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Das Unbehagen in der Kultur

Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernthese und Aufbau
  2. 2. Lustprinzip, Kultur und individuelle Freiheit
  3. 3. Liebe, Libido und Aggression
  4. 4. Eros, Todestrieb und Schuldgefühl
  5. 5. Kultur-Über-Ich, Entstehung und politische Einordnung

Kernthese und Aufbau

Das Unbehagen in der Kultur ist eine 1930 erschienene Schrift Sigmund Freuds über den Gegensatz zwischen Kultur und menschlichen Triebregungen. Freud zufolge strebt die Kultur danach, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Dafür schränkt sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein und verwandelt einen Teil der Aggression in Schuldgefühl. Kultur schafft dadurch Schutz und Sicherheit, wird aber zugleich zu einer Quelle des Leidens. Ihr Fortschritt ist mit einer wachsenden Glückseinbuße und einem zunehmenden Unbehagen verbunden.

Die Abhandlung beginnt mit einem Nachtrag zu Die Zukunft einer Illusion (1927). Freud hält dort an der Vatersehnsucht als Grundlage der Religion fest. Romain Rollands Einwand, die Religion beruhe auf einem „ozeanischen Gefühl“, deutet Freud als Ausdruck eines primären Narzissmus, bei dem die Grenze zwischen Ich und Außenwelt fehlt. Eine Beziehung zur Religion sei möglich, die Bedeutung dieses Gefühls für die Religion jedoch nur sekundär.

Im Zentrum stehen anschließend das Streben nach Glück, die Funktionen der Kultur, das Verhältnis von Liebe und Kultur, die Aggressionsneigung, die Grundtriebe Eros und Todestrieb sowie die Entstehung des Schuldgefühls. Am Ende untersucht Freud die Ethik als Ausdruck eines „Kultur-Über-Ichs“ und lässt offen, ob insgesamt „neurotisch“ gewordene Kulturen therapeutisch behandelt werden könnten.

Lustprinzip, Kultur und individuelle Freiheit

Der faktische Lebenszweck des Menschen besteht nach Freud darin, Lust und damit Glück zu suchen. Dieses Streben wird durch das Lustprinzip bestimmt. Es ist jedoch nicht dauerhaft erfüllbar, weil Menschen intensive Lust vor allem im Kontrast erleben und die Außenwelt fortwährend Leidensmöglichkeiten bereithält. Freud formuliert deshalb: „Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der 'Schöpfung' nicht enthalten.“ Trotzdem könne und dürfe man die Bemühungen um Glück nicht aufgeben.

Drei Quellen der Unlust unterscheidet Freud: den eigenen Organismus, die äußere Realität und die sozialen Beziehungen. Daraus ergeben sich drei Wege der Leidverminderung:

  • die Beeinflussung des eigenen Organismus, etwa durch Rauschmittel, Triebbeherrschung, Sublimierung, Abtötung von Trieben oder Ersatzbefriedigungen wie Kunst;
  • die Umgestaltung der äußeren Realität;
  • die Erotisierung der sozialen Beziehungen, insbesondere durch Liebe.

Alle diese Möglichkeiten sind begrenzt. Die Beeinflussung des Organismus schwächt meist auch die Glücksmöglichkeiten ab. Wer die Realität durch Wunschbildungen vollständig korrigieren will, kann dem Wahnsinn verfallen. Die auf Liebe gegründete Lebensführung macht abhängig von anderen und kann daher selbst Leiden verursachen. Religion bietet Leidensschutz und Glückserwerb durch eine für alle gleiche Entstellung der Realität, einen „Massenwahn“; dadurch erspart sie die individuelle Neurose, erkauft dies aber mit psychischem Infantilismus.

Kultur bezeichnet die Einrichtungen, durch die sich der Mensch vom Tier unterscheidet. Sie schützen vor der Natur und regeln die Beziehungen der Menschen untereinander. Zu ihren Merkmalen gehören Wissenschaft und Technik, durch die der Mensch zu einem „Prothesengott“ geworden sei, außerdem Schönheit, Sauberkeit, Ordnung, Wissenschaft, Kunst, Religion, Philosophie, Ausbildung von Idealen sowie das Recht. Das Recht ersetzt die Macht der Einzelnen durch die Macht der Gemeinschaft.

Individuelle Freiheit ist für Freud kein Kulturgut. Der Mensch verteidige seinen Anspruch auf Freiheit weiterhin gegen den Willen der Masse. Kultur beruht dagegen auf Triebversagung und steht deshalb in Spannung zur individuellen Freiheit. Die daraus entstehende Kulturfeindschaft wird zusätzlich durch die Erfahrung verstärkt, dass wissenschaftlicher und technischer Fortschritt nicht automatisch glücklicher macht. Eine zentrale Aufgabe der Menschheit besteht darin, einen beglückenden Ausgleich zwischen individuellen und kulturellen Ansprüchen zu finden; ob dieser Konflikt versöhnbar ist, bleibt offen.

