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Daoistisches Ritual

Das daoistische Ritual bezeichnet rituelle Handlungen innerhalb des Daoismus, die von Daoshi oder Quanzhen-Mönchen und -Nonnen ausgeführt werden.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Beteiligte
  2. 2. Aufbau, Gegenstände und Ablauf
  3. 3. Ursprünge und historische Entwicklung
  4. 4. Himmelsmeister-Tradition
  5. 5. Schulen und Ritualformen
  6. 6. Heutige Rituale

Grundidee und Beteiligte

Das daoistische Ritual bezeichnet rituelle Handlungen im Daoismus. Sie werden vor allem von Daoshi, also daoistischen Ritualspezialisten, oder von Quanzhen-Mönchen und -Nonnen ausgeführt. Einfache Formen wie Opferungen und Gebete können auch Laien übernehmen; teilweise nehmen Laien als Gemeinde an den Ritualen der Spezialisten teil.

Daoistische Rituale sind komplexe, genau ausgearbeitete Handlungen. Zu ihnen gehören Gesang, Tanz und Rezitation, begleitet von Instrumenten wie Glocken, Trommeln und Zymbeln. Verwendet werden Kostüme, Altäre, Öllampen, Weihrauchbehälter und weitere Ritualgegenstände. Die Handlungen können sich auf Hofaudienzen, Exorzismus, Schwerttanz oder possenhafte Aufführungen beziehen.

Ein Ritual kann von einem einzelnen Daoshi oder von einer Gruppe durchgeführt werden. In Gruppen gibt es häufig einen Hauptkantor, einen Nebenkantor, eine Person für das Weihrauchgefäß und einen Leiter für die Tänze. Quanzhen-Rituale werden meist im Kloster aufgeführt; Himmelsmeister-Rituale finden in der Residenz des Ritualspezialisten, in lokalen Tempeln oder in privaten Haushalten statt. Rituale können jeder Gottheit eines lokalen Tempels gewidmet sein.

Aufbau, Gegenstände und Ablauf

Für daoistische Rituale werden ein tragbarer Altar und die Fünf wahren Talismane (wu zhenfu) aufgestellt. Außerdem werden Rollen aufgehängt, die die Drei Reinen, Zhang Daoling und den Obersten Herrscher der dunklen Himmel (Xuantian Shangdi) darstellen. Auch andere Götter und Geister von Himmel, Erde und Wasser können dargestellt werden.

Zu den Ritualgegenständen auf dem Altar gehören das „Siegel der fünf Donner“, ein Horn aus Metall oder Büffelhorn, Schwert, Weihrauchbehälter, Wasserbehälter, Reisbehälter, Spiegel und Scheren, Schreibtafel, Tee, Wein und Reis. Die Rituale wirken auf einer symbolischen und transformativen Ebene und werden zu bestimmten Zeiten wiederholt. Sie umfassen Darbietungen und Opfer, Gebete, Exorzismus, Requien, Meditation und Visualisierungen. Weit verbreitet sind Rituale der Fulu, also Talismane und Register.

Nach Kristofer Schipper ist das Opfern von Schriften ein zentrales Element daoistischer Rituale. In vielen Ritualen werden Schriften geschaffen und verbrannt, darunter die Fünf wahren Schriften, die die heilige Sphäre des Dao sichtbar machen sollen. Andere Wissenschaftler sehen das Verbrennen von Schriften eher als Opferhandlung und nicht als Schlüsselelement.

Der Altar hat eine besondere Bedeutung: Er steht symbolisch für eine Höhle in einem Berg und verbindet die Meditations- oder Reinigungshalle mit dem äußeren Opferaltar. Durch Handlungen wie das Auslegen der Fünf Talismane wird er zu einem vielschichtigen kosmologischen Raum. Seine Zeichen verweisen auf Gottheiten, Sonne, Mond, Sternenkonstellationen, Hexagramme, das Bagua und numerologische magische Quadrate.

