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Deutsche Wirtschaftsgeschichte im Ersten Weltkrieg
Deutsche Wirtschaftsgeschichte im Ersten Weltkrieg · Inhaltsverzeichnis · Kriegswirtschaftspläne vor Kriegsbeginn · Kriegswirtschaft 1914 bis 1916.
Inhalt6 Abschnitte
Grundlagen und Ausgangslage
Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg zwischen weitgehend industrialisierten Ländern. Deshalb entschieden wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Fähigkeit zur Materialschlacht wesentlich über den Kriegsverlauf. Die deutsche Kriegswirtschaft sollte vier Ziele erfüllen: ausreichend Munition, Waffen und sonstige Ausrüstung herstellen, Rohstoffe sichern, Arbeitskräfte zwischen Armee und Wirtschaft verteilen, den sozialen Frieden zwischen Staat, Unternehmern und Arbeitern bewahren sowie trotz der alliierten Wirtschaftsblockade die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen.
Vor 1914 gab es keine umfassenden Pläne für eine lange Kriegswirtschaft. Man erwartete einen kurzen Krieg von wenigen Monaten, steigende Arbeitslosigkeit und umfangreiche Rohstoffbeute in eroberten Gebieten. Beim Kriegsbeginn bestanden auch keine zuständigen Wirtschaftsbehörden. Nach der Ausrufung des Belagerungszustands im August 1914 griffen militärische Stellen zunehmend in die Wirtschaft ein. Besonders die stellvertretenden kommandierenden Generäle erhielten weitreichende, nahezu diktatorische Vollmachten. Daneben arbeiteten das preußische Kriegsministerium, Behörden der Bundesstaaten und weitere Stellen mit teilweise überschneidenden Zuständigkeiten. Unklare Abgrenzungen, fehlendes wirtschaftliches Fachwissen und unterschiedliche Verwaltungsgebiete führten rasch zu einem Verwaltungschaos.
Die Finanzierung beruhte überwiegend auf Krediten und Kriegsanleihen statt auf Steuern. 1918 betrugen die Kriegsausgaben des Reiches 50 Milliarden Mark und damit mehr als das Elffache der Reichsausgaben des letzten Friedensjahres. Diese kreditfinanzierte Kriegswirtschaft belastete die Finanzwirtschaft von Beginn an und trug später zur Inflation bei.
Rohstoffe, Arbeitskräfte und Ernährung bis 1916
Die drohende Munitionskrise führte am 13. August 1914 zur Gründung der Kriegsrohstoffabteilung (KRA). Unter Leitung des Kriegsministeriums arbeiteten dort auch Fachleute aus der Wirtschaft. Die KRA bewirtschaftete Rohstoffe zentral, beschlagnahmte sie und verteilte sie neu. Rund 750.000 t stickstoffhaltiger Stoffe wurden vor allem für die Munitionsproduktion beschlagnahmt und standen dadurch nicht mehr als Dünger zur Verfügung. Private Rohstoffgesellschaften unter staatlicher Aufsicht verbanden privatwirtschaftliche und staatliche Elemente; Zeitgenossen bezeichneten dieses Modell als „Staatssozialismus“.
Die Vorräte reichten nach Einschätzung von Walther Rathenau und Wichard von Moellendorff im August 1914 nur etwa ein halbes Jahr. Anfang November war Munition nur noch für sechs Tage vorhanden. Durch das sogenannte Salpeterversprechen, Forschungsarbeiten zum Haber-Bosch-Verfahren und die Zusammenfassung deutscher Chemiefirmen in der Kriegs-Chemikalien-Gesellschaft wurde die Versorgung verbessert. Die Industrie steigerte ihre Kapazitäten jedoch langsam und passte sich nur schwer an den wechselnden Munitionsbedarf an. Ab Anfang 1915 verlangte das Kriegsministerium von Unternehmen Einblick in ihre Kalkulationen, um Heeresaufträge zu kontrollieren, Ausgaben zu begrenzen und Inflation zu verhindern. Das gelang nicht vollständig. In den mehr als 40 Beschaffungsstellen gab es zudem Korruption und widersprüchliche Interessenvertretung.
