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Christliche Rechte
Die christliche Rechte (auch religiöse Rechte) bezeichnet eine Gruppe von politisch rechtsorientierten Christen, die aus religiöser Überzeugung politisch …
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Begriff und Grundidee
Die christliche Rechte, auch religiöse Rechte genannt, bezeichnet politisch rechtsorientierte Christen, die aus religiöser Überzeugung für gesellschaftspolitischen Konservatismus eintreten. Häufig ist damit besonders die „Christian right“ in den USA gemeint. Ihr Kern besteht aus reformierten und calvinistischen Protestanten, charismatischen und pfingstlerischen Christen sowie konservativen Katholiken.
Die Bewegung verbindet religiöse Überzeugungen mit politischen Zielen. Sie setzt sich unter anderem gegen Schwangerschaftsabbruch, gegen gleichgeschlechtliche Ehen, gegen Feminismus und gegen bestimmte Formen von Stammzellforschung ein. Außerdem unterstützt sie oft wirtschaftsliberale Positionen, eine stark pro-israelische Haltung im Sinne eines christlichen Zionismus und eine konservative Bildungspolitik. Der Artikel nennt auch Überschneidungen zu säkularen Tech-Bros und Pronatalisten, rechtsextremen regierungsfeindlichen Bewegungen, weißen Suprematisten und US-amerikanischen Nationalsozialisten.
Entstehung und politischer Einfluss
Ein früher Vorläufer war die 1935 entstandene fundamentalistische Organisation The Fellowship Foundation. Sie forderte statt des New Deals eine Rückbesinnung auf „christlich-konservative Werte“ als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise. Ihr Ziel war ein elitärer Fundamentalismus: Die Gesellschaft sollte durch in Gebetszellen organisierte, „durch Gott gelenkte“ Männer kontrolliert werden. Die Organisation, auch „The Family“ genannt, war streng antikommunistisch und hatte besonders in der McCarthy-Ära der 1950er-Jahre politischen Einfluss.
Die moderne christliche Rechte entstand in den USA in den 1970er-Jahren durch die Zusammenarbeit von Neokonservativen mit evangelikal-fundamentalistischen Geistlichen und Fernsehpredigern wie Jerry Falwell und Tim LaHaye. Der presbyterianische Pastor Francis Schaeffer beeinflusste zentrale spätere Akteure stark. Auch konservative Katholiken gehören in kleinerem Umfang dazu; als prominentes Gesicht der katholischen Rechten nennt der Artikel Rick Santorum, der 2012 und 2016 erfolglos bei republikanischen Präsidentschaftsvorwahlen antrat.
Seit Anfang der 1990er-Jahre organisierte sich die christliche Rechte stärker als politische Bewegung. Führungsrollen übernahmen zunehmend Anwälte und Politiker statt Geistliche. Wichtige Strategien waren der Aufbau rechter Denkfabriken, die Unterwanderung der Republikanischen Partei und die Unterstützung republikanischer Kandidaten. George W. Bush erhielt etwa ein Drittel seiner Stimmen von religiösen Rechten. Auch Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs werden laut Artikel durch die religiöse Rechte beeinflusst; ihr nahestehende Richter entscheiden deutlich konservativer bei Geschlechterdiskriminierung und Todesstrafe.
2008 nahm der Einfluss zeitweise ab, unter anderem weil junge Gläubige sich von konservativen Kirchenführern entfernten. Mit der Wahl Donald Trumps 2016 wuchs der Einfluss wieder, besonders durch Vizepräsident Mike Pence, der rechts-evangelikale Positionen vertrat. Da Trump selbst weder zur Christian Right gehört noch ihren Idealen entspricht, beschreibt der Artikel dies als Zweckallianz. Seit den 2010er-Jahren gewann die religiöse Rechte auch in Lateinamerika an Bedeutung, besonders im Umfeld konservativer Politiker. Genannt werden Mauricio Macri in Argentinien 2015, Sebastián Piñera in Chile 2017 und Jair Bolsonaro in Brasilien 2018.