Auch der Körper des Priesters ist Teil des Ritualraums. Die innere Landschaft des Daoshi gilt als wichtigste Sphäre des Altars: Sie wird ebenfalls als Berg mit drei Höhlen verstanden. Seine Dantian, also innere Energiezentren, enthalten Paläste im Kopf, im Herzen und im unteren Zinnoberfeld im Abdomen. Durch Visualisierungen bringt der Priester kosmische Mächte in die rituelle Sphäre.

Typisch ist ein Ablauf, bei dem der Altar gereinigt, spirituelle Truppen angerufen, die Fünf wahren Talismane ausgelegt und Lampen entzündet werden. Danach werden Götter, kosmische Mächte und spirituelle Kräfte durch Talismane, Opfer und Visualisierungen eingeladen. Heilige Schriften werden auf den Altar gelegt und rezitiert. Am Ende werden die Götter verabschiedet, Talismane verbrannt und der Altar abgebaut.

Ursprünge und historische Entwicklung

Die Ursprünge daoistischer Rituale liegen in der Himmelsmeister-Bewegung der Han-Dynastie. Der spätere Shangqing-Daoismus fügte meditative und visionäre Elemente hinzu, während der Lingbao-Daoismus Liturgien in die Rituale integrierte. Ein großer Teil der Rituale entstand zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert.

Rituale, die in der Tang-Zeit von Zhang Wanfu und Du Guangting zusammengestellt wurden, ähneln den heutigen daoistischen Ritualen bereits stark. In der Song-Zeit aufgezeichnete Rituale waren häufig sogar komplexer als zeitgenössische Rituale. In dieser Zeit entstanden rivalisierende daoistische Schulen, die einander kritisierten und neue Pantheone, Liturgien und Rituale entwickelten.

Aus diesen Entwicklungen entstand auch im Quanzhen-Daoismus eine eigene rituelle Tradition, die bis heute überliefert wurde. In Südchina kamen weitere daoistische Bewegungen hinzu. Auch Formen des Daoismus mit schamanistischen und volksreligiösen Elementen, deren Rituale nicht im daoistischen Kanon stehen, beeinflussten die Rituale Südchinas. Diese Einflüsse betrafen nicht nur Han-Chinesen, sondern auch die Yao und andere Völker.

Himmelsmeister-Tradition

Die Rituale des Zhengyi-Himmelsmeister-Daoismus wurden von Zhang Lu begründet. In ihnen verbinden sich Elemente der Rituale am kaiserlichen Hof, volkstümlicher Schamanismus und Mantik der vorkaiserlichen Zeit. Möglicherweise wirkte auch der damals in China aufkommende Buddhismus mit.

Der frühe Himmelsmeister-Daoismus unterschied sich von volkstümlichen Kulten dadurch, dass keine Blutopfer und keine Bezahlungen für Rituale ausgeführt wurden. Gleichzeitig übernahm er bürokratische und rituelle Formen der Hofaudienzen. Diese bezogen sich auf ein neues daoistisches Pantheon, in dem anthropomorphe Personifizierungen des Dao wichtig waren. Ältere volkstümliche Götter wurden als Gui, also „Dämonen“, eingeordnet und von den neuen Göttern der Drei Himmel kontrolliert.

Bürokratische Elemente zeigen sich zum Beispiel bei den „Drei Ämtern“ (Sanguan) von Himmel, Erde und Wasser beziehungsweise Unterwelt. Sie erhielten Dokumente in dreifacher Form, die rituell verbrannt, begraben oder versenkt wurden. Zentral waren außerdem Meditation und Sündenbekenntnis, die in Kammern der Stille oder Andachtsräumen stattfanden.

Ein wichtiges rekonstruiertes Ritual war das Falu, das „Anzünden des Weihrauchgefäßes“ des Körpers. Dabei wurden Körpergottheiten und kosmische Kräfte im Körper visualisiert, sodass der Adept zu den Göttern gelangen und eine Gedenkschrift vorlegen konnte. Beim Chuguan-Ritual ging es um Register, die der Adept erhalten hatte; die zugehörigen Gottheiten wurden als verkörpert vorgestellt, und der Adept bat um Heilung und Hilfe.

