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Deutsches Volkslied
Das deutsche Volkslied ist ein Volkslied, das durch textliche und musikalische Traditionen im deutschsprachigen Raum gekennzeichnet ist.
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Begriff und Bedeutung
Das deutsche Volkslied ist durch textliche und musikalische Traditionen im deutschsprachigen Raum gekennzeichnet. Seine Hochphase lag in der Zeit seit Johann Gottfried Herder und in der deutschen Romantik. Historische Volkslieder werden oft mit einer idealisierten ländlichen Kultur und Heimatverbundenheit verbunden. Dieses Bild greift jedoch zu kurz: Zum Bestand gehören sowohl mündlich überlieferte Lieder unbekannter Herkunft als auch Werke namentlich bekannter Dichter und Komponisten.
Entscheidend ist daher weniger, wer ein Lied ursprünglich geschaffen hat, sondern was mit ihm im Volk geschieht. Menschen übernehmen es, singen es weiter und verändern dabei Text und Melodie. Diese Entwicklung von Varianten heißt „Zersingen“. Der Volksliedforscher John Meier widerlegte 1906 wissenschaftlich die romantische Vorstellung, Volkslieder entstünden grundsätzlich anonym und gemeinschaftlich.
Nach der ideologischen Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus verloren romantisierende und nationalistische Deutungen an Bedeutung. Heute können auch neuere Formen der Populärmusik zum deutschen Volkslied gezählt werden. Das Volkslied ist dabei von der volkstümlichen Musik abzugrenzen.
Ursprünge und Herders Volksliedidee
Die frühesten bekannten Quellen des deutschsprachigen Liedes stammen aus dem 12. Jahrhundert, der Zeit der Minnesänger und Meistersinger. Neben deren Kunstliedern verbreiteten Bänkelsänger volkstümliche Lieder und Moritaten, also erzählende Lieder über außergewöhnliche, häufig grausame Ereignisse. Seit der Reformationszeit wurden Lieder in Handschriften und gedruckten Sammlungen festgehalten, etwa im Lochamer-Liederbuch um 1460, im Glogauer Liederbuch und in Georg Forsters Frischen teutschen Liedlein von 1536 bis 1556.
Im 17. Jahrhundert nahm das Interesse am Volkslied ab. Als Gründe nennt der Artikel die stärkere Trennung zwischen gebildeter Schicht und Volk seit der Renaissance sowie den Erfolg mehrstimmiger französischer und italienischer Formen wie Chanson, Madrigal und Villanelle.
Im Sturm und Drang und in der anschließenden Romantik entstand als Gegenbewegung zur Rationalität der Aufklärung eine Suche nach dem vermeintlich Einfachen, Naturnahen, Ursprünglichen und Unverfälschten. Johann Gottfried Herder prägte für die deutsche Sprache die Bezeichnung „Volkslied“ als Übersetzung von „popular song“. Damit wertete er die zuvor etwa als Gassenhauer oder Straßenlied bezeichnete Gattung und das „einfache“ Volk als deren Träger auf. Für ihn offenbarte sich im Volkslied das Wesen eines Volkes.
Herder veröffentlichte 1771 Von deutscher Art und Kunst und 1778/79 unter Mitwirkung Johann Wolfgang von Goethes und Gotthold Ephraim Lessings die Sammlung Volkslieder. Obwohl viele Texte bekannte Verfasser hatten, wurden keine Autoren genannt, weil die Lieder als unverfälschte Äußerungen der „Volksseele“ erscheinen sollten. Herder wollte Lieder verschiedener Völker mit Sprache, Erklärung und Musik sammeln, um ihre Denkart, Sitten, Sprache, Wissenschaft, Tänze, Musik und Glaubensvorstellungen kennenzulernen. Sein Ansatz war damit auch völkerverbindend.
1807 erschien nach Herders Tod Stimmen der Völker in Liedern. Es folgten bedeutende reine Textsammlungen wie Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano, 1808, und Ludwig Uhlands Alte hoch und niederdeutsche Volkslieder von 1844/45. Eine stärker wissenschaftliche Erforschung setzte erst um die Wende zum 20. Jahrhundert ein.