Organisationen und Netzwerke
Zu den wichtigsten Gruppen zählt die weiterhin bestehende The Fellowship Foundation. Der Journalist Jeff Sharlet berichtet, dass in internen Dokumenten und Diskussionen unter anderem Hitler, Lenin, Ho Chi Minh und Osama bin Laden als Modelle zur Verdeutlichung des Führungsverständnisses genannt würden. Trotz antidemokratischer Wurzeln gehören laut Artikel sowohl republikanische als auch demokratische Politiker zu diesem Netzwerk. In Afrika werden der ugandische Präsident Yoweri Museveni und David Bahati mit der Fellowship Foundation in Verbindung gebracht. Das später vom Verfassungsgericht gekippte Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda wird im Artikel auf ihr Wirken zurückgeführt.
Eine der ersten großen Organisationen der religiösen Rechten in den USA war die 1979 von Jerry Falwell gegründete Moral Majority. Im selben Jahr entstanden die Lobbygruppen Christian Roundtable und Christian Voice. Die Christian Roundtable wollte führende Politiker mit wichtigen religiösen Rechten zusammenbringen. 1980 organisierte sie ein Treffen zwischen konservativen Republikanern, darunter Ronald Reagan, und protestantischen Fundamentalisten.
Christian Voice hatte ein Jahr nach der Gründung 187.000 Mitglieder. Die Gruppe bewertete die „Moral“ von Amtsträgern mit einer „Moral-Skala“ aus 14 Schwerpunktthemen. Sie wandte sich unter anderem gegen Abtreibung, Quotenregelungen für ethnische Minderheiten, Busbeförderung zur Desegregation, das Bildungsministerium der Vereinigten Staaten, Rechte für Homosexuelle, die SALT-II-Verträge, Pornografie und Sexualunterricht. Weitere Organisationen sind die Christian Coalition of America, das Family Research Council, Focus on the Family, Concerned Women for America und das Eagle Forum. Der Spiegel zählt die Southern Baptist Convention zur „Speerspitze“ der religiösen Rechten in den USA.
Familie, Geschlecht und Sexualität
Ein zentrales Anliegen der religiösen Rechten ist seit den 1970er-Jahren und besonders seit Roe v. Wade die Ablehnung des Rechts auf Abtreibung. Francis Schaeffer, Jerry Falwell und andere sahen die Entscheidung des Supreme Court in Roe v. Wade als Angriff auf „Familienwerte“. Ronald Reagan sprach sich bereits im Wahlkampf für ein verfassungsrechtliches Verbot von Abtreibungen aus. Die 1986 von Randall Terry und anderen gegründete Operation Rescue bezeichnete Abtreibung als „Holocaust am ungeborenen Leben“ und nutzte militante Mittel wie Einschüchterung und körperliche Belästigung, um Frauen und Ärzte am Betreten von Abtreibungskliniken zu hindern. Große Aktionen waren Proteste während der Democratic National Convention 1988 in Atlanta und eine 46 Tage lange Blockade in Wichita 1991.
Unter George W. Bush nahmen die Bemühungen gegen Abtreibung deutlich zu, auch weil wichtige Regierungsposten an Vertreter der religiösen Rechten gingen. Sie beeinflussten unter anderem Nominierungen für den Supreme Court und niedrigere Gerichte. Zudem versuchten sie, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, etwa durch falsche Regierungsinformationen, laut denen Abtreibung Brustkrebs und Geisteskrankheiten verursache. Später richtete sich die Kampagne auch stärker gegen Empfängnisverhütung, besonders gegen die Antibabypille und die Pille danach. Am 24. Juni 2022 hob der Supreme Court im Verfahren Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization Roe v. Wade auf; seitdem entscheiden die Bundesstaaten über die Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen.
