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Chipkrise
Der umgangssprachliche Begriff Chipkrise oder Halbleiterkrise bezeichnet eine spezifische Wirtschaftskrise oder Situation innerhalb der Halbleiterindustrie …
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Begriff, Bedeutung und Ursachen
Die Chipkrise oder Halbleiterkrise bezeichnet eine wirtschaftliche Krisensituation innerhalb der Halbleiterindustrie. Gemeint sind meist ein Mangel an Halbleiterchips und damit verbundene Lieferprobleme, nicht Fragen der Produktqualität oder der verwendeten Technologie. Da Halbleiter in Unterhaltungselektronik, Computern, Fahrzeugen, medizinischen Geräten und sicherheitskritischer Rüstung stecken, wirken Störungen weit über die Halbleiterindustrie hinaus.
Besonders bedeutend war die Krise von 2020 bis 2023. Zu Beginn der Coronapandemie brach die Nachfrage kurzzeitig ein, sodass Kunden zahlreiche Bestellungen stornierten. Als der Bedarf wenig später unerwartet stark stieg, konnten die Hersteller nicht schnell genug reagieren. Halbleiterfabriken, auch Fabs genannt, arbeiten aus wirtschaftlichen Gründen gewöhnlich mit hoher Auslastung. Ihre Kapazitäten lassen sich deshalb nur begrenzt und nicht kurzfristig zwischen verschiedenen Produkten und Abnehmerbranchen verschieben. Hinzu kamen unterbrochene Lieferketten, Chinas strenge COVID-19-Politik und der am 24. Februar 2022 begonnene Ukraine-Krieg.
Wirtschaftliche Folgen und Gegenmaßnahmen
Nach Angaben von Goldman Sachs litten im Mai 2022 insgesamt 169 Branchen unter dem Chipmangel. Betroffen waren unter anderem Hersteller von Autos, Smartphones, Computern, WLAN-Routern, Messtechnik und medizinischen Geräten. Unternehmen konnten teilweise gar nicht oder nur eingeschränkt produzieren. Mercedes lieferte beispielsweise Fahrzeuge mit eingeschränkter Funktionalität aus; fehlende Funktionen sollten später kostenlos nachgerüstet werden. Andere Waren waren nur nach langen Wartezeiten oder zu stark erhöhten Preisen erhältlich.
Ende 2022 entspannte sich die Lage wegen einer sinkenden Nachfrage im Endkundenmarkt merklich. In einzelnen Branchen, vor allem in der Automobilindustrie, blieben die Lieferzeiten jedoch überdurchschnittlich. Die damalige Erwartung einer weiteren Besserung im Jahresverlauf 2023 ist im Artikel als veraltet gekennzeichnet.
Die Semiconductor Industry Association (SIA) unterschied mehrere Zeithorizonte zur Bewältigung des Mangels:
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Kurzfristig wurde die monatliche Auslastung vieler bestehender Fabs seit dem 1. Quartal 2019 auf mehr als 80 % erhöht.
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Mittelfristig wurden neue Fabriken geplant oder eröffnet. Dazu gehören Intels geplantes Werk bei Magdeburg und Infineons neues 300-mm-Wafer-Modul in Dresden. Nach Angaben von SEMI waren die Kapazitäten für 200-mm-Wafer um 17 % gestiegen; bis 2024 waren 22 neue 200-mm-Wafer-Fabs geplant.
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Langfristig sollten die jährlichen Investitionen in Fertigungskapazitäten von 97 Milliarden US-Dollar im Zeitraum 2016 bis 2020 auf 156 Milliarden US-Dollar zwischen 2021 und 2025 steigen. Das entspricht einem Zuwachs von 61 %.
Besondere Lage der Automobilindustrie
Nach den ersten Lockdowns in China im Februar 2020 erwarteten Analysten stark sinkende Autoverkäufe. Automobilhersteller drosselten ihre Produktion, während Zulieferer Bestellungen von Mikrocontrollern und anderen Halbleitern stornierten. Die Fahrzeugnachfrage erholte sich jedoch schneller als erwartet. Zu diesem Zeitpunkt hatten Halbleiterhersteller zuvor für Autos reservierte Kapazitäten bereits auf Chips für Unterhaltungselektronik, Notebooks und Heimfitnessgeräte umgestellt. Viele Erstausrüster, sogenannte OEMs, mussten ihre Fahrzeugproduktion trotz hoher Nachfrage begrenzen.
Die Automobilbranche benötigt häufig Bauteile mit größeren Strukturgrößen, beispielsweise Mikrocontroller mit 65 nm. Anbieter sind unter anderem Infineon, NXP, STMicro und Renesas. Großkunden wie Apple, Qualcomm, AMD, Nvidia und MediaTek beziehen von TSMC dagegen Hochtechnologie mit Strukturgrößen von 5 nm und 7 nm. Die zunehmende Digitalisierung der Fahrzeuge, etwa durch Multimedia, autonomes Fahren, Fahrerassistenzsysteme und Vernetzung, sowie Leistungshalbleiter für Elektroautos verstärken die Abhängigkeit.
