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Sprachwandel
Sprachwandel bezeichnet die Veränderung oder Entwicklung einer Sprache und wird in der historischen Linguistik und der Soziolinguistik erforscht.
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Begriff und grundlegende Perspektiven
Sprachwandel bezeichnet die Veränderung oder Entwicklung einer Sprache. Er wird vor allem in der historischen Linguistik und der Soziolinguistik untersucht. Zu den wesentlichen Triebkräften zählen Zweckmäßigkeit, Evolution, Analogie, Entlehnung und Lautgesetz.
Aus strukturalistischer Sicht beschreibt Sprachwandel entweder die Geschichte eines sprachlichen Elements innerhalb einer synchronen Sprachstufe (Diachronie) oder das Verhältnis zweier synchroner Sprachstufen zueinander. Eine synchrone Sprachstufe ist dabei ein zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachteter Sprachzustand.
Die quantitative Linguistik untersucht insbesondere den zeitlichen Verlauf von Sprachwandelprozessen, etwa mithilfe eines Sprachwandelgesetzes oder des Piotrowski-Gesetzes. Außerdem fragt sie danach, wie verschiedene Einflussfaktoren Sprachwandel auslösen und steuern. Dafür wird unter anderem die linguistische Synergetik beziehungsweise Köhlers Regelkreis verwendet.
Triebkräfte und Fachsprache
Peter von Polenz unterscheidet vier wichtige Faktoren:
- Sprachökonomie: Sprecher oder Schreiber verwenden aus Gründen der Zeitersparnis und Bequemlichkeit eine reduzierte Sprache. In der neueren Literatur wird Ökonomie allerdings auch als Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Analyse verstanden: Entscheidend ist, wie man sich ausdrücken muss, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
- Innovation: Das gewohnte sprachliche Inventar reicht für kreative oder nonkonformistische Tätigkeiten nicht aus und wird daher erweitert oder verändert.
- Variation: Sprachbenutzer wählen je nach kommunikativen Bedingungen und Zwecken unterschiedliche sprachliche Mittel.
- Soziokulturelle Evolution: Gesellschaftliche Kräfte beeinflussen den Sprachgebrauch und bewirken dadurch Sprachwandel.
Ein Sonderfall ist die Fachsprache. Fachwörter werden im Lauf der Zeit teilweise neu normiert. Im Handwerk heißt es heute beispielsweise Schraubendreher statt Schraubenzieher. Fachsprachen können einerseits sehr konservativ sein; Fachbegriffe aus Seefahrt oder Handwerk gehen teilweise noch auf Mittelniederdeutsch oder Mittelhochdeutsch zurück. Andererseits müssen sie häufig schnell neue Begriffe für Gegenstände, Verfahren und Phänomene bilden, die erst seit kurzer Zeit bekannt sind. Da Sprache auch Realität abbildet, können Veränderungen der Realität Veränderungen der Sprache erforderlich machen.
Sprachorganismus und unsichtbare Hand
Hermann Paul erklärte Sprachwandel mit dem Konzept des sprachlichen beziehungsweise psychischen Organismus. Damit bezeichnete er eine sich ständig verändernde Gesamtheit unbewusster Assoziationsverhältnisse zwischen verschiedenen Vorstellungsgruppen. Vorstellungen umfassen unter anderem die Verbindung und Gruppierung von Klängen, syntaktischen Mustern und motorischen Bewegungsmustern des Sprechens sowie die damit verbundenen Gefühle und Strebungen.
Nach Paul entstehen historische Veränderungen nicht dadurch, dass ein früher geäußertes Wort unmittelbar ein späteres Wort verursacht. Einzelne Äußerungen vergehen als physische Vorgänge. Entscheidend sind vielmehr unbewusste, zweckgerichtete und spontane kognitive Prozesse der einzelnen Sprecher. Ihre Sprechtätigkeit wirkt über physische Äußerungen auf andere individuelle Sprachorganismen ein. Die Äußerungen selbst stehen jedoch nicht in einem kausalen Zusammenhang.
Der individuelle Sprachorganismus verändert sich durch Sprechen, Hören und Denken ständig. Ältere Sprachnormen können erhalten bleiben, setzen aber durch spontane Triebe zukünftige Veränderungen voraus, wenn diese zweckmäßig sind und sich systematisch durchsetzen. Die „grössere oder geringere Zweckmäßigkeit der entstandenen Gebilde“ bestimmt nach Paul deren Erhaltung oder Untergang. Stase bedeutet dabei nicht einen negativen Vorgang, sondern das Nichteintreten modifizierender Vorgänge; eine Neuerung muss also nicht sofort eine bestehende Form verdrängen. Pauls Überlegungen weisen teilweise Ähnlichkeiten mit der kognitiven Linguistik und mit Rudi Kellers Sprachwandeltheorie auf.
Rudi Keller beschreibt Sprachwandel als Wirkung einer „unsichtbaren Hand“. Er ist weder ein Naturphänomen noch ein bewusst geschaffenes Artefakt, sondern eine ungeplante Struktur, die aus vielen Einzelhandlungen entsteht. Sprecher verfolgen unterschiedliche Ziele und handeln dabei nach Maximen, unter anderem der Verständlichkeitsmaxime, Auffälligkeitsmaxime, Anpassungsmaxime, Höflichkeitsmaxime und Ökonomiemaxime. Unkoordiniertes Verhalten kann so zu einer koordinierten Struktur, einer Quasi-Koordination, führen.
