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Volkstümliche Musik
Volkstümliche Musik bezeichnet allgemein den Bereich der populären Musik und Unterhaltungsmusik, der stark mit Anleihen aus der Volksmusik arbeitet und …
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Begriff und Abgrenzung
Volkstümliche Musik ist ein Bereich der populären Musik und Unterhaltungsmusik. Sie arbeitet stark mit Anleihen aus der Volksmusik und wird kommerziell auch unter diesem Begriff angeboten. Wichtig ist die Unterscheidung zur überlieferten Volksmusik: Volkstümliche Musik stammt meist von namentlich bekannten Musikerinnen und Musikern, wird unter modernen Produktionsbedingungen hergestellt und gezielt vermarktet.
Typisch sind rührselige, fröhliche und heimatbezogene Themen. Häufig besingt die Musik auch das Musizieren selbst oder die Volksmusik. Im Unterschied dazu enthält tradierte Volksmusik auch traurige, zornige, politische oder obszöne Lieder. Volkstümliche Musik verwendet neue Lieder ohne geschichtlichen Hintergrund, akustische Effekte, Vollplayback, Studiomusiker sowie synthetische Rhythmusloops oder Keyboardeffekte. Gerade weil Teile des Publikums diese Produktionsweise nicht immer erkennen, kam es zu Kontroversen.
Unkundige verwechseln besonders den volkstümlichen Schlager oft mit überlieferter Volksmusik. Bei Liebhabern der tradierten Volksmusik gab und gibt es deshalb, besonders im süddeutschen Raum, eine Abwehrhaltung: Sie befürchten Vermischungen und Missverständnisse darüber, was tatsächliche Volksmusik ist. Davon zu unterscheiden ist außerdem die Neue Volksmusik, bei der Elemente der Volksmusik in neue Kontexte gesetzt und mit Jazz, Folk, Hip-Hop, Rock und anderen Stilen verbunden werden.
Formen und Merkmale
Die wichtigste Sparte der volkstümlichen Musik ist der volkstümliche Schlager. Er nutzt viele Instrumente und Stilelemente des Schlagers; die Grenzen zum Schlager sind fließend. Im Vordergrund stehen heimatlich geprägte Themen und Stimmungen, die romantisch-sehnsüchtig oder ausgelassen fröhlich sein können. Manche Interpretinnen und Interpreten bewegen sich in beiden Bereichen.
Volkstümliche Musik umfasst mehrere Formen: Blasmusik mit oder ohne Gesang, beschwingt vorgetragene Volkslieder, alpenländische Musik, Ländlermotive in der Schweiz und volkstümlich interpretierte Schlager. Stilprägend war der „Oberkrainersound“. Auch regionale Ausprägungen aus deutschen Landschaften werden genannt, etwa aus dem Vogtland, Norddeutschland, dem Niederrhein oder dem Schwarzwald. In einer weiten Auslegung können auch norddeutsche Shanties und Seemannslieder dazugehören.
Während der volkstümliche Schlager zunehmend elektronische Klangerzeugung nutzt, beruhen andere Sparten fast ausschließlich auf akustischen Instrumenten. Dazu gehören handgemachte und geblasene Musik mit traditionellen Instrumenten. Man unterscheidet außerdem vokale, also gesungene, und rein instrumentale Titel. Typische Instrumente sind Gitarre und Laute, Ziehharmonika, Trompete, Klarinette, Posaune, Geigen sowie regional Zither oder Mandoline.
Entwicklung seit den 1960er Jahren
Volkstümliche Musik war bereits seit den frühen 1960er Jahren populär. Sie verbindet Elemente echter, bodenständiger Folklore mit anderen Gattungen der Unterhaltungsmusik. Dabei haben viele Formen der leichten Musik Spuren hinterlassen, vom Swing bis zu südeuropäischen Einflüssen. Im Vordergrund stehen vertraute, heimatliche Klänge im 4/4-Takt oder im Walzertakt.
Der volkstümliche Schlager entwickelte sich langsam seit Mitte der 1970er Jahre und trat erst später als eigenständige Musikrichtung hervor. Schon Ende der 1970er Jahre waren volkstümliche Unterhaltungssendungen im deutschen Fernsehen erfolgreich, etwa „Lustige Musikanten“, „Lieder, die von Herzen kommen“, „Die Musik kommt“, „Zum Blauen Bock“ oder „Im Krug zum grünen Kranze“. Opernsänger sangen dort Volkslieder und beliebte Operettentitel; erfolgreiche Künstler wie Heino bildeten eine Brücke zum Schlager.
Mit dem Start des „Musikantenstadl“ im Jahr 1981 begann eine weitere erfolgreiche Phase volkstümlicher Fernsehunterhaltung. Die Sendung setzte zunächst auf bewährte Klänge, wurde aber später eine Bühne für viele Musikrichtungen, darunter Big Bands, Schlagersänger, Sambagruppen, Country-Musiker und Vertreter des volkstümlichen Genres. Dieser Mix öffnete die volkstümliche Musik für neue Einflüsse.