Volkslied in der Romantik
Die romantische Vorstellung eines ursprünglichen ländlichen Volksliedes entstand aus dem Blick gebildeter, sozial höherer Kreise auf ein vermeintliches bäuerliches Idyll. Tatsächlich veränderte sich mit Kapitalismus, Industrialisierung und wachsendem Stadtleben auch das, was die Menschen sangen. Urbane Lieder passten jedoch nicht zum bevorzugten romantischen Bild.
Viele später als Volkslieder geltende Stücke entstanden in Zusammenarbeit bekannter Dichter und Komponisten. Beispiele sind Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius und Johann Abraham Peter Schulz sowie Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, auch Die Lorelei genannt, von Heinrich Heine und Friedrich Silcher. Franz Schuberts Kunstlied Der Lindenbaum nach einem Text Wilhelm Müllers von 1821 wurde mit Silchers einfacherer Melodie als Am Brunnen vor dem Tore zu einem international bekannten Volkslied.
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts schufen gebildete bürgerliche Kreise zunehmend Lieder, die auch Laien singen konnten. Die von Christian Gottfried Krause gegründete Berliner Liederschule vertrat das Ideal des „Lieds im Volkston“: Die Melodie sollte schlicht sein, die Begleitung sich ihr vollständig unterordnen. Kunstmusik und Volksmusik bildeten dabei keinen unüberwindbaren Gegensatz.
Der gesamte Liedbestand ist eine Mischung. Zu ihm gehören Werke bekannter Verfasser, regionale Überlieferungen und ältere Stücke wie Innsbruck, ich muss dich lassen nach Heinrich Isaac aus dem 16. Jahrhundert, Es geht ein’ dunkle Wolk herein aus einer Handschrift des Klosters Seeon aus dem 17. Jahrhundert und Und in dem Schneegebirge aus dem Glatzer Bergland und Schlesien. Die Herkunft vieler Kinderspiellieder, darunter Goldene Brücke, Wer will fleißige Handwerker seh’n und Alle meine Entchen, ist dagegen ungeklärt. Das Volk wirkt bei allen diesen Formen als aktive Kraft der Tradierung, Pflege und Veränderung mit.
Industrialisierung, Jugendbewegung und Nationalsozialismus
Mit dem gesellschaftlichen Wandel der ab 1850 einsetzenden industriellen Revolution gingen Pflege und Weitergabe des Volksliedes zunächst zurück. Wissenschaftlich ausgerichtete, nun auch Melodien notierende Sammlungen sollten das gefährdete Liedgut bewahren. Dazu gehörten Ludwig Erks und Franz Magnus Böhmes Deutscher Liederhort in drei Bänden von 1893 bis 1894 sowie Louis Pincks Verklingende Weisen in vier Bänden von 1926 bis 1940; ein fünfter Band erschien 1963. Unterhaltungssammlungen bearbeiteten das Material dagegen mitunter stark. Andreas Kretzschmer und Anton Wilhelm von Zuccalmaglio änderten in Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen von 1838/1841 Texte und Melodien oder verbanden mehrere Lieder. Kein schöner Land entstand so nach Ade, mein Schatz, ich muß nun fort und Ich kann und mag nicht fröhlich sein.
Seit dem 19. Jahrhundert erweiterten Arbeiterlieder, Studentenlieder und patriotische Gesänge das Repertoire. Die Internationale von Eugène Pottier und Pierre Degeyter wurde im 19. Jahrhundert zum Lied der Arbeiterbewegung in aller Welt. John Meier gründete 1914 in Freiburg das Deutsche Volksliedarchiv als zentrale Sammelstelle zur Pflege und Dokumentation des deutschsprachigen Volksliedes.