Bei den Arbeitskräften wurden zunächst gerade besonders qualifizierte Arbeiter eingezogen. Im Januar 1915 entstand die Abteilung für Zurückstellungswesen (AZ(S)); im Mai 1915 wurde das Kriegsministerium stärker in die Einberufung einbezogen. Arbeiter wurden nach ihrer körperlichen Verfassung eingestuft, und im Frühjahr 1915 musste die Industrie die Fittesten an die Armee abgeben. Ab Anfang 1916 förderte die AZ(S) stärker die Beschäftigung von Frauen, Jugendlichen, Kriegsgefangenen und ausländischen Arbeitskräften. 1916 arbeiteten 90 % von etwa 1,6 Millionen Kriegsgefangenen in Deutschland in der Wirtschaft, darunter 330.000 in der Industrie und 750.000 in der Landwirtschaft. Etwa 80 % waren Arbeitskommandos zugeordnet. Der Einsatz in Rüstungsbetrieben war nach der Haager Landkriegsordnung verboten, wurde aber zunehmend umgangen. Frauen übernahmen Tätigkeiten in Landwirtschaft, Handel, Gewerbe und Industrie; nach dem Krieg besetzten zurückkehrende Männer viele dieser Arbeitsplätze wieder.
Die Nahrungsmittelversorgung war anfangs kaum vorbereitet. Deutschland importierte unter anderem Futtergetreide, Düngemittel und Lebensmittel; 1912/13 wurden fast 4,2 Millionen Tonnen Futtergetreide eingeführt. Die Schätzungen zum Anteil der Lebensmittelimporte liegen zwischen 10 % und 20 %. Die Zentral-Einkaufsgesellschaft sollte im neutralen Ausland einkaufen. Wegen Blockade und Munitionsbedarf fehlten außerdem Stickstoffdünger. Im Winterhalbjahr 1915/16 standen nur 73.000 t reiner Stickstoff zur Verfügung. Die Kriegsgetreidegesellschaft, die Reichskartoffel-Stelle, Rationierungen und staatliche Preisvorgaben konnten die Versorgung nur unzureichend steuern. Die Schlachtung von 5 Millionen Schweinen im Jahr 1915, der sogenannte „Schweinemord“, verschärfte später den Fleischmangel. Im Mai 1916 entstand das Kriegsernährungsamt (KEA), das jedoch weder die Heeresversorgung beeinflussen noch eigene Maßnahmen direkt durchsetzen konnte.
Sozialpolitik und Mobilisierung
Die Sozialpolitik sollte die Produktion sichern, Streiks verhindern und einer Revolution vorbeugen. Ab 1915 entwickelte das Kriegsministerium unter dem Einfluss der AZ(S) eine teilweise progressive, gewerkschaftsfreundliche Politik. Arbeiter sollten durch Rechte und Beteiligung zur Mitarbeit an der Kriegswirtschaft motiviert werden. Dies wurde durch die Burgfriedenspolitik der SPD und den zunächst kriegsfreundlichen Kurs der Gewerkschaften erleichtert.
Unternehmen mit Heeresaufträgen warben Facharbeiter aus anderen Betrieben ab. Als Gegenmaßnahme entstand im Februar 1915 der „Metallausschuss für Groß-Berlin“, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer über Arbeitsplatzwechsel verhandelten. Im April 1916 schrieb das Reichsamt des Innern Ausschüsse oder Schiedsstellen mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Offizieren vor. Heeresverträge enthielten häufig Vorgaben für angemessene Löhne. Die AZ(S) diskutierte sogar Urlaubsregelungen. Ihre Haltung führte jedoch zu scharfer Kritik aus der Wirtschaft und dem Preußischen Handelsministerium.
Die Einbeziehung der Arbeiter blieb ein Spannungsfeld zwischen Mitwirkung und Zwang. Die staatlichen Stellen erörterten eine Arbeitspflicht, während die Industrie eine bessere Verteilung der Arbeitskräfte verlangte. Gleichzeitig wurden Arbeitsbedingungen, Löhne und die Interessen der Gewerkschaften zu wichtigen Bestandteilen der Kriegswirtschaft.
