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Neoliberalismus
Neoliberalismus (altgriechisch νέος neos, deutsch ‚neu' und lateinisch liberalis ‚freiheitlich') bezeichnet eine Neufassung wirtschaftsliberaler Ideen im 20 …
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Grundidee und heutige Bedeutung
Neoliberalismus bezeichnet ursprünglich eine Neufassung wirtschaftsliberaler Ideen im 20. Jahrhundert. Wie der klassische Liberalismus befürwortet er Privateigentum, Vertragsfreiheit, Freihandel und eine marktwirtschaftliche Ordnung. Anders als ein reiner Laissez-faire-Liberalismus weist er dem Staat aber eine aktive ordnungspolitische Rolle zu: Der Staat soll eine Wettbewerbsordnung schaffen, sichern und gegen Machtkonzentrationen schützen.
Der Begriff wurde 1938 auf dem Colloque Walter Lippmann in Paris als Fachausdruck geprägt, besonders auf Vorschlag Alexander Rüstows. Gemeint war damals ein Liberalismus unter Regeln eines starken Staates, nicht Marktradikalismus. Er sollte einen antikommunistischen und antikapitalistischen „Dritten Weg“ beschreiben.
Heute hat der Begriff zwei Hauptbedeutungen. Erstens bezeichnet er historische Denkschulen wie den deutschen Ordoliberalismus, der staatliche Sozial- und Konjunkturpolitik teilweise befürwortet, sowie angelsächsisch geprägte Richtungen wie Chicagoer Schule und Österreichische Schule, die staatliche Eingriffe meist stärker ablehnen. Zweitens ist „Neoliberalismus“ seit den 1990er Jahren ein politisches Schlagwort für Politikformen wie Deregulierung, Freihandel, Finanzglobalisierung, Austerität, Privatisierung, Bürokratieabbau und eine geringere Rolle des Staates. Kritiker verbinden damit eine Schwächung sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Gestaltung durch die Dominanz ökonomischen Denkens.
Begriffswandel und Streit um die Definition
Die Bedeutung des Wortes änderte sich seit den 1970er Jahren stark. Ein wichtiger Hintergrund war Chile nach dem Staatsstreich Augusto Pinochets vom 11. September 1973. In der Militärdiktatur wurden zentrale wirtschaftspolitische Stellen mit Chilenen besetzt, die seit 1955 in Chicago bei Milton Friedman studiert hatten und als Chicago Boys bekannt wurden. Ihre Reformen waren von der Chicagoer Schule und Friedrich August von Hayek beeinflusst. Kritiker bezeichneten diese Politik zunehmend als neoliberal, obwohl sie nicht direkt an die ursprüngliche Freiburger Bedeutung anschloss.
Bis etwa 1980 verschob sich die Bedeutung: Statt eine ordoliberale, sozial eingebettete Marktwirtschaft zu meinen, wurde „neoliberal“ nun oft mit radikalem Marktfundamentalismus verbunden und zur Kritik an Hayek, Friedman, Reaganomics und Thatcherismus verwendet. Hayek und Friedman selbst bezeichneten sich nicht als neoliberal.
In neuerer Verwendung ist Neoliberalismus ein umstrittener Begriff, ein „Essentially Contested Concept“. Er wird selten positiv verwendet; Befürworter freier Märkte vermeiden ihn oft und nutzen andere Begriffe wie Washington Consensus. In der Forschung kann der Begriff mehrere Dinge meinen: ein politisches Reformprogramm mit Privatisierung, Senkung der Staatsquote und Deregulierung des Kapitalverkehrs; ein Entwicklungsmodell; eine Ideologie, die Freiheit vor allem als Verringerung staatlicher Eingriffe versteht; oder ein akademisches Paradigma der neoklassischen Theorie.
Denkschulen und zentrale Unterschiede
Der Neoliberalismus ist keine einheitliche Lehre. Die Zuordnung einzelner Schulen und Personen ist umstritten. Häufig wird zwischen kontinentaleuropäisch geprägten, stärker gesellschaftlich orientierten Varianten und angelsächsisch geprägten, stärker individualistischen Varianten unterschieden.
