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Das Leben der Anderen
Deutsch. Erscheinungsjahr, 2006 ... Der Name der Sonate vom Guten Menschen weist eine Ähnlichkeit mit dem von Brechts Stück Der gute Mensch von Sezuan auf.
Inhalt5 Abschnitte
Film und Handlung
Das Leben der Anderen ist ein deutscher Politthriller und ein Drama von 2006. Regie und Drehbuch stammen von Florian Henckel von Donnersmarck. Der 137 Minuten lange Film spielt überwiegend im Ost-Berlin des Jahres 1984 und behandelt Stasi-Überwachung, die DDR-Kulturszene, Schuld, Kunst und die mögliche Versöhnung von Opfern und Tätern. Hauptrollen spielen Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, Sebastian Koch als Schriftsteller Georg Dreyman, Martina Gedeck als Schauspielerin Christa-Maria Sieland und Ulrich Tukur als Oberstleutnant Anton Grubitz.
Wiesler, Kürzel „HGW XX/7“, erhält den Auftrag, Dreyman in einem „OV“ zu überwachen. OV bedeutet „Operativer Vorgang“ und bezeichnet im MfS-Jargon eine verdeckte Überwachung. Kulturminister Bruno Hempf will jedoch vor allem Dreyman aus privaten Gründen ausschalten: Er begehrt dessen Partnerin Sieland. Wiesler lässt die Wohnung verwanzen und hört von einer Dachbodenstation aus mit. Seine Vorgesetzten untersagen ihm, belastende Informationen über Hempf zu sammeln.
Durch Dreymans Kunst und Privatleben gerät Wieslers Weltbild ins Wanken. Der mit Berufsverbot belegte Regisseur Albert Jerska nimmt sich das Leben; danach spielt Dreyman die „Sonate vom Guten Menschen“. Wiesler ist davon tief bewegt, liest einen Brecht-Band und beginnt, Dreymans oppositionelle Entwicklung in seinen Berichten zu verbergen. Dreyman veröffentlicht anonym im Spiegel einen Artikel über die hohe, seit 1977 nicht mehr veröffentlichte Selbstmordrate der DDR. Eine aus dem Westen eingeschmuggelte Schreibmaschine mit rotem Farbband soll dabei nicht dem registrierten Besitzer zugeordnet werden können.
Sieland wird wegen illegalen Medikamentenbezugs festgenommen, als „IM“ angeworben und verrät Dreyman. IM bedeutet „Inoffizieller Mitarbeiter“, also eine Person, die heimlich für die Stasi Informationen liefert. Bei einer Durchsuchung wird die Schreibmaschine nicht gefunden, weil Wiesler sie entfernt hat. Sieland wird tödlich verletzt, als sie aus Schuldgefühlen vor einen LKW läuft. Wiesler kann man nichts nachweisen, doch er wird zur Briefüberwachung versetzt.
Nach der Wiedervereinigung entdeckt Dreyman die Abhörtechnik in seiner Wohnung und liest seine Stasi-Akten bei der BStU. Er erkennt, dass Wiesler ihn geschützt hat. Zwei Jahre später veröffentlicht Dreyman den Roman Die Sonate vom Guten Menschen mit der Widmung „HGW XX/7 gewidmet, in Dankbarkeit“. Wiesler kauft das Buch für sich selbst.
Entstehung und filmische Gestaltung
Donnersmarck entwickelte die Idee während seines Regiestudiums an der Münchner Filmhochschule ab 1997. Ab 2001 recherchierte er fast vier Jahre, sprach mit Stasi-Opfern und -Tätern und besuchte historische Orte. Wissenschaftlicher Berater war Manfred Wilke. Das Budget betrug etwa 1,8 Millionen Euro; möglich wurde die Produktion auch durch deutlich reduzierte Gagen von Besetzung und Team. Gedreht wurde vom 26. Oktober bis 17. Dezember 2004 in nur 37 Drehtagen, fast ausschließlich in Berlin. Zu den Drehorten gehörten die frühere MfS-Zentrale in der Normannenstraße und Straßen sowie Gebäude in Friedrichshain und Prenzlauer Berg.
