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Das Schwarzbuch des Kommunismus

die Exekution von zehntausenden Geiseln und Gefangenen ohne Gerichtsverfahren, · die Ermordung von hunderttausenden rebellischen Arbeitern und Bauern von 1918 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Aufbau des Buches
  2. 2. Courtois’ zentrale Thesen
  3. 3. Opferzahlen und Beispiele
  4. 4. Erklärungen für die Verbrechen
  5. 5. Kontroversen und Kritik
  6. 6. Fortsetzung und Ausgaben

Kern und Aufbau des Buches

Das Schwarzbuch des Kommunismus ist eine Aufsatzsammlung von 1997 über „Verbrechen, Terror, Unterdrückung“ durch sozialistische Staaten und kommunistische Bewegungen. Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois. Er veröffentlichte das Buch am 6. November 1997, dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917, und bezeichnete es als „erste weltweite Gesamtbilanz von 80 Jahren Kommunismus“. Das Werk wurde ein internationaler Bestseller, in 26 Sprachen übersetzt und weltweit rund eine Million Mal verkauft.

Die französische Originalausgabe umfasst 846 Seiten. Sie behandelt die Sowjetunion, die Komintern, den spanischen Bürgerkrieg, Mittel- und Südosteuropa, kommunistische Regime in Asien sowie kommunistische Staaten und Bewegungen in der sogenannten Dritten Welt. Die deutsche Ausgabe von 1998 ergänzte ein Kapitel zur DDR: Ehrhart Neubert schrieb über politische Verbrechen in der DDR, Joachim Gauck über den schwierigen Umgang mit deren Wahrnehmung.

Der Titel „Schwarzbuch“ bezeichnet eine Sammlung und Dokumentation von Negativbeispielen. Er bezog sich besonders auf das von Ilja Ehrenburg und Wassili Grossman zusammengestellte Schwarzbuch über die Massenvernichtung der Juden in der Sowjetunion, das dort verboten war und 1994 von Arno Lustiger neu herausgegeben wurde.

Courtois’ zentrale Thesen

Courtois unterscheidet in der Einleitung zwischen Kommunismus als Theorie eines idealen Gemeinwesens und Kommunismus als realer Herrschaftspraxis. Diese Praxis habe nach seiner Darstellung systematische Unterdrückung bis hin zum Terror als Regierungsform eingeführt. Die Theorie müsse an ihren empirischen Ergebnissen gemessen werden.

Nach Courtois machten kommunistische Regime „Massenverbrechen zum regelrechten Regierungssystem“, um ihre Macht zu festigen. Terror sei daher nicht nur eine Folge besonderer Umstände einzelner Länder oder Zeiten, sondern „von Anfang an ein Grundzug des modernen Kommunismus“ gewesen. Er bezeichnet viele dieser Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Sinne des Statuts des Internationalen Militärgerichtshofs von 1945.

Besonders umstritten war Courtois’ Vergleich kommunistischer Massenverbrechen mit dem Nationalsozialismus. Er nannte rund 100 Millionen Opfer des Kommunismus gegenüber rund 25 Millionen Opfern des Nationalsozialismus und wollte damit nach eigener Aussage keine „Hierarchie der Grausamkeit“ aufstellen. Er sah aber Ähnlichkeiten zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Methoden der Massengewalt. Die Singularität des Holocaust bestritt er dabei ausdrücklich nicht; er verwies auf dessen industrielle Vernichtungstechnik, etwa Vergasung und Krematorien.

Opferzahlen und Beispiele

Courtois gab seine Zahlen ausdrücklich als „grobe Annäherungen, basierend auf inoffiziellen Quellen“ an. Er schätzte die Zahl der durch Kommunisten getöteten Menschen auf annähernd 100 Millionen. Genannt wurden unter anderem: Sowjetunion 20 Millionen, Volksrepublik China 65 Millionen, Vietnam 1 Million, Nordkorea 2 Millionen, Kambodscha 2 Millionen, Osteuropa 1 Million, Lateinamerika 150.000, Afrika 1,7 Millionen, Afghanistan 1,5 Millionen sowie etwa 10.000 Opfer der internationalen kommunistischen Bewegung und kommunistischer Parteien ohne Regierungsmacht.

Als Beispiele für Massenverbrechen nennt das Buch vor allem Taten in der Sowjetunion: Exekutionen von Geiseln und Gefangenen ohne Gerichtsverfahren, die Ermordung rebellischer Arbeiter und Bauern von 1918 bis 1922, die Hungersnot von 1922 mit 5 Millionen Toten, die Ausrottung und Deportation der Kosaken 1920, die Liquidierung von fast 690.000 Menschen im Großen Terror von 1937 bis 1938 sowie Deportationen von Kulaken, Polen, Ukrainern, Balten, Moldawiern, Wolgadeutschen, Krimtataren, Tschetschenen und Inguschen.

Besonders hervorgehoben wird die künstliche und systematisch verlängerte Hungersnot von 1932 bis 1933, durch die nach Courtois 4 Millionen ukrainische und 2 Millionen russische und andere Bauern sowie kasachische und kirgisische Nomaden vernichtet worden seien. Weitere Beispiele sind die Deportation und Ausrottung der Stadtbevölkerung in Kambodscha von 1975 bis 1978 und die langsame Vernichtung der Tibeter durch die Chinesen seit 1950.

