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Daniel Cohn-Bendit
Das Abitur ... Suntrup: Formenwandel der französischen Intellektuellen: Eine Analyse ihrer gesellschaftlichen Debatten von der Libération bis zur Gegenwart.
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Person und Bedeutung
Daniel Cohn-Bendit (* 4. April 1945 in Montauban, Frankreich) ist ein deutsch-französischer Publizist und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen und Les Écologistes – Europe Écologie Les Verts. Bekannt wurde er im Mai 1968 als prominenter Sprecher der Studentenproteste in Paris. Später prägte er die Frankfurter Sponti-Szene, wurde ein wichtiger Vertreter des „Realo“-Flügels der Grünen und war von 1994 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments.
Cohn-Bendit gilt als eine Figur, an der sich mehrere politische Entwicklungen der Nachkriegszeit zeigen lassen: die Studentenbewegung von 1968, der Wandel linksradikaler Gruppen in Richtung parlamentarischer Politik, die Entstehung der Grünen, die Debatte um Multikulturalität und Integration sowie der europäische Föderalismus. 1989 bis 1997 leitete er in Frankfurt am Main das neu eingerichtete Amt für Multikulturelle Angelegenheiten. Zur Europawahl 2014 zog er sich aus der aktiven Politik zurück, blieb aber publizistisch und öffentlich präsent.
Herkunft und Jugend
Cohn-Bendit stammt aus einer jüdischen Familie. Seine Eltern Erich Cohn-Bendit und Herta Cohn-Bendit flohen 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Paris. Einige Verwandte wurden 1942/43 nach Riga deportiert und kamen dort um oder wurden ermordet. Die Familie gehörte in Paris zu einem Kreis jüdischer Intellektueller, zu dem auch Hannah Arendt gehörte, deren Werke Daniel Cohn-Bendit später beeinflussten.
Daniel Cohn-Bendit wurde 1945 in Südfrankreich geboren, nachdem die Alliierten Südfrankreich befreit hatten. Die Familie lebte später wieder in Paris; zeitweise leiteten seine Eltern ein jüdisches Kinderheim. Weil die Eltern ursprünglich in die USA auswandern wollten, beantragten sie zunächst nicht die französische Staatsbürgerschaft für ihn. Nach einem später unvollständigen Antrag blieb er einige Jahre staatenlos.
1958 zog Cohn-Bendit mit seiner Mutter nach Frankfurt am Main. Er besuchte die reformpädagogische Odenwaldschule und legte 1965 das Abitur mit der Gesamtnote „Gut“ ab. Mit 14 Jahren entschied er sich für die deutsche Staatsbürgerschaft, auch um dem Militärdienst in Frankreich zu entgehen. Im Mai 2015 erhielt er zusätzlich die französische Staatsbürgerschaft. Er lebt in Frankfurt am Main, ist seit 1997 mit Ingrid Apel verheiratet und hat mit ihr einen Sohn.
Studentenbewegung 1968
1965 begann Cohn-Bendit zunächst ein Mathematikstudium an der Universität Paris-Süd, wechselte aber nach einer Woche zur Soziologie an die Universität Paris-Nanterre. Dort wurde er in der französischen Studentenbewegung aktiv. Er beteiligte sich an Protesten gegen die Geschlechtertrennung in Studentenwohnheimen und an Aktionen gegen den Vietnamkrieg. Nach der Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in Berlin warnte er, das Gewaltpotenzial sei auch in anderen Ländern nicht kleiner.
Am 22. März 1968 entstand in Nanterre die „Bewegung 22. März“, ein dezentrales, anti-institutionelles Bündnis verschiedener linker Gruppen für direkte Aktion. Obwohl die Gruppe keine zentrale Führung wollte, wurde Cohn-Bendit in den Medien als Sprecher dargestellt und als „Dany le Rouge“ bekannt. Anfang Mai 1968 wurde Nanterre geschlossen; Cohn-Bendit und andere wurden vor die Disziplinarkommission der Sorbonne geladen.
