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Bibeltreue
Der Begriff besagt, dass die Bibel für die Bibeltreuen „unbedingte Autorität in allen Glaubens- und Lebensfragen“ ist. Oft wird die Heilige Schrift von …
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Begriff und Bedeutung
„Bibeltreue“ ist die Selbstbezeichnung mancher konservativer Christen. Sie dient zur Abgrenzung von Liberaltheologie und teilweise auch von moderner Bibelwissenschaft, die aus dieser Perspektive oft als „unbiblisch“ gelten. Weil es eine Eigenbezeichnung ist, verwenden sie ausschließlich Gläubige, die sich selbst als bibeltreu verstehen. Der Begriff ist unwissenschaftlich, soll aber eine theologische Distanzierung und einen Protest gegen liberales Christentum ausdrücken.
Für Bibeltreue besitzt die Bibel „unbedingte Autorität in allen Glaubens- und Lebensfragen“. Häufig wird sie gemäß der Chicago-Erklärung als irrtumslos verstanden. Die starke Bedeutung der Bibel, persönliche Frömmigkeit und eine theologisch konservative Haltung verbinden Fundamentalisten, Evangelikale und Pietisten.
Bibelgebrauch im Evangelikalismus
Hansjörg Hemminger unterscheidet im deutschsprachigen Evangelikalismus zwei Formen der Bibelorientierung:
- Bei der individuellen Schriftspiritualität werden persönliches Bibelstudium, Austausch im Bibelkreis und Gebet verbunden. Dies wird als Wirken des Heiligen Geistes erlebt und ist erlebnisorientiert.
- Der traditionelle, dogmatische Biblizismus betont dagegen, dass die Glaubenssätze und ethischen Weisungen der Bibel ein für alle Mal feststehen.
Hemminger ordnet den ersten Typ eher jüngeren, den zweiten eher älteren Menschen zu. Beide Formen schließen einander nicht aus, stehen aber in Spannung zueinander.
Reformatorische und orthodoxe Bezugspunkte
Bibeltreue Autoren berufen sich oft auf das reformatorische Sola-scriptura-Prinzip: Die Heilige Schrift soll maßgeblich sein. Dem wird die römisch-katholische Orientierung an Papsttreue und Kirchentradition gegenübergestellt.
Ein weiterer Bezugspunkt ist die Inspirationslehre der altprotestantischen Orthodoxie des 17. und 18. Jahrhunderts. Als klassischer Schriftbeweis gilt 2 Tim 3,16 ELB. David Hollaz folgerte daraus eine Verbal- und Realinspiration: Den Verfassern der Bibel seien nicht nur Glaubenswahrheiten, sondern auch historische und naturwissenschaftliche Informationen offenbart worden.
Aus heutiger exegetischer Sicht stellt sich dabei die Frage, worauf sich der Verfasser des 2. Timotheusbriefs mit „Bibel“ bezog: Das Neue Testament war zur Abfassungszeit noch nicht zusammengestellt. Zudem ist umstritten, ob Paulus von Tarsus selbst oder ein Paulusschüler den Brief verfasste; die historisch-kritische Forschung nimmt meist Letzteres an.
Irrtumslosigkeit und Auslegung
2002 wurde in der Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten über das Verständnis von Bibeltreue diskutiert. Heinzpeter Hempelmann, von 1996 bis 2007 Direktor des Theologischen Seminars der Liebenzeller Mission, hält das Konzept der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift für einen Kategorienfehler: Es sei dem eigentlichen Anliegen der Bibel fremd. Dieser Ansatz wird auch Hermeneutik der Demut genannt. Andere evangelikale Theologen meinen dagegen, er werde dem Selbstanspruch der Bibel nicht gerecht.
Helge Stadelmann, von 1994 bis 2015 Rektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen, kritisiert den historisch-kritischen Umgang mit der Bibel als Folge von Glaubensproblemen und als zersetzend. Bibeltreue solle die Bibel vielmehr in kindlichem Vertrauen, Demut, Gehorsam und Liebe lesen. Nach Gisa Bauer führt die Vorstellung, die Bibel spreche unmittelbar zum Leser, oft zu geringem Interesse an den eigenen Voraussetzungen des Verstehens. Dies betrifft den hermeneutischen Zirkel, also die Tatsache, dass jedes Lesen durch Vorverständnisse geprägt ist.
