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Der Vorleser
Der Vorleser ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink aus dem Jahr 1995. der Bundesrepublik der 1960er Jahre. Das Buch wurde in über 50 …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
Der Vorleser ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink aus dem Jahr 1995. Er ist dreiteilig aufgebaut und wird vom Ich-Erzähler Michael Berg rückblickend aus der Erzählgegenwart der 1990er Jahre erzählt. Anfangs steht Michaels ungleiche erotische Beziehung zu Hanna Schmitz im Mittelpunkt, die 21 Jahre älter ist als er. Später verschiebt sich der Schwerpunkt auf ethische und juristische Fragen: Wie geht die Bundesrepublik der 1960er Jahre mit Täterinnen und Tätern des Holocaust um? Welche Formen von Schuld, Verdrängung und Verantwortung zeigt der Roman?
Das Buch wurde in über 50 Sprachen übersetzt (Stand 2020). In den USA erschien es 1997 unter dem Titel The Reader und wurde ein Bestseller. Der Roman ist auch im Schulunterricht wichtig, weil er in Lehrplänen der Sekundarstufe I und II verschiedener deutscher Bundesländer verankert ist. In der Rezeption werden besonders die Schuldproblematik, die Darstellung der NS-Vergangenheit und zunehmend auch die Frage nach sexuellem Missbrauch diskutiert.
Handlung
Im ersten Teil erkrankt der fünfzehnjährige Schüler Michael Berg an Gelbsucht. Als er sich in einem Hauseingang übergeben muss, hilft ihm Hanna Schmitz, eine 36 Jahre alte Straßenbahnschaffnerin. Nach seiner Genesung besucht Michael sie, um sich zu bedanken. Zwischen beiden beginnt eine sexuelle Beziehung. Ihre Treffen folgen festen Ritualen: Baden, Liebesakt und Vorlesen. Michael liest Hanna zuerst Schullektüren, später selbst ausgewählte Bücher vor. Hanna reagiert oft streng oder verletzend, und Michael nimmt die Schuld für Konflikte auf sich. Mit dem neuen Schuljahr nähert er sich Gleichaltrigen, besonders Sophie, und fühlt sich deshalb Hanna gegenüber schuldig. Als Hanna ihn im Schwimmbad mit Jugendlichen sieht, verschwindet sie kurz darauf nach Hamburg. Aus Hannas später genanntem Geburtsdatum, dem 21. Oktober 1922, ergibt sich, dass der erste Teil 1958/59 spielt und Michael im Juli 1943 geboren wurde.
Im zweiten Teil studiert Michael sieben Jahre später Jura und besucht mit Kommilitonen einen Kriegsverbrecherprozess gegen ehemalige Wärterinnen eines Außenlagers von Auschwitz. Angeklagt wird unter anderem, dass Gefangene bei einem Todesmarsch in eine Kirche gesperrt wurden und nach einem Bombenangriff verbrannten. Unter den Angeklagten erkennt Michael Hanna wieder. Ihr wird außerdem Beteiligung an Selektionen vorgeworfen, bei denen monatlich die Schwächsten in die Gaskammern von Auschwitz geschickt worden seien. Eine jüdische Überlebende berichtet, Hanna habe Häftlinge bevorzugt, die ihr vorgelesen hätten. Hanna bestreitet die Taten nicht so wie die Mitangeklagten. Als ihr vorgeworfen wird, einen belastenden Bericht geschrieben zu haben, gibt sie dies zu, um eine Schriftprobe zu vermeiden. Michael erkennt daraus, dass Hanna Analphabetin ist, also nicht lesen und schreiben kann. Er gerät in ein moralisches Dilemma, greift aber nicht in den Prozess ein. Hanna wird als Hauptschuldige zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt; die Mitangeklagten erhalten kürzere Strafen.
Im dritten Teil wird Michael Rechtshistoriker, weil er sich nach dem Prozess weder als Verteidiger noch als Staatsanwalt oder Richter vorstellen kann. Seine Ehe mit Gertrud scheitert, auch spätere Beziehungen bleiben unerfüllt. Nachdem Hanna sieben Jahre in Haft ist, nimmt Michael das Vorleseritual wieder auf: Er schickt ihr Kassetten, auf denen er Bücher vorliest. Mithilfe dieser Kassetten bringt Hanna sich Lesen und Schreiben bei und schreibt Michael Briefe, die er nicht beantwortet. Kurz vor ihrer Entlassung nach 18 Jahren bittet die Gefängnisleiterin Michael, Hanna bei der Eingliederung zu helfen. Er besucht sie, fühlt aber Distanz. Am Tag ihrer Entlassung hat Hanna sich erhängt. In ihrer Zelle findet Michael Bücher von Holocaustüberlebenden, KZ-Literatur und ein Foto von sich als Abiturient. Hannas Erspartes soll nach ihrem Willen an die Überlebende des Kirchenbrands gehen. Diese nimmt das Geld nicht persönlich an, erlaubt aber, es in Hannas Namen einer jüdischen Organisation zur Bekämpfung des Analphabetismus zu spenden.