An der Sorbonne entwickelten sich aus Sit-ins und Polizeieinsätzen Straßenschlachten. Cohn-Bendit bezeichnete sich vor der Disziplinarkommission als „anarchistischer Marxist“: Er hielt die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft durch Marx für richtig, lehnte aber autoritäre Organisationsformen der kommunistischen Bewegung ab. Die Proteste weiteten sich aus. Nach Polizeigewalt und Solidaritätsaufrufen beteiligten sich im Mai 1968 zwischen sieben und zehn Millionen Menschen in Frankreich an einem Generalstreik.
Am 22. Mai 1968 verhängte Frankreich gegen Cohn-Bendit ein Aufenthaltsverbot. In Paris demonstrierten Studenten mit der Parole „Wir sind alle deutsche Juden“ für seine Wiedereinreise. Er gelangte später trotzdem nach Frankreich zurück. Im Juli 1968 ließ er sich in Frankfurt am Main nieder, auch um den „Starkult“ um seine Person zu beenden.
Frankfurt, Spontis und Grüne
Nach 1968 lebte Cohn-Bendit in Frankfurt am Main. Er schrieb das Buch „Linksradikalismus – Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus“ über den Pariser Mai, studierte offiziell Soziologie an der Goethe-Universität, beendete das Studium aber nicht. Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren wurde er zu einer wichtigen Figur der Frankfurter Sponti-Szene. „Spontis“ waren linksradikale Gruppen, die auf spontane, direkte Aktionen und außerparlamentarische Politik setzten.
Zusammen mit Joschka Fischer und anderen war Cohn-Bendit im „Revolutionären Kampf“ aktiv, gründete 1970 die Karl-Marx-Buchhandlung mit und beteiligte sich am Frankfurter Häuserkampf gegen den Abriss leerstehender Häuser. Er arbeitete außerdem in selbstverwalteten Kinderläden und war an der Freien Schule Frankfurt beteiligt. 1976 gründete er das linksalternative Stadtmagazin „Pflasterstrand“, das unter anderem Anti-AKW-Bewegung und Häuserkampf behandelte.
Ab 1978 engagierte sich Cohn-Bendit stärker in der entstehenden grünen Bewegung. Gemeinsam mit Joschka Fischer entwickelte er sich zu einem Vertreter der „Realos“. Damit war der Flügel der Grünen gemeint, der parlamentarische Arbeit, Regierungsbeteiligung und Bündnisse mit der SPD befürwortete. Dem standen stärker grundsätzliche, systemkritische Gruppen gegenüber, die oft als „Fundis“ bezeichnet wurden. 1985 ermöglichten die hessischen Grünen die erste rot-grüne Koalition in Hessen; Fischer wurde Umweltminister, Cohn-Bendit war in dieser Zeit sein enger politischer Berater.
1989 wurde Cohn-Bendit in Frankfurt am Main ehrenamtlicher Dezernent und erster Leiter des Amts für Multikulturelle Angelegenheiten. Das Amt führte Anhörungen von Migranten durch, unterstützte die Gründung einer kommunalen Ausländervertretung, bot Rechtsberatung und Antidiskriminierungsprogramme an und organisierte Kampagnen gegen Rassismus. 1997 gab Cohn-Bendit dieses Amt auf und wechselte ganz in die Europapolitik.
Europapolitik und Positionen
Bei der Europawahl 1994 zog Cohn-Bendit für die Grünen in das Europäische Parlament ein. 1999 kandidierte er als Spitzenkandidat der französischen Grünen und erhielt erneut ein Mandat. Von 2002 bis 2014 war er einer von zwei Vorsitzenden der Fraktion der Grünen / Europäische Freie Allianz und Mitglied der Präsidentenkonferenz des Europäischen Parlaments. Er kandidierte abwechselnd für deutsche und französische grüne Parteien.
