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Bourgeoisie
Es ging nur zum geringeren Teil aus dem überkommenen, kaufmännisch geprägten Bürgertum oder aus dem Bildungsbürgertum hervor, sondern wurde überwiegend von …
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Grundbedeutung
Bourgeoisie bezeichnet im Allgemeinen das wohlhabende Bürgertum. Im Marxismus ist sie die herrschende soziale Klasse der Gesellschaft und steht der Klasse des Proletariats gegenüber. Der Begriff Bourgeois bezeichnet dabei eher das Großbürgertum der weltlichen Oberschicht, während der weitere Begriff des Bürgers auch den Citoyen, also den Staatsbürger, umfasst.
Einzelne Bourgeois gab es bereits in früheren Gesellschaftsepochen. Als eigenständige politische Kraft wurde die Bourgeoisie jedoch vor allem im Europa des feudalistischen und absolutistischen Zeitalters bedeutsam. Innerhalb der marxistischen Theorie wird Bourgeoisie häufig als Synonym für Kapitalisten und damit für Ausbeuter verwendet. Dadurch erhielt der Begriff einen abwertenden Charakter. Ein typischer Bourgeois wird in diesem Zusammenhang als sehr reicher Angehöriger der Oberschicht mit konservativer oder reaktionärer Gesinnung dargestellt.
Entstehung und Klassenkonflikt
Mit Beginn der Industrialisierung in Deutschland entstand eine neue Schicht des Bürgertums, das Besitzbürgertum. Sie ging nur zu einem geringeren Teil aus dem traditionellen, kaufmännisch geprägten Bürgertum oder aus dem Bildungsbürgertum hervor. Überwiegend wurde sie von erfolgreichen Handwerkern begründet.
Im 19. Jahrhundert spalteten sich die revolutionären Kräfte infolge bürgerlicher Revolutionen zunehmend in zwei gegeneinander handelnde Klassen. Genannt werden die Julirevolution von 1830, die Februarrevolution von 1848 und die Märzrevolution von 1848/49, die sich gegen die Politik der Restauration richteten. Auf der einen Seite stand der Dritte Stand, der seit der Aufklärung und der Französischen Revolution als Wortführer fortschrittlicher Bewegungen aufgetreten war. Auf der anderen Seite stand das durch die Industrielle Revolution rasch wachsende Proletariat, das als Vierter Stand verstanden wurde und in Form der Arbeiterbewegung zunehmend als eigene politische Kraft erschien.
Die Arbeiterbewegung wandte sich gegen die Bourgeoisie, die früher als fortschrittlich und revolutionär gegolten hatte. Nachdem sie ihre bürgerliche Revolution durchgesetzt hatte, entwickelte sie sich nach dieser Darstellung als Juste Milieu zur herrschenden Klasse und zu einer konservativ-antirevolutionären Kraft. Der zentrale politische Gegensatz lag nun nicht mehr vor allem zwischen Adel und Klerus als Vertretern des Ancien Régimes und der bürgerlich-proletarischen Mehrheit, sondern zwischen Bourgeoisie und Proletariat.
Wilhelm Weitling formulierte als einer der ersten Sozialisten einen unüberwindbaren Widerspruch zwischen beiden Klassen. Er prägte den 1836 in Paris aus dem Bund der Geächteten hervorgegangenen Bund der Gerechten, einen Vorläufer späterer sozialistischer und kommunistischer Parteien. Nach Auseinandersetzungen mit Karl Marx verlor Weitlings Einfluss an Bedeutung. Der Bund der Gerechten wurde in London in Bund der Kommunisten umbenannt und geriet unter den maßgeblichen Einfluss von Marx und Friedrich Engels. 1848 veröffentlichten Marx und Engels das Manifest der Kommunistischen Partei. Darin riefen sie zum internationalen und revolutionären Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie auf, um den Kommunismus als klassenlose Gesellschaft durchzusetzen.