Hindenburg-Programm, Hilfsdienstgesetz und Krisen 1916/17
Im Frühsommer 1916 entwickelte sich wegen der stark gestiegenen Kriegskosten eine militärische, politische und wirtschaftliche Krise. In einem Monat wurde mehr als ein Zehntel des Jahresvolkseinkommens von 1913 verbraucht. Im August 1916 übernahmen Paul von Hindenburg als Generalstabschef und Erich Ludendorff als Stabschef und Generalquartiermeister die dritte Oberste Heeresleitung (OHL). Ihr Programm verlangte die vollständige Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen und eine massive Steigerung der Rüstungsproduktion. Das nach Hindenburg benannte Programm orientierte sich am britischen Munitions of War Act 1915. Es wurde jedoch nur teilweise erfüllt und verschärfte durch die Vorrangstellung der Waffenproduktion sowie zusätzliche Rückstellungen von der Front die allgemeine Krise.
Im November 1916 entstand unter Generalleutnant Wilhelm Groener das Kriegsamt. Es übernahm zahlreiche Wirtschaftsaufgaben des Kriegsministeriums und wurde enger an die OHL angebunden. Seine mehrfachen Unterordnungen und die fortbestehenden Zuständigkeiten anderer Behörden erzeugten jedoch neue bürokratische Überschneidungen.
Das im Dezember 1916 verabschiedete Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst (Hilfsdienstgesetz, HDG) sollte die gesamte männliche Bevölkerung dienstverpflichten, vor allem für Landwirtschaft und Kriegsindustrie. Es begrenzte die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und erlaubte Betriebszusammenlegungen oder Stilllegungen. Ständige Arbeiterausschüsse mit Vertretungsrechten in Tariffragen und ein Reichstagsausschuss zur Kontrolle stärkten die Gewerkschaften und gelten als Grundstein der späteren betrieblichen Mitbestimmung. Der erwartete Rückgang der Rückstellungen blieb jedoch aus, weil die Industrie ungelernte Kräfte ablehnte. Die Regelung des Arbeitsplatzwechsels zur „angemessenen Verbesserung“ von Lohn und Arbeitsbedingungen führte im Frühjahr 1917 zu einem chaotischen Arbeitsmarkt, Abwerbung, steigenden Löhnen und einer beschleunigten Inflation. Betriebszusammenlegungen brachten meist nicht die erwarteten Einsparungen.
Transport, Ernährung, Inflation und Streiks
Im Herbst 1916 begann eine schwere Transport- und Kohlekrise. Die Eisenbahn war nach dem Rückgang der Binnenschifffahrt zum wichtigsten Transportmittel geworden, musste aber gleichzeitig Truppen, Waffen, Munition und Rohstoffe befördern. Das Hindenburg-Programm beanspruchte zusätzlich Gleise und Transportkapazitäten für neue Industrieanlagen. Ab September 1916 kam es im Ruhrgebiet zu Störungen des Kohletransports; im Oktober folgten Produktionsausfälle, die sich auf das gesamte Reich ausbreiteten. Im Januar und Februar 1917 verschärfte starker Frost die Lage, weil auch die Binnenschifffahrt stillstand. Der Kohlekommissar konnte die Versorgung zunächst nicht verbessern. Die Krise führte zum Scheitern des Hindenburg-Programms; Waffen- und Munitionsproduktion brachen im Januar und Februar 1917 ein.
Der Winter 1916/17 wurde wegen der Nahrungsmittelknappheit als „Steckrübenwinter“ bezeichnet. Rationen wurden stark gekürzt, das KEA versagte. Kriegswirtschaftsämter in den Provinzen sollten ab Januar 1917 die Landwirtschaft versorgen, Arbeitskräfte und Produktionsmittel zuteilen, Suppenküchen organisieren und gehortete Lebensmittel beschlagnahmen. Die Vereinheitlichung der Rationen gelang trotzdem nicht. Für die Düngesaison 1916/17 standen rund 100.000 t reiner Stickstoff zur Verfügung, etwa die Hälfte des Verbrauchs von 1913. Die Leunawerke produzierten erst ab April 1917. Zugleich wurde Stickstoff wegen der Munitionskrise von der Düngemittel- in die Waffenproduktion umgeleitet.