Häufig wird außerdem angenommen, der Heilige Geist erschließe Gläubigen die Bibel anders als ungläubigen Exegeten. Bauer zufolge wird dieser pneumatologische, also den Heiligen Geist betreffende, Grundsatz im Evangelikalismus jedoch zurückhaltend angewandt, weil er für pfingstlerisch-charismatische Bibelhermeneutik typisch ist. Teile des Evangelikalismus grenzen sich gerade von der Pfingstbewegung ab. Mit 1 Kor 13,10 ELB wird teilweise begründet, dass Zungenrede und Prophetie als „Stückwerk“ endeten, als in der Spätantike mit Altem und Neuem Testament das „Vollkommene“, die ganze Bibel, vorlag.
2003 wandte sich der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz dagegen, die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift von 1978 zum einzigen Maßstab für Bibeltreue zu machen. Bibelbund und Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten kritisierten dies scharf. Stadelmann beurteilt auch die „gemäßigte Bibelkritik“ von Karl Barth und Adolf Schlatter als besonders problematisch, weil sie schwer zu durchschauen sei. Ein gemäßigter evangelikaler Biblizismus knüpft dagegen positiv an Schlatter an. Seine historisch-biblische Methode arbeitet in der Textkritik wie die historisch-kritische Exegese, verfolgt aber in Literar-, Form- und Redaktionskritik eigene Ansätze.
Übersetzungen und bibeltreue Publizistik
Die Interessengemeinschaft für bibeltreue Übersetzungen warnt vor Bibelübersetzungen auf Grundlage des textkritisch erarbeiteten Novum Testamentum Graece. Teilweise wird deshalb auf Luthers Biblia Deudsch von 1545 zurückgegriffen. Als bibeltreu geschätzt wird auch die Schlachter-Bibel 2000, Grundlage der John-MacArthur-Studienbibel und der Genfer Studienbibel. Karl-Heinz Vanheiden setzt sich demgegenüber für die Akzeptanz moderner Urtextausgaben ein.
1998 gründeten Journalisten und Verleger den Arbeitskreis bibeltreuer Publizisten. Er trat besonders im Jahr der Bibel 2003 hervor und warnte vor ökumenischen Kooperationen in diesem Zusammenhang. An einem Treffen im Februar 2003 in Dillenburg unter dem Motto „Bibeltreue Publizistik – die Herausforderung in einer veränderten Welt“ nahmen über 500 Personen teil. Auch Werner Arns Christlicher Informationsdienst verstand sich als bibeltreu.
Politische Anliegen
Die Arbeitsgemeinschaft für weltanschauliche Fragen e. V. („AG Welt“) geht auf die 1979 von Ernst-Martin Borst gegründete Arbeitsgemeinschaft für religiöse Fragen zurück. Sie will über politische Zeitfragen wie Klimawandel und COVID-19-Pandemie aus bibeltreuer Sicht aufklären.
Bündnis C – Christen für Deutschland entstand 2015 durch den Zusammenschluss der Partei Bibeltreuer Christen und der AUF – Partei für Arbeit, Umwelt und Familie. Das Programm orientiert sich am biblischen Menschenbild: Die traditionelle Familie gilt als Leitbild; Schwangerschaftsabbrüche und Gender-Mainstreaming werden abgelehnt. Gefordert werden Hausunterricht und ein Erziehungsgehalt für Eltern. Zum Programm gehören außerdem Umweltschutz als Bewahrung der Schöpfung, Solidarität mit Israel und die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels.
Die AfD versucht ebenfalls, bibeltreue Wähler anzusprechen; es bestehen personelle Verbindungen zur Partei Bibeltreuer Christen und zur AUF. Hansjörg Hemminger betont jedoch, dass „Christen in der AfD“ innerparteilich wenig Gewicht hätten und stärker von konservativen Katholiken als von Evangelikalen geprägt seien. In der Schweiz vertritt die rechts eingeordnete Eidgenössisch-Demokratische Union eine an der Bibel orientierte Politik.