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Deutsch-französische Beziehungen
Die heutigen deutsch-französischen Beziehungen sind das Ergebnis der Bemühungen um Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg …
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Vom historischen Konflikt zur Partnerschaft
Die heutigen deutsch-französischen Beziehungen beruhen auf der Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Frankreich und Deutschland gelten als europäische Kernstaaten und als wichtige Triebkräfte der europäischen Integration, weshalb ihre Zusammenarbeit oft „deutsch-französischer Motor“ genannt wird. Ziel der Partnerschaft ist, frühere Feindschaft dauerhaft zu überwinden und einen neuen Krieg unnötig und unmöglich zu machen. Dennoch bestehen weiterhin unterschiedliche Interessen, besonders in der Außen- und Sicherheitspolitik, im Verhältnis zu den USA und zum Vereinigten Königreich sowie bei der weiteren Ausgestaltung der Europäischen Union.
Die Gebiete beider Staaten gehörten im 9. Jahrhundert zum Fränkischen Reich Karls des Großen. Aus dem Ostfrankenreich entwickelte sich das mittelalterliche deutsche Reich, aus dem Westfrankenreich Frankreich. Um Gebiete des ehemaligen Mittelreichs Lothars I., darunter das spätere Lothringen, wurde über Jahrhunderte gestritten. Für diese lange Konfliktgeschichte wird häufig der Begriff „deutsch-französische Erbfeindschaft“ verwendet.
Der habsburgisch-französische und später der französisch-preußische Gegensatz führte wiederholt zu Kriegen. Unter Ludwig XIV. eroberte Frankreich Teile des Elsass und Lothringens; Straßburg wurde 1681 besetzt und 1697 annektiert. Gleichzeitig prägte die französische Kultur die deutschen Fürstenhöfe. Mehrere Zehntausend protestantische Hugenotten, die Ludwig XIV. vertrieben hatte, fanden in deutschen Territorien Zuflucht und wurden dort zu einem wichtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktor.
Die Französische Revolution von 1789 und Napoleons Herrschaft veränderten die deutschen Gebiete grundlegend. Frankreich annektierte das linke Rheinufer; durch Säkularisation und Mediatisierung wurden geistliche und reichsunmittelbare Gebiete neu verteilt. 1806 gründeten 16 deutsche Staaten unter Napoleons Schutz den Rheinbund, während das Heilige Römische Reich endete. Französische Herrschaft brachte zugleich Reformimpulse wie den Code civil. Die Niederlage Preußens führte zu Reformen unter anderem bei Bauernbefreiung, Gewerbe, Judenemanzipation und Bildung. Napoleons Russlandfeldzug von 1812 und die Fremdherrschaft stärkten jedoch ein deutsches Nationalbewusstsein. Die Befreiungskriege, die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 und Napoleons endgültige Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 beendeten seine Vorherrschaft.
Kriege, Grenzfragen und erste Annäherung
Während der deutschen Reichseinigung verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Preußen und Frankreich. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 endete mit einer französischen Niederlage. Im Frieden von Frankfurt wurde Elsass-Lothringen gegen den überwiegenden Willen der Bevölkerung an das neu gegründete Deutsche Reich abgetreten. Die Kaiserproklamation Wilhelms I. im Spiegelsaal von Versailles im Januar 1871 wurde in Frankreich als Demütigung wahrgenommen und förderte den Revanchismus. Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte anschließend, Frankreich außenpolitisch zu isolieren.
Vor dem Ersten Weltkrieg standen sich der Dreibund aus Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien sowie die Triple-Entente aus Frankreich, Großbritannien und Russland gegenüber. Im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 kämpften deutsche und französische Truppen an der Westfront in einem vierjährigen Stellungskrieg mit Millionen Toten. Die Schlacht um Verdun 1916 wurde zum Symbol des Kriegsschreckens.
Nach der deutschen Kapitulation am 11. November 1918 setzte sich Frankreich für einen harten Versailler Vertrag ein. Elsass-Lothringen fiel an Frankreich zurück, Deutschland musste Reparationen leisten. Wegen ausbleibender Zahlungen besetzten französische und belgische Truppen 1923 das Ruhrgebiet. Eine Entspannung erreichten die Außenminister Gustav Stresemann und Aristide Briand mit den Verträgen von Locarno 1925: Deutschland erkannte die im Versailler Vertrag festgelegte deutsch-französische Grenze an. Beide Politiker erhielten den Friedensnobelpreis.
