Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Madrigal (Musik)
Das Madrigal ist ein mehrstimmiges Vokalstück meist weltlichen Inhalts und eine wichtige musikalische Gesangsform der Renaissance und des Frühbarocks.
Inhalt5 Abschnitte
Grundform und Bedeutung
Das Madrigal ist ein mehrstimmiges Vokalstück, meist mit weltlichem Inhalt. Es war eine wichtige Gesangsform der Renaissance und des Frühbarocks und besonders in Italien im 16. und 17. Jahrhundert beliebt. Zunächst wurde es als mehrstimmige Chorkomposition ausgeführt, später auch als Sologesang mit Instrumentalbegleitung. Sein geistliches Gegenstück ist die Motette.
Meist sind Madrigale vier-, fünf- oder sechsstimmige Chorstücke für einen kammermusikalischen Rahmen. Im Unterschied zur stark formalisierten sakralen Musik erlaubten sie Komponisten größere kreative Freiheit. Sie sind komplex durchkomponiert, also nicht einfach strophisch wiederholt, und zielen auf emotionalen Ausdruck. Der Text sollte nicht nur verständlich wiedergegeben, sondern durch Gesang und Instrumentierung lautmalerisch gestaltet werden. In diesem Zusammenhang entstanden Techniken wie Tremolo und Pizzicato. Madrigale wurden auch etwa für Laute bearbeitet.
Entstehung in Italien
Das Madrigal entstand in den 1520er Jahren zunächst in Florenz, danach in Rom, im Umfeld der Medici-Päpste Leo X. und Clemens VII. sowie der mit den Medici konkurrierenden Familie Strozzi. Es entwickelte sich aus nicht-öffentlichen Florentiner Vertonungen von Ballata und Barzelletta. Diese nutzten Satztechniken der lateinischen Motette und der französischen Renaissance-Chanson frankoflämischer Meister.
Mit der oberitalienischen Frottola gibt es entgegen älteren Forschungsmeinungen laut Quellen keine Überschneidungen. Ebenfalls nicht verwandt ist das Madrigal mit dem italienischen Trecento-Madrigal des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts: Dieses war meist zwei-, selten dreistimmig, unbegleitet und einfach gestaltet. Die Bezeichnung geriet im 14. und 15. Jahrhundert als musikalischer Begriff außer Gebrauch und blieb zunächst nur eine literarische Form.
Frühe Entwicklung
Bernardo Pisano gilt als Vorreiter. Sein Druck Musica di meser Bernardo pisano sopra le canzone del petrarca von 1520 war der erste Individualdruck mit Kompositionen eines einzigen Komponisten in italienischer Sprache. Er enthält Petrarca-Texte und Vertonungen der literarischen Strömungen Bembismus und Petrarkismus. 1530 erschien in Rom mit Madrigali de diversi musici ... primo libro de la Serena der erste Musikdruck, der das Wort „Madrigal“ im Titel führte.
Anfangs vertonte das Madrigal klassische italienische Lyrik. Es war meist vierstimmig, nur selten fünf- oder sechsstimmig, überwiegend homophon gesetzt, also mit Stimmen in ähnlichem Rhythmus. Die Texte waren einstrophig und hatten ein bis zwei Reimpaare in freier Reihenfolge. Adrian Willaert setzte die Fünfstimmigkeit durch; sein Schüler Cyprian de Rore schrieb die ersten chromatischen Madrigale. Zunächst blieb die Gattung auf Florenz und Rom beschränkt, verbreitete sich mit Willaert dann nach Venedig und in weitere Teile Italiens.
Klassische und späte Form
Von 1550 bis 1580 gewann das Madrigal an Ausdruck und formaler Vielfalt. Es war meist fünfstimmig und wechselte zwischen homophoner und polyphoner Satzweise; bei Polyphonie sind die Stimmen selbstständig miteinander verflochten. Starke rhythmische und harmonische Kontraste dienten der Textausdeutung, während formale Strenge abnahm. Zu den wichtigen Vertretern zählen Orlando di Lasso, Luca Marenzio, Andrea Gabrieli, zeitweise Giovanni Pierluigi da Palestrina und Philippe de Monte. De Monte steht zugleich für die zunehmende Verbreitung des Madrigals in Europa.
In der Spätzeit wurde die musikalische Sprache besonders in Italien immer kühner. Carlo Gesualdo und die frühen Madrigalbücher Claudio Monteverdis nutzen Chromatik, also Töne außerhalb der üblichen Tonleiter, und dichte kontrapunktische Verflechtung der Stimmen. Dadurch kündigten sie bereits den Barock an. Die Textvorlagen umfassten meist sechs bis dreizehn sieben- und elfsilbige Verse mit freier Reimstellung. Die musikalische Darstellung wurde dabei teils wichtiger als die Verständlichkeit des Textes.
Verbreitung und Ende der Gattung
In England begann die Blüte des Madrigals 1588 mit Musica transalpina, einer von Nicholas Yonge verlegten Sammlung mit ins Englische übertragenen Texten. Sie löste eine besonders reiche Madrigalkultur außerhalb Italiens aus. In den 1620er Jahren entstand dort die Ayre als eigenständiger Typ; ihre Beliebtheit ließ das Madrigal zurücktreten. Auch in Deutschland verbreitete sich die Form, besonders durch Hans Leo Hassler sowie Johann Hermann Schein und zeitweise Heinrich Schütz.
1601 veröffentlichte Giulio Caccini in Le nuove musiche Arien und Madrigale für eine Singstimme und Basso continuo. Dieser Generalbass wurde von Monteverdi ab 1605 in seinen Madrigalbüchern weiterentwickelt. Sein achtes Buch Madrigali guerrieri et amorosi von 1638 gilt gemeinhin als Vollendung des Madrigals. Danach verdrängte die barocke Monodie, also ein einstimmiger Gesang mit Begleitung, die Polyphonie der Renaissance. Oper, Rezitativ und Oratorium eröffneten neue Formen; das Madrigal ging unter anderem in Kantate und Dialog auf und hörte als selbstständige Form auf zu existieren. Es wirkte jedoch als Keimzelle von Kantate, Oratorium und Oper weiter.