Bourgeoisie bei Marx
Bei Karl Marx ist die Bourgeoisie das kapitalistische Großbürgertum und die herrschende der beiden großen Klassen des Kapitalismus. Ihr Gegensatz zum Proletariat, also zur abhängig beschäftigten Lohnarbeiterschaft, bestimmt den Klassenkampf. Zwischen beiden Klassen steht das Kleinbürgertum der kleineren Selbständigen.
Die Bourgeoisie entstand aus dem Dritten Stand der Feudalgesellschaft. Zu diesem gehörten vor allem Handwerker, Händler sowie freie und landbesitzende Großbauern. Durch die industrielle Revolution und bereits durch die sogenannte ursprüngliche Akkumulation entwickelten sich Teile dieser Schichten zu Fabrikbesitzern und Großunternehmern.
Der entscheidende Unterschied zum Proletariat liegt nach Marx im Eigentum an den Produktionsmitteln. Arbeiter besitzen im Wesentlichen nur ihre Arbeitskraft, die sie auf dem Arbeitsmarkt verkaufen müssen. Großbürger sind dagegen Eigentümer entscheidender Produktionsmittel, etwa von Fabriken, Transportmitteln und Bodenschätzen. Mit deren Hilfe und durch die Ausbeutung der Arbeiter können sie ihren Kapitalbesitz fortlaufend vermehren.
Die Interessen von Bourgeoisie und Proletariat sind nach Marx objektiv gegensätzlich und unversöhnlich. Dieser Antagonismus, also der grundlegende Klassenwiderspruch, führt seiner Prognose zufolge notwendig zum Klassenkampf. Dieser mündet in eine Diktatur des Proletariats. Mit der Durchsetzung des Sozialismus und anschließend des Kommunismus als höchstem Stadium der klassenlosen Gesellschaft endet die historische Entwicklung.
Im Historischen Materialismus, der auf Marx’ Theorien aufbaut, wird die gesamte Menschheitsgeschichte als Abfolge von Klassenkämpfen verstanden. Revolutionen stürzen jeweils eine herrschende Klasse und ersetzen eine Gesellschaftsform durch eine neue mit anderen ökonomischen, politischen und kulturellen Regeln. Die Bourgeoisie hatte in diesem Prozess zunächst eine historisch fortschrittliche Rolle: Sie stürzte die Herrschaft des Adels sowie Absolutismus und Feudalismus und setzte den Kapitalismus und damit die moderne Gesellschaft durch.
Bourgeoisie bei Wallerstein
Immanuel Wallerstein knüpft mit seiner Weltsystemtheorie an Marx an und ergänzt dessen Theorie um soziologische und politikwissenschaftliche Elemente. Für ihn ist die Bourgeoisie ein dynamisches, also sich ständig veränderndes Phänomen. Einen festen Idealtypus des Bourgeois gibt es nicht. Stattdessen bestehen unterschiedliche, räumlich und zeitlich begrenzte Organisationsformen der Bourgeoisie.
Diese Formen hängen vom Entwicklungsgrad der Weltwirtschaft, von der Rolle eines räumlich abgegrenzten Gebietes, etwa eines Nationalstaates, innerhalb der Weltwirtschaft und von den daraus entstehenden Formen des Klassenkampfes ab.
Ein Individuum gehört nach Wallerstein zur Bourgeoisie, wenn es aufgrund seiner Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen oder Kreisen einen Teil eines Mehrwerts erhält, den es nicht selbst produziert hat, und diesen ganz oder teilweise zur Kapitalakkumulation einsetzt. Die Zugehörigkeit ist nicht an einen bestimmten Beruf oder an eine bestimmte Form von Eigentum gebunden. Der Aufstieg kann auch durch ein Sprungbrett, besondere Strebsamkeit oder Talent erfolgen.
Die Klassenzugehörigkeit ist nicht dauerhaft garantiert. Für den Verbleib in der Bourgeoisie ist vor allem Erfolg auf dem Markt entscheidend. Wallerstein nennt hierfür die Eigenschaften Cleverness, Härte und Fleiß. Wer dauerhaft zur Bourgeoisie gehören will, muss außerdem überlegen, wie ökonomische Vorteile bewahrt werden können, ohne ständig dem starken Konkurrenz- und Leistungsdruck ausgesetzt zu sein.
