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Das Prinzip Verantwortung
Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation ist der Titel eines Buches von Hans Jonas (1903–1993), das 1979 erschien …
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Gegenstand und Bedeutung
Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation ist ein Buch des Philosophen Hans Jonas (1903–1993), das 1979 erschien und als sein ethisches Hauptwerk gilt. Jonas entwickelt darin eine Ethik für die neuen Herausforderungen moderner Technologien. Im Mittelpunkt stehen die Vermeidung unabschätzbarer Risiken, der Erhalt der Menschheit als Ganzes und die Anerkennung der Eigenrechte der gesamten Natur. Weil der Mensch durch seine technischen Handlungsmöglichkeiten besonders weitreichende Folgen verursachen kann, trägt er nach Jonas eine besondere Verantwortung.
Die technologische Entwicklung hat nach Jonas die räumliche und zeitliche Reichweite menschlicher Eingriffe in den Naturhaushalt stark vergrößert. Dadurch sind die „Unversehrtheit“ der Welt und des Menschen selbst akut gefährdet. Er nennt drei zentrale Risikobereiche: das Vernichtungspotential von Nukleartechnologie und Atomwaffen, einen unabsehbaren Kontrollverlust durch Gentechnologie sowie die drohende Zerstörung der Biosphäre durch rücksichtslose Ressourcenausbeutung und Naturzerstörung.
Neue Reichweite der Verantwortung
Jonas zufolge reichen die klassischen Ethiken unter den Bedingungen moderner Technik nicht mehr aus. Frühere Ethik bezog sich vor allem auf Handlungen zwischen Einzelpersonen, deren Folgen unmittelbar oder in naher Zukunft sichtbar waren. Sie konzentrierte sich auf den unmittelbaren Nahbereich menschlicher Verantwortung, etwa in der Maxime der Nächstenliebe. Eine Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen sowie gegenüber entfernten Kulturen war kaum vorgesehen, weil die vormoderne Technik keine vergleichbare Reichweite in Raum und Zeit besaß.
Eine Zukunftsethik muss deshalb auch kollektives Handeln berücksichtigen, dessen Folgen möglicherweise erst nach hundert oder mehr Jahren eintreten. Sie muss außerdem Menschen in räumlicher Ferne einbeziehen. Als Beispiel nennt Jonas den zu hohen CO₂-Ausstoß reicher westlicher Länder, dessen Folgen künftig auch Menschen der sogenannten „Dritten Welt“ treffen können. Die Ethik soll sich daher von der Nächstenliebe zur „Fernstenliebe“ erweitern.
An Kant anknüpfend formuliert Jonas den neuen, auch „ökologischer Imperativ“ genannten Grundsatz: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. Oder negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“ Maßstab ethischen Handelns ist damit die Erhaltung der dauerhaften Möglichkeit echten menschlichen Lebens.
Furcht, Existenzpflicht und Naturwert
Für eine Zukunftsethik unterscheidet Jonas zwischen „Ideal- und Realwissen“. Da die Folgen komplexer Technologien kaum sicher vorhersehbar sind, soll nach der „Heuristik der Furcht“ grundsätzlich die schlechtere Prognose der besseren vorgezogen werden. Dadurch soll verhindert werden, dass mögliche Gefahren verharmlost werden. Die Höhe eines möglichen Schadens – bis hin zur potentiellen Auslöschung der Menschheit – muss mit seiner Wahrscheinlichkeit zusammen betrachtet werden. Negative Zukunftsvisionen machen sichtbar, was bei einem ungehemmten technischen Fortschritt auf dem Spiel steht und was am Menschlichen bewahrt werden muss.
Jonas nimmt eine Pflicht der Menschheit zu ihrer eigenen Existenz an. Weil der Mensch Verantwortung für sein Handeln trägt, muss er auch die Existenz von Wesen erhalten, die zur Verantwortung fähig sind. Ein kollektiver Selbstmord der Menschheit ist daher ethisch abzulehnen. Zugleich erweitert Jonas Kants Vorstellung einer Ethik zwischen autonomen Subjekten: Auch nicht autonome und nicht aktuell vernünftige Wesen können Träger von Rechten sein. Das Kind, das der Fürsorge seiner Eltern anvertraut ist, dient hierfür als paradigmatisches Beispiel.
Die Verantwortung soll zudem über die Menschheit und zukünftige Generationen hinausreichen. Unter Rückgriff auf Aristoteles’ Idee einer immanenten Zweckmäßigkeit versucht Jonas, die Vorstellung einer wertneutralen Natur zu überwinden. Er geht von einer intrinsischen Werthaftigkeit des Lebens insgesamt aus. Dabei knüpft er auch an seine eigenen Studien zur Philosophie des Organischen an.
Am Ende des Buches kritisiert Jonas den marxistischen Utopismus, besonders in der Gestalt Ernst Blochs. Zugleich vermutet er, sozialistische Länder könnten eher als kapitalistische Staaten in der Lage sein, die für die Bewältigung der ökologischen Krise nötigen asketischen Ideale wiederzubeleben.
Kritik, Wirkung und Ausgaben
Als besonderes Verdienst Jonas’ gilt, dass er früh auf die Gefahren moderner Technik hingewiesen und eine umfassende philosophische Antwort darauf entwickelt habe. Kritisch diskutiert wurden vor allem seine Einschätzung des Marxismus in theoretischer und praktischer Hinsicht sowie die mögliche Einschränkung individueller Freiheiten zugunsten des kollektiven Überlebens. Der Artikel weist außerdem darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht ausreichend mit Einzelnachweisen belegt ist.
Zum 100. Geburtstag Jonas’ wurde er 2003 posthum mit einer Sondermarke der Deutschen Post im Wert von 2,20 € geehrt. Die Marke trug den Satz: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Im Januar 2023 ließ sich die Klimaaktivistin Luisa Neubauer während der Besetzung und Räumung von Lützerath mit dem Buch ablichten und zitierte auf Twitter den Ausdruck „ökologischer Imperativ“.
Die Erstausgabe erschien 1979 in Frankfurt am Main. Eine Neuauflage als Suhrkamp-Taschenbuch folgte 1984 und erschien danach in weiteren Auflagen; sie trägt die ISBN 3-518-39992-6. Das Werk wurde unter anderem ins Englische, Italienische, Französische, Niederländische, Japanische und Ukrainische übersetzt. Eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Robert Habeck erschien 2020 in Berlin; ihre ISBN lautet 978-3-518-42954-9.