Weit verbreitet war das Gesundbeten. Krankheiten wurden als Folge eigener Sünden verstanden, teils auch als Folge der Handlungen Verstorbener, Verwandter oder Ahnen. Deshalb wurden Sünden in formalen Schriften und Petitionen an die Götter berichtet. Heilung konnte auch durch Talismane oder durch das Trinken von gesegnetem Wasser geschehen, in dem Asche von Talismanen aufgelöst war.

Im 4. und 5. Jahrhundert veränderten Shangqing- und Lingbao-Einflüsse die Himmelsmeister-Rituale. Körpergottheiten wurden stärker visualisiert, Reinigungs- und Schutzrituale nahmen zu, und Denkschriften und Petitionen wurden klarer strukturiert. In der Tang-Dynastie wurden vor Jiao-Opferungen erstmals bestimmte Denkschriften präsentiert. Exorzismus blieb ebenfalls wichtig: Mit passenden Talismanen und dem Ausrufen des Dämonennamens sollte ein Dämon in seine wahre Gestalt gezwungen und eingefangen werden.

Schulen und Ritualformen

Die Shangqing-Schule bezog sich auf okkulte Traditionen der Jiangnan-Region und auf Meister wie Ge Hong. Sie arbeitete Meditation und Visualisierung besonders stark aus, vor allem die Visualisierung von Körpergottheiten. Das daoistische Pantheon wurde erweitert; Sterne und Unterwelt galten nun als mit Palästen und Beamten ausgestattet. Spätere daoistische Rituale wurden stark von Shangqing geprägt.

Die Lingbao-Schule war stärker auf gemeinschaftliche Rituale ausgerichtet und wurde für den späteren Daoismus grundlegend. Aus dem Buddhismus übernahm sie unter anderem das universelle Heilsziel, Teile des Pantheons, die Rezitation wichtiger Schriften und Rituale wie das Umkreisen des Altars. Gleichzeitig bewahrte Lingbao ältere chinesische Elemente, etwa den Gebrauch von Talismanen auf dem Altar.

Während der Zeit der Sechs Dynastien versuchte man wegen des wachsenden buddhistischen Einflusses, daoistische Rituale zu vereinheitlichen und zu kodifizieren. In Schriften Lu Xiujings werden 19 Zhai-Rituale erwähnt. Diese wurden später in drei Gruppen eingeteilt: Zhai-Rituale des „gelben Registers“ für die Toten, des „goldenen Registers“ für die Lebenden und des „Jade-Registers“ für den kaiserlichen Hof.

In der Tang-Dynastie wurde der Daoismus vom Kaiserhof gefördert, da Laozi als Vorfahre der Dynastie galt. Es gab weiter Initiationsrituale, Hierarchien von Registern, Schriften und Liturgien sowie Siegel und Talismane. Auch ein Requien-Ritualdienst entwickelte sich. Einige Schriften nennen 24 Zhai-Zeremonien und 42 bis 72 Jiao. Heute wird im Südosten Chinas Zhai noch für Requien verwendet, während Jiao kommunale Opferriten bezeichnet.

Nach dem Ende der Tang-Dynastie sammelte Du Guangting (850–933) Teile der daoistischen Tradition und stellte sie neu zusammen. In der Song-Zeit erreichten daoistische Rituale eine besonders komplexe Form. Gleichzeitig gab es Versuche, sie wieder auf einfachere und traditionellere Formen zurückzuführen. Schulen wie Shenxiao, Tongchu, Tianxin und Qingwei entwickelten eigene Schwerpunkte, etwa Talismane, Diagramme, Lampen, Siegel, Bannern, Exorzismus, Liandu-Rituale und Donnerrituale.

