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Bastarda
Die Bastarda ist eine spätmittelalterliche gebrochene Schrift, die als Buchschrift in Handschriften gebräuchlich war und auch in Kanzleien verwendet wurde.
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Grundidee und Einordnung
Die Bastarda ist eine spätmittelalterliche gebrochene Schrift. Sie gehört zur Gruppe der gotischen Schriften und war sowohl als Buchschrift in Handschriften als auch in Kanzleien gebräuchlich. Sie gilt als häufigste mittelalterliche Schriftart. Wichtig ist sie, weil sie im 15. Jahrhundert das Schriftwesen stark prägte und nach der Einführung des Buchdrucks auch als Vorlage für Drucktypen diente.
Ihr Name hängt mit „Bastard“ zusammen: Gemeint ist eine „unechte“ Buchschrift, weil sie nicht nur Merkmale einer feierlichen Buchschrift besitzt, sondern auch Merkmale einer Geschäftsschrift. Manche Paläographen nennen sie Hybrida. Als Mischform verbindet sie die Kursivität, also das flüssige, verbundene Schreiben der Geschäftsschrift, mit Elementen der nichtkursiven, kalligraphisch gestalteten Buchschrift Textura oder Textualis.
Im Lauf des 14. Jahrhunderts entstand die Bastarda zunächst als Kanzleischrift, die sogenannte Kanzleibastarda. Sie sollte einerseits schnell und flüssig schreibbar sein, andererseits für Dokumente ästhetisch wirken. Im späten 14. Jahrhundert setzte sie sich auch in der Handschriftenproduktion durch. Als Buchbastarda und Geschäftsschrift verbreitete sie sich in vielen regionalen und lokalen Ausprägungen. Aus der Kanzleibastarda entwickelte sich im frühen 16. Jahrhundert die deutsche Kurrentschrift.
Begriff und Einteilung
Eine einheitliche Systematik der kursiven gotischen Schriften des Spätmittelalters gibt es nicht. Der Grund ist der große Formenreichtum: Regionen, Schreibzentren und einzelne Schreiber entwickelten viele Varianten, und die Übergänge zwischen Schriftarten sind oft fließend. Deshalb hat der Begriff Bastarda keine ganz feste Bedeutung. Allgemein bezeichnet er gotische Schriften, die Kursivität und einen meist aus der Geschäftskursive stammenden Formenbestand mit einem kalligraphischen Anspruch verbinden.
Joachim Kirchner versuchte ab 1928, deutsche Buchbastarden regional zu ordnen. Er zählte nur qualitativ gute, deutlich kalligraphische Buchschriften zu den Bastarden und unterschied sie von einfacheren „Buchkursiven“. Diese regionale Einteilung wurde oft verwendet, gilt aber nur als grobe Orientierung. Karin Schneider kam 1994 für den süddeutschen Raum zu dem Ergebnis, dass Kirchners Kriterien zu allgemein und subjektiv seien; Paläographie könne den Entstehungsraum deutschsprachiger Handschriften daher nur begrenzt bestimmen.
Gerard Isaac Lieftinck schlug 1953 eine andere Terminologie vor. Er unterschied die nichtkursive littera textualis, die flüssige littera cursiva und die Mischform Bastarda, später Hybrida genannt. Für die Hybrida nannte er als wichtiges Kriterium lange Schäfte ohne Schlingen sowie bestimmte Formen von a, f und langem s. Dieses System wurde kritisiert, weil es vor allem auf niederländischen Codices beruhte und sich nicht allgemein auf andere Regionen übertragen ließ. Peter Gumbert ergänzte deshalb den Typ „Semihybrida“. Bernhard Bischoff hielt dagegen am traditionellen Begriff Bastarda fest und meinte damit Schriften mit und ohne Schlingen, die Cursiva und Textura verbinden. Im deutschen Sprachraum ist diese weitere Verwendung des Begriffs weiterhin üblich.