Liebe, Libido und Aggression

Die Kultur hat neben Arbeit und Arbeitsteilung die Liebe zur Grundlage. Freud unterscheidet dabei die genitale Liebe mit direkter sexueller Befriedigung und die „zielgehemmte“ Liebe, also Zärtlichkeit, etwa in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Eros, die Macht der Liebe, ermöglicht es, Menschen dauerhaft aneinander zu binden und größere Gemeinschaften zu bilden. Auch der Zwang zur Arbeit beziehungsweise die äußere Notwendigkeit („Ananke“) trägt zur Gemeinschaftsbildung bei.

Zwischen Liebe und Kultur besteht jedoch ein grundlegender Konflikt. Die Familie möchte ihre Mitglieder nicht an größere soziale Einheiten freigeben. Umgekehrt schränkt die Kultur das Sexualleben durch Verbote und Normen ein, vom Inzestverbot über Verbote der Homosexualität und bestimmter Perversionen bis zur Monogamie. Dadurch werden viele Menschen vom Sexualgenuss ausgeschlossen; Freud sieht darin eine schwere Ungerechtigkeit und eine Schädigung des Sexuallebens. Als weitere mögliche Ursache unvollständiger Befriedigung nennt er eine „organische Verdrängung“, die mit dem aufrechten Gang und der Entwertung des Geruchssinns verbunden sei. Sie könne Sexualität von ihrem unmittelbaren Ziel weg zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen drängen.

Die Kultur verwendet die Energie des Sexualtriebs, die Libido, überwiegend in zielgehemmter Form. Durch Identifizierungen sollen libidinöse Bindungen zwischen Mitgliedern der Gemeinschaft entstehen. Diese Verwendung geht auf Kosten der unmittelbar sexuellen Libido; sexuelle Versagung kann zur Neurose führen. Der Grund für die zusätzliche libidinöse Bindung liegt in der menschlichen Aggressionsneigung. Das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ ist nach Freud eine Reaktionsbildung gegen die ursprüngliche Feindseligkeit des Menschen. Der Nächste ist nicht nur Helfer und Sexualobjekt, sondern kann auch Ziel von Ausbeutung, Demütigung, Gewalt und Tötung werden.

Die Gesellschaft ist deshalb ständig vom Zerfall bedroht. Arbeitsteilung und gegenseitige Abhängigkeit reichen nicht aus, um sie zusammenzuhalten. Die Kultur muss die Aggression durch Identifizierungen und zielgehemmte Liebesbeziehungen begrenzen. Dafür opfert der Mensch einen Teil seiner Glücksmöglichkeiten und gewinnt ein Stück Sicherheit. Reformen können die Bedürfnisse möglicherweise besser berücksichtigen; gewisse Triebeinschränkungen könnten jedoch untrennbar mit Kultur verbunden bleiben. Freud weist außerdem darauf hin, dass Gruppen ihre Aggression gegen Außenstehende richten können. So können starke Bindungen im Inneren mit Intoleranz gegenüber Nichtzugehörigen verbunden sein, wie er unter anderem am Christentum, am Antisemitismus und an der Verfolgung der Bourgeois in kommunistischen Gesellschaften veranschaulicht.

Eros, Todestrieb und Schuldgefühl

Freud erklärt den Kulturkonflikt mit zwei Grundtrieben: Eros und Todestrieb. Beide wirken nach seiner Annahme in sämtlichen Lebewesen und sind „konservativ“, weil sie einen früheren Zustand wiederherstellen wollen. Der Eros, auch Lebenstrieb genannt, erhält lebende Substanz und verbindet sie zu größeren Einheiten. Seine Energie heißt Libido. Der Todestrieb strebt dagegen nach Auflösung größerer Einheiten und nach Rückkehr in einen anorganischen Zustand.

Eros erscheint als Narzissmus und als Objektliebe. Der Todestrieb zeigt sich als nach innen gerichtete Selbstzerstörung sowie, nach außen abgelenkt, als Aggression und Destruktion beziehungsweise Destruktionstrieb. Die nach innen gerichtete Strebung gilt bei beiden Trieben als primär: Objektlibido ist auf Objekte abgelenkte Ich-Libido, und Aggression beruht auf der Umlenkung ursprünglicher Selbstzerstörung. Eros und Todestrieb treten niemals isoliert auf. Masochismus und Sadismus sind mit Eros verbundene Erscheinungsformen des Todestriebs.

Kultur ist ein Prozess, der im Dienst des Eros Menschen zu immer größeren Einheiten zusammenfasst. Der natürliche Aggressionstrieb als nach außen gerichteter Vertreter des Todestriebs widersetzt sich diesem Programm. Der Sinn der Kultur liegt daher im Kampf zwischen Eros und Todestrieb.

Die Kultur unterdrückt Aggression nicht nur, sondern verwendet sie zur Bildung des Schuldbewusstseins, auch Schuldgefühl oder Gewissen genannt. Beim Kind entwickelt es sich in zwei Stufen. Zunächst richtet es sich auf eine äußere Autorität. Das Kind reagiert auf die Einschränkung früher Bedürfnisbefriedigungen mit Aggression, verzichtet aus Angst vor Liebesverlust aber auf deren Befriedigung. Das Schuldgefühl beruht hier auf sozialer Angst.

