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Deutscher Wald
Der Deutsche Wald wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und …
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Kernidee und Bedeutung
Der „Deutsche Wald“ bezeichnet nicht nur Wälder in Deutschland, sondern vor allem ein kulturelles Symbol und eine Sehnsuchtslandschaft. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Wald in Gedichten, Märchen, Sagen, Musik und Malerei der Romantik idealisiert. Er galt als Sinnbild einer vermeintlich germanisch-deutschen Natur und Kultur, teilweise auch als Gegenbild zur französischen Urbanität. Historische und sagenhafte Bezüge wie Tacitus’ Beschreibung der Schlacht im Teutoburger Wald und das zum Nationalmythos erhobene Nibelungenlied verstärkten diese Vorstellung.
Nach Albrecht Lehmann reicht dieses romantische Waldbewusstsein schicht- und generationenübergreifend von der Romantik bis ins 21. Jahrhundert. Es zeigt sich unter anderem im Wandern, im Naturschutz, in der Debatte über das „Waldsterben“, in Waldpädagogik und Waldkindergärten sowie in Waldfriedhöfen und Baumbestattungen. Umfragen weisen außerdem auf eine in Deutschland besonders ausgeprägte Gleichsetzung von Wald und Natur hin.
Der Wald wurde politisch sehr unterschiedlich genutzt: von der nationalen und demokratischen Bewegung des 19. Jahrhunderts, von Jugend- und Arbeiterorganisationen, Naturschützern und Wandervereinen, aber auch von völkischen Gruppen und dem Nationalsozialismus. Seine Bedeutung ist deshalb zugleich landschaftlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich, pädagogisch, künstlerisch und politisch.
Landschaft, Nutzung und Öffentlichkeit
Ohne menschlichen Einfluss wäre Deutschland fast vollständig bewaldet, hauptsächlich mit sommergrünem Laubwald. Bereits im Mittelalter wurden jedoch große Flächen für Landwirtschaft und Siedlungen gerodet. Heute bedecken Wälder noch etwa ein Drittel der deutschen Landesfläche, besonders in früher schwer zugänglichen Mittelgebirgen. Zugleich sind sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Die nachhaltige Forstwirtschaft entstand in Deutschland bereits im 18. Jahrhundert. „Nachhaltigkeit“ bedeutet hier, den Wald so zu nutzen, dass seine langfristige Erneuerung und weitere Nutzung möglich bleiben. Im 19. Jahrhundert wurde die für Wälder schädliche Waldweide weitgehend unterbunden. Im südlichen Mitteleuropa blieben dadurch größere Waldflächen und einzelne Naturwaldzellen erhalten, während die norddeutsche Tiefebene stärker durch Rodungsflächen und Heidewirtschaft geprägt wurde.
Die Wälder wurden durch Wirtschaftswege, Wanderwege, Jugendherbergen und Wanderhütten erschlossen. Zugleich öffnete man Flächen, die früher Adeligen oder einzelnen Grundbesitzern vorbehalten waren, schrittweise für die Allgemeinheit. Frühe Beispiele sind der Berliner Tiergarten von 1742 und der Englische Garten in München von 1789, beide zuvor abgeschlossene adelige Jagdgebiete. In einigen Bundesländern, darunter Bayern, besitzt der öffentliche Zugang zu Wäldern und Naturschönheiten Verfassungsrang. Prozessionen, Kreuzwege, Demonstrationen und Feste wie der Frankfurter Wäldchestag, der Erste Mai, Vatertagsbräuche, Osterspaziergänge und Ostermärsche zeigen ebenfalls die gesellschaftliche Nutzung des Waldes.
Großflächige Waldschutzgebiete verursachten erhebliche Konflikte mit wirtschaftlichen Nutzungsinteressen. In Westdeutschland entstand 1970 der Nationalpark Bayerischer Wald. 1990 folgte der Nationalpark Harz, der an den Nationalpark Hochharz der DDR angrenzte. Das Nationalparkprogramm der DDR sah in deren Endphase den Schutz von 4,5 % des DDR-Territoriums vor, darunter den Spreewald und das ehemalige Staatsjagdgebiet Schorfheide.
Romantik und nationale Deutung
Um 1800 begannen Dichtung, Malerei und Musik der Romantik, den Wald als unverfälschte „deutsche“ Landschaft darzustellen. Während der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gegen Napoleon verband die Nationalbewegung ihn mit der mythischen Hermannsschlacht im Teutoburger Wald und machte ihn zum Symbol nationaler Identität. Bis zur Reichseinigung von 1871 gehörten Forderungen nach nationaler Einheit und Demokratie überwiegend zur politischen Opposition. Auch die „deutsche Eiche“ wurde zum Sinnbild für Stärke und Heldenmut. Ein wichtiges politisches Fest des Vormärz war das Hambacher Fest im Pfälzerwald nach der französischen Julirevolution von 1830.
