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Deglobalisierung

Ein anderes Ziel ist die Reduzierung von internationalen Abhängigkeiten und politischer Erpressbarkeit in Bezug auf Rohstoffe, Energie und andere Vorlieferungen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Ursachen und Motive
  3. 3. Wirtschaftliche Grenzen der Globalisierung
  4. 4. Strategien und Erscheinungsformen
  5. 5. Folgen und Grenzen
  6. 6. Klimawandel als Treiber

Begriff und Grundidee

Deglobalisierung, auch Entglobalisierung, ist der Gegenbegriff zu Globalisierung. Der Begriff beschreibt erstens eine strukturelle, also nicht nur kurzfristige oder zyklische Entwicklung zu weniger internationaler Verflechtung: Handelsströme nehmen ab oder wachsen langsamer, und Direktinvestitionen im Ausland gehen zurück. Zweitens bezeichnet Deglobalisierung einen wirtschaftspolitischen Kurs von Staaten, Staatenbündnissen oder Regionen, die sich von weiterer Weltmarktintegration distanzieren oder aus ihr zurückziehen.

Die Motive können sehr unterschiedlich sein. Deglobalisierung kann konservativ-isolationistisch begründet werden, etwa im Zusammenhang mit der Regierung Donald Trumps, deren Politik als „Trumpismus“ Nachahmer fand, oder mit dem Brexit. Sie kann aber auch als ökosozialistische oder ökoregionale Strategie verstanden werden, die Güterproduktion dezentralisieren und regionalisieren will. Ein weiteres Ziel ist, internationale Abhängigkeiten und politische Erpressbarkeit zu verringern, besonders bei Rohstoffen, Energie und anderen Vorleistungen. In extremen Formen kann dies bis zu einer Autarkie-Politik reichen, also dem Streben nach wirtschaftlicher Selbstversorgung.

Ursachen und Motive

Nach Walden Bello ist Globalisierung kein unumkehrbarer Prozess. Schon früher gab es Unterbrechungen, etwa zwischen 1914 und 1915. Allerdings wurde der Rückgang des Welthandels nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und dem Zweiten Weltkrieg lange nicht als Deglobalisierung gedeutet, obwohl das Niveau des Welthandels vor dem Ersten Weltkrieg erst in den 1970er Jahren wieder überschritten wurde. Kritiker der Globalisierung weisen darauf hin, dass große Globalisierungswellen bisher oft in Krisen, Deglobalisierungstendenzen und Protektionismus führten.

Befürworter der Deglobalisierung kritisieren häufig internationale Organisationen wie WTO, UN oder EU. Diese gelten ihnen entweder als zu schwach oder ihre Regeln zum freien Warenverkehr als nachteilig für die eigene Nation oder Region. Damit verbunden ist oft Kritik am neoliberalen Modell, in dem Märkte eine dominante Rolle bei der Regulierung spielen. Als wichtiges Argument gilt die Krisenanfälligkeit der „Hyperglobalisierung“ seit den 1990er Jahren; die Weltfinanzkrise ab 2008 wird in diesem Zusammenhang als Folge betrachtet.

Auch neuere Krisen verstärken Deglobalisierungstendenzen: Die COVID-19-Pandemie mit Lockdowns, Containerkrise und Chipkrise sowie der Russisch-Ukrainische Krieg mit Handelssanktionen störten internationale Lieferbeziehungen und führten zu Abschreibungen von Direktinvestitionen im Ausland. Unternehmen mit vielen Zulieferungen aus dem Ausland und internationale Investoren versuchen deshalb, Risiken und Abhängigkeiten zu verringern. Hinzu kommen Sorgen vor unberechtigter Aneignung immaterieller Property rights, also geistiger Eigentumsrechte, bei Produktionsverlagerungen ins Ausland, sowie steigende Sicherheitskosten durch Terrorismusrisiken.

Wirtschaftliche Grenzen der Globalisierung

Von etwa 1970 bis zur Finanzkrise wuchs der Welthandel im Jahresdurchschnitt deutlich stärker als das weltweite Sozialprodukt, zeitweise sogar mehr als doppelt so stark. Seit den 2000er Jahren flachte diese Entwicklung ab. Die Elastizität des Welthandels in Bezug auf das Weltsozialprodukt, also das Verhältnis von Handelszuwachs zu Produktionszuwachs, ist seit 2000 gesunken. Dabei bleibt offen, was Ursache und was Folge ist: Führt Deglobalisierung zu wirtschaftlichem Schrumpfen, oder zeigt sich darin, dass überdehntes Outsourcing und extreme internationale Arbeitsteilung ihre Wachstumspotenziale erschöpft haben?

Ein Erklärungsansatz verweist auf Transaktionskosten. Das sind Kosten, die beim Anbahnen, Kontrollieren und Absichern wirtschaftlicher Austauschprozesse entstehen. Nach dem transaktionskostentheoretischen Modell des Unternehmens gibt es Grenzen des Outsourcing und damit auch Grenzen der Globalisierung. Niedrige Transaktionskosten begünstigen globalisierte Märkte, hohe Transaktionskosten begünstigen segmentierte Märkte oder die Rücknahme von Outsourcing. Solche Kosten entstehen zum Beispiel durch Qualitätskontrollen, Zertifizierungen, Sicherheitsmaßnahmen bei Pandemien oder Terrorismusprävention.