Typische Schriftmerkmale
Die Bastarda unterscheidet sich von der Textura vor allem durch ihre Kursivität und durch zwei Elemente aus der Kanzleikursive. Erstens sind f und langes s unter die Zeile verlängert. Zweitens verwendet sie meist ein einbogiges oder „einstöckiges“ a. Das in der Textura typische zweistöckige a mit zwei Bögen ist in den meisten Bastarden selten.
Gleichzeitig bleibt der Einfluss der Textura sichtbar. Kursive Rundungen werden gebrochen, also kantiger gestaltet; dadurch wirkt die Schrift kalligraphischer und der Textura ähnlicher. In besonders sorgfältigen Bastarden treten weitere Textura-Merkmale auf, etwa kantig aus Einzelstrichen zusammengesetzte Buchstaben wie a, g und rundes s sowie feine Zierstriche und Zierhäkchen.
Schlingen an den Oberlängen haben bei Buchbastarden, wenn sie vorkommen, meist nur dekorative Funktion. Sie sind keine mitgeschriebenen Luftlinien und können auch dreiecksförmig erscheinen. Die Hauptschäfte der Buchstaben sind meist stark betont und mit kräftigen Druckstrichen ausgeführt; die Unterlängen laufen spitz aus.
Wichtige Ausprägungen
Die Bastarda tritt in vielen Ausprägungen auf. Regionale Zuordnungen sind nur mit Vorsicht möglich, weil Schreiber und Stile überregional beeinflusst wurden. Dennoch werden mehrere wichtige Formen unterschieden.
Die Bastard Anglicana entstand ab der Mitte des 14. Jahrhunderts in England für anspruchsvollere Codices. Sie verbindet Elemente der Textura, darunter das doppelstöckige a, mit Eigenschaften der englischen Gebrauchsschrift Anglicana und wurde für Prachthandschriften und als Auszeichnungsschrift verwendet. Die Bastard Secretary entstand im 15. Jahrhundert ebenfalls in England aus der Gebrauchskursive Secretary; durch Textura-Elemente wurde sie förmlicher und für gehobene Codices geeignet.
Die böhmische Bastarda ist fast oder ganz gerade und meist mit Schlingen versehen. Kennzeichnend sind sehr enggestellte Schäfte und scharfe, sägezahnartige Zickzacklinien bei m, n und i. Sie entstand in Böhmen und war auch im österreichischen und bairischen Raum verbreitet. Die burgundische Bastarda, auch lettre bourguignonne oder lettre bâtarde, ist eine elegante, dekorative, meist leicht rechtsgeneigte Schrift aus der französischen Kanzleikursive. Sie wurde besonders am Hof Philipps des Guten (1419–1467) und Karls des Kühnen (1467–1477) gepflegt und für Prachthandschriften genutzt.
Die florentinische Bastarda ist eine Kanzleischrift, die auch für Bücher verwendet wurde. Sie gilt als eine der schönsten gotischen Kursivschriften, entwickelte sich aber unabhängig von den Bastarden nördlich der Alpen. Viele Codices von Dantes Commedia sind in florentinischer Bastarda geschrieben. Die niederländisch-niederdeutsche Bastarda, Hybrida im engeren Sinn, wird wegen ihrer Nutzung in Kreisen der Devotio moderna auch Devotenbastarda genannt. Sie ist schlicht und gut lesbar; ihr Hauptmerkmal ist das völlige Fehlen von Schlaufen und Schwüngen an den Oberlängen.
Entwicklung bis zum 15. Jahrhundert
Schon im späten 13. Jahrhundert hatten Urkunden- und Geschäftsschriften viele Merkmale ausgebildet, die später für Buchkursiven typisch wurden. Es gab bereits eilige, vereinfachte Buchschriften mit kursiven Formen und halbkursive Übergangsschriften. Für die eigentliche Bastarda fehlte zunächst noch die volle Kursive in Verbindung mit kalligraphischem Anspruch. Die entscheidenden Impulse kamen aus den Kanzleien, in denen eine schnelle, aber schöne Schrift für Dokumente gebraucht wurde.
