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Ironie
Ironie (altgriechisch εἰρωνεία eirōneía, wörtlich „Verstellung, Vortäuschung“) bezeichnet zunächst eine rhetorische Figur (auch als rhetorische Ironie oder …
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Was Ironie bedeutet
Ironie ist zunächst eine rhetorische Figur: Der Sprecher sagt etwas, das nicht seiner tatsächlichen Einstellung oder Überzeugung entspricht. Zugleich lässt er für ein bestimmtes Publikum erkennen, dass die Aussage nicht wörtlich gemeint ist. Ironie kann dazu dienen, sich von einer Haltung zu distanzieren, sie polemisch anzugreifen oder durch Humor ein „Wir-Gefühl“ zwischen Sprecher und Zuhörern herzustellen.
Ironie ist nicht auf das direkte Gegenteil des Gesagten beschränkt. Gemeint kann auch eine indirekte Bewertung sein. Wenn ein Politiker als „stets außerordentlich gut gekleidet“ bezeichnet wird, kann dadurch angedeutet werden, dass ihm wichtige politische Fähigkeiten oder ein eigenes Profil fehlen. Die Aussage ist dann nicht falsch; ironisch ist vielmehr, dass nur seine Kleidung erwähnt wird.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnet Ironie außerdem eine literarisch-philosophische Haltung. In der romantischen Ironie scheint ein Kunstwerk seinen eigenen Entstehungsprozess mitzudarstellen. Ironie kann sich dabei zwischen dem wörtlich Gesagten und dem traditionell ironisch Gemeinten bewegen. Thomas Mann nannte diese Haltung eine „heitere Ambiguität“: Gegensätze sollen nebeneinander gelten können, sodass aus einem „Entweder-oder“ ein „Sowohl-als-auch“ wird.
Bei Ereignissen spricht man von metaphysischer Ironie, Ironie des Schicksals, Ironie der Geschichte oder Ironie des Lebens. Gemeint sind besondere, meist unvorhersehbare Beziehungen zwischen Absicht und Zufall. Dabei wirkt es, als ob das Schicksal eine menschliche Absicht ironisch durchkreuze oder auf unerwartete Weise erfülle.
Rhetorische Ironie und ihre Funktion
Die einfachste Form der rhetorischen Ironie besteht darin, das Gegenteil dessen zu sagen, was man meint. Der Sprecher vertraut darauf, dass die Zuhörer den Gegensinn erkennen. Ironiesignale wie Mimik, Gestik, Betonung oder Anführungszeichen können dabei helfen, eine nicht wörtliche Bedeutung zu kennzeichnen.
Ironie beruht meist auf geteilten Wissensbeständen. Sprecher und Hörer wissen, welche Überzeugung normalerweise gilt. Die ironische Äußerung scheint gegen dieses gemeinsame Wissen zu verstoßen. Der Hörer erkennt dadurch, dass die Aussage nicht einfach als sachliche Information gemeint sein kann. Die Theorie der konversationellen Implikaturen von Paul Grice erklärt, wie aus einer solchen Äußerung eine indirekte Bedeutung erschlossen werden kann. Sie liefert Kriterien zum Erkennen von Ironie, erklärt aber nicht vollständig ihre Funktion.
In der Linguistik wird diese Funktion als Bewertungskommunikation beschrieben. Ironie äußert eine Bewertung indirekt. Erklärungsansätze sehen darin entweder eine „Bewertungskluft“ zwischen dem Geschehen und dem Gemeinten oder eine zusätzliche Botschaft über die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern. Eine ironische Kritik kann zum Beispiel zeigen, dass trotz der Kritik eine affektive Einvernehmlichkeit besteht. Gegenüber einer direkten Kritik wirkt sie zurückhaltender und kann signalisieren, dass die Beziehung positiver bewertet wird als der kritisierte Gegenstand.
Die erfolgreiche Verwendung von Ironie zeigt außerdem, dass der Sprecher die Überzeugungen des Gegenübers einschätzen und dessen Gedanken vorwegnehmen kann. Ironie kann dadurch intellektuelle Überlegenheit ausdrücken. In hierarchischen Situationen, etwa zwischen Dozent und Student, wird dieses Vorrecht teilweise als „Ironierecht“ bezeichnet; es steht in der Regel dem höher gestellten Kommunikationspartner zu.