Michael und Hanna
Die Handlung ist stark auf Michael Berg und Hanna Schmitz zugeschnitten. Beide Figuren erscheinen ambivalent, also widersprüchlich und nicht eindeutig festgelegt. Wichtig ist: Fast alles über Hanna erfährt man aus Michaels Sicht oder aus Berichten anderer, die Michael wiedergibt. Deshalb bleibt offen, wie Hanna unabhängig von Michaels Wahrnehmung wirklich ist.
Michael wird zunächst als durchschnittlicher, träumerischer Jugendlicher beschrieben. Die Beziehung zu Hanna trennt ihn emotional von seiner bisherigen Welt. Er ordnet sich ihr unter, fühlt sich von ihr abhängig und erlebt ihr Verschwinden als Verrat seinerseits. Später erkennt er Hanna im Prozess als ehemalige KZ-Aufseherin wieder. Dadurch entstehen neue Schuldgefühle: Er hat eine Verbrecherin geliebt. Sein Wissen um Hannas Analphabetismus könnte sie in einem Punkt entlasten, doch er handelt nicht. Als Erwachsener bleibt Michael distanziert, bindungsunsicher und vergleicht andere Frauen mit Hanna. Das Schreiben seiner Geschichte erscheint als Versuch, den inneren Konflikt zu bearbeiten.
Hanna wird als widersprüchliche Figur dargestellt. Michael deutet viele Stationen ihres Lebens als Versuch, ihren Analphabetismus zu verbergen. Aus Angst vor Entdeckung reagiert sie mit Anpassung, Flucht oder Aggression. Zu ihren Eigenschaften gehören Pflichtgefühl, Arbeitsmoral, Unterordnung unter Hierarchien und Ordnungssinn. Gleichzeitig zeigt sie Brutalität und Unfähigkeit, ihre Rolle im Nationalsozialismus moralisch angemessen zu verstehen. In der Haft lernt sie lesen und schreiben und setzt sich mit Literatur über Konzentrationslager und Holocaust auseinander. Dadurch verändert sich ihre Denkweise. Die Gründe für ihre Selbsttötung werden nicht eindeutig festgelegt: Genannt werden ihr wachsendes Schuldbewusstsein, ihre Abhängigkeit von Michael, die Angst vor der Außenwelt nach der Haft und ein körperlicher und sozialer Verfallsprozess.
Nebenfiguren und Schauplätze
Michaels Familie gehört zum gehobenen Bürgertum und hat in den 1950er Jahren eine klassische Rollenverteilung. Der Vater ist Philosophieprofessor, spezialisiert auf Kant und Hegel, und hält seine Kinder emotional und körperlich auf Distanz. Die Mutter wird positiver dargestellt, kann Michael aber offenbar nicht dauerhaft Nähe geben. Seine Geschwister spielen nur eine kleinere Rolle.
Gertrud ist Michaels Kommilitonin und spätere Ehefrau. Sie wird als „gescheit, tüchtig und loyal“ beschrieben. Michael heiratet sie, als sie ein Kind erwartet. Die gemeinsame Tochter heißt Julia. Nach fünf Jahren lassen sich Michael und Gertrud scheiden; Julia leidet darunter und lebt später in einem Internat. Weitere Partnerinnen Michaels, Helen, Gesina und Hilke, zeigen vor allem seine Bindungsstörung und das Desinteresse vieler Figuren an der Vergangenheit.
Im Prozess treten mehrere wichtige Nebenfiguren auf: Der Professor des KZ-Seminars ist aus der Emigration zurückgekehrt und gilt in der deutschen Rechtswissenschaft als Außenseiter. Der Richter verkörpert die offizielle juristische Aufarbeitung, wirkt aber hilflos, als Hanna ihn fragt, wie er damals gehandelt hätte. Die Mitangeklagten schieben Hanna Verantwortung zu. Die jüdische Überlebende in New York verweigert Hanna nach deren Tod Absolution, zeigt Michael gegenüber aber Mitgefühl. Die Gefängnisleiterin setzt sich für Hannas Resozialisierung ein und vermittelt Michael nach Hannas Tod deren Testament.