Ein Schwerpunkt seiner Europapolitik war der europäische Föderalismus. Föderalismus bedeutet hier: Die Europäische Union sollte nach seiner Auffassung stärker politisch geeint sein und gemeinsame demokratische Institutionen haben. Seit 2000 setzte er sich für eine föderale Europäische Verfassung ein, mit einer politischen Regierung anstelle einer bloßen Verwaltungsspitze der EU-Kommission. Diese Verfassung sollte Werte wie Solidarität, ökologische Vernunft, eine Sozialcharta und eine Angleichung der Steuersysteme enthalten. Bürgerinnen und Bürger sollten bei Europawahlen auch direkt über ein europäisches Führungsamt mitentscheiden können.
2010 gehörte Cohn-Bendit zu den Gründern der Initiative JCall und wurde Mitglied der Spinelli-Gruppe, die sich für europäischen Föderalismus einsetzt. 2012 verließ er die französische grüne Partei Europe Écologie-Les Verts nach Streit über den Europäischen Fiskalpakt, blieb aber Mitglied der deutschen Grünen und behielt seine Funktionen im Europäischen Parlament. Bei der Europawahl 2014 kandidierte er nicht mehr.
Kontroversen und öffentliche Rolle
Cohn-Bendit war immer wieder Gegenstand politischer Kontroversen. Beim Thema Linksterrorismus setzte er sich seit dem „Deutschen Herbst“ 1977 kritisch mit der RAF und anderen bewaffneten Gruppen auseinander. Er hatte nie zum „bewaffneten Kampf“ aufgerufen, sah aber eine Mitverantwortung der Neuen Linken für eine anfängliche Faszination an terroristischer Gewalt. Zugleich half er Hans-Joachim Klein, der sich von den Revolutionären Zellen gelöst hatte, beim Leben im Versteck. Später wurde ihm deshalb mögliche Strafvereitelung vorgeworfen; das Europäische Parlament lehnte 2003 die Aufhebung seiner Immunität ab.
Bei Militärinterventionen änderte Cohn-Bendit seine frühere pazifistische Haltung teilweise. Während der Jugoslawienkriege befürwortete er in bestimmten Fällen militärische Mittel als letztes Mittel zum Schutz vor ethnischen Massenmorden. Auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 trat er für einen gesamteuropäischen Beitrag gegen das Taliban-Regime ein. Kritiker bezeichneten ihn deshalb als „Bellizisten“. 2012 kritisierte er dagegen deutsche Rüstungsexporte nach Griechenland.
Besonders umstritten waren Äußerungen zur kindlichen Sexualität. 1975 beschrieb Cohn-Bendit in „Der grosse Basar“ sexuelle Handlungen mit Kindern; auch im „Pflasterstrand“ erschienen später pädophile Äußerungen. 2001 wies er den Vorwurf zurück, Kinder missbraucht zu haben. Eine Gruppe von Eltern und früher von ihm betreuten Kindern widersprach solchen Vorwürfen ebenfalls. Cohn-Bendit erklärte, er habe in zugespitzter, fiktiver Ich-Form provozieren wollen, nannte die Texte später aber „unerträglich und falsch“, einen „Fehler“ und eine „große Dummheit“. Die Debatte wirkte bis zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2013 nach.
Cohn-Bendit äußerte sich auch häufig zu jüdischer Identität und Antisemitismus. Er betonte, nicht religiös zu sein, sich aber dennoch als Jude zu verstehen. In Debatten über Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, über den Holocaust, Israel und den Antisemitismus in Teilen der Linken versuchte er, jüdische Verletzungserfahrungen, politische Kritik und deutsche Erinnerungskultur miteinander ins Gespräch zu bringen.
Neben der Politik war Cohn-Bendit in Medien und Kultur präsent. Er schrieb politische Bücher und Aufsätze, spielte in Filmen mit, verfasste Drehbücher und moderierte Sendungen, unter anderem den „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und Gesprächsformate bei Europe 1 und Euronews. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 2001 den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken und 2013 den Theodor-Heuss-Preis.