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Deutscher Grenzkolonialismus
Diese Ostsiedlung wurde seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts als „Ostkolonisation“ bezeichnet und in ihrer Ausrichtung nach Ost- und Südosteuropa von deutschen …
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Begriff und Grundidee
Deutscher Grenzkolonialismus bezeichnet Pläne, das deutsche Herrschafts- und Siedlungsgebiet seit dem 19. Jahrhundert nach Ost- und Südosteuropa auszudehnen. Als historisches Vorbild diente die mittelalterliche deutsche Ostsiedlung, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts „Ostkolonisation“ genannt wurde. Deutsche Imperialtheoretiker betrachteten sie als Alternative oder Ergänzung zum Erwerb überseeischer Kolonien.
Der Begriff „Kolonialismus“ ist hier wichtig, weil die geplante Landnahme die nationalen Rechte der benachbarten slawischen Bevölkerungen missachtete. Slawen wurden aus der Gemeinschaft gleichberechtigter europäischer Völker ausgeschlossen und sollten ähnlich beherrscht, verdrängt oder ausgebeutet werden wie indigene Bevölkerungen in überseeischen Kolonien. Grenzkolonialismus verband somit Siedlung, territoriale Eroberung, kulturelles Überlegenheitsdenken und die politische Unterordnung anderer Völker.
Ideen und Debatten im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert diskutierten Historiker, Philosophen, Politiker und Publizisten über Grenzen und Gestalt eines künftigen deutschen Nationalstaates. Preußen hatte sein Gebiet durch die Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 nach Osten erweitert. Viele Autoren deuteten die Geschichte so, dass sie eine weitere deutsche Ostausdehnung rechtfertigte. Mittelalterlichen Kaisern wurde vorgeworfen, sich zu sehr auf Rom und zu wenig auf den Osten konzentriert zu haben. Georg Waitz erklärte 1860, deutsche Kultur und Bevölkerung hätten den „Beruf“, sich nach Osten auszubreiten. Im Sybel-Ficker-Streit wurde die nationale Bewertung mittelalterlicher Kaiserpolitik ab 1859 zum Dauerthema.
Diese Vorstellungen beruhten häufig auf der Kulturträgertheorie: Deutsche galten als Träger einer angeblich höheren Kultur, Slawen dagegen als kulturell unterlegen. Carl Friedrich Wilhelm Jordan sprach 1848 sogar von einem an den Polen zu Recht begangenen „Völkermord“. Autoren verglichen Slawen mit den nordamerikanischen Indianern und die Besiedlung des Ostens mit der europäischen Expansion in Nordamerika. Friedrich der Große bezeichnete polnisches Westpreußen als Kanada und Polen als „Irokesen“; neu angelegte Siedlungen erhielten Namen wie Florida, Philadelphia oder Saratoga.
Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs begann in den 1880er Jahren der Erwerb überseeischer Kolonien. Demgegenüber forderten Paul de Lagarde, Friedrich List und andere eine kontinentale Expansion nach Ost- und Südosteuropa. Der 1891 gegründete Alldeutsche Verband verlangte, den „alten Drang nach dem Osten“ wiederzubeleben; der Deutsche Ostmarkenverein vertrat seit 1894 besonders gegen Polen gerichtete Siedlungsansprüche. Die Befürworter wollten zugleich die starke deutsche Auswanderung, vor allem in die USA, in europäische Siedlungsgebiete umlenken.
Ernst Hasse verwendete 1895 „Grenzkolonisation“ für eine Ausdehnung über die Staatsgrenzen hinaus. Friedrich Ratzel gab solchen Forderungen ein geographisches Fundament: Kolonien müssten nicht in Übersee liegen; angrenzendes Land lasse sich leichter anpassen und verteidigen. Als Vorbild galt auch die russische Expansion nach Sibirien und Zentralasien. Einige Vertreter hielten Überseekolonien für teuer und unrentabel und bevorzugten deshalb ein von Deutschland geführtes Mitteleuropa, das bis in den Donauraum oder weiter nach Osten reichen sollte.