Abgrenzung, Beispiele und Verstehen
Ironie und Lüge haben gemeinsam, dass bewusst etwas Unwahres gesagt wird. Der Unterschied liegt in der Absicht: Der ironische Sprecher setzt voraus und wünscht, dass die Zuhörer die Unwahrheit erkennen. Der Lügner möchte dagegen, dass seine Falschinformation geglaubt wird. Bei Ironie wird normalerweise keine neue Information vermittelt; bewertet wird eine Information, die dem Gegenüber bereits bekannt ist. Eine Übergangsform ist die Spaßlüge oder scherzhafte Lüge: Sie vermittelt zunächst eine neue Falschinformation, deren fehlender Wahrheitsgehalt aber bald offengelegt wird.
Typische Beispiele sind:
- Nach einem heruntergefallenen Stapel Geschirr sagt jemand: „Prima machst du das!“ Beide Beteiligten wissen, dass der Vorgang keineswegs lobenswert ist.
- Ein Vater kritisiert eine Ausgabe mit den Worten: „Wir haben’s ja.“ Vater und Kind wissen, dass die finanziellen Mittel der Familie beschränkt sind.
Das Verstehen lässt sich mit dem Griceschen Kommunikationsmodell erklären. Im zweiten Beispiel verstößt die Äußerung scheinbar gegen die Konversationsmaxime der Qualität: „Versuche einen Gesprächsbeitrag zu liefern, der wahr ist.“ Nach dem Kooperationsprinzip nimmt das Kind aber an, dass der Vater sinnvoll kommunizieren will. Es erschließt daher eine Implikatur, also eine nicht ausdrücklich ausgesprochene Bedeutung. Aus dem gemeinsamen Wissen über die knappen finanziellen Mittel und zusätzlichem Weltwissen wie „Man darf keine unnützen Ausgaben machen“ folgert es, dass der Vater zur Sparsamkeit ermahnen will.
Das Modell kann auf mehreren Stufen scheitern:
- Das Wissen ist nicht wirklich geteilt. Hält das Kind die Familie fälschlicherweise für reich, erkennt es den ironischen Widerspruch nicht.
- Das Kind weiß nicht, dass Vater und Kind dieselben Kenntnisse haben. Dann kann es die Aussage für eine Lüge halten.
- Das Kind kann die Sprecherintention noch nicht bilden. Fehlt ihm etwa das Wissen, dass man unnütze Ausgaben vermeiden soll, hält es die Äußerung vielleicht nur für einen Scherz. Es ist dann noch nicht ironiefähig.
Weitere Formen der Ironie
Doppelte Ironie liegt vor, wenn eine Äußerung zunächst ironisch wirkt, sich aber schließlich als wörtlich zutreffend erweist. Der Zuhörer muss die Aussage zweimal umformen: zuerst vom Wortlaut zu einer vermeintlich ironischen Bedeutung und anschließend aufgrund der Logik wieder zu einer wörtlichen Bedeutung. Das kann Verwirrung auslösen und den ironischen Effekt verstärken. Unfreiwillige doppelte Ironie entsteht, wenn eine ironisch gemeinte Aussage einen Sachverhalt weitgehend korrekt beschreibt. Als Beispiel wird Schrödingers Katze genannt: Erwin Schrödinger wollte mit seinem 1935 formulierten Gedankenexperiment die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik von Heisenberg, Bohr und Born als absurd kritisieren. Später wurde das Gedankenexperiment regelmäßig zur anschaulichen Erklärung eben dieser Deutung verwendet.
Sokratische Ironie bezeichnet meist ein scheinbares Sich-klein-Machen oder Sich-dumm-Stellen, mit dem ein überlegen auftretender Gesprächspartner in eine argumentative Falle gelockt, belehrt oder zum Nachdenken gebracht werden soll. Anders als bei der rhetorischen Ironie soll die Verstellung nicht unbedingt erkannt werden. Sokrates bezeichnete seine Gesprächsführung als Hebammenkunst oder Mäeutik. Der Artikel weist jedoch darauf hin, dass die Vorstellung eines sich verstellenden Sokrates eine Fehlinterpretation von außen sein kann, etwa aus der Sicht des Alkibiades in Platons Symposion. Sokrates könnte tatsächlich von seinem Nichtwissen überzeugt gewesen sein und nicht bloß Unwissenheit vorgetäuscht haben.