Joseph von Eichendorff beschrieb den rauschenden Wald als „eine Art Hallraum der Seele“. Bei ihm steht er sowohl für die verlorene Einheit von Mensch und Natur als auch für nationale Einheit und Freiheit. Wilhelm Grimm sah in dichten Wäldern und abgelegenen Bergen bevorzugte Orte, an denen Märchen und Sagen besonders ursprünglich erhalten geblieben seien. Jacob Grimm erklärte den Wald in seiner Deutschen Mythologie zum Ort ursprünglichen Volksglaubens und germanisch-deutscher Gottesverehrung. Wilhelm Heinrich Riehl stellte 1854 den deutschen Wald als Gegenbild zum englischen Park und zum französischen gerodeten Feld dar. Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt vertraten noch stärker nationalistische Deutungen.
In Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz erscheint der Wald zugleich als Ort von Gefahr und Schrecken sowie von Frömmigkeit und Erlösung. Später wurde die Oper als musikalischer Ausdruck des „Deutschen Waldes“ interpretiert; eine solche nationale Hauptabsicht Webers lässt sich jedoch nicht belegen. Wilhelm Hauff stellte in Das kalte Herz von 1827 im Schwarzwald kapitalistisch geprägte Holzfäller und Flößer den als bodenständig beschriebenen Köhlern und Glashüttnern gegenüber.
Nach 1871 suchte man nationale Identität verstärkt in einer romantisierten germanischen und mittelalterlichen Vergangenheit. Denkmäler und Bauten wie Niederwalddenkmal, Hermannsdenkmal, Kyffhäuserdenkmal, Linderhof und Neuschwanstein bezogen ihre bewaldete Umgebung bewusst ein. Gleichzeitig erhielten Wälder soziale, gesundheitliche und pädagogische Aufgaben. Wandervogel und bündische Jugend verbanden Waldwandern mit Naturerfahrung, germanischer Mythologie und Werten wie „Treue“, „Kameradschaft“, „Hilfsbereitschaft“ und „Natürlichkeit“. Sozialistische Jugend- und Naturorganisationen ergänzten Antimilitarismus, Bildung und Solidarität.
Nach dem Ersten Weltkrieg radikalisierte sich die politische Aufladung. Ein 1924 vorgeschlagenes nationales Ehrenmal für die Kriegstoten sollte in einem Wald als „Urgrund“ und „Kraftquell“ der Deutschen stehen, wurde aber nie verwirklicht. Der 1923 gegründete Deutscher Wald e. V. verbreitete völkische Waldpropaganda und verband sie mit chauvinistischen und antisemitischen Feindbildern. Kurt Tucholsky beanspruchte 1929 dagegen auch für die politische Linke einen innigen Bezug zur deutschen Landschaft und zum Wald.
Nationalsozialistische Ideologie und Praxis
Im Nationalsozialismus wurde der „deutsche Wald“ ähnlich wie „Blut und Boden“ zu einem zentralen ideologischen Muster. Hermann Göring, Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg deuteten ihn als Gegenbild zu Fortschritt und Großstadt, als Heimat, germanisches Heiligtum und angeblichen „rassischen Kraftquell“. Deutsche wurden als ursprüngliches „Waldvolk“, Juden diskriminierend als „Wüstenvolk“ dargestellt. Diese rassistische Gegenüberstellung sollte Ausgrenzung und Verfolgung rechtfertigen.
Der Montagefilm Ewiger Wald von 1936 erklärte die Deutschen für ebenso „ewig“ wie den Wald, setzte Waldvernichtung mit Volksvernichtung gleich und diffamierte die Weimarer Republik rassistisch. Der aufwendig produzierte Film blieb erfolglos. Das vom SS-Ahnenerbe initiierte Forschungsprojekt Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte sollte eine frühzeitliche „Baum- und Waldreligion“ nachweisen und damit eine nationalsozialistische Glaubenslehre begründen. Sichtbare Symbole waren „Hitlereichen“, sogenannte Hakenkreuzwälder sowie geplante Thingplätze: Von 200 bis 400 vorgesehenen Freilichtbühnen wurden nur 60 fertiggestellt.
Zugleich intensivierte das Regime Forschung und Gesetzgebung. 1933 wurde das Tierschutzrecht verabschiedet, 1934 folgten das Reichswaldverwüstungsgesetz als erste reichsweite Forstgesetzgebung und das Reichsjagdgesetz mit Hegegebot, 1935 das Reichsnaturschutzgesetz. Beim Autobahnbau sollten Brücken und Kreuzungen so in die Landschaft gesetzt werden, dass die deutsche Waldlandschaft erfahrbar erschien.
Die tatsächliche Politik widersprach der propagandistischen Verehrung der Natur. Seit 1935 musste sich die Forstwirtschaft den Autarkiebestrebungen unterordnen. Im Staatswald wurde ab Oktober 1935 ein Holzeinschlag angeordnet, der 50 % über dem jährlichen Holzzuwachs lag; ab 1937 galt dies auch für Gemeinde- und Privatwälder über 50 ha. Melioration, Autobahnbau, intensive Holznutzung sowie Industrie- und Militäranlagen zerstörten Natur. Planungen des Generalplan Ost sahen nach dem erhofften „Endsieg“ Aufforstungen annektierter polnischer Gebiete vor. Zuvor wurden knapp 900.000 Polen ins „Generalgouvernement“ und mehr als 600.000 Juden in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Waldideologie und Naturschutzpropaganda waren somit mit Ausbeutung, Krieg, Vertreibung und Vernichtung verbunden.
