch Verben können diminutivartig sein und Aussagen abschwächen, etwa rumwutzele.
Bei Hilfsverb plus Infinitiv kann im Saarländischen die Stellung von Hilfs- und Vollverb gegenüber dem Hochdeutschen wechseln: Jòò, das hättma kenne mache. heißt „Ja, das hätte man tun können.“ Häufig ist zudem haben plus Adjektiv, etwa isch hann kald („mir ist kalt“).