Bei objektiver Ironie wird Ironie von sprachlichen Äußerungen gelöst und als Prinzip in Welt, Geschichte, Natur, Schicksal, Situationen oder Kosmos gesehen. Da diese „Pseudoobjekte“ kein Bewusstsein haben, braucht objektive Ironie einen Beobachter, den Ironiker. Er erkennt einen Widerspruch zwischen Ideal oder Erwartung und Wirklichkeit.
Die „Ironie des Schicksals“ beschreibt meist nicht vorhersehbare und nicht beeinflussbare, oft tragische Ereignisse oder Ereignisketten, die wie das Werk einer höheren Macht wirken. Beispiele sind die unglückliche Ereigniskette in Romeo und Julia, der Untergang des Schlachtschiffes Bismarck im Zweiten Weltkrieg durch einen äußerst unwahrscheinlichen Torpedotreffer sowie der Tod des Formel-I-Rennfahrers Ayrton Senna in Imola 1994, vermutlich infolge eines gebrochenen Lenkgestänges. Von objektiver Ironie spricht man dabei nur, wenn das Schicksal als blind und unbewusst verstanden wird. „Göttliche Ironie“ setzt dagegen eine bewusst lenkende höhere Macht voraus. In der Bibel finden sich entsprechende Vorstellungen unter anderem in Psalm 2,4, Psalm 37,13 und 2. Thessalonicher 2,10–12.
Ironie in Literatur und Medien
In der Belletristik können Figuren rhetorisch oder sokratisch-ironisch miteinander sprechen. Der Autor muss dann Anzeichen geben, durch die Leser erkennen, dass eine Äußerung nicht wörtlich gemeint ist. Schwieriger ist die Ironie in der Kommunikation zwischen Autor und Leser, weil der Autor den Wissensstand jedes Lesers nicht kennt. Er kann zunächst das nötige Wissen vermitteln oder, besonders in anspruchsvoller Literatur, die Entschlüsselung vollständig dem Leser überlassen. Dadurch kann Ironie von einem Teil des Publikums missverstanden werden.
Die romantische Ironie erweitert Ironie zu einer Distanz gegenüber dem eigenen Werk. Der Schaffensprozess kann selbst thematisiert werden, etwa durch Reflexionen über das Schreiben eines Romans. In Heinrich Heines Harzreise lässt der Erzähler beispielsweise den verstorbenen Philosophen Saul Ascher als „Gespenst“ auftreten und Immanuel Kants Argumentation gegen Gespenster vortragen. Dadurch wird die Auffassung ironisiert, nur die Vernunft sei eine Kraft. Im 20. Jahrhundert entwickelte Richard Rorty Ironie weiter zu einer philosophischen Distanz gegenüber der eigenen Sprache.
Die dramatische oder tragische Ironie wurde bereits in der antiken Tragödie verwendet. Der Protagonist erscheint ahnungslos, während Leser oder Zuschauer die bevorstehende Katastrophe bereits erkennen. Rückblickend auf reale Ereignisse entspricht diese Form der objektiven Ironie.
Im Journalismus besteht ein ähnliches Erkennbarkeitsproblem. Je breiter das Publikum ist, desto größer ist die Gefahr, dass Ironie nicht verstanden wird. Deshalb gilt unter Publizisten die Warnung: „Ironie versteht der Leser nie.“ In den Medien erscheint sie daher häufig in gekennzeichneten Formen wie Glossen mit fester Rubrik oder festem Sendeplatz.
Für die schriftliche Kommunikation wurden Ironiezeichen vorgeschlagen. Heinrich Heine forderte, nicht ohne Ironie, ein Zeichen analog zum Ausrufezeichen; Alcanter de Brahm erfand im Französischen den point d’ironie, der sich jedoch nicht durchsetzte. Im Internet ersetzen Emoticons wie ;-), Inflektive wie grins oder zwinker, Hervorhebungen durch Versalschrift sowie Pseudo-HTML- oder BB-Codes wie <ironie>Ja, natürlich!</ironie> fehlende Mimik, Gestik und Betonung. Auch ein doppelter Zirkumflex ^^ wird besonders in der Kommunikation Jugendlicher zur Kennzeichnung ironischer Inhalte verwendet.