Eine wichtige Strategie besteht darin, wirtschaftlichen Erfolg in gesellschaftlichen Status umzuwandeln. Dadurch entsteht jedoch ein neues Problem: Die wirtschaftliche Dynamik des Kapitalismus bringt ständig neue Bourgeois hervor, die noch keinen gesellschaftlichen Status besitzen, ihn aber beanspruchen. Weil Status seinen unterscheidenden und damit wertvollen Charakter verliert, wenn zu viele Menschen darüber verfügen, kommt es zu Ausscheidungskämpfen zwischen alten und neuen Bourgeois.
Besondere Klassenfraktionen
Die Kompradorenbourgeoisie wird im Zusammenhang mit der Geschichte des Kolonialismus der Nationalbourgeoisie einzelner kapitalistischer Länder gegenübergestellt. Sie bezeichnet die einheimische Klasse, die eine von außen kommende kolonialistische Ausbeutung innerhalb des eigenen Landes aufrechterhält. Nach dieser Konzeption hat sie kein Interesse am Aufbau einer eigenen Industrie oder an der Akkumulation von Kapital, sondern vor allem an der Akkumulation von Reichtum. Nicos Poulantzas beschreibt sie als Vermittlerin des ausländischen Kapitals; sie wird auch Kompradorenklasse oder Statthalter-Bourgeoisie genannt.
Nicos Poulantzas führte in den 1970er Jahren außerdem den Begriff der inneren Bourgeoisie in die vor allem marxistisch geprägte Debatte über den Imperialismus ein. Er unterscheidet sie von der nationalen Bourgeoisie und der Kompradorenbourgeoisie. Ihre Entstehung wird mit der insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg fortschreitenden Internationalisierung von Produktion und Kapital erklärt.
Die innere Bourgeoisie ist mit ausländischem Kapital verbunden, besitzt ihre Reproduktionsbasis jedoch zugleich im Inneren des Staates. Mit diesem Begriff lässt sich nicht nur das Verhältnis zwischen kapitalistischen Zentren und Peripherien, sondern auch das Verhältnis zwischen imperialen Mächten wie den USA und Europa unter internationalisierten kapitalistischen Bedingungen beschreiben.
Nach Poulantzas wurde die innere Bourgeoisie durch die Internationalisierung zur herrschenden Fraktion im Staat. Innerhalb der nationalen Formation muss sie mit den Interessen des herrschenden imperialistischen Kapitals, das Poulantzas mit den USA verbindet, sowie mit internationaler Produktion und Weltmarkt umgehen. Anders als die relativ autonome nationale Bourgeoisie ist sie untrennbar mit internationalisierten kapitalistischen Verhältnissen verflochten. Ihre Grundlage bleibt jedoch der internationalisierte Nationalstaat.
Verwendung in der Wissenschaft
Ob Bourgeoisie und bürgerliche Gesellschaft noch zur Beschreibung gegenwärtiger Gesellschaften verwendet werden sollten, ist in der Wissenschaft, besonders in der Soziologie, umstritten. Bereits die Einteilung der Gesellschaft in soziale Klassen wird wegen ihrer politischen Brisanz bezweifelt.
Der Ausdruck bürgerliche Gesellschaft wird weiterhin wissenschaftlich gebraucht, ist aber nicht mehr die dominante Beschreibungsfigur wie noch in den 1970er Jahren. An seine Stelle trat teilweise der sozialstrukturell unbestimmte Begriff Zivilgesellschaft.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass das Bürgertum in modernen Gesellschaften so stark verallgemeinert ist, dass es zugleich „alles und nichts“ zu sein scheint und zu einer beinahe differenzlosen Kategorie geworden ist. Deshalb ist umstritten, wie trennscharf die Begriffe Bourgeoisie, Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft für die Analyse heutiger Gesellschaften noch sind.