In der Ming-Zeit wurden im Daofa Huiyuan, dem „Korpus daoistischer Rituale“, viele Qingwei-Rituale gesammelt. Zhao Yichen veröffentlichte zahlreiche dieser Rituale und gilt als Synkretist, also als jemand, der verschiedene Traditionen verband. Gleichzeitig entstanden viele regionale Ritualformen, in denen lokale und volkstümliche Religionen mit dem allgemeinen Daoismus verschmolzen. Rituale der Qing-Zeit sind dagegen bisher wenig erforscht.

Heutige Rituale

Heutige daoistische Rituale sind durch viele Überlieferungslinien mit dem mittelalterlichen Daoismus und dem Daoismus der späten Kaiserzeit verbunden. Außerdem gibt es deutliche regionale Unterschiede. Zwei Haupttraditionen sind besonders wichtig: Quanzhen und die Zhengyi-Lingbao-Tradition, also der Himmelsmeister-Daoismus.

Der Quanzhen-Daoismus ist vor allem in Nordchina aktiv, aber auch in Teilen Südchinas wie Zhejiang, Guangdong, Fujian und Hongkong vertreten. Seine Rituale sind wenig erforscht. Der Zhengyi-Daoismus wird vom Vater zum Sohn oder vom Meister zum Schüler weitergegeben. Die meisten Ritualspezialisten haben einen festen Wohnsitz und arbeiten von dort aus auch außerhalb ihres Hauses. Das traditionelle Hauptquartier der Himmelsmeister liegt auf dem Longhu Shan, doch lokale Überlieferungen haben viele verschiedene Ritualtraditionen in China und unter Überseechinesen hervorgebracht.

Besonders untersucht wurden Rituale auf Taiwan. Dort stellte man große Unterschiede zwischen Norden und Süden fest. In Nordtaiwan bestehen Rituale aus öffentlichen Opferungen, individuellen Ritualen und Requien. Eine Besonderheit südlicher Daoisten ist, dass sie keine Totenrituale abhalten. Da taiwanesische Rituale ihre Ursprünge in Fujian haben, wurde auch Fujian wissenschaftlich intensiv untersucht.

In Fujian unterscheidet man zwischen „Rotmützen“ und „Schwarzmützen“. Schwarzmützen-Ritualisten in Tempeln gelten als klassisch und literarisch. Rotmützen praktizieren volkssprachliche, mündliche Riten außerhalb von Tempeln. Daneben gibt es eine verbreitete Ritualtradition, die schamanistische und buddhistische Elemente mit dem Daoismus verbindet.

In Quanzhou, Zhangzhou und Südtaiwan enthalten heutige Rituale des Himmelsmeister-Daoismus drei Hauptkategorien: öffentliche Opferungen (jiao), Requien (gongde) und „Riten des kleineren Exorzismus“ (xiaofa). Meist beginnen sie mit der Platzierung der Fünf wahren Talismane der Lingbao-Tradition auf und um den Hauptaltar, wodurch ein heiliger Raum geschaffen werden soll. Danach werden Altarreinigung, Einladung der Götter, Opfer von Räucherwerk und Tee sowie die Präsentation einer Denkschrift ausgeführt.

Begleitet wird der äußere Ablauf von inneren Visualisierungen des „Meisters von hohem Verdienst“. Er unternimmt eine innere Reise durch Sphären, die in Bodendiagrammen, im Körper und in den Himmeln liegen. Dabei werden Zaubersprüche, Fingerbewegungen und das Abschreiten von Symbolen verwendet, die mit mantischen Diagrammen, daoistischen Sternen und den Hexagrammen des Yijing verbunden sind. Den Abschluss heutiger Rituale bildet die Verkündigung der Denkschrift vor dem Jadekaiser. Manchmal dürfen danach Vertreter der Gemeinschaft selbst die Treppe besteigen, um die Verbindung zwischen Göttern und Gemeinschaft zu erneuern.

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