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Sühne
Als Sühne werden im Kontext einer Religion Handlungen bezeichnet, durch die Einzelne oder Gruppen religiöse „Vergehen“ (Sünden) im Verhältnis zu einem Gott …
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Grundbegriff
Sühne bezeichnet im religiösen Zusammenhang Handlungen, durch die Einzelne oder Gruppen religiöse Vergehen, also Sünden, im Verhältnis zu Gott und/oder zu Angehörigen der eigenen Religion ausgleichen wollen. Die Religionswissenschaft beschreibt Sühne allgemein als rituelle „Entstörungs- oder Korrekturhandlung“. Sie soll ein gestörtes Gottesverhältnis heilen oder diese Heilung ermöglichen. Dazu können auch kultische Opfer gehören. Entsühnung bedeutet die Befreiung von Schuld durch Sühne; Entsühner sind Personen, die durch Opfer oder andere rituelle Handlungen eine Befleckung tilgen sollten.
Im rechtlichen Zusammenhang meint Sühne eine Handlung, durch die ein Mensch eine begangene Schuld oder ein Unrecht anerkennt und ausgleicht. Ziel ist, einen Streit beizulegen oder Schaden zu beheben. In der deutschen Umgangssprache werden „Sühne“, „Strafe“ und „Buße“ oft weitgehend gleichbedeutend verwendet. Genau genommen unterscheidet sich Sühne aber dadurch, dass sie Einsicht in die Schuld und eine aktive Übernahme der Ausgleichsleistung einschließt.
Antike Opfer und Kritik
In den Kulten der griechisch-römischen Antike waren sühnende Opfer nicht einfach menschliche Ausgleichsleistungen nach einem Urteil. Opferriten galten eher als Angebot an die Gottheiten zur Reinigung oder Beseitigung menschlicher Schuld. Teilweise wurde Schuld auf ein Opfertier übertragen, wodurch das verwirkte Leben ersetzt werden sollte.
Schon seit Heraklit kritisierten griechische Philosophen bestimmte Opferpraktiken. Besonders der Handel mit Opfergaben, die als Mittel zum Lösen und Heilen von Unrechttaten angepriesen wurden, galt als problematisch. Die Kritik lautete: Opfer könnten missbraucht werden, um sich von Unrecht freizukaufen oder die Götter zu bestechen. Eine solche Sühneform wurde daher als falsch verstanden. Opferkulte boten vielmehr einen Rahmen, in dem Schuld ausgesprochen und eingestanden wurde und in dem man die Gottheit um Erlass der Strafe bat, ohne diesen Erlass direkt erzwingen zu können.
Menschenopfer wurden in Notsituationen als Ausstoßen von Menschen in eine tödliche Lage verstanden, um eine Gemeinschaft vor dem befürchteten Zorn der Götter zu retten. Solche Riten hießen Pharmakos, also „heilend“. Quellen nennen unter anderem Athenaios, Ovid, Caesar, Vergil und Plutarch. Selbstopfer erscheinen vor allem im Zusammenhang mit dem heldenhaften „Sterben für das Vaterland“. Marcus Annaeus Lucanus deutete den Tod Catos mit Sühnemotiven, indem er dessen Blut als Lösung für die Völker und als Buße für römische Schuld beschreibt.
Sühne im Judentum
Im Tanach, der Bibel des Judentums, wird der hebräische Wortstamm kpr meist mit „sühnen“, „versühnen“, „versöhnen“ oder „Versöhnung“ übersetzt. Das Wortfeld bezeichnet ein Handeln, das auf Versöhnung zielt. Im kultischen Zusammenhang kann die menschliche Sühneleistung, etwa ein Opfer, diese Versöhnung aber nicht direkt bewirken oder erzwingen. Versöhnung mit Gott bleibt Gottes freier Entschluss. Biblische Opfer sind daher nicht darauf angelegt, einen göttlichen Zorn einfach zu besänftigen.