Der Film verbindet Drama, Thriller, Liebesfilm, Melodram, Gesellschaftsporträt und Gewissensdrama. Die Handlung wird linear und chronologisch erzählt und folgt einer dreiteiligen Dramaturgie aus Exposition, Konfrontation und Konfliktauflösung. Parallelmontagen zwischen Wieslers Abhörstation und Dreymans Wohnung steigern die Spannung. Wichtige Symbole sind die rote Schreibmaschine und die „Sonate vom Guten Menschen“; die Umarmung Dreymans und Sielands in der Sterbeszene stellt die Pietà nach.
Die Bildgestaltung konzentriert sich auf Figuren: Naheinstellungen dominieren, Totaleinstellungen sind selten. Wieslers funktionale, fast leere Wohnung ohne Bücher kontrastiert mit Dreymans bücherreicher Altbauwohnung. Kaltes Licht prägt den Dachboden, warmes Licht die Wohnung. Die Farbwelt besteht vor allem aus Braun, Beige und Orange oder Grün und Grau; intensives Rot wurde durch Orange, Blau durch Grün ersetzt. Die Musik von Gabriel Yared und Stéphane Moucha ist zentral für die emotionale Wirkung.
Historische Einordnung und Streitfragen
Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS oder Stasi, war Geheimdienst und Ermittlungsbehörde der DDR für politische Straftaten. Es überwachte Oppositionelle und mögliche Abweichler. „Zersetzung“ bezeichnete Maßnahmen, die Gegner verunsichern oder Misstrauen zwischen ihnen erzeugen sollten. Die Abteilung XX/7 überwachte das literarische und kulturelle Leben; sie hatte zuletzt 40 hauptamtliche Beschäftigte sowie etwa 350 bis 400 IM. Der Staat bestimmte, was gedruckt werden durfte, und konnte Künstler mit Berufsverboten belegen.
Die historische Genauigkeit des Films wird unterschiedlich beurteilt. Kritiker bemängeln, der private Anlass von Hempfs Überwachung verdecke die politische und ideologische Funktion der Stasi. Auch seien lange Verhöre eher bis in die 1960er Jahre üblich gewesen; in den 1980er Jahren habe die Stasi stärker psychologische Mittel wie Isolationshaft eingesetzt. Die im Film gezeigten hauseigenen Prostituierten gelten als Erfindung. Außerdem war die Stasi arbeitsteiliger als Wieslers mehrere Tätigkeiten nahelegen. Tatsächlich verwendeten hauptamtliche Offiziere bei Berichten ihren offenen Namen, während Decknamen für IM üblich waren.
Besonders umstritten ist Wieslers moralische Wandlung. Es gibt keinen belegten Fall eines hauptamtlichen Stasi-Offiziers, der sich wie die Figur Wiesler aus Gewissensgründen gegen den Apparat stellte. Unter IM gab es dagegen Fälle von Gewissensentscheidungen. Wilhelm Zaisser und Ernst Wollweber verloren ihre Ämter nach innerparteilichen Machtkämpfen; Gert Trebeljahr und Werner Teske wurden als MfS-Aussteiger hingerichtet, Werner Stiller floh 1979 nach West-Berlin. Historiker halten die Durchführung von Wieslers operativem Vorgang wegen der bürokratischen Kontrollmechanismen der Stasi für wenig realistisch.
Kritische Veröffentlichungen in Westmedien konnten in der DDR nach § 220 Absatz 1 des DDR-Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren, Bewährung, Geldstrafe oder öffentlichem Tadel bestraft werden; auch §§ 97, 99 und 219 konnten berührt sein. Der Spiegel veröffentlichte tatsächlich kritische Beiträge von DDR-Bürgern, etwa von Jürgen Fuchs und Robert Havemann. Die DDR hielt ihre Selbsttötungsstatistik bereits seit 1963 geheim; 1977 wurde die Geheimhaltung verschärft. Eine direkte Ursache zwischen Diktatur und Selbsttötungsrate lässt sich laut Artikel nicht belegen, obwohl Fälle bekannt sind, in denen MfS-Handeln Bedingungen für Suizide geschaffen haben könnte.
Themen und Deutungen
Staatliche Überwachung ist ein Hauptthema. Der Film zeigt eine „Staatsparanoia“: Regierende verdächtigen Bürger sogar bei alltäglichen Dingen und erzeugen bei ihnen das Bewusstsein, ständig beobachtet und geprüft zu werden. Die Handlung beginnt im Orwell-Jahr 1984; ihr erster Teil endet am 11. März 1985, dem Tag von Michail Gorbatschows Amtsantritt und dem Beginn von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion.