Weitere Motive sind entwicklungspolitisch, sozialpolitisch und demokratietheoretisch. Die Frage der Ernährungssouveränität gewinnt seit dem Russisch-Ukrainischen Krieg wieder an Bedeutung. Außerdem zeigt der Krieg Risiken, wenn Schlüsselunternehmen oder -industrien in ausländischer Hand sind: Ausländische Investoren halten fast 55 Prozent der deutschen DAX-Aktien, und etwa zwei Drittel der Dividenden fließen ins Ausland. Sozialpolitisch wird Deglobalisierung mit dem Ziel begründet, das internationale Wohlstandsgefälle und die wachsende Differenz zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen zu verringern. Demokratietheoretisch wird kritisiert, dass globale Finanzmärkte nationalstaatliche Regulierungsmöglichkeiten schwächen, während Demokratie weiterhin vor allem auf nationalstaatlicher Ebene verankert ist.

Strategien und Erscheinungsformen

Eine wichtige Strategie der Deglobalisierung ist die Abkehr von WTO-Regeln, um nationale oder regionale Wirtschaftskraft gezielt zu fördern. Dazu zählen Kapitalverkehrskontrollen, Protektionismus für heimische Industrien und Subventionen. Als Beispiel werden häufig die asiatischen Tigerstaaten genannt, die durch solche Strategien von Entwicklungsländern zu Industrieländern aufgestiegen seien. Südkorea baute in den 1970er-Jahren trotz technologischen Rückstands mit selektivem Protektionismus eine Stahl- und Schiffbauindustrie auf; daraus hervorgegangene Konzerne wie Hyundai gehören heute in ihren Bereichen zu den Weltmarktführern.

Handelsprotektionismus schützt bestehende, oft wenig konkurrenzfähige Industrien. Er kann durch nationale Konjunkturpakete, Subventionen oder höhere Importzölle erfolgen. Besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern werden Importzölle genutzt, wenn die einheimische Nachfrage gering ist und hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Wenn mehrere Länder gleichzeitig so handeln, kann der Welthandel sinken, was auch Produktion und Beschäftigung verringern kann. Zugleich wird betont, dass Deglobalisierung nicht zwingend einen „Rückfall in die Kleinstaaterei mit hohen Schutzzöllen gegen alles und jeden“ bedeuten müsse.

Weitere Formen sind ökonomischer Nationalismus, bei dem inländische Produktion und Beschäftigung unterstützt und Auslandsinvestitionen reduziert werden, sowie die Segmentierung des Weltmarktes in regionale Binnenmärkte wie EU, NAFTA oder MERCOSUR. Regulatorischer Protektionismus oder regulatorische Entkopplung bedeutet, dass Staaten eigene höhere Standards festlegen, etwa für Arbeitnehmer, Produktsicherheit oder Finanzanlagen. Reshoring bezeichnet die Rückverlagerung von Produktion aus Niedriglohnländern; dies setzt jedoch oft hohe Investitionen in Automatisierung voraus, die viele Branchen wie die Bekleidungsindustrie nicht tragen können. Finanzprotektionismus umfasst Rettungspläne vor allem für inländische Banken und steht im Zusammenhang mit zunehmender Währungskonkurrenz, bei der Staaten durch expansive Geldpolitik ihre Währung niedrig halten wollen.

Folgen und Grenzen

Deglobalisierung kann erhebliche Kosten haben. Genannt werden Rückgänge bei weltweiter Produktion, Beschäftigung, Welthandel, ausländischen Investitionen und grenzüberschreitender Mobilität. Allerdings bedeutet ein Rückgang des Welthandels statistisch nicht automatisch, dass auch Wertschöpfung und Wohlstand im gleichen Maß sinken. Wenn Güter oder Komponenten mehrfach über Grenzen transportiert werden, addieren sich Handelsvolumina, ohne dass der Wert der Güter entsprechend stark steigt. Lokale Wertschöpfung entsteht dabei außerhalb der globalen Logistikindustrie oft kaum zusätzlich.

Manche negativen Folgen der Globalisierung lassen sich schwer rückgängig machen. Als Beispiel nennt der Artikel die europäische und US-amerikanische Bekleidungsproduktion: Billige Fast Fashion aus Asien und Lateinamerika verursachte hohe Transportkosten, während Sammlung und Export von Gebrauchttextilien zum Kollaps lokaler Produktion in Entwicklungsländern beitragen konnten. Gleichzeitig kommt Globalisierung nicht vollständig zum Erliegen, auch wenn Gegentendenzen stärker werden.

Klimawandel als Treiber

Der Klimawandel macht Deglobalisierung laut Artikel zunehmend zu einem langfristigen Trend. Extremwetterereignisse beeinflussen die Wahl von Produktionsstandorten, weil Industrieversicherungen in betroffenen Regionen durch neue Risikoeinschätzungen kaum noch bezahlbar werden können und Banken ihre Kreditbedingungen anpassen. Hinzu kommt Wasserknappheit: Die Schlüsselressource Wasser steht in traditionellen Wirtschaftsregionen für industrielle Zwecke nicht mehr immer in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung. Besonders betroffen sind Landwirtschaft, Bergbau, Textilindustrie und Energieerzeugung.

Wenn sich Grundwasserreserven nach wiederholten Trockenperioden nicht ausreichend regenerieren, können Importe von Obst, Gemüse und Blumen aus dem Mittelmeerraum und Südafrika teurer werden oder ausfallen. Dadurch kann in Mittel- und Nordeuropa der zuvor unrentable Anbau bestimmter saisonaler landwirtschaftlicher Produkte wieder interessant werden, vor allem aus Gründen der Versorgungssicherheit.

Auch das Verbraucherbewusstsein verändert sich. Die Nachfrage nach ökologisch produzierten und transportierten Waren steigt. Regionale Produktion und kurze Lieferketten sind bereits Teil von Industriestrategien und Händlermarketing und können mittelfristig Importe verdrängen. Zudem wird die Abschottung regionaler Märkte diskutiert, um ökologische Bewirtschaftung in Land- und Forstwirtschaft außerhalb internationaler Konkurrenz zu ermöglichen.

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