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Dem deutschen Volke
... Dativobjekt“ behandelt würde, gegenüber der Schweiz, in der das Staatsvolk als Souverän selbst handle. In neuerer Zeit wurde die Inschrift …
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Kern und Bedeutung
„Dem deutschen Volke“ lautet die 16 m breite Inschrift auf dem Architrav über dem Westportal des Reichstagsgebäudes in Berlin. Sie ist in Versalien, also Großbuchstaben, geschrieben. Die Buchstaben sind 60 cm hoch und wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigt. Die Schrift wurde eigens von Peter Behrens entworfen.
Die Inschrift ist eine Widmung des Parlamentsgebäudes. Sie wird üblicherweise ergänzt als „(Dieses Parlament ist) dem deutschen Volke (gewidmet)“ oder „(Die Arbeit der Politiker ist) dem deutschen Volke (gewidmet)“. Ihre Bedeutung war politisch umstritten, weil sie die Rolle des Volkes und die Frage nach Volkssouveränität berührt: also die Vorstellung, dass politische Herrschaft vom Volk ausgeht.
Der ursprüngliche Plan
Der Architekt Paul Wallot hatte die Inschrift „Dem deutschen Volke“ für das von ihm entworfene und 1894 fertiggestellte Reichstagsgebäude vorgesehen. Schon damals entstand darüber eine Debatte in Parlament und Presse. Der Berliner Lokal-Anzeiger nannte den Plan am 11. Dezember 1894 „naiv, beinahe komisch“, weil das deutsche Volk bereits Besitzer und Bauherr des Hauses sei.
Nach dem Politikwissenschaftler Klaus von Beyme lehnte Kaiser Wilhelm II. die Formulierung ab, weil sie die Volkssouveränität würdige. Es wurden andere Vorschläge gemacht: Die Reichstagsbaukommission schlug „Dem Deutschen Reiche“ vor, Wilhelm II. „Der Deutschen Einigkeit“. Auch spöttische und politische Alternativen kursierten in Zeitungen, etwa „Dem deutschen Heere“, „Der deutschen Presse“ oder „Dem deutschen Volke ist der Eintritt verboten“.
Der Abgeordnete Friedrich von Payer griff das Thema am 12. Dezember 1894 im Reichstag auf. Er kritisierte, dass das Fehlen der Inschrift der Eintracht nicht förderlich sei, und machte ironisch den Vorschlag „Dem deutschen Volke und seinem hehren Bundesrat“.
Anbringung im Ersten Weltkrieg
Die vorgesehene Stelle blieb mehr als 20 Jahre lang leer. Der Kunsthistoriker Bernd Roeck deutete dies als Zeichen „ungeklärter Identität“ und nannte den Reichstag dieser Zeit ein „Emblem ohne Motto“. Auch bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 blieb die Debatte um mögliche Inschriften bestehen.
1915 brachte Arnold Wahnschaffe, Unterstaatssekretär im Reichskanzleramt, die Frage erneut auf. Er befürchtete, dass Kaiser Wilhelm II. mit jedem weiteren Kriegstag Unterstützung im Volk verliere. Die Inschrift könne aus seiner Sicht helfen, diesem Treueverlust entgegenzuwirken. Wilhelm II. erteilte keine ausdrückliche Genehmigung, erklärte aber, er habe keine Bedenken, falls die Reichstagsausschmückungs-Kommission die Anbringung beschließe.
Ende August 1915 gab Reichstagspräsident Johannes Kaempf den Beschluss bekannt, die Inschrift in Auftrag zu geben. Angebracht wurde sie schließlich vom 20. bis 24. Dezember 1916. Laut Bernd Roeck geschah dies „ohne großes Medieninteresse“ und blieb angesichts des Weltkriegs eine eher beiläufige Geste.
Schrift und Material
Auch die Gestaltung der Buchstaben war umstritten. Einige wollten eine klassische Capitalis, also eine antike Großbuchstabenschrift. Andere forderten für den deutschen Reichstag die „deutsche Schrift“ Fraktur. Der Innenstaatssekretär Theodor Lewald beauftragte schließlich den Architekten und Typographen Peter Behrens.
Behrens entwarf zusammen mit Anna Simons eine Mischform, die der Historiker Peter Rück 1993 als „Kapital-Unzial-Fraktur-Bastarda“ beschrieb. Die Schrift verband also Elemente klassischer Großbuchstaben, der Unziale und der Fraktur.
Für den 16 m langen Text mit 60 cm hohen Buchstaben wurden zwei erbeutete Kanonen aus den Befreiungskriegen gegen Frankreich 1813–1815 eingeschmolzen. Die Ausführung übernahm die Bronzegießerei Loevy, ein jüdisches Familienunternehmen. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Inschrift wurde beim Wiederaufbau wiederhergestellt und beim Umbau des Gebäudes 1994–1999 erneuert.
Gegeninschrift und Kritik
Nach dem Totalumbau des Reichstagsgebäudes am Ende des 20. Jahrhunderts wurde erneut über die Inschrift gestritten. Kritiker meinten, „Dem deutschen Volke“ spreche nur die deutsche Bevölkerung im engeren Sinn an und schließe die vielen Zuwanderer aus anderen Ländern aus.
Daraus entstand ein Kunstprojekt von Hans Haacke im Lichthof des Gebäudes. Dort wurde ein 21 m × 7 m großer, von Holzbohlen eingefasster Trog angelegt. Abgeordnete aus allen Teilen Deutschlands brachten Erde und Pflanzen aus ihren Herkunftsgebieten mit und pflanzten sie ein. Der Garten trägt die aus großen weißen Versalien gebildete Inschrift „Der Bevölkerung“, die von oben sichtbar ist. Die Schriftart entspricht der historischen Inschrift über dem Portal.
Haacke begründete das Projekt damit, dass die alte Inschrift „historisch belastet“ sei und fast zehn Prozent der Bewohner der Bundesrepublik keine deutschen Staatsbürger seien. Den Abgeordneten des Bundestages seien auch diese Menschen „moralisch verantwortlich“. Das Kunstwerk blieb umstritten, auch weil nicht der Bundestag selbst über seine Einrichtung entschieden hatte.
Deutung und politische Aktionen
Die Inschrift wurde unterschiedlich gedeutet. Zwei Schweizer Politiker, Tim Guldimann und Moritz Leuenberger, sahen sie in den 2010er Jahren als Ausdruck eines anderen Volksverständnisses: In Deutschland erscheine das Volk als repräsentierter Souverän, der als „Dativobjekt“ behandelt werde; in der Schweiz handle das Staatsvolk stärker selbst als Souverän.
In neuerer Zeit wurde die Inschrift mehrfach für politische Kletteraktionen genutzt. Im April 2007 überdeckten Aktivisten sie mit einem ähnlich gestalteten Banner „Der deutschen Wirtschaft“, um gegen Lobbyismus und Kapitalismus zu demonstrieren. Im September 2009 ergänzten Greenpeace-Aktivisten „Dem deutschen Volke“ mit „eine Zukunft ohne Atomkraft“. Am 3. Juli 2020 wiederholte Greenpeace die Aktion mit „eine Zukunft ohne Kohlekraft“, um gegen das Kohleausstiegsgesetz zu protestieren.