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit
Im Ersten Weltkrieg wurden die zuvor publizistisch vertretenen Ostpläne Teil praktischer Politik. Bernhard von Bülow bezeichnete 1916 die deutsche Kolonisation im Osten als das größte und einzige bisher gelungene deutsche Kolonisationswerk. Im Militärgebiet „Ober Ost“ sollte ein autarkes, kolonial verwaltetes Gebiet entstehen, das das Deutsche Reich mit Nahrungsmitteln versorgte.
Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 5. Dezember 1917 zwang das durch die Oktoberrevolution geschwächte Sowjetrussland, auf seine Hoheitsrechte in Polen, Litauen und Kurland zu verzichten. Estland, Livland und das westliche Weißrussland blieben von deutschen Truppen besetzt; die Ukraine und Finnland wurden als selbstständige Staaten anerkannt. Russland verlor 26 % seines damaligen europäischen Territoriums, 27 % des anbaufähigen Landes, 26 % des Eisenbahnnetzes, 33 % der Textilindustrie sowie 73 % der Eisenindustrie und der Kohlegruben. Formal verzichteten die Mittelmächte auf Annexionen und Reparationen, tatsächlich gerieten Randvölker des früheren Zarenreichs unter ihr „Protektorat“. Deutsche Soldaten deuteten ihre Erfahrungen oft mithilfe bestehender Klischees von der angeblichen Rückständigkeit Osteuropas.
Nach dem Versailler Vertrag von 1919 rückten Begriffe wie „Grenzland“, „Grenzkampf“, „Grenzlandarbeit“ und „Grenzlandpolitik“ ins Zentrum. „Grenze“ meinte dabei nicht nur die völkerrechtliche Linie, sondern einen durch deutsches „Volkstum“ über das Reichsgebiet hinausreichenden Raum. Einrichtungen der Ostforschung erarbeiteten Grundlagen für eine Revision der Grenzen und teilweise ausdrücklich für die Auflösung des polnischen Staates. Die Verträge von Locarno von 1926 garantierten die Westgrenze Deutschlands, nicht aber in gleicher Weise die Ostgrenze.
Adolf Hitler verband „Volk, Raum und Macht“ und verlangte kein fernes Kolonialgebiet, sondern ein Siedlungsgebiet, das unmittelbar die Fläche des „Mutterlandes“ vergrößern sollte. Teile der Ostforschung stellten ihre seit 1919 betriebenen Arbeiten später in den Dienst der nationalsozialistischen Expansion. Die 1942 erschienenen Bände Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg erklärten offen, die Wissenschaft habe den Krieg im Osten durch ihre Vorarbeiten unterstützt.
Nationalsozialistischer Eroberungs- und Siedlungskrieg
Der nationalsozialistische Krieg im Osten setzte viele ältere Motive des Grenzkolonialismus radikal um. Nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Errichtung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren bestritt Carl Schmitt 1939 einem angeblich „unfähigen Volk“ wie dem der Tschechoslowakei die Fähigkeit, Völkerrechtssubjekt zu sein. Er verglich dies mit Italiens Eroberung Äthiopiens 1935/36; auch der Ausdruck „Protektorat“ stammte aus der Kolonialsphäre.
Nach dem Überfall auf Polen beauftragte Hitler Heinrich Himmler am 7. Oktober 1939 als „Reichsführer-SS“ mit der „Festigung deutschen Volkstums“. Deutsche sollten angesiedelt und Bevölkerungsgruppen räumlich getrennt werden. Die Bezeichnung der Militärverwaltung als „Ober-Ost“ knüpfte bewusst an den Ersten Weltkrieg an; zwischen beiden Besatzungsapparaten bestand auch personelle Kontinuität.
Albert Brackmann verfasste für SS und Wehrmacht Krisis und Aufbau in Osteuropa; 1940 wurden 7.000 Exemplare bestellt. Das Werk stellte Heinrich I. und Otto I. als frühe Vertreter deutscher Ostexpansion dar und beschrieb Siedlungsräume bis zum Schwarzen Meer, Kaukasus, nach Turkestan und Sibirien. Auch die Namen nationalsozialistischer Vorhaben instrumentalisierten das Mittelalter: Der Anschluss Österreichs hieß „Unternehmen Otto“, der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945 „Unternehmen Barbarossa“. Himmler verstand sein „Programm Heinrich“ als Fortsetzung der Kriegszüge Heinrichs I. gegen die Slawen.
Hitler wollte die Auswanderung germanischer Bevölkerungen nach Amerika stoppen und Norweger, Schweden, Dänen und Niederländer in die eroberten Ostgebiete lenken. Ukrainische Slawen bezeichnete er 1941 als „Eingeborene“ und „Ureinwohner“, die wie Indianer behandelt werden sollten. Der Widerstand von Partisanen wurde 1942 mit den nordamerikanischen „Indianerkämpfen“ verglichen. Der bis Dezember 1942 in mehreren Varianten entstandene „Generalplan Ost“ wurde zum Schlüsseldokument der geplanten nationalsozialistischen Kolonisation. Die einheimische Bevölkerung sollte ausgesondert, vertrieben, versklavt oder vernichtet und das Gebiet mit als „germanisch“ angesehenen Siedlern besetzt werden.
Deutung als Kolonialkrieg und Forschung
Schon während des Krieges beschrieben Karl Korsch 1942 und Simone Weil 1943 den Nationalsozialismus als Übertragung kolonialer Herrschaftsmethoden auf europäische Völker. Aimé Césaire argumentierte später, Europa habe Hitler besonders deshalb nicht verziehen, weil sich das koloniale Verbrechen nun gegen weiße Menschen richtete. Diese Verbindung von Kolonialismus und Nationalsozialismus blieb umstritten, wirkte aber unter anderem bei Frantz Fanon, Domenico Losurdo und Rosa Amelia Plumelle-Uribe weiter. Sven Lindqvist sah ebenfalls einen engen Zusammenhang zwischen kolonialer Eroberungspolitik und dem NS-Krieg um „Lebensraum im Osten“.
Vorbehalte gegen diese Deutung ergeben sich einerseits aus der Auffassung, der Holocaust sei einmalig und dürfe nicht durch Vergleiche relativiert werden, andererseits aus der Sorge ehemaliger Kolonialmächte, ihre eigene Herrschaft könne mit dem nationalsozialistischen Krieg gleichgesetzt werden. Enzo Traverso betont dagegen, der Mord an den Juden sei in einem totalen Krieg geplant und ausgeführt worden, der zugleich Eroberungs-, „Rassen-“ und Kolonialkrieg war. Neben den ermordeten Juden, Sinti, Roma und Angehörigen anderer slawischer Völker kamen von 1941 bis 1945 27 Millionen Sowjetbürger ums Leben. Die geplante deutsche Besiedlung scheiterte; zugleich verschwanden nach dem Krieg fast alle Deutschstämmigen aus dem „deutschen Osten“.
In der deutschen Forschung betrachtete Walther Hofer 1957 das Kriegsende noch als Umkehrung einer jahrhundertelangen deutschen Ostkolonisation, also als eine Art Dekolonisation Deutschlands. Sebastian Conrad hielt 2008 Parallelen zwischen der NS-Besatzung Osteuropas und kolonialer Herrschaft für unbestritten, warnte aber davor, den Holocaust als deutschen „Sonderweg“ allein aus dem Völkermord an den Herero abzuleiten. Koloniale Gewalt, kulturelles Überlegenheitsdenken und Sozialdarwinismus gab es auch in anderen Imperien. Direkte Kontinuitäten bestanden dennoch durch Personal, Unternehmen und frühere Kolonialerfahrungen.
Conrad und David Blackbourn ordnen die deutsche Ostexpansion deshalb in die gleichzeitige globale Bildung großer imperialer Machtblöcke ein: Deutschlands eigentliches Gegenstück zu Indien oder Algerien sei nicht Kamerun, sondern Mittel- und Osteuropa gewesen. Jürgen Osterhammel bezeichnete die Vorhaben Deutschlands, Italiens und Japans zwischen 1930 und 1945 als „staatskolonialistische Siedlungsprojekte“. Deutschland wollte im eroberten Osteuropa eine „arische“ Rassetyrannei errichten. Anders als frühere Siedler waren die vorgesehenen Kolonisten Instrumente staatlicher Politik: Der Staat warb sie an, entsandte sie, versorgte sie mit Land und erklärte ihre Ansiedlung zur nationalen Pflicht.