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Alemannische Dialekte
Die Bezeichnung der alemannischen Dialektgruppe als „Westoberdeutsch“ ist daher sinnvoller, aber wie bei den Dialekt- bzw. Mundartbezeichnungen im übrigen …
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Begriff und Einordnung
Alemannisch, auch Alemannisch-Schwäbisch oder Westoberdeutsch, bezeichnet in der germanistischen Linguistik Dialekte im Südwesten des deutschen Sprachraums, die gemeinsame Sprachmerkmale haben. Sie gehören zum Oberdeutschen und damit zum Hochdeutschen. Etwa 10 Millionen Menschen leben im traditionellen Verbreitungsgebiet; ihre Dialektkenntnisse und ihr tatsächlicher Sprachgebrauch sind jedoch sehr unterschiedlich.
Die Bezeichnung „alemannisch“ ist an den Namen der Alemannen angelehnt, darf aber nicht mit deren historischen Sprachformen gleichgesetzt werden. „Westoberdeutsch“ gilt deshalb als treffender, ist aber weniger verbreitet. Im Alltag heißen die Dialekte je nach Region oft Schweizerdeutsch, Elsässisch, Badisch, Vorarlbergisch oder Schwäbisch. Diese Staats- oder Regionalbezeichnungen sind keine einheitlichen sprachwissenschaftlichen Dialektgruppen.
Verbreitungsgebiet und Gebrauch
Zum traditionellen, autochthonen Verbreitungsgebiet gehören die südlichen zwei Drittel Baden-Württembergs, vor allem der bayerische Regierungsbezirk Schwaben, Vorarlberg sowie Teile Tirols, ganz Liechtenstein, die Deutschschweiz außer dem südbairischen Samnaun, alemannische Orte in Piemont und im Aostatal sowie vor allem das Elsass und einzelne Gemeinden des Départements Moselle in Frankreich. Im Norden grenzen fränkische Dialekte an, im Osten bairische; im Süden und Westen schließen romanische Sprachgebiete an. An vielen Rändern gibt es Übergangsdialekte, etwa im Lechrain zwischen Schwäbisch und Bairisch.
Allochthone, also durch Auswanderung entstandene Sprachinseln liegen dort, wo Deutsch nicht Amts- und Verkehrssprache ist: In Saderlach in Rumänien blieb bis Ende des 20. Jahrhunderts ein hochalemannischer Dialekt erhalten. In Indiana in den USA sprechen Old Order Amische Berndeutsch mit etwa 15.000 Sprechern und Elsässisch mit etwa 6.000 Sprechern. In Colonia Tovar in Venezuela wird Alemán Coloniero gesprochen; das Gebiet entstand durch Auswanderer aus Endingen am Kaiserstuhl, Wyhl und Forchheim im Jahr 1843.
Der Gebrauch reicht von leicht dialektgefärbter Umgangssprache bis zu Menschen, die Standarddeutsch nicht beherrschen. In der Schweiz besteht eine recht starke informelle Trennung: Schweizerdeutsch wird in bestimmten mündlichen Situationen, Schweizer Hochdeutsch vor allem als Hochsprache verwendet.
Hauptgruppen und Wandel
Die Einteilung ist schwierig, weil sich Merkmale überschneiden und es sowohl Nord-Süd- als auch West-Ost-Unterschiede gibt. Eine häufige Gliederung unterscheidet Nordalemannisch mit Niederalemannisch und Schwäbisch, Mittelalemannisch als Übergangsbereich sowie Südalemannisch mit Hoch- und Höchstalemannisch.
Oberrheinalemannisch beziehungsweise Niederalemannisch im engeren Sinn wird vor allem im Elsass und in Südbaden gesprochen und steht im Norden unter süd- und rheinfränkischem Einfluss. Schwäbisch ist vor allem in Württemberg und Bayern verbreitet und wird teils von bairischen und ostfränkischen Merkmalen beeinflusst. Bodenseealemannisch oder Mittelalemannisch liegt in kleineren Räumen um den Bodensee und darüber hinaus; die Bezeichnung ist irreführend, weil das Gebiet nicht das ganze Bodenseebecken umfasst. Es steht besonders unter Druck des Schwäbischen und Hochalemannischen.
Hochalemannisch wird besonders im Schweizer Mittelland und Jura, im südlichen Vorarlberg sowie im äußersten Süden Badens und des Elsass gesprochen. Höchstalemannisch ist vor allem in der alpinen und voralpinen südlichen Deutschschweiz und in Walserorten Österreichs beheimatet. Die Begriffe „Hoch-“ und „Höchst-“ beziehen sich auf die durchschnittlich größere Höhenlage. Dialektmerkmale verändern ihre Verbreitung: Besonders Hochalemannisch, Schwäbisch und Oberrheinalemannisch breiten sich aus, während Bodenseealemannisch eher zurückgedrängt wird.
Entstehung und Entwicklung
Seit dem 5./6. Jahrhundert besteht im späteren alemannischen Mundartgebiet überwiegend sprachliche Kontinuität. Germanische Gruppen, darunter die Alemannen, hatten im 3. Jahrhundert zwischen Rhein und Donau die römische Reichsgrenze dauerhaft überschritten. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches besiedelten und beherrschten sie weitere Gebiete; verbliebene gallo-romanische Gruppen wurden schrittweise assimiliert.
Für die Entwicklung zum Hochdeutschen war die Zweite Lautverschiebung wichtig, die im 4. Jahrhundert einsetzte und bis ins 7. Jahrhundert andauerte. Sie trennte althochdeutsche von altniederdeutschen Idiomen. Beispiele für die neuen althochdeutschen Formen sind wazzar, mahhōn, zīt und slāfan gegenüber altniederdeutsch watar, makōn, tīd und slāpan. Aus hochdeutschen Dialekten entwickelte sich das heutige Standarddeutsch, aus bestimmten altniederfränkischen Dialekten das Niederländische.