Sühneriten sind im biblischen Judentum Bitten an Gott, eine als verdient angesehene Strafe zu erlassen. Dazu gehören Schuldeingeständnis und Bereitschaft zur Umkehr. Gott bleibt frei, Versöhnung zu gewähren oder zu verweigern, und ist nicht auf eine „Ersatzleistung“ angewiesen, um Schuld vergeben zu können.
Die Tora gebietet verschiedene Tieropfer. Unabsichtliche Vergehen sollten durch „Sündopfer“ (hebräisch Chattat), grobe vorsätzliche Vergehen durch „Schuldopfer“ (hebräisch Ascham) gesühnt werden. Umstritten ist, ob das Opfertier stellvertretend für den Menschen getötet wurde, der eigentlich den Tod verdient hätte. Hartmut Gese deutet das Handauflegen nach Lev 1,4 als Identifikation des Opfernden mit dem Opfertier und als Übertragung der Sünden. Auch Lev 17,11 versteht er so, dass das Tierblut Sühnemittel sei, weil das Tier anstelle des Menschen sterbe. Walther Eichrodt widerspricht: Ein heiliges, fehlerloses Opfertier würde durch Sündenübertragung unrein; nach Lev 1,4 wählt und schlachtet der Sünder selbst das Tier; Arme konnten Mehl statt Tiere opfern; Tieropfer konnten keine todeswürdigen Vergehen sühnen; und Lev 17,11 begründet vor allem das Verbot, Blut zu essen. Ob biblische Opfer personale Stellvertretung meinen, bleibt deshalb nicht eindeutig.
Der Begriff kaporät, von kpr abgeleitet, bezeichnet die Deckplatte der Bundeslade als Ort der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, besprengte der Hohepriester diese Platte mit Blut, um sich, den Opferaltar und Israel zu reinigen. Die Septuaginta übersetzte kaporät mit hilastärion, „Sühneort“ oder „Sühnemittel“.
Menschenopfer sind in der Tora streng verboten und werden durch Tieropfer ersetzt, etwa in der Bindung Isaaks (Gen 22,1-19). In der Makkabäer-Zeit etwa 160–63 v. Chr. entstand jedoch eine Märtyrer-Theologie, weil toratreue Juden verfolgt und getötet wurden. Zunächst wurde erwartet, dass der Tod eines gerechten Juden seine eigenen Sünden sühnt, sodass Gott ihn auferwecken werde. Das vierte Makkabäerbuch, um 100 n. Chr. und nicht Teil des Tanach, geht weiter und deutet das Blut frommer Märtyrer als Reinigungsopfer und Sühnemittel für Israel. Auch das vierte Gottesknechtslied in Jes 53 beschreibt, dass ein gerechter Knecht die Schuld der Vielen auf sich lädt. Da der Tempelkult damals noch bestand und Schuldopfer eigentlich vom Priester dargebracht werden mussten, blieb diese Vorstellung spannungsreich; spätere Handschriften schwächten das stellvertretende Sühneleiden teilweise ab oder verbanden es mit Priesterdienst.
Deutung im Christentum
Im Neuen Testament wird die Lebenshingabe Jesu Christi am Kreuz als einmaliger und vollkommener Sühnetod gedeutet. Jesus habe stellvertretend für Israel und die Völker gelitten, ihre Sünde übernommen und beseitigt und so die unbedingte Versöhnung der Welt mit Gott bewirkt. Spätere christliche Theologie fasste die vielfältigen neutestamentlichen Bilder mit Begriffen wie Stellvertretung, Rechtfertigung und Satisfaktion zusammen; diese Gesamtbegriffe selbst kommen im Neuen Testament nicht vor.