Erklärungen für die Verbrechen

Nach der im Schwarzbuch vertretenen Sicht richtete sich die Gewalt in sozialistischen Ländern nicht nur gegen bestimmte Klassen, sondern gegen alle Menschen, die als „konterrevolutionäre Elemente“ galten oder nicht die kommunistische Ideologie vertraten. Während der Kulturrevolution in China und in Kambodscha wurden besonders Gebildete der Oberschicht wie Ärzte oder Lehrer verfolgt, aber auch politische Gegner aus anderen Schichten.

Das Buch betont, dass es in sozialistischen Regimen keine industrielle Vernichtung wie im Dritten Reich gegeben habe. Dennoch hätten die Opferzahlen kommunistisch geprägter Staatensysteme weltweit die des Faschismus deutlich überschritten. Als Gründe werden Revolutionen, Bürgerkriege, politische Säuberungen sowie gezielt herbeigeführte oder durch schwere Organisationsfehler verursachte Hungersnöte genannt. Außerdem wirkte der real existierende Sozialismus räumlich und zeitlich sehr viel länger und weiter, besonders im 20. Jahrhundert in China, der UdSSR und den übrigen Ostblock-Staaten.

Courtois nennt auch Strategien, mit denen Täter und Anhänger der marxistisch-leninistischen Idee Verbrechen verschleiert oder verharmlost hätten: Rechtfertigungen im Sinne von „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, Einschüchterung und Diffamierung von Gegnern sowie die Selbstdarstellung als wichtigste Vertreter des Antifaschismus nach dem sowjetisch-kommunistischen Sieg über den Nationalsozialismus.

Kontroversen und Kritik

Das Buch wurde vor allem wegen Courtois’ Einleitung heftig diskutiert. In Frankreich distanzierten sich die Mitautoren Nicolas Werth, Jean-Louis Margolin und Karel Bartošek schon vor dem Erscheinen öffentlich von Teilen der Einleitung. Werth und Margolin kritisierten, Courtois erkläre nicht ausreichend, ob Massenverbrechen aus der kommunistischen Ideologie selbst folgten. Sie betonten qualitative Unterschiede zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus: Der Kommunismus sei ursprünglich eine emanzipatorische Ideologie gewesen und habe nicht zwangsläufig Terror verursacht. Außerdem widersprachen sie einzelnen Opferzahlen: Werth sprach für die Sowjetunion von höchstens 15 statt 20 Millionen Opfern, Margolin für Vietnam von 500.000 statt 1 Million.

In Frankreich wurde das Buch auch politisch aufgegriffen. Vertreter der UDF forderten in der Nationalversammlung Konsequenzen gegenüber der Kommunistischen Partei Frankreichs, die damals Teil der Regierungskoalition war. Premierminister Lionel Jospin wies dies zurück und verwies auf die Rolle der Kommunisten in Volksfront, Résistance und Nachkriegsregierungen. Auch der Front National nutzte das Thema und forderte einen moralischen „Nürnberger Prozess gegen den Kommunismus“.

Internationale Rezensenten bewerteten das Werk unterschiedlich. Amir Weiner fand die Darstellung vieler Verbrechen informativ, kritisierte aber Fehler, Zusammenhanglosigkeit und eine Reduktion des Vergleichs von Nationalsozialismus und Kommunismus auf Opferzahlen. Shane J. Maddock sah die Kontroverse vor allem in der polemischen Einleitung begründet und kritisierte, dass das Buch nicht ausreichend erkläre, warum kommunistische Regime oft Gewalt gegen die eigene Bevölkerung anwandten. Noam Chomsky kritisierte, das Buch und seine Rezeption stellten kommunistische Verbrechen als einzigartiges Böses dar, während Verbrechen des Westens, des Kapitalismus und der Demokratie weniger beachtet würden.

In Deutschland wurde besonders über den Ausdruck „Roter Holocaust“ gestritten. Kritiker nutzten ihn, um Courtois’ These einer Vergleichbarkeit kommunistischer Massenverbrechen mit dem Holocaust zusammenzufassen und vor einer Gleichsetzung zu warnen. Andere Autoren unterstützten die Zentralthese stärker. 2006 übernahm ein Bericht für die Parlamentarische Versammlung des Europarates die Opferzahlen aus Courtois’ Einleitung; daraus entstand die Resolution 1481 zur internationalen Verurteilung von Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime. Auch diese Resolution blieb umstritten.

Fortsetzung und Ausgaben

2002 veröffentlichte Courtois in Frankreich eine Fortsetzung unter dem Titel Du passé faisons table rase!, einem Zitat aus der „Internationale“. Die deutsche Übersetzung erschien 2004 als Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie.

Im ersten, 160 Seiten langen Kapitel setzte sich Courtois vor allem mit seinen Kritikern und mit den europäischen Debatten über das erste Schwarzbuch auseinander. Er vertrat erneut die Ansicht, dass kommunistische Verbrechen in Westeuropa, besonders in der französischen Linken, oft relativiert würden, weil der Nationalsozialismus als „das absolut Böse“ gelte. Weitere Beiträge behandelten kommunistische Regime und Bewegungen in Estland, Bulgarien, Rumänien, Italien und Griechenland. Außerdem wurden Vorworte zur US-amerikanischen und zur russischen Ausgabe des ersten Teils aufgenommen.

Der zweite Teil fand deutlich weniger Aufmerksamkeit als der erste. Deutsche Rezensionen bewerteten ihn unterschiedlich: Einige sahen darin eine Fortsetzung der Systemvergleichsdebatte, andere kritisierten ihn als Wiederholung und als apologetische Selbstverteidigung Courtois’.

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