Die Heimatstadt Michaels wird im Roman nicht ausdrücklich genannt, doch topografische Hinweise wie Heiligenberg, Philosophenweg und Neuenheimer Feld deuten auf Heidelberg und die Metropolregion Rhein-Neckar. Straßen und Häuser passen zur Heidelberger Weststadt, in der Bernhard Schlink aufwuchs. Die Gerichtsverhandlung im zweiten Teil findet in einer anderen Stadt statt, die mit dem Auto knapp eine Stunde entfernt ist; der Roman scheint hier auf die Frankfurter Auschwitzprozesse anzuspielen.
Stil und Erzählweise
Schlinks Stil ist in den erzählenden Passagen meist schlicht und präzise. Jahreszahlen werden fast nie genannt; eine Ausnahme ist Hannas Geburtsdatum. Auch Ortsnamen bleiben oft ausgespart. Frauen, mit denen Michael intim war, erhalten meist Vornamen, während andere Figuren häufig über ihre soziale Rolle bezeichnet werden, etwa als Gefängnisdirektorin oder Jüdin in New York.
Der Satzbau ist oft parataktisch oder syntaktisch einfach, das heißt: Viele Sätze sind kurz oder bestehen aus gleichgeordneten Teilsätzen. Wichtige Wendungen der Handlung werden manchmal in knappen Kapiteleröffnungen mitgeteilt. In reflektierenden Passagen wird die Sprache poetischer. Auffällig sind Gegensätze und Bilder, etwa wenn Michael Erinnerungsbilder von Hanna beschreibt, die er auf eine „innere Leinwand“ projizieren könne.
Die Erzählhaltung ist die eines älteren Ich-Erzählers, der auf sein früheres Leben zurückblickt. Dabei bleibt emotionale Nähe spürbar. Zugleich wirkt der Erzähler an manchen Stellen unzuverlässig oder irritierend, weil er vieles nicht ausdrücklich bewertet. So erkennt Michael Hannas Analphabetismus erst im Prozess, obwohl der Text rückblickend viele Hinweise darauf bietet. Außerdem urteilt der erwachsene Michael über Hanna auf Grundlage von Akten, Literatur und Distanz, obwohl er Richter, Anwälte und Staatsanwälte wegen ihrer Urteilsbildung kritisch sieht.
Rezeption und Verfilmung
In der wissenschaftlichen Kritik steht besonders die Schuldproblematik im Mittelpunkt. Der Roman verbindet persönliche Schuldgefühle Michaels mit der historischen Schuld durch nationalsozialistische Verbrechen. Michaela Kopp-Marx versteht den Roman als literarische Auseinandersetzung mit der umstrittenen Kollektivschuld-These. Andere Kritikerinnen und Kritiker werfen Schlink vor, NS-Täterschaft zu verharmlosen, weil Hannas Schuld teilweise mit Analphabetismus und Zufällen verbunden werde. Schlink selbst widersprach mehreren Deutungen: Er meine nicht, Hanna sei wegen ihres Analphabetismus unschuldig, Bildung mache automatisch moralisch, Hanna sei durch Lesenlernen geläutert oder der Roman sei ein Schlüsselroman über sexuellen Missbrauch.
Viele literarische Kritiken lobten den Roman wegen seines präzisen Stils, der direkten Erzählweise und seiner besonderen Form der Vergangenheitsbewältigung. Andere kritisierten scharf, dass der Roman zur Identifikation mit einer schuldigen Täterfigur zwinge. In späteren Interpretationen rückte stärker die Frage in den Vordergrund, ob Michaels Beziehung zu Hanna als sexuelle Überforderung oder Missbrauch verstanden werden müsse.
Der Roman wurde international sehr erfolgreich. Er erreichte Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times; Oprah Winfreys Ankündigung, The Reader in ihrem Book Club zu besprechen, führte in den USA zu einer Million verkaufter Taschenbuch-Exemplare. Zu den Auszeichnungen gehören der Prix Laure Bataillon 1997, der Hans-Fallada-Preis 1998, der WELT-Literaturpreis 1999, der Evangelische Buchpreis 2000 und der Eeva-Joenpelto-Preis 2001.
2007 und 2008 entstand die englischsprachige Verfilmung The Reader unter der Regie von Stephen Daldry, mit einem Drehbuch von David Hare. Kate Winslet übernahm die Rolle der Hanna Schmitz, nachdem Nicole Kidman wegen ihrer Schwangerschaft ausfiel. Weitere Darstellerinnen und Darsteller waren unter anderem David Kross, Ralph Fiennes, Bruno Ganz und Hannah Herzsprung. Die Weltpremiere fand am 3. Dezember 2008 in New York statt, der deutsche Kinostart war am 26. Februar 2009. Kate Winslet erhielt 2009 für ihre Rolle einen Golden Globe und den Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“.