Nach Hitlers Machtübernahme verschlechterten sich die Beziehungen erneut. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg; Frankreich erklärte Deutschland den Krieg. Im Westfeldzug vom 10. Mai bis 22. Juni 1940 besiegte Deutschland Frankreich und besetzte den Norden sowie die Atlantikküste. Im Süden bestand zunächst das mit Deutschland kollaborierende Vichy-Regime, während Charles de Gaulle in Großbritannien eine Exilregierung aufbaute und sich in Frankreich die Résistance entwickelte. Nach der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 wurde Frankreich erneut Hauptkampfgebiet.
Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 entstand eine französische Besatzungszone. Das Saarland wurde 1946 als französisches Protektorat abgetrennt, schloss sich aber nach einer Volksabstimmung zum 1. Januar 1957 der Bundesrepublik Deutschland an. Die 448 Kilometer lange gemeinsame Grenze blieb seit dem Zweiten Weltkrieg unverändert.
Europäische Einigung und politische Freundschaft
Seit der Europa-Erklärung von Jean Monnet und Robert Schuman am 9. Mai 1950 treiben Frankreich und Deutschland die europäische Integration maßgeblich voran. Zusammen mit Italien und den Benelux-Staaten gründeten sie 1952 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz EGKS oder Montanunion. Der Versuch, mit der ebenfalls 1952 gegründeten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft eine europäische Armee mit deutschem Kontingent zu schaffen, scheiterte an der französischen Nationalversammlung. Deshalb entstanden eine nationale Bundeswehr und 1955 der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO.
Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte auf Westintegration, Aussöhnung mit Frankreich und die Wiedergewinnung deutscher Souveränität. Gemeinsam mit Präsident Charles de Gaulle institutionalisierte er die Zusammenarbeit durch den Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963. De Gaulles Vorstellung eines unter französischer Führung geeinten und von den USA unabhängigeren Europas setzte sich jedoch nicht durch, weil die Bundesrepublik am transatlantischen Bündnis festhielt.
Unter Ludwig Erhard und Willy Brandt sowie de Gaulle und Georges Pompidou blieben die Beziehungen vergleichsweise kühl. Mit Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing wurde die Zusammenarbeit ab 1974 wieder enger; sie regten das Europäische Währungssystem und 1979 die Direktwahl des Europäischen Parlaments an. Helmut Kohl und François Mitterrand unterstützten den europäischen Binnenmarkt, die Einheitliche Europäische Akte von 1987 und die Gründung der EU durch den Vertrag von Maastricht 1993. Jacques Chirac und Gerhard Schröder intensivierten die Treffen und vertraten im Irakkrieg gemeinsam eine ablehnende Haltung gegenüber der amerikanischen Politik. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy koordinierten während der Eurokrise eng das Vorgehen der europäischen Staats- und Regierungschefs. Seit 2021 arbeitet Olaf Scholz mit Emmanuel Macron zusammen; trotz Freundschaftsbekundungen gilt das Verhältnis als gespannt. Macron verfolgt das Ziel einer europäischen „strategischen Souveränität“, also größerer Unabhängigkeit von den USA.
Verträge und Versöhnungsgesten
Der Élysée-Vertrag vereinbarte intensive Konsultationen in der Außen-, Verteidigungs-, Bildungs- und Jugendpolitik sowie halbjährliche persönliche Treffen von Bundeskanzler und französischem Staatspräsidenten. Der Bundestag ergänzte bei der Ratifizierung gegen den Willen der Bundesregierung eine Präambel. Sie bekräftigte Deutschlands Bindung an die USA, den Wunsch nach Aufnahme Großbritanniens in die EWG und das Ziel übernationaler Regeln. Damit scheiterte De Gaulles Absicht, der amerikafreundlichen britischen Politik eine deutsch-französische Allianz unter französischer Führung entgegenzustellen.
Die Vertragspartner wollten außenpolitische Positionen abstimmen, gemeinsame Verteidigungs- und Rüstungsstrategien entwickeln, militärisches Personal austauschen und in Jugend-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik enger kooperieren. Am 22. Januar 1988 wurde der Gesetzestext erstmals und bislang einmalig revidiert. Dabei entstanden der Deutsch-Französische Finanz- und Wirtschaftsrat und der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat. In der Verteidigung verlief die Zusammenarbeit zunächst zögerlich, wurde später aber durch die Deutsch-Französische Brigade und das Eurokorps institutionalisiert.
Am 22. Januar 2019 unterzeichneten Angela Merkel und Emmanuel Macron den Vertrag von Aachen. Er soll unter anderem kulturelle Vielfalt fördern, Sicherheitsinteressen angleichen, die verteidigungspolitische Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe in Krisen stärken, den Deutsch-Französischen Bürgerfonds und eine gemeinsame digitale Plattform schaffen sowie grenzüberschreitende Bahnverbindungen verbessern.
Symbolische Gesten machten die Aussöhnung öffentlich sichtbar: Adenauer und de Gaulle besuchten am 8. Juli 1962 eine Versöhnungsmesse in Reims und umarmten sich bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Am 22. September 1984 reichten sich Kohl und Mitterrand vor dem Beinhaus von Douaumont bei Verdun die Hand. Am 6. Juni 2004 nahm mit Gerhard Schröder erstmals ein deutscher Bundeskanzler an einer Gedenkfeier zur alliierten Landung in der Normandie teil. Am 4. September 2013 besuchten Bundespräsident Joachim Gauck und Präsident François Hollande Oradour, wo SS-Soldaten am 10. Juni 1944 insgesamt 548 von 642 Bewohnern getötet hatten.
Bildung, Jugend und gemeinsame Einrichtungen
Bildung und persönliche Begegnungen bilden eine wichtige Grundlage der Partnerschaft. Das 1963 gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk ermöglichte bis 2011 mehr als acht Millionen jungen Menschen die Teilnahme an rund 270.000 Austauschprogrammen. Hinzu kommen Schulpartnerschaften, das Voltaire-Programm, das Erasmus-Programm für Studierende und der Austausch angehender Lehrkräfte und Fremdsprachenassistenten. Französisch wird besonders in deutschen Grenzregionen teilweise bereits an Grundschulen unterrichtet. In Frankreich ist Deutsch nach Englisch und Spanisch die meistgewählte Fremdsprache. Zugleich verfolgt Frankreich laut Artikel eine restriktive Politik gegenüber Minderheitensprachen und damit auch gegenüber dem Deutschen.
Zu den Bildungseinrichtungen gehören die Deutsch-Französische Hochschule von 1999, deutsch-französische Gymnasien mit bilingualem Unterricht und binationalem Abschluss sowie das seit 2007 in beiden Sprachen inhaltsgleich erscheinende Oberstufenlehrbuch „Histoire/Geschichte“. Eine lange Tradition haben Städtepartnerschaften: Die Verbrüderung von Le Mans und Paderborn geht auf das Jahr 836 zurück; als erste moderne Partnerschaft gilt die 1950 beschlossene Verbindung zwischen Ludwigsburg und Montbéliard.
Weitere gemeinsame Einrichtungen und Projekte decken viele Lebensbereiche ab. ARTE ist seit 1991 ein gemeinsam betriebener öffentlich-rechtlicher Fernsehsender. Das Eurokorps von 1992 und die Deutsch-Französische Brigade von 1989 dienen der militärischen Zusammenarbeit. Die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer fördert seit 1955 Wirtschaftsbeziehungen. Der Deutsch-Französische Bürgerfonds besteht seit 2020, das Büro für die Energiewende seit 2006. Die 2019 gegründete Deutsch-Französische Einsatzeinheit Daniel Nivel aus Bundespolizei und Gendarmerie Nationale besitzt Polizeirechte in beiden Ländern und unterstützt besonders in der Grenzregion bei Großereignissen, Katastrophen und schweren Unglücksfällen. Daneben bestehen Kultur-, Übersetzungs-, Medien-, Jugend- und Parlamentsprogramme.
Diplomatie und fortbestehende Konkurrenz
Frankreich unterhält in Deutschland eine Botschaft in Berlin sowie mehrere General- und Honorarkonsulate; Deutschland verfügt über eine Botschaft in Paris und ebenfalls über ein Netz von Konsulaten, auch in französischen Überseegebieten. Beide Staaten gehören der Europäischen Union einschließlich der Eurozone sowie unter anderem NATO, OSZE, OECD, Europarat, G7 und G20 an. Gemeinsam mit Polen bilden sie das Weimarer Dreieck.
Die enge institutionelle Verbindung bedeutet nicht, dass beide Länder stets dieselben Ziele verfolgen. Politische Beobachter weisen auf die Abweichung zwischen dem Ideal der Freundschaft und der tatsächlichen Konkurrenz hin. Die im Artikel dargestellte Staatenkartelltheorie deutet die Partnerschaft deshalb als strategisches Bündnis und kalkulierte Machtallianz innerhalb der Europäischen Union; sie bezeichnet sie als „wesentlich eine ideologisch unterfütterte Kartellbeherrschungsstrategie“. Diese Sichtweise ist eine theoretische Deutung, während die praktische Zusammenarbeit zugleich durch gemeinsame Verträge, regelmäßige Abstimmungen, gesellschaftlichen Austausch und zahlreiche Institutionen abgesichert ist.
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