Die ältesten Formen, die Kanzleibastarden, entstanden im 14. Jahrhundert. Die Entwicklung begann in Frankreich, wo die Bastarda zu einer eleganten Schrift für hohe ästhetische Ansprüche ausgebildet wurde. Als Buchschrift hatte sie gegenüber der Textura den Vorteil, dass mehrere Buchstaben ohne Absetzen der Feder geschrieben werden konnten. Außerdem eignete sie sich gut für individuelle Abwandlungen.
Ein wichtiger Vorläufer war die Schrift der päpstlichen Kanzlei in Avignon, die schon vor der Mitte des 14. Jahrhunderts viele spätere Bastarda-Formen zeigte. Um 1340 wurde eine ähnliche Schrift in südfranzösischen Buchhandschriften verwendet. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts nutzte auch die Reichskanzlei Karls IV. in Prag eine kalligraphische Urkundenschrift mit Formen der späteren Buchbastarda. Die Goldene Bulle Karls IV. von 1356 zeigt bereits starke Brechung, Kantigkeit und Zierformen. Um 1380 wurde die Prager Kanzleischrift in Böhmen für Handschriften verwendet; bald wirkte dieser böhmische Typ auch nach Österreich und Süddeutschland. Im späten 14. Jahrhundert erschienen dort und im Westen sowie Südwesten des deutschen Sprachraums frühe Buchbastarden. In Spanien entwickelte sich eine kursive Buchschrift aus der feierlichen Urkundenschrift letra de privilegios.
Schleifenlose Bastarda und Buchdruck
Eine besondere Unterart ist die schleifenlose oder schlaufenlose Bastarda. Sie besitzt typische Bastarda-Buchstabenformen, verzichtet aber auf Schwünge und Schleifen und wird zusammengesetzt geschrieben. Damit fehlen ihr einige Merkmale einer Kursiven. Der Stil sollte vor allem Leserlichkeit und Schlichtheit ausdrücken. Er war im Spätmittelalter weit verbreitet, mit Schwerpunkten etwa in den Niederlanden, aber er lässt sich nicht allgemein bestimmten Regionen oder sozialen Gruppen zuordnen. Im Norden ist dieser Typ erstmals 1396 durch eine datierte Handschrift belegt. Ab den 1420er Jahren breitete er sich in den Niederlanden sowie im Nordwesten und Westen Deutschlands aus; in Süddeutschland blieb er bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts selten.
Im 15. Jahrhundert wurde die Bastarda in der Mehrheit der Handschriften verwendet und war insgesamt die häufigste mittelalterliche Schriftart. In Süddeutschland standen einfache, schwer klassifizierbare Bastarden neben sehr gleichmäßigen, professionellen und kalligraphisch anspruchsvollen Buchschriften. Ein professioneller Typ zeigt oft rechtsschräge Ausrichtung sowie tief unter die Zeile verlängerte Schäfte von f und langem s. In der Reichskanzlei entwickelten sich Zierformen wie die „Elefantenrüssel“, ausladende Anschwünge der Großbuchstaben, die später von der Fraktur übernommen wurden.
Mit dem Buchdruck übernahmen Drucker Schriftarten aus Handschriften. Johannes Gutenberg schuf die ältesten Druckbastarden für die Mainzer Ablassbriefe von 1454 und 1455. In Deutschland wurde die Bastarda im Druck erst ab 1472 häufiger. In Frankreich führte Pasquier Bonhomme sie 1475–1477 für die Grandes Chroniques de France ein. In England verwendete William Caxton neben Textura eine Bastarda, die als „secretary type“ bezeichnet wurde. In Deutschland erlebte die Druckbastarda in den 1480er Jahren einen Aufschwung; die „oberrheinische Bastarda“ wurde 1484 in Köln und 1485 in Mainz und Straßburg verwendet. Später gewannen Schwabacher und schließlich Fraktur an Bedeutung; die Fraktur hatte um 1600 eine beherrschende Stellung erreicht.