Zum kontinentaleuropäischen Neoliberalismus gehört vor allem der Ordoliberalismus der Freiburger Schule mit Walter Eucken, Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth. Er betont, dass Märkte nur funktionieren, wenn der Staat eine rechtliche Ordnung setzt, Wettbewerb schützt und wirtschaftliche Macht begrenzt. Das Kartellrecht spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Soziale Marktwirtschaft knüpft daran an, legt aber stärkeren Wert auf Sozialpolitik, Konjunkturpolitik und praktische Kompromisse. Alfred Müller-Armack wollte „das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs verbinden“.
Der soziologische Neoliberalismus, verbunden mit Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke, fragt stärker nach sozialer Integration, Kultur, Ethik, Religion und Familie. Rüstow forderte einen „starken Staat“, der oberhalb von Interessengruppen steht, aber nicht möglichst viele Aufgaben übernimmt. Der Markt sollte eine dienende Funktion haben und die materielle Versorgung sichern.
Zum angelsächsisch geprägten Neoliberalismus zählen unter anderem die School of Cannan, die Österreichische Schule, die Chicago School und die Virginia School of Political Economy. Ludwig von Mises kritisierte staatliche Eingriffe als wirkungslos und freiheitsgefährdend. Hayek betonte spontane Ordnung, Wettbewerb als Entdeckungsverfahren und die Gefahr einer „Diktatur der Mehrheit“. Die Chicago School entwickelte sich in Opposition zum New Deal; Milton Friedman wurde zum wichtigsten Vertreter des Monetarismus und befürwortete flexible Wechselkurse, Wettbewerb und eine negative Einkommensteuer zur Armutsminderung.
Regelordnung, Wettbewerb und Staat
Ein Kernproblem neoliberaler Theorien ist die Frage, welche Rolle der Staat in der Marktwirtschaft spielen soll. Viele Richtungen stimmen darin überein, dass Märkte rechtliche Regeln brauchen. Umstritten ist aber, ob diese Regeln bewusst politisch gestaltet werden sollen und ob soziale Gerechtigkeit ein Ziel der Ordnungspolitik sein darf.
Der Ordoliberalismus will eine bewusst gestaltete, marktgerechte Regelordnung. Bei Eucken soll vollständiger Wettbewerb wirtschaftliche Macht begrenzen und individuelle Freiheit sichern. Die Einkommensverteilung, die aus Wettbewerb entsteht, kann aus ordoliberaler Sicht korrigiert werden, etwa durch progressive Einkommensbesteuerung; unter bestimmten Umständen wird auch ein Mindestlohn befürwortet.
Hayek dagegen misstraute bewusster gesellschaftlicher Planung, weil sie seiner Ansicht nach eine „Anmaßung von Wissen“ enthalten kann. Er unterschied stärker zwischen Regeln und Ergebnissen: Staatliche Regeln sollen Verhalten ordnen, aber nicht gezielt Marktergebnisse wie Einkommen und Machtverteilung verändern. Eine progressive Einkommenssteuer lehnte er ab. Gleichwohl befürwortete auch Hayek eine Mindestabsicherung, „unter das niemand zu sinken brauche“.
In der Wettbewerbspolitik unterscheiden sich die Schulen deutlich. Der Ordoliberalismus sieht Kartellrecht als notwendig, um freie Märkte funktionsfähig zu halten. Die Chicago School geht stärker davon aus, dass Wettbewerb bei fehlenden Marktzutrittsschranken von selbst entsteht; daher erscheint ihr auch Kartellrecht eher als störende Regulierung. Hayek sah wirtschaftliche Monopole meist weniger freiheitsgefährdend als staatliche Macht und akzeptierte Eingriffe vor allem bei Monopolen auf lebensnotwendige Güter oder Dienstleistungen.