Wiesler und Dreyman beginnen als überzeugte DDR-Bürger und Kommunisten. Die Begegnung mit Dreymans Welt führt bei beiden zu Zweifeln. Wiesler lebt zunächst isoliert, gehorsam und ohne eigenes erfülltes Privatleben. Als er erkennt, dass die Überwachung auch Hempfs privaten Interessen dient, beginnt er seine Berichte zu verfälschen und wird selbst zum Autor einer Fiktion. Unklar bleibt, ob Kunst ihn grundlegend verändert oder ob sie einen bereits vorhandenen moralischen Kern sichtbar macht.
Der Film vertritt ein humanistisches Kunstverständnis: Ehrliche Kunst, besonders Musik, kann Menschen zur Menschlichkeit bewegen. Donnersmarck knüpft dabei an Friedrich Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795 an. Die „Sonate vom Guten Menschen“ wird zum Auslöser für Wieslers Veränderung. Brecht-Bezüge sind ebenfalls wichtig: Wiesler liest Erinnerung an die Marie A., und der Titel der Sonate erinnert an Der gute Mensch von Sezuan. Brechts Stück betont jedoch eher gesellschaftlichen Wandel und die Schwierigkeit, in einer schlechten Welt gut zu bleiben, während der Film an individueller Ethik im staatlichen Terror festhält.
Ein Teil der Deutung kritisiert die Figur Sieland. Sie wird als abhängig, verletzlich und zwischen männlichen Figuren stehend gezeichnet; ihr Tod ermögliche die Entwicklung und Verbindung von Dreyman und Wiesler. Martina Gedeck äußerte ebenfalls Kritik daran, dass Sieland für die Katharsis eines Mannes geopfert werde.
Resonanz, Erfolg und Auszeichnungen
Der Film startete am 23. März 2006 in deutschen Kinos, nachdem die Berlinale 2006 ihn nicht als Wettbewerbsbeitrag angenommen hatte. Die schauspielerischen Leistungen, besonders die von Ulrich Mühe, wurden sehr häufig gelobt. Viele deutsche Kritiker begrüßten, dass ein Spielfilm die DDR und Stasi ernst statt komödiantisch behandelte. Zugleich blieben Darstellung der DDR, Wieslers Wandlung und historische Glaubwürdigkeit umstritten. Joachim Gauck sagte, es gebe Ungenauigkeiten, aber „sehr viel sehr gut getroffen“. Marianne Birthler hielt die konkrete Geschichte zwar für unmöglich, fand sie als Fiktion aber vertretbar. Andere, darunter Ilko-Sascha Kowalczuk und Christoph Hein, warnten, Zuschauer könnten aus dem Film ein verzerrtes Bild der DDR ableiten.
International erhielt der Film überwiegend sehr positive Kritiken. Rotten Tomatoes weist 92 % aus, Metacritic 89/100. In der IMDb Top 250 Movies lag er auf Platz 62 und war damit der höchstplatzierte deutsche Film. In Deutschland sahen ihn mehr als 2,3 Millionen Menschen; weltweit spielte er 77,4 Millionen US-Dollar ein, davon 19,1 Millionen US-Dollar in Deutschland.
Zu den wichtigsten Auszeichnungen zählen 2006 sieben Deutsche Filmpreise bei elf Nominierungen, vier Bayerische Filmpreise und drei Europäische Filmpreise. 2007 gewann der Film den Oscar für den besten fremdsprachigen Film sowie den Independent Spirit Award für den besten fremdsprachigen Film. 2008 folgten unter anderem der César für den besten ausländischen Film und der BAFTA für den besten nicht-englischsprachigen Film. Die BBC setzte ihn 2016 auf Platz 32 ihrer Liste der 100 bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts; die Writers Guild of America führte das Drehbuch auf Platz 52 ihrer Liste 101 Greatest Screenplays of the 21st Century.
Ein Rechtsstreit betraf Aussagen im Filmbuch und DVD-Audiokommentar über mutmaßliche MfS-Tätigkeiten von Jenny Gröllmann und Gregor Gysi. Nach gerichtlichen Entscheidungen durften die ursprünglichen Fassungen nicht weiter vertrieben werden; spätere Buch- und DVD-Ausgaben entfernten oder verallgemeinerten die rechtlich sensiblen Passagen.