Im 8. Jahrhundert waren die Sprachräume eher von Süden nach Norden gegliedert. Die heutige kleinräumige Vielfalt und die deutlicheren Unterschiede zwischen alemannischen und bairischen Dialekten entstanden erst später durch Sprachbewegungen, Verkehrs- und Kommunikationsräume, politische und kirchliche Grenzen sowie natürliche Bedingungen. Die Grenze zwischen Schwäbisch und Bairisch am unteren Lech ist daher nicht Ausdruck verschiedener „Stämme“, sondern entstand relativ spät: Neue, aus dem Osten kommende Formen stoppten dort unter anderem wegen einer über 1000 Jahre wirksamen politischen Grenze und der Überschwemmungsgebiete des Lech.
Im 16. und frühen 17. Jahrhundert wurden alemannische Schreibformen zugunsten neuhochdeutscher Schreibformen aufgegeben. In Deutschland nahm seit dem 19. Jahrhundert der Einfluss der Standardaussprache zu; Massenmedien und Binnenmigration förderten einen fließenden Übergang zwischen Grundmundart und Umgangssprache. In der Schweiz sind Dialekte dagegen fast die ausschließliche Umgangssprache und stehen der vor allem schriftlich verwendeten Standardsprache deutlich gegenüber; dies wird als mediale Diglossie bezeichnet.
Merkmale und Grenzen
Dialektgrenzen sind keine festen natürlichen Linien. Die Sprachwissenschaft nutzt Isoglossen, also Linien der Verbreitung einzelner Merkmale. Mehrere Isoglossen ergeben meist breite Übergangszonen. Begriffe wie „alemannisch“, „fränkisch“ und „bairisch“ können fälschlich eine direkte Kontinuität zwischen heutigen Dialekten und historischen Bevölkerungsgruppen nahelegen. Historisch gewachsene politische oder konfessionelle Grenzen können jedoch zu schmalen Dialektgrenzen führen.
Ein äußeres Merkmal gegenüber Nachbarmundarten sind unterschiedliche Lautentwicklungen: Mittelhochdeutsch guot entspricht schwäbisch guat und oberrheinalemannisch guet, während südfränkisch gut lautet. Bei hūs stehen schwäbisch Hous, oberrheinalemannisch Huus und südfränkisch Haus. Im Schwäbischen kann wortanfängliches Standarddeutsch T zu D werden, etwa Tag – Daag und täte – däät. Gegenüber dem Bairischen unterscheiden sich unter anderem die Formen für „euch“ und „dir“: schwäbisch uich und dior, bairisch enk und dir.
Innerhalb des Gebiets zeigen sich weitere Unterschiede: Zu „Haus“ stehen schwäbisch Hous und niederalemannisch Huus/Hüüs, zu „Zeit“ schwäbisch Zeit und niederalemannisch Ziit. Hochalemannisch hat beispielsweise Chind statt Kind. Der deutlichste Unterschied zwischen Nieder- und Hochalemannisch betrifft -ch- nach e, i, ä, ö, ü und Konsonanten: Niederalemannisch und Schwäbisch sprechen es wie in standarddeutsch „Becher“ [ç], Hochalemannisch wie in „Bach“ [x].
Das Diminutiv, die Verkleinerungsform, ist häufig: Im Norden und Osten stehen -le im Singular und -la im Plural, etwa Heisle/Heisla und Kendle/Kendla; im Süden steht -li, etwa Hüüsli und Chindli. Vorarlberger hochalemannische Dialekte haben im Unterschied zu Schweizer Dialekten keine Verschiebung von /k/ zu /ch/ und verwenden -le statt -li. Als Höflichkeitsform wird im Hoch- und Höchstalemannischen und im alten Schwäbisch oft die 2. Person Plural „Ihr“ gebraucht.
Dialekt oder Sprache?
Wie gut Alemannisch für Sprecher anderer Dialekte oder des Standarddeutschen verständlich ist, hängt stark von der jeweiligen Varietät sowie von Alter, Wohnort, Bildung und persönlicher Erfahrung ab. Im Dialektkontinuum gehen Varietäten ohne scharfe Grenze ineinander über. Gegenüber weiter entfernten Dialektgebieten kann Alemannisch nach dem Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit wie eine andere Sprache wirken.
Überwiegend gilt Alemannisch dennoch als regionale Varietät des oberdeutschen Sprachraums und nicht als eigenständige Sprache. Entscheidend ist, dass es meist keine gemeinsame Ausbausprache besitzt: Eine Ausbausprache ist eine ausgebaute Standardsprache für überregionelle und schriftliche Verwendung. Sprecher in Südwestdeutschland und der Deutschschweiz verwenden Standarddeutsch als Dachsprache, also als übergeordnete Schriftsprache. Die schweizerdeutschen Varietäten gelten gegenüber Standarddeutsch nicht als Abstandsprache im Sinn Heinz Kloss’, obwohl etwa Walliserdeutsch einen Abstand aufweist, der in anderen Fachgebieten teils als ausreichend für eine Abstandsprache angesehen würde.
In der Schweiz entwickeln sich die Dialekte langsam zu Kulturdialekten. Das Elsässische besitzt in Frankreich den Status einer Regionalsprache; mit Orthal besteht seit 2003 ein Versuch, elsässische Dialekte zu standardisieren und damit eine Ausbausprache zu entwickeln.