Seit den späten 1980er Jahren und besonders in den 1990er Jahren erlebte die volkstümliche Musik einen starken Boom. Der Grand Prix der Volksmusik, der von 1986 bis 2010 jährlich zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgetragen wurde, trug zum Erfolg bei; ab 2000 nahm auch Südtirol teil. Nach dem Sieg des Original Naabtal Duos 1988 mit „Patrona Bavariae“ gewann der volkstümliche Schlager besonders großen Zulauf. Um 2006 nutzten sowohl deutscher Schlager als auch volkstümlicher Schlager stark elektronische Klangerzeugung. 2006 nahm Maria Hellwig im Alter von 86 Jahren mit ihrer 65-jährigen Tochter Margot Hellwig an der deutschen Vorausscheidung des Grand Prix teil.
Medien und Markt
Volkstümliche Unterhaltungssendungen waren schon in den 1970er- und 1980er-Jahren im Fernsehen populär. Zu Beginn der 1990er-Jahre setzte eine Erfolgswelle ein, die vom „Musikantenstadl“ ausging und zu vielen volkstümlichen Musiksendungen führte.
Auch kommerzielle Sender wie RTL und Sat.1 zeigten wöchentliche volkstümliche Sendungen, zum Beispiel „Zum Stanglwirt“. Moderiert wurden solche Formate unter anderem von Maria und Margot Hellwig oder Marianne und Michael. Ende der 1990er Jahre nahmen Privatsender diese Shows wieder aus dem Programm, weil sie sich stärker auf ein jugendliches Publikum ausrichteten.
Öffentlich-rechtliche Sender behielten viele volkstümliche und Schlager-Formate bei. Genannt werden unter anderem „Feste der Volksmusik“, „Willkommen bei Carmen Nebel“, „Musikantenstadl“, „Immer wieder sonntags“, „Musikantendampfer“, „Grand Prix der Volksmusik“, „Wenn die Musi spielt“ und „Krone der Volksmusik“. Auch in den dritten Programmen der ARD gab es zahlreiche Formate; einige wurden später eingestellt oder ersetzt.
Daneben entstanden eigene Fernseh-Spartenkanäle für Schlager und volkstümliche Musik, etwa Gute Laune TV, Goldstar TV und ab Anfang 2007 Volksmusik TV. Im Hörfunk spielt volkstümliche Musik ebenfalls eine wichtige Rolle, unter anderem in Schlagersendern der ARD, in der Schweiz bei Radio SRF Musikwelle und Radio Eviva, in Österreich in Landesprogrammen von Ö2 des ORF sowie in mehreren Webradios.
Der Markt für volkstümliche Musik zählt zu den größten Musikmärkten des deutschsprachigen Raums. Der Artikel beschreibt ihn als Beispiel für zielorientiertes Marketing mit hohem Gewinnpotenzial. Als Vorteil für die Musikindustrie wird außerdem genannt, dass die ältere Zielgruppe, besonders Senioren, ein geringeres Potenzial an Schwarzkopierern habe.
Kritik und Ausblick
In den letzten Jahren verschmelzen volkstümlicher und klassischer, also „deutscher“, Schlager immer stärker. Auch die Arrangements nähern sich an, beide Genres übernehmen Elemente voneinander. Gleichzeitig entwickeln sich blasmusikbetonte und alpenländische Musik, die bis in die 1980er Jahre dominierten, als eigene Sparten weiter. Sie werden weiterhin unter dem Begriff Volkstümliche Musik geführt und beeinflussen ihrerseits die volkstümliche Schlagermusik.
Der Artikel erklärt diese Entwicklung auch mit einem Generationswechsel im Publikum. Die Hörer der Volksmusikwelle in den 1990er Jahren gehörten eher der älteren Generation an; heutige Rezipienten gehören vielfach einer anderen Generation an und interessieren sich nicht mehr ausschließlich für Volksmusik. Deshalb akzeptieren sie eher Elemente aus benachbarten Musikgenres.
Kritisch wird gesehen, dass volkstümliche Musik aus kommerziellen Gründen oft vereinfacht als „Volksmusik“ bezeichnet wird, obwohl diese Bezeichnung sachlich falsch ist. Volkstümliche Musik baut zwar auf dem Konzept der Volksmusik auf, verändert es aber musikalisch und gesanglich. Häufig werden Vorstellungen einer „heilen Welt“, der „Guten alten Zeit“ und einer idealisierten Vergangenheit gezeigt, etwa durch Studiodekorationen wie alte Bauernhäuser, Dampflokfahrten oder Postkutschen.
Kritiker bezeichnen den volkstümlichen Schlager wegen bewusst einfach gehaltener Texte und Melodien oft als kitschig. Fernsehauftritte werden wegen Playback und versteckter technischer Hilfsmittel, zum Beispiel Synthesizer oder verdeckter Stimmverstärkung, als „Illusion des Live-Musizierens“ kritisiert. Außerdem wird der Szene seit Jahrzehnten ein rückwärtsgewandtes, konservatives Weltbild vorgeworfen, besonders beim Frauen- und Familienbild.
Eine soziologische Studie der Dortmunder Musikpädagogin Mechthild von Schoenebeck aus den 1990er Jahren kam zu dem Schluss, dass volkstümliche Schlager in einer Gesellschaft erfolgreich sind, die von sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt ist. Die Zielgruppen verträten Werte wie klassische Rollenverteilung von Mann und Frau, Heimatverbundenheit und traditionelle Wertvorstellungen. Die ritualisierte Feier dieser Werte in Shows werde laut Studie subjektiv als Stressbewältigung erlebt.