Eine Sühnewirkung des Todes Jesu zeigen besonders Texte, die vom griechischen Verb hilaskomai („sühnen“) abgeleitet sind und die aus der Septuaginta bekannten Wörter hilasmos und hilastärion auf Jesus beziehen. Röm 3,25 nennt den Gekreuzigten ein „Sühnemal [hilastärion]“, wirksam „durch Glauben“ und „in seinem Blut“. Wahrscheinlich greift Paulus hier ein judenchristliches Bekenntnis auf, das Jesu Kreuzestod als Gottes Vergebung der früheren Sünden Israels und als Erneuerung des Bundes verstand. Paulus verbindet dies mit seiner Theologie, dass Gott gerecht ist und den gerecht macht, der aus Glauben an Jesus lebt.
Der erste Johannesbrief sagt: „das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde“ (1 Joh 1,7). Er nennt Jesus die Sühne für die Sünden der Glaubenden und „für die der ganzen Welt“ (1 Joh 2,2) und deutet seine Sendung als Ausdruck der Liebe Gottes (1 Joh 4,10). Das Johannesevangelium beschreibt Jesu Sendung als Kampf von Licht, Wahrheit und Leben gegen Finsternis, Lüge und Tod. Im Tod Jesu siegt scheinbar die Finsternis, tatsächlich aber trägt der Sohn Gottes Gottes Gericht über alle Sünde und besiegt die kosmische Todesmacht.
Joh 1,29 und Joh 1,36 nennen Jesus das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Joh 19,16.32-36 datiert Jesu Tod in die Stunde, in der im Jerusalemer Tempel die Pessach-Lämmer geschlachtet wurden. Pessachopfer dienten jedoch nicht der Sühne für religiöse Vergehen, sondern dem Dank für die Rettung aus der Sklaverei. Paulus nennt Jesus in 1 Kor 5,7 pascha, um das neue befreite Leben der Christen zu begründen. Das griechische Wort amnos in Joh 1,29 verweist außerdem auf das tamid-Opfer in Ex 29,38-42. Das Verb „wegnehmen“ oder „wegtragen“ bezeichnet kein kultisches Opfer, sondern Gottes endgültiges Beseitigen der Sünde durch unvergleichliche Vergebung.
Wie in der hebräischen Bibel bleibt auch im Neuen Testament Versöhnung Gottes eigenes Werk. Joh 3,16 beschreibt Gottes Wesen als „Dahingabe“: Gott gibt seinen einzigen Sohn, damit Glaubende nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Die „Dahingabe“-Aussagen mit dem Verb paradidonai sind im Neuen Testament älter und häufiger als ausdrückliche Sühneaussagen. Sie stehen in der Tradition des Herrenmahls und können auf Worte Jesu wie Mk 10,45 zurückgehen: Der Menschensohn gibt sein Leben „als Lösegeld für viele“. 2 Kor 5,19 fasst zusammen: „Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst…“. Die Reformatoren Martin Luther, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin und andere stellten diese Botschaft als Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders durch Christus allein und allein aus Gnade ins Zentrum und verwarfen Praktiken der „Werkgerechtigkeit“.
Sühne im Recht
Im modernen Verwaltungsrecht ist Sühne ähnlich wie Buße oder Strafe ein Ausgleich für ein schuldhaft verursachtes Ungleichgewicht, wenn direkte Wiedergutmachung nicht möglich ist. Durch Sühne wird Schuld abgetragen und eine Strafe verbüßt. Dadurch soll die vom Unrecht betroffene Person Genugtuung erfahren. Wenn eine Strafe dafür nicht ausreicht, können schuldige oder sich schuldig fühlende Personen zusätzlich eine Sühneleistung wünschen oder erbringen.
Im strengen Sinn unterscheidet sich Sühne von Strafe, Buße und Wiedergutmachung dadurch, dass sie die Einsicht des Bestraften in seine Schuld und die aktive Übernahme der Ausgleichsleistung umfasst. Die germanische Rechtstradition, aus der das Wort „Sühne“ stammt, betont dagegen besonders die reaktive Vergeltung einer Übeltat: Die erforderliche Sühne oder Strafe soll dem Täter absichtlich ein Übel zufügen, um seinen willentlichen Verstoß gegen eine Rechtsnorm zu vergelten.