Keller bezeichnet Sprache und Sprachwandel als Phänomene der dritten Art: Sie sind weder vom Menschen als Artefakt gemacht noch Naturphänomene, sondern kausale Konsequenzen vieler intentionaler Handlungen auf der Mikroebene, die auf der Makroebene eine neue Ordnung hervorbringen. Beim Bedeutungswandel verändern sich die Gebrauchsregeln eines Wortes. Nach Ludwig Wittgenstein besteht die Bedeutung eines Wortes in seinem regelhaften Gebrauch innerhalb eines Sprachsystems. Ein zunächst gelegentlich verwendeter Sinn kann durch häufige Wiederholung zu einem etablierten Sinn werden. Morphologischer Wandel entsteht in der Regel durch Regelverletzungen, Bedeutungswandel als Sinnspezifizierung dagegen durch regelkonforme Spezialverwendung.
Weitere Modelle des Sprachwandels
Das Präferenzmodell nimmt an, dass Sprachwandel aus dem Sprachsystem teilweise vorhersehbar ist. Besonders merkmalhafte Elemente, also insbesondere Unregelmäßigkeiten, werden tendenziell abgebaut. Neue Unregelmäßigkeiten entstehen meist als Nebenprodukt von Regularisierungen in anderen Bereichen.
Das Grammatikalisierungsmodell versteht Sprachwandel als grundsätzlich gerichtet. In der Regel entwickeln sich Lexeme, also selbstständige Wörter mit einer konkreten oder lexikalischen Bedeutung, zu grammatischen Elementen. Die umgekehrte Entwicklung von Grammemen zu Lexemen ist selten oder sogar auszuschließen.
Nach dem soziolinguistischen Modell hängt Sprachwandel von sozialen Faktoren ab. Formen und Strukturen mit höherem Prestige, also höherem gesellschaftlichem Ansehen, setzen sich im Sprachwandel eher durch.
Das Funktionsmodell beziehungsweise Köhlers Regelkreis gehört zur linguistischen Synergetik. Es beschreibt mathematisch, wie Bedürfnisse von Sprechern und Hörern auf die Gestaltung der Sprache wirken. Das Modell ist für zahlreiche Bedürfnisse offen. Neben dem Bedürfnis nach Ökonomie kann beispielsweise ein Bedürfnis nach Spezifikation wirken, wenn Begriffe möglichst präzise definiert werden sollen.
Sprachdynamik und Synchronisierung
Jürgen Erich Schmidt und Joachim Herrgen unterscheiden in ihrer 2011 erschienenen Sprachdynamiktheorie drei Ebenen sprachlicher Synchronisierung: Mikro-, Meso- und Makrosynchronisierung. Synchronisierung ist dabei ein Gegenbegriff zur linguistischen Synchronie. Während Synchronie einen statischen Sprachzustand beschreibt, soll Synchronisierung die zeitliche Dimension sprachlicher Interaktion erfassen.
Synchronisierung bedeutet den Abgleich von Kompetenzdifferenzen im Performanzakt, also während der konkreten Sprachverwendung. Dadurch kann sich das individuelle sprachliche Verhalten und Wissen in einer Kommunikationssituation verändern oder stabilisieren.
- Mikrosynchronisierung ist die punktuelle, in der Einzelinteraktion begründete Modifizierung und zugleich Stabilisierung des individuellen sprachlichen Wissens.
- Mesosynchronisierungen sind systematisch auftretende Folgen gleichgerichteter Synchronisierungsakte über längere Zeiträume innerhalb bestimmter Gruppen, etwa in Peergroups oder im Ehe- und Familienleben.
- Makrosynchronisierungen sind Angleichungsprozesse über sehr lange Zeiträume, durch die sich Mitglieder an einer gemeinsamen Norm ausrichten. Persönlicher Kontakt zwischen ihnen ist nicht erforderlich.
Beispiele für Makrosynchronisierung sind die Orientierung von Millionen Sprechern an der Lutherbibel über Jahrhunderte hinweg sowie die jahrzehntelange Orientierung an Wörterbüchern wie der Duden-Orthografie. Auch die institutionell vorgegebene präskriptive Normierung der Schriftsprache gehört dazu. Sprachwandel entsteht in diesem Modell durch zeitlich verzögerte positive oder negative Rückkopplungseffekte, die das individuelle Sprachverhalten modifizieren oder stabilisieren.
Messung und Erscheinungsformen im Deutschen
Der Grad lexikalischer Veränderung, also der Veränderung des Wortschatzes und der Wortverwendung, lässt sich quantifizieren. In der englischen Sprache verschob sich die Verwendung in einem untersuchten Bereich von häufigeren Wörtern, beispielsweise Haus, zu selteneren Wörtern, beispielsweise Gebäude. Diese Verschiebung blieb jedoch marginal: In Stichproben englischer und amerikanischer Zeitungen verringerte sich die relative Häufigkeit von Wörtern innerhalb von mehr als 300 Jahren nur um etwa drei Einheiten in einem möglichen theoretischen Bereich von 208 Einheiten. Das entspricht etwa 1 bis 2 %.
Im Neuhochdeutschen zeigt sich Sprachwandel zu einem großen Teil im Ausbau des Wortschatzes durch Entlehnungen aus anderen Sprachen. Dazu gehören Lehnwörter, Pseudoentlehnungen und Fremdwörter. Bedeutende sprachliche Einflüsse stammen vor allem aus dem Englischen, Lateinischen, Französischen und Griechischen. Außerdem weist das Deutsche Entlehnungen aus dem Italienischen, Spanischen und Portugiesischen sowie Prägungen aus dem Arabischen und aus slawischen Sprachen auf. Arabische Einflüsse finden sich unter anderem in den Bereichen Handel, Medizin, Botanik, Mathematik, Chemie und Astronomie.
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