In der zweiten Stufe nimmt das Kind die äußere Autorität durch Identifizierung in das Ich auf. Sie wird zum Über-Ich, das dem Ich gegenübertritt und seine Aggression gegen dieses richtet. Das Schuldgefühl wird zum schlechten Gewissen. Es ist eine Abart der Angst, häufig unbewusst und dann nur über ein Strafbedürfnis zugänglich. Die Strenge des Über-Ichs stammt sowohl aus der Härte der äußeren Autorität als auch aus der eigenen Aggression des Kindes gegen diese Autorität. Daher können auch liberal erzogene Kinder ein grausames Über-Ich entwickeln.

Je größer der Triebverzicht, desto stärker kann das schlechte Gewissen werden, weil sich die Aggression des Über-Ichs nicht nur gegen ausgeführte Handlungen, sondern bereits gegen bloße Wünsche und Impulse richtet. An die Stelle der Angst vor äußerem Liebesverlust und äußerer Strafe tritt ein andauerndes inneres Unglück. Freud bezeichnet das Schuldgefühl als wichtigstes Problem der Kulturentwicklung. Historisch führt er es auf den Mord der Söhne der Urhorde am Urvater zurück. Die Reue erklärt er aus der Ambivalenz von Hass und Liebe zum Vater; letztlich beruht das Schuldgefühl damit auf dem Konflikt zwischen Eros und Todestrieb.

Kultur-Über-Ich, Entstehung und politische Einordnung

Wie ein Individuum bildet auch eine Gemeinschaft ein Über-Ich aus. Das „Kultur-Über-Ich“ geht auf den Eindruck großer Führerpersönlichkeiten zurück und stellt strenge Idealforderungen. Die Forderungen, welche die Beziehungen der Menschen untereinander betreffen, werden als Ethik zusammengefasst. Sie sollen vor allem die konstitutionelle Aggressivität des Menschen überwinden.

Freud hält diese Ethik für unpsychologisch, weil sie Gebote erlässt, ohne zu prüfen, ob Menschen sie aufgrund ihrer seelischen Verfassung überhaupt erfüllen können. Sie setzt voraus, dass das Ich uneingeschränkte Herrschaft über das Es besitzt; das sei ein Irrtum. Eine über bestimmte Grenzen hinausgehende Beherrschung des Es erzeugt Auflehnung, Neurose oder Unglück. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ sei daher undurchführbar; eine reale Veränderung der Besitzverhältnisse könne mehr bewirken als ein solches Gebot.

Da die Kulturentwicklung der Entwicklung des Einzelnen ähnelt, könnten manche Kulturen insgesamt „neurotisch“ geworden sein. Freud hält eine Untersuchung solcher sozialen Neurosen durch Psychoanalyse nicht für grundsätzlich unsinnig, betont aber, dass es sich nur um Analogien handelt. Außerdem fehle eine Autorität, die einer Masse eine Therapie aufzwingen könnte. Ob die Menschheit ihre Kultur so entwickeln kann, dass sie den Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb beherrscht, bezeichnet Freud als Schicksalsfrage. Die Beherrschung der Naturkräfte habe den Menschen zugleich in die Lage versetzt, einander vollständig auszurotten; daraus erklärt er einen Teil der gegenwärtigen Unruhe, des Unglücks und der Angst.

Freud begann die Niederschrift im Sommer 1929; Anfang November wurde das Manuskript in Satz gegeben. Es erschien noch 1929, obwohl das Titelblatt die Jahreszahl 1930 trägt. Die kulturtheoretische Fragestellung reicht bis zu den Briefen an Wilhelm Fließ von 1897 zurück. Weitere wichtige Vorarbeiten und Bezugspunkte sind Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908), Totem und Tabu (1912/13), Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915), Jenseits des Lustprinzips (1920), Das Ich und das Es (1923), Das ökonomische Problem des Masochismus (1924) und Die Zukunft einer Illusion (1927). Eine Art Fortsetzung ist Warum Krieg? von 1933.

Freud lehnte praktische gesellschaftskritische und politische Konsequenzen seiner Neurosenlehre grundsätzlich ab. Otto Gross, der solche Konsequenzen ziehen wollte, wurde 1908 aus Freuds Schülerkreis ausgeschlossen. In den 1920er Jahren nahm der Freudomarxismus, besonders durch Wilhelm Reich, den politischen Impuls wieder auf; Reich wurde 1934 aus dem Kreis der Psychoanalytiker ausgeschlossen. Seit den späten 1920er Jahren verband auch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule Freud mit Marxismus und Gesellschaftskritik. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Erich Fromm untersuchten unter anderem die autoritäre Persönlichkeit. Durch die 68er-Bewegung gewann dieser Ansatz zeitweise großen Einfluss in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

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