Neoliberalismus als politökonomisches Paradigma
Eine postkeynesianische Sicht versteht Neoliberalismus weniger als einzelne Theorie, sondern als prägendes politökonomisches Paradigma von der Mitte der 1970er- bis zur Mitte der 2010er-Jahre. Es löste demnach den „keynesianischen Fordismus“ ab: ein Nachkriegsmodell mit Massenproduktion, Löhnen nach Produktivitätszuwachs, aktiver Konjunkturpolitik und starker Rolle von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden.
Für die Entstehung dieses Paradigmas nennt der Artikel mehrere Erklärungen. Politökonomisch wird auf falsche Reaktionen der Gewerkschaften auf die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre verwiesen. Ideengeschichtlich erscheinen Hayek und Friedman als wichtige Vorbereiter. Klassentheoretisch wird der Wandel als Wiederherstellung kapitalistischer Macht gedeutet. Ökologisch wird auf Grenzen des Ressourcenverbrauchs verwiesen. Finanzwirtschaftlich gilt das Ende des Bretton-Woods-Systems und die Entstehung internationaler Devisenmärkte als Grundlage der Finanzialisierung.
Finanzialisierung bedeutet den Aufstieg der Finanzwirtschaft zur Leitindustrie und die wachsende Rolle finanzieller Motive, Märkte, Akteure und Institutionen. Unternehmen orientierten sich stärker am Shareholder Value, also an den Interessen der Aktionäre. Kurzfristige Kursgewinne, Ausschüttungen, Aktienrückkäufe und Finanzanlagen gewannen gegenüber langfristigen Investitionen an Bedeutung. Weitere Merkmale des neoliberalen Modells sind aus dieser Sicht der Abbau sozialstaatlicher Leistungen, eine Umverteilung von Arm zu Reich und ein aggressiver Standortwettbewerb, bei dem Staaten Steuer-, Sozial-, Arbeits- und Umweltstandards senken, um Investitionen anzuziehen.
Kritik und neuere Debatten
Die Kritik am Neoliberalismus ist breit und kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Noam Chomsky sieht seit Ronald Reagan und Margaret Thatcher eine weltweite Hegemonie des Neoliberalismus, die wenige Reiche und große Konzerne privilegiert und Demokratie untergräbt. Michel Foucault lieferte mit Begriffen wie Gouvernementalität wichtige Analysewerkzeuge, ohne als direkter Kritiker des Neoliberalismus aufzutreten.
Stephan Schulmeister beschreibt Neoliberalismus als Projekt zugunsten des Finanzkapitals und als „Gegen-Aufklärung“. Joseph E. Stiglitz kritisiert 2025 die Freiheitsrhetorik des Neoliberalismus als „oberflächlich, irreführend und ideologisch motiviert“. Er betont, dass freie, unregulierte Märkte Ausbeutung begünstigen können und dass Regeln nicht das Gegenteil von Freiheit seien. Die Finanzkrise von 2008 gilt bei ihm als Zeichen des Scheiterns der Finanzmarktliberalisierung.
Neomarxistische Autoren wie David Harvey deuten Neoliberalismus als Klassenprojekt zur Wiederherstellung der Macht ökonomischer Eliten. Christoph Butterwegge und Philipp Lepenies sehen antidemokratische Tendenzen, weil demokratische Entscheidungen gegenüber Marktlogiken zurückgedrängt und öffentliche Güter durch Privatisierung demokratischer Kontrolle entzogen würden.
Weitere Kritik betrifft ökologische Folgen. Deregulierung, Privatisierung und Vorrang privater Rendite könnten natürliche Ressourcen und ökologische Grenzen missachten. In der Corona-Krise sahen Klaus Schwab und Marcel Fratzscher Grenzen freier Märkte und eine neue Bedeutung politischer Steuerung. Nancy Fraser kritisiert zudem einen „progressiven Neoliberalismus“, in dem Antidiskriminierungspolitik mit Finanzkapital und meritokrischem Aufstiegsdenken verbunden werde, während ökonomische Ungleichheit aus dem Blick gerate.