Kurzfristige Anpassungen sind auch technisch schwierig: Von einem festgelegten Chipdesign bis zur Fertigung eines Wafers beträgt die Vorlaufzeit mindestens drei Monate. Vertreter des Branchenverbands Silicon Saxony bestritten deshalb, dass die Situation allein als Krise der Automobilindustrie einzuordnen sei, und verwiesen auf die seit der Pandemie gesteigerte Produktion. Gleichzeitig erzielten einzelne Hersteller wie Porsche, Rolls-Royce Motor Cars und BMW 2021 Absatzrekorde.
China, Taiwan und globale Lieferketten
Chinas Null-Covid-Politik verursachte erhebliche Störungen an Fertigungsstandorten und in internationalen Lieferketten. Konflikte traten beispielsweise bei Foxconn auf, einem großen Auftragsfertiger unter anderem für Apple. Zusammen mit den geopolitischen Spannungen um Taiwan förderte dies eine Neuordnung der Produktion.
Taiwan ist mit Unternehmen wie TSMC und UMC ein führender Standort der Halbleiterfertigung. TSMC arbeitet als Foundry, also als Auftragsfertiger für Unternehmen ohne eigene Fabriken, und hat mehr als 500 Kunden. Gleichzeitig sank der Anteil der USA an den weltweiten Fertigungskapazitäten seit 1990 von 37 % auf 12 %, während die Kapazitäten in Singapur, Korea, Malaysia und China wuchsen. Diese räumliche Konzentration gilt in Krisen- und Kriegsfällen als Sicherheitsrisiko.
Die Engpässe betrafen auch Ausrüstung sowie Grund- und Prozessmaterialien. ASML verwies auf Probleme bei Zulieferern für Fertigungsanlagen. TSMC meldete unter anderem Engpässe bei Neon; die ukrainischen Unternehmen Ingas und Cryoin galten als Großlieferanten dieses Edelgases.
Im August 2022 verschärfte das US-Handelsministerium die Exportregeln für hoch entwickelte Halbleiter-Fertigungstechnik und Gasturbinen. Die Wirksamkeit dieser kontrovers diskutierten Maßnahmen und ihre weitreichenden Folgen betreffen auch Zulieferer wie Zeiss Semiconductor Manufacturing. Seit 2024 beschränkten die USA zudem den Export leistungsfähiger, für Künstliche Intelligenz geeigneter Grafikprozessoren nach China. Seit April 2025 war für Nvidias angepassten H20-Prozessor ein Verkauf über besondere Lizenzen vorgesehen; auch KI-Chips von AMD waren betroffen.
Onshoring und staatliche Sicherheitspolitik
Seit den 1990er Jahren wurden im Zuge des Offshorings große Fertigungskapazitäten in den asiatisch-pazifischen Raum verlagert. Europa und Nordamerika fördern seit den 2020er Jahren das Reshoring oder Onshoring, also die Ansiedlung der Produktion im eigenen Wirtschaftsraum. Wichtige Instrumente sind der US-amerikanische CHIPS and Science Act, das Europäische Chip-Gesetz und das europäische Förderprogramm IPCEI. TSMC kündigte im Mai 2020 den Bau einer Fabrik in Arizona an. Europa verfügte laut Artikel über etwa 10 % der Fertigungskapazitäten; europäische Hersteller erreichten 7 % des weltweiten Chipmarktumsatzes.
Fachleute bewerten Onshoring unterschiedlich. Kritiker, darunter TSMC-Gründer Morris Chang und britische Experten, verweisen auf hohe Kosten, möglicherweise stagnierende Innovationskraft und einen ungewissen Erfolg. Zudem warnen sie vor Überkapazitäten infolge zahlreicher Investitionen. Andere Branchenexperten sprachen sich auch 2026 für nationale Halbleiterproduktion aus.
Staaten greifen außerdem aus Sicherheits- und Wettbewerbsgründen in Firmenübernahmen und Beteiligungen ein. Beispiele sind der 2016 verhinderte Verkauf von Aixtron an den Fujian Grand Chip Investment Fund, die gestoppte Übernahme von ARM durch Nvidia und Softbank sowie die 2022 verhinderten Verkäufe von Elmos und Siltronic. Die britische Regierung blockierte aus Sicherheitsbedenken Vorgänge um die Newport-Waferfabrik; sie gehört heute Vishay Intertechnology. Im Oktober 2025 übernahm die niederländische Regierung die Kontrolle über das von Wingtech geleitete Unternehmen Nexperia; laut Medienberichten fanden die Konfliktparteien etwa Ende November eine Lösung. Ende beziehungsweise im Dezember 2025 gründeten die USA außerdem die Initiative „Pax Silica“, um Halbleiterlieferketten strategisch neu auszurichten.