Vereine und besonders die Wandervogel-Bewegung förderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Wiederbelebung. Ihre Musikpraxis griff allerdings meist romantisch und nostalgisch auf bereits in Liederbüchern gesammeltes Material zurück. Hans Breuers erstmals 1909 veröffentlichtes Wandervogel-Liederbuch Der Zupfgeigenhansl erreichte bis 1933 weit über eine Million Exemplare. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten Fritz Jöde und Walther Hensel neue Singbewegungen. Jugendliche sollten durch gemeinsames Singen zusammenfinden; eigenes Musizieren galt als wichtiger als bloßes Zuhören, und Deutschland beziehungsweise die deutschsprachigen Länder sollten wieder zu einem „singenden Land“ werden.
1933 wurden diese Bewegungen in nationalsozialistische Organisationen gleichgeschaltet. Einige führende Personen wie Jöde, Hensel und der Verleger Günther Wolff wurden verfolgt, während andere ihre Ziele nun auf breiter Ebene verwirklichen wollten. Liederbücher erhielten teilweise eine deutlich militaristische Ausrichtung. Die vage formulierten Ideale der Jugendmusikbewegung ließen sich für die Hitlerjugend vereinnahmen. Diese zwölfjährige politische Instrumentalisierung trug wesentlich dazu bei, dass gemeinsames Singen und besonders das deutsche Volkslied nach 1945 bei manchen Menschen auf Vorbehalte stießen.
Entwicklung seit 1945
Nach 1945 bevorzugten Musikpädagogen zunächst ausländische Volkslieder, weil das deutsche Volkslied durch den Nationalsozialismus ideologisch belastet war. Im privaten Familien- und Freundeskreis wurde das Liedgut des 19. Jahrhunderts dennoch weiter gepflegt. Auch Jugendverbände wie der Bund der Deutschen Katholischen Jugend sangen bei Ortsgruppentreffen und Zeltlagern noch lange Volkslieder, während der Rundfunk der Bundesrepublik ihnen meist wenig Raum gab.
Seit den 1960er Jahren gewann unter dem Einfluss der Protestbewegung die angloamerikanische Folksongbewegung an Bedeutung. Lieder von Bob Dylan, Pete Seeger oder Joan Baez wurden teilweise mit neuen deutschen Strophen und Texten versehen. Diese Bewegung beruhte sowohl auf amerikanischer Volksmusik und der Bürgerrechtsbewegung als auch auf Grundlagen der deutschen Jugendmusikbewegung. Zugleich wurden Lieder der deutschen Arbeiterbewegung neu entdeckt. Zu den deutschen Vertretern gehörten die Gruppen Zupfgeigenhansel und Hein & Oss sowie die Liedermacher Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und Peter Rohland. Rohland trug auch demokratische deutsche Lieder aus Wolfgang Steinitz’ zweibändiger Sammlung Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten vor.
Die Folksongbewegung und die Übernahme europäischer Lieder verbreiterten die Volksliedkultur. Die 1949 von Josef Gregor in Essen gegründete Klingende Brücke vermittelt bis heute Melodien, Texte in den Originalsprachen und kulturelle Hintergründe europäischer Volkslieder. Spätere Formen der Bearbeitung waren Alpenrock sowie die seit den 1990er Jahren auch in Deutschland verbreitete Neofolk-Bewegung. Neofolk verwendet häufig akustische Instrumente und historische Texte und weist Berührungspunkte mit Mittelalter-Rock auf. Bei einigen Bands bestehen laut Artikel Nähen zur Neuen Rechten und zum Rechtsextremismus; der entsprechende Teil des Artikels ist allerdings als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.
Heute verschwinden Volkslieder zunehmend aus dem kulturellen Gedächtnis. Sie werden nur noch selten gesungen, ausgenommen besondere Anlässe wie private oder Vereinsjubiläen und musikalische Unterhaltung in Altersheimen. Nur ein geringer Teil der Bevölkerung kennt die Texte. Das zeigt den Bedeutungsverlust des Volksliedsingens im Alltag und in der Schule. Die Überlieferung ist jedoch durch zahlreiche Liedsammlungen vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart dokumentiert; wichtige Beispiele sind Des Knaben Wunderhorn von 1806/1808, Deutscher Liederhort von 1893/1894, Der Zupfgeigenhansl von 1909 sowie Wolfgang Steinitz’ Sammlung von 1953 und 1956.