Die christliche Rechte war auch zentral am Scheitern des Equal Rights Amendment beteiligt, eines Verfassungszusatzes zur Gleichberechtigung von Frauen. Das Eagle Forum wurde ausdrücklich gegründet, um dessen Ratifikation zu verhindern. Phyllis Schlafly und antifeministische Organisationen verhinderten durch Petitionen und Lobbyarbeit die Annahme in Schlüsselstaaten. Die Frist lief 1982 ab. Vertreter wie Pat Robertson, Jerry Falwell und Howard Phillips sahen das ERA als gefährlich, „antifamiliär“ oder als Angriff auf traditionelle Geschlechterrollen.
Gegenüber Homosexuellen ist die religiöse Rechte überwiegend intolerant eingestellt und lehnt gleichgeschlechtliche Ehen ab. Grundlage ist laut Artikel oft eine wörtliche Bibelauslegung oder die Ablehnung bestimmter sexueller Praktiken. Religiöse Rechte verhinderten in Bill Clintons erster Amtszeit die Aufhebung des Verbots von Homosexuellen im Militär. Die Westboro Baptist Church wird als Teil der extremen religiösen Rechten genannt; sie demonstriert regelmäßig gegen Lesben und Schwule. Das Family Research Council distanzierte sich zwar von ihren Methoden, teilte aber die Ablehnung einer angeblichen „Homosexual Agenda“.
Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Klima
Religiöse Rechte lehnen die Evolutionstheorie ab und versuchen, Intelligent Design im Unterricht öffentlicher Schulen zu verankern. Intelligent Design ist die Vorstellung, dass die Entstehung des Lebens und seiner Formen auf einen planenden Urheber zurückgehe. Tim LaHaye sah in Darwins Theorie den Grund für die „Zerstörung des moralischen Fundaments“ der USA. In den 1980er-Jahren stellten christlich Rechte säkularen Humanismus und Evolution als eine angeblich dominierende „Religion“ an öffentlichen Schulen dar, die die Religionsfreiheit von Christen einschränke. Diese Strategie hatte wenig Erfolg. In den 1990er-Jahren konzentrierten sie sich stärker darauf, kommunale Schulausschüsse zu besetzen und Lehrpläne direkt zu verändern. Private Einrichtungen wie die Liberty University führten verpflichtenden kreationistischen Biologieunterricht ein.
In Wirtschaftsfragen verbindet sich die konservativ-protestantische Haltung der religiösen Rechten in den USA mit wirtschaftsliberalen Ansichten. Jerry Falwell sagte 1987: „Die Bibel fördert das freie Unternehmertum.“ Er sah Kapitalismus als von Gott begünstigtes Wirtschaftssystem.
Beim Klimawandel bestreiten Teile der religiösen Rechten, Sozialkonservative und Befürworter eines möglichst kleinen Staates, dass es einen menschengemachten globalen Klimawandel gibt. Jerry Falwell, James Dobson und Pat Robertson zweifelten ihn an. Falwell hielt 2007 eine Predigt mit dem Titel The Myth of Global Warming. Eine wichtige Organisation ist die 2005 gegründete Cornwall Alliance, die die Begrenzung von Treibhausgasemissionen aus moralischen, theologischen, politischen und nach eigener Darstellung wissenschaftlichen Gründen ablehnt. Der Artikel betont aber, dass nicht alle Vertreter der religiösen Rechten den Klimawandel leugnen; die Evangelical Climate Initiative will evangelikale Gemeinden über den globalen Klimawandel aufklären. In den USA halten nur 34 % der evangelikalen Protestanten den Klimawandel für ein extremes oder sehr ernstes Problem, während 38 % ihn für kein oder kein allzu schweres Problem halten.
Die religiöse Rechte wendet sich außerdem gegen Forschung an embryonalen Stammzellen, weil diese Forschung nach ihrer Auffassung Mord darstellt. Organisationen wie das Family Research Council betreiben dazu eigene Fachabteilungen, etwa The Center for Human Life and Bioethics. Im Mai 2010 unterzeichnