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Der Vorleser (Film)

Der Vorleser ist ein deutsch-US-amerikanischer Kinofilm aus dem Jahr 2008. Er basiert auf dem 1995 erschienenen gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Inhalt
  3. 3. Entstehung
  4. 4. Dreharbeiten und Fassung
  5. 5. Kritik und Kontroversen
  6. 6. Auszeichnungen und Hörfilm

Überblick

Der Vorleser ist ein deutsch-US-amerikanischer Kinofilm aus dem Jahr 2008. Er basiert auf dem 1995 erschienenen gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink. Regie führte Stephen Daldry, das Drehbuch schrieb David Hare unter Mitwirkung Schlinks. Die Hauptrollen spielen Kate Winslet als Hanna Schmitz, David Kross als junger Michael Berg und Ralph Fiennes als älterer Michael Berg.

Der Film erzählt von einer Beziehung zwischen dem 15-jährigen Schüler Michael Berg und der 20 Jahre älteren Hanna Schmitz, die 1958 beginnt. Später erfährt Michael, dass Hanna während der NS-Zeit KZ-Aufseherin war. Zentrale Themen sind Schuld, Scham, Erinnerung, Verantwortung und der Umgang der Nachkriegsgeneration mit nationalsozialistischen Verbrechen. Der Film ist 124 Minuten lang, wurde in englischer Sprache gedreht und kam am 10. Dezember 2008 in den USA sowie am 26. Februar 2009 in Deutschland in die Kinos. Die Altersfreigabe lautet FSK 12 und JMK 12.

Inhalt

Die Rahmenhandlung spielt 1995. Der Rechtsanwalt Michael Berg trifft seine Tochter Julia und fährt mit ihr zum Grab seiner ersten Liebe Hanna Schmitz. Ihr erzählt er erstmals die ganze Geschichte.

In einer Rückblende ins Jahr 1958 begegnet der 15-jährige Michael in Neustadt der 36-jährigen Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. Sie hilft ihm, als er krank auf der Straße zusammenbricht. Nach seiner Genesung besucht er sie, um sich zu bedanken. Daraus entsteht eine Liebesbeziehung. Hanna hält Michael emotional auf Abstand und nennt ihn oft „Jungchen“. Zwischen beiden entwickelt sich ein Ritual: Michael liest Hanna vor dem Sex aus Büchern vor. Später wird klar, dass Hanna Analphabetin ist, also weder lesen noch schreiben kann, und dies vor ihm verbergen will. Als Michael wieder mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringt, verschwindet Hanna plötzlich.

1966 nimmt Michael während seines Jurastudiums mit Professor Rohl an einem Prozess gegen sechs ehemalige KZ-Aufseherinnen teil. Unter den Angeklagten ist Hanna. Ihr wird Mitverantwortung für Verbrechen an KZ-Häftlingen vorgeworfen, besonders für den Tod von 300 jüdischen Häftlingen in einer zugesperrten brennenden Kirche. Hanna erklärt ihr Verhalten mit erschreckend einfachen Gründen: Im Lager habe es zu wenig Platz gegeben, und beim Öffnen der Kirchentore hätten die Aufseherinnen das entstehende Chaos nicht bewältigen können.

Die anderen Angeklagten schieben Hanna die Hauptverantwortung zu. Eine Handschriftenprobe soll beweisen, dass sie einen Bericht über den Kirchenbrand geschrieben hat. Statt zuzugeben, dass sie Analphabetin ist, bestätigt Hanna die Vorwürfe. Michael erkennt ihr Geheimnis und versteht, dass es viele ihrer Entscheidungen beeinflusste: ihren Eintritt in die SS, ihr Vorlesenlassen durch KZ-Häftlinge, ihr Verschwinden und ihre Übernahme der Hauptschuld im Prozess. Er überlegt, das Gericht zu informieren, schweigt aber. Hanna wird zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt; die anderen Aufseherinnen erhalten jeweils vier Jahre und drei Monate.

1976 beginnt Michael, der nach dem Scheitern seiner Ehe allein lebt, Hanna Tonbandkassetten ins Gefängnis zu schicken. Darauf liest er ihr Werke der Weltliteratur vor. Mithilfe der Aufnahmen bringt Hanna sich selbst Lesen und Schreiben bei und schreibt Michael kurze Briefe. 1988 bittet die Gefängnisleitung Michael, sich um Hanna zu kümmern, weil sie nach mehr als 20 Jahren Haft keine Angehörigen oder Bekannten hat. Er besucht sie kurz vor ihrer Entlassung, bleibt aber kühl und sagt ihr, dass er Wohnung und Arbeit organisiert habe. Kurz vor der Freilassung nimmt Hanna sich das Leben.

In ihrem Testament bittet Hanna Michael, ihr erspartes Geld aus einer blechernen Teedose und 7.000 DM von ihrem Konto einer Überlebenden des Kirchenbrandes zu übergeben. Diese Frau, Ilana Mather, lebt in New York. Sie lehnt das Geld ab, weil die Annahme für sie wie eine Absolution wirken würde. Michael schlägt vor, es in Hannas Namen einer jüdischen Organisation zu spenden, die sich für Alphabetisierung einsetzt. Damit ist Mather einverstanden. Hannas Teedose behält sie, weil sie als Kind eine ähnliche Dose ins KZ mitgenommen hatte. Am Ende erzählt Michael seiner Tochter am Grab Hannas die ganze Geschichte.

Entstehung

Der Film wurde auf deutscher Seite von der Neunte Babelsberg Film GmbH, einer Tochter von Studio Babelsberg, und in den USA von The Weinstein Company und Mirage Enterprises produziert. Das Budget betrug 32 Mio. US-Dollar. Die Filmförderungsanstalt unterstützte den Film mit 500.000 Euro.

Die Rechte an der Verfilmung wurden im April 1998 vom Diogenes Verlag erworben, nachdem 1997 die englische Übersetzung von Schlinks Roman erschienen war. Ursprünglich sollte Anthony Minghella Drehbuchautor und Regisseur sein. David Hare bat jedoch darum, das Drehbuch schreiben zu dürfen. Das Projekt lag fast zehn Jahre, bis Stephen Daldry sich im Herbst 2006 als Regisseur interessierte. Da Hare und Daldry schon bei The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit zusammengearbeitet hatten, übergab Minghella das Projekt an sie.

Die Besetzung der Hanna Schmitz wechselte mehrfach. Kate Winslet war zunächst vorgesehen, lehnte aber wegen Terminschwierigkeiten ab. Danach kamen Cate Blanchett und Nicole Kidman infrage, sagten jedoch wegen Schwangerschaften ab. Harvey Weinstein sprach außerdem mit Naomi Watts und Marion Cotillard. Schließlich übernahm doch Kate Winslet die Rolle, weil Daldry auf ihr bestand. Bernhard Schlink sagte dazu: „Kate Winslet passt wunderbar.“

Dreharbeiten und Fassung

Die Dreharbeiten begannen am 18. September 2007 in Berlin, Görlitz und in der Außenkulisse Berliner Straße des Studio Babelsberg in Potsdam. In der ersten Phase wurden nur Szenen ohne die weibliche Hauptrolle gedreht, da noch auf Nicole Kidmans Entscheidung gewartet wurde. Kameramann war zunächst Roger Deakins. Nach fünf Wochen wurden die Dreharbeiten unterbrochen. Die zweite Phase begann im März 2008 mit Chris Menges als Kameramann und endete am 14. Juli 2008 in Köln, unter anderem in den MMC Studios Hürth.

Weitere Drehorte waren die Buschmühle im Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz, die Wagenhalle der Kirnitzschtalbahn, eine hergerichtete Straßenbahn bei Bad Schandau sowie die Wallfahrtskapelle Maria Schnee in Schönlinde-Schnauhübel in Böhmen. Bernhard Schlink hatte in der Buschmühle einen kurzen Auftritt im Film. An den Produktionskosten beteiligten sich mehrere deutsche Förderinstitutionen, darunter die Filmförderungsanstalt, der Deutsche Filmförderfonds, das Medienboard Berlin-Brandenburg, die Mitteldeutsche Medienförderung und die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, insgesamt mit rund 4 Millionen Euro.

Das musikalische Konzept stammte von Ozren K. Glaser; weitere Kompositionen kamen von Alberto Iglesias und Nico Muhly. In einer Szene singt der Kinderchor der Dresdner Philharmonie Palestrinas Motette Pueri Hebraeorum. Der Soundtrack erschien am 14. Januar 2009 bei Lakeshore Records. Zwei Produzenten, Anthony Minghella und Sydney Pollack, starben 2008 während der Dreharbeiten. Wegen Drucks von Harvey Weinstein, den Film rechtzeitig für Preisverleihungen fertigzustellen, verließ Produzent Scott Rudin die Produktion und ließ seinen Namen nicht im Abspann nennen.

Die deutsche Synchronfassung entstand bei Hermes Synchron in der Medienstadt Babelsberg in Potsdam. Hilke Flickenschildt schrieb das Dialogbuch und führte Synchronregie. Viele deutschsprachige Darsteller synchronisierten ihre Rollen selbst, darunter David Kross, Volker Bruch, Alexandra Maria Lara, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Bruno Ganz und Burghart Klaußner. Ulrike Stürzbecher sprach Kate Winslet als Hanna Schmitz und erhielt 2010 den Deutschen Preis für Synchron für „herausragende weibliche Synchronarbeit“.

Kritik und Kontroversen

Die Reaktionen auf Der Vorleser waren geteilt. Rotten Tomatoes verzeichnete 63 %, Metacritic einen Metascore von 58/100. Besonders umstritten war die Darstellung Hannas und die Frage, ob der Film eine Täterin zu verständnisvoll oder verharmlosend zeige.

In den USA kritisierte der jüdische Journalist Ron Rosenbaum den Film scharf und nannte ihn den schlechtesten Holocaust-Film, der je produziert worden sei. Nach seiner Ansicht vermittle der Film die Botschaft, Deutsche der NS-Zeit von Wissen über die Endlösung freizusprechen. Außerdem kritisierte er, der Film sympathisiere zu stark mit Winslets Figur und lege nahe, Analphabetismus sei beschämender als Beteiligung an Massenmord. Mark Weitzman vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in New York äußerte ähnlich, es gehe um eine Frau, die für den Tod von 300 Juden verantwortlich sei, deren größte Scham aber ihr Analphabetismus sei.

In Deutschland wurde Kate Winslet von vielen Kritikern gelobt; ihre Darstellung galt als nuancenreich und stark. Auch David Kross erhielt Anerkennung. Ralph Fiennes wurde dagegen teils als unterfordert oder unpassend beschrieben. Positive Stimmen sahen im Film eine intensive Auseinandersetzung mit moralischen Maßstäben, Schuld und dem Dilemma der Nachkriegsgeneration. Andere Kritiken bemängelten Sentimentalität, eine zu attraktive oder milde Darstellung der Täterin, leere Nostalgie, Selbstmitleid oder eine problematische Gleichsetzung von Täter- und Opferleid. Besonders strittig war, ob Hannas Analphabetismus als Erklärung für ihre Handlungen den Holocaust verharmlost oder nur ein persönliches Motiv in einer Schuldgeschichte zeigt.

Auszeichnungen und Hörfilm

Kate Winslet wurde 2009 für ihre Rolle als Hanna Schmitz mehrfach ausgezeichnet. Sie erhielt den Oscar als Beste Hauptdarstellerin, den Golden Globe als Beste Nebendarstellerin, den Screen Actors Guild Award als Beste Nebendarstellerin, den BAFTA Award als Beste Hauptdarstellerin, den Bambi als Schauspielerin International und den Europäischen Filmpreis als Beste Darstellerin.

Der Film erhielt außerdem Nominierungen für den Golden Globe in den Kategorien Bester Film – Drama, Beste Regie und Bestes Drehbuch. Weitere Nominierungen gab es bei den BAFTA Awards für Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch und Beste Kamera sowie bei den Oscars für Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch und Beste Kamera.

2009 produzierte der Bayerische Rundfunk eine Audiodeskription des Films. Eine Audiodeskription ist eine gesprochene Bildbeschreibung für blinde und sehbehinderte Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie wurde bei Fernsehausstrahlungen verwendet und ist auf der DVD enthalten. Die von Annette Wunsch und Bernd Benecke gesprochene Fassung erhielt 2010 den Publikumspreis des deutschen Hörfilmpreises.

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