Nachkriegszeit, Naturschutz und Wildnis
Nach 1945 wurden die Wälder durch Reparationshiebe sowie die starke Nachfrage nach Brenn- und Bauholz erheblich belastet. 1947 entstand in Bad Honnef die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, um dem kriegsbedingten Raubbau entgegenzuwirken; sie gilt als älteste deutsche Bürgerinitiative. Der Wald blieb Teil nationaler Symbolik: Eichenlaub erschien auf Münzen und Scheinen der Bundesrepublik, die „Eichen-Pflanzerin“ auf dem 50-Pfennig-Stück der D-Mark; in der DDR gehörte Eichenlaub unter anderem zur Kokarde der Nationalen Volksarmee.
In den frühen 1950er Jahren diente der Wald in Trivialliteratur und Heimatfilmen wie Der Förster vom Silberwald als romantische Kulisse und als Ort religiös gefärbten Trostes. In den 1970er Jahren gewannen Naturschutz und Denkmalpflege unter gesamteuropäischen Vorzeichen wieder an Bedeutung. In den 1980er und 1990er Jahren zeigten die Debatten über Waldschäden, Waldpädagogik, Gedenkkultur und Baumbestattungen die fortdauernde besondere Stellung des Waldes.
Die Naturschutzdebatte wird durch den Gegensatz von „Wildnis“ und „Kulturlandschaft“, also einer vom Menschen geprägten Landschaft, bestimmt. Stremlow und Sidler beschrieben 2002 einen Wandel: Vom bedrohten und schutzbedürftigen Ökosystem der 1980er Jahre entwickelte sich der Wald zunehmend zum Gegenstand einer kulturellen Sehnsucht nach Wildnis. Diese Vorstellung beeinflusst Freizeit, Werbung, Pädagogik und Landschaftsarchitektur. Dabei entsteht ein Widerspruch: Wildnis soll durch menschliche Planung aktiv wiederhergestellt werden. Auch ästhetische Erwartungen spielen eine Rolle. Urwälder werden gewünscht, während Borkenkäferbefall, Windwurfflächen und Waldbrandfolgen häufig rasch beseitigt werden sollen.
Als „Waldsterben“ oder „neuartige Waldschäden“ bezeichnet man seit Mitte der 1970er Jahre beobachtete Schäden an Waldbeständen in Mittel- und Nordeuropa. In Deutschland entstand die Befürchtung, der Wald auf einem Drittel der Landesfläche sei bedroht. Kritiker hielten dies für übertriebenen Alarmismus und ein deutsches Medienklischee. In Frankreich wurden Schäden in den 1980er Jahren ebenfalls festgestellt, aber wesentlich weniger öffentlich diskutiert; der Unterschied wurde wiederholt mit einem besonderen kulturellen Verhältnis der Deutschen zum Wald erklärt.
Erinnerung und Kunst
Der Wald ist auch ein Ort der Erinnerungskultur. Elias Canetti bezeichnete 1960 in Masse und Macht das Heer als deutsches Massensymbol und zugleich als „marschierenden Wald“. Damit verband er die Ordnung und Dichte aufrechtstehender Bäume mit militärischer Formation und nationalem Gemeinschaftsgefühl.
In der US-amerikanischen Erinnerung besitzt die Schlacht im Hürtgenwald des Zweiten Weltkriegs als erste größere Feldschlacht der Amerikaner auf deutschem Boden und längste Schlacht der US Army besondere Bedeutung. Amerikanische Darstellungen griffen deutsche Märchen- und Mythenmotive auf und bezeichneten das Gebiet unter anderem als „schwarzgrünen Ozean“, „Verdun an der Eifel“ oder „Höllenwald“. Frühe Vergleiche der Opferzahlen mit Gettysburg oder dem gesamten Vietnamkrieg gelten nach neueren Zahlen als übertrieben. Historisch-literarische Wanderwege erinnern an die Kämpfe und ihre Verarbeitung durch Autoren wie Ernest Hemingway und Heinrich Böll.
In der Kunst blieb der Wald ebenfalls ein wichtiges Motiv. Joseph Beuys begann während der documenta 1982 seine Aktion 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung. Wolfgang Voigt griff den „deutschen Wald“ in seinem Techno-Projekt Gas auf, etwa in den Alben Zauberberg von 1997 und Königsforst von 1998. Sein erklärtes Ziel war, den deutschen Wald „in die Disko zu bringen“ und eine eigenständige deutsche Popmusik jenseits üblicher Klischees zu schaffen; eine deutschnationale Absicht wies er zurück. Seit 2002 veranstaltet der Verein für Internationale Waldkunst alle zwei Jahre einen 3,3 km langen Internationalen Waldkunstpfad im Darmstädter Forstrevier. Kunstwerke sollen dort Besucher zu einer bewussten Erkundung des Waldes anregen.