Die Kriegskosten wurden weiterhin vor allem durch Kriegsanleihen finanziert. Da diese nur einen Teil des benötigten Kapitals einbrachten, ließ die Reichsbank zusätzlich Geld drucken. Dadurch entstand Inflation, die durch steigende Löhne in der Kriegsindustrie verstärkt wurde; ab Sommer 1917 sprach man von galoppierender Inflation.
Nach Kürzungen der Brotrationen entwickelten sich im April 1917 Hungerproteste in Berlin und Dresden zu Streiks. Im Ruhrgebiet und anschließend in den schlesischen Kohlerevieren kamen im Juni Lebensmittelkrawalle und politische Forderungen hinzu. Das Militär unterdrückte die Streiks. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg trat am 13. Juli 1917 zurück. Ende Januar 1918 folgte eine weitere große Streikwelle, die bis Ende Februar militärisch beendet wurde.
Letzte Kriegsmonate, Kriegsgewinne und soziale Folgen
Ab Sommer 1917 erfasste die Krise Militär, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Langfristige Programme wurden kaum noch umgesetzt; Behörden reagierten uneinheitlich und oft widersprüchlich auf unmittelbare Notlagen. Nach der Entlassung Groeners im August 1917 erhielten die stellvertretenden Generalkommandos wieder mehr Vollmachten. Die Ernährungsversorgung brach in der zweiten Jahreshälfte 1917 weitgehend zusammen, während Schleichhandel staatliche Kontrollen aushebelte. Im April 1918 wurden die Brotrationen erneut gesenkt. Es fehlte nun auch an Kleidung und Wohnraum. Ab 1918 trat zudem ein erheblicher Stahlmangel auf; Arbeitskräftemangel und die teilweise Umstellung auf Friedensproduktion verringerten die Kapazität der Kriegswirtschaft. Die britische Offensive vom 8. August 1918 beendete schließlich die deutsche Wirtschaftspolitik des Krieges.
Die traditionellen Rüstungsunternehmen und neue Anbieter erzielten hohe Kriegsgewinne. Die Dividenden der Großindustrie stiegen von 5,69 % 1914/15 auf 14,58 % 1916/17; die chemische Industrie erreichte 1916/17 11,81 %. Hohe Gewinne förderten Börsenspekulation und verschärften soziale Spannungen. Vorschläge zur Begrenzung der Gewinne, unter anderem in der Denkschrift Richard Mertons vom 25. Juli 1917, scheiterten am Widerstand der Industrie und am mangelnden Durchsetzungswillen der Militärbehörden.
Die sozialen Folgen waren ungleich verteilt. Das Einkommen kleiner Angestellter sank von 1914 bis 1916 um 20 bis 25 %, wobei die Teuerung den Kaufkraftverlust vergrößerte. Das Realeinkommen höherer Beamter fiel bis 1918 auf 47 %, das mittlerer auf 55 % und das unterer auf 75 % des Vorkriegsniveaus. Arbeiter und Gewerkschaften wurden wegen des Arbeitskräftemangels aufgewertet und erzielten stärkere Einkommenszuwächse. 1917 wurde die Beamtenbesoldung erstmals nach sozialen Gesichtspunkten geregelt; 1918 entstand der Deutsche Beamtenbund.
Frauen übernahmen zahlreiche zuvor männlich besetzte Tätigkeiten, etwa als Straßen- und Eisenbahnfahrerinnen, Bürokräfte, Lehrerinnen und Bandarbeiterinnen. Dies stärkte die Frauenemanzipation, führte aber nach dem Krieg nicht dauerhaft zu einer Veränderung des Geschlechterverhältnisses. Handwerker und Händler litten unter der Einstufung ihrer Betriebe als „nicht kriegswichtig“ und schlossen sich deshalb häufiger in Genossenschaften zusammen oder suchten die Zusammenarbeit mit der Großindustrie.