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Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist eine Gedenkstätte am Berliner Tiergarten, die am 27. Mai 2008 eingeweiht wurde.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Gestaltung
  2. 2. Der Film im Denkmal
  3. 3. Entstehung und Einweihung
  4. 4. Kunstwettbewerb und Zielsetzung
  5. 5. Streit um die Darstellung lesbischer Frauen
  6. 6. Gedenkfeier und Beschädigungen

Bedeutung und Gestaltung

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist eine Gedenkstätte am Berliner Tiergarten. Es wurde am 27. Mai 2008 eingeweiht und soll an die verfolgten und ermordeten homosexuellen Menschen erinnern. Zugleich soll es das Wissen über das begangene Unrecht wachhalten und ein dauerhaftes Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.

Das Denkmal steht in der Nähe weiterer zentraler Gedenkorte für Opfer der NS-Verbrechen: des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie des Gedenk- und Informationsorts für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Betreut wird es wie diese Gedenkorte von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Entworfen wurde es vom dänisch-norwegischen Künstlerduo Elmgreen und Dragset, Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Es besteht aus einem 3,60 Meter hohen und 1,90 Meter breiten Betonquader. Durch eine verglaste Öffnung ist ein kurzer Film zu sehen. Das Werk gilt als drittes vollplastisches Mahnmal dieser Art in Deutschland nach dem Frankfurter Engel von 1994 und dem Kölner Rosa Winkel von 1995.

Eine Gedenktafel in deutscher und englischer Sprache informiert über das Denkmal. Sie erinnert außerdem daran, dass die Verfolgungen homosexueller Menschen in der Bundesrepublik und der DDR fortdauerten; dabei wird auf Paragraph 175 verwiesen.

Der Film im Denkmal

Im Inneren des Denkmals wird ein Film in Endlosschleife gezeigt. Nach der ursprünglichen Planung sollte die Videosequenz regelmäßig durch eine neue ersetzt werden. Dafür sollte alle zwei Jahre eine Ausschreibung stattfinden; eine Jury sollte den jeweils neuen Film auswählen.

Seit der Einweihung war zunächst dreieinhalb Jahre lang ein Film mit zwei sich küssenden Männern im Tiergarten zu sehen. Er wurde im Auftrag der Künstler von dem Regisseur Thomas Vinterberg und dem Kameramann Robby Müller auf altem ORWO-Schwarzweiß-Film gedreht.

Am 26. Januar 2012 wurde dieser Film durch Kuss ohne Ende ersetzt. Die neue Sequenz zeigt sich küssende Frauen- und Männerpaare unterschiedlichen Alters und wurde von Gerald Backhaus gemeinsam mit Bernd Fischer und Ibrahim Gülnar gedreht. Vom 7. Oktober 2014 bis zum 10. Januar 2017 war wieder der ursprüngliche Film zu sehen; seitdem wird erneut der Backhaus-Film gezeigt.

Obwohl ein regelmäßiger Wechsel vorgesehen war, gab es seit 2014 keine neue Ausschreibung für die Gestaltung des Films.

Entstehung und Einweihung

Die homosexuellen Verfolgten des Nationalsozialismus blieben in Deutschland lange Zeit aus dem öffentlichen Gedenken ausgeschlossen. Ein Wandel der Erinnerungspolitik setzte 1985 ein. In seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes bezog Bundespräsident Richard von Weizsäcker erstmals auch zuvor verschwiegene Verfolgtengruppen in das Gedenken ein.

Die 1993 gegründete Initiative Der homosexuellen NS-Opfer gedenken, zu der unter anderem Albert Eckert gehörte, und der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) setzten sich gemeinsam für ein Denkmal des Bundes ein. 2002 wurden die Opfer des Homosexuellen-Paragraphen 175 aus der NS-Zeit durch das NS-Unrechtsaufhebungsgesetz gesetzlich rehabilitiert.

Der Deutsche Bundestag beschloss am 12. Dezember 2003, in Berlin-Mitte ein Denkmal zu errichten. Die Einweihung fand am 27. Mai 2008 statt. An ihr nahmen unter anderem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der Kulturstaatsminister Bernd Neumann teil; sie stieß auf großes Medieninteresse.

Am 27. Januar 2012 erhielt Albert Eckert für sein Engagement in der Initiative Der homosexuellen NS-Opfer gedenken das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Zum zehnten Jahrestag der Eröffnung hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 3. Juni 2018 eine Rede vor dem Denkmal. Als erster deutscher Bundespräsident bat er die homosexuellen Opfer des NS-Regimes direkt um Vergebung. Er erklärte außerdem ausdrücklich, dass die sexuelle Orientierung und sexuelle Identität von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Queers, Trans- und Intersexuellen unter dem Schutz des deutschen Staates stehen und ihre Würde unantastbar ist.

Kunstwettbewerb und Zielsetzung

Zur Umsetzung des Bundestagsbeschlusses veranstaltete das Land Berlin im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland einen Kunstwettbewerb. Ein Preisgericht wählte 2006 aus 17 Einsendungen den Entwurf von Michael Elmgreen und Ingar Dragset aus, die in Berlin lebenden dänisch-norwegischen Künstler.

Im vorbereitenden öffentlichen Kolloquium wies der LSVD darauf hin, dass die nationalsozialistische Behandlung homosexueller Frauen und Männer sehr unterschiedlich gewesen sei. Diese Unterschiede müssten bekannt sein. Zugleich dürfe das Denkmal nicht ausschließend wirken, sodass sich lesbische Frauen nicht angesprochen fühlten.

Nach einer Ankündigung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus dem Jahr 2007 sollte die Denkmalskonzeption weiterentwickelt werden. Der Film sollte alle zwei Jahre ausgetauscht werden, damit auch Bilder von Frauen gezeigt werden konnten. Eine Expertenjury sollte jeweils über den neuen Film entscheiden.

Streit um die Darstellung lesbischer Frauen

Der LSVD kritisierte den Entwurf, weil die Lesben bei einem gegenwartsbezogenen Zeichen gegen Ausgrenzung nicht angemessen berücksichtigt würden. Lesbische Beziehungen waren im Nationalsozialismus nicht strafrechtlich verfolgt. Wenn den Nationalsozialisten jedoch die Homosexualität inhaftierter Frauen bekannt war, konnte dies eine verschärfte Bedrohung bedeuten. Außerdem wurde die Infrastruktur homosexueller Menschen insgesamt zerschlagen; lesbische Frauen lebten eingeschüchtert und waren in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Der LSVD-Vertreter im Preisgericht erklärte, die geplante Darstellung könne den Eindruck erwecken, das Denkmal beziehe sich ausschließlich auf schwule Männer. Lesben müssten integrativer Teil der künstlerischen Darstellung sein und dürften nicht nur durch zusätzliche Informationen erwähnt werden. Auch die Zeitschrift Emma protestierte am 28. August 2006 gegen eine Darstellung, die ausschließlich männliche Homosexuelle zeigte.

Die Künstler wiesen die Absicht eines Ausschlusses zurück. In ihrer Erklärung Ein Porträt ist keine Repräsentation betonten sie, ein Denkmal sei eine Form künstlerischen Ausdrucks und das Ergebnis persönlicher Interpretation. Die Darstellung zweier sich küssender Männer begründeten sie damit, dass sie Machismus und Homophobie als eng verbunden betrachteten.

Die Strafrechtsprofessorin Monika Frommel vertrat dagegen die Ansicht, das Denkmal solle nur schwulen Männern gewidmet sein, da die Situation lesbischer Frauen keine Verfolgung im gleichen Sinn dargestellt habe. Die LSVD-Mitgliederversammlung Berlin-Brandenburg sprach sich am 28. Oktober 2006 dafür aus, den preisgekrönten Entwurf in seiner Form und entsprechend den historischen Tatsachen umzusetzen.

Auch die Leiter von KZ-Gedenkstätten wandten sich am 19. Mai 2007 gegen eine ihrer Ansicht nach mögliche Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke. Die Historiker Joachim Müller und Alexander Zinn dokumentierten beziehungsweise untersuchten die Situation lesbischer Frauen und die Debatte. Zinn kam zu dem Ergebnis, dass sich eine Verfolgung weiblicher Homosexualität im Nationalsozialismus historiografisch nicht nachweisen lasse. Diese Einschätzungen standen der Position gegenüber, dass Einschränkungen von Freiheitsrechten und die Unterdrückung lesbischer Infrastruktur berücksichtigt werden müssten.

Nach längerer Diskussion entschied die Bundesregierung, den Film regelmäßig auszutauschen, damit auch Frauen dargestellt werden konnten. Der für 2010 geplante Wechsel löste erneut Proteste von KZ-Gedenkstättenleitern und Historikern aus. Kulturstaatsminister Neumann verwies dagegen auf das Verbot von Zeitschriften für Lesben als Beleg dafür, dass auch Lesben in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt worden seien.

Gedenkfeier und Beschädigungen

Am 28. Juni 2008, dem Christopher Street Day, fand am Denkmal eine Gedenkfeier statt. Daran nahm auch Rudolf Brazda teil, der wegen Homosexualität im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen war. Zu den Rednern gehörten Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Petra Rosenberg, Günter Dworek und Alexander Zinn.

Knapp drei Monate nach der Einweihung wurde das Denkmal erstmals mutwillig beschädigt. Am 17. August 2008 zerschlugen Unbekannte das Sichtfenster, durch das die Kuss-Szene zu sehen war. Politiker verschiedener Parteien werteten den Anschlag als Hinweis auf eine steigende Gewaltbereitschaft gegen Homosexuelle. Am folgenden Tag fand vor dem Denkmal eine Protestkundgebung mit 250 Teilnehmern und einer Ansprache des Regierenden Bürgermeisters statt.

In der Nacht zum 16. Dezember 2008 wurde das Sichtfenster erneut eingeschlagen. Am 5. April 2009 wurde das Mahnmal ein drittes Mal innerhalb von neun Monaten beschädigt; dabei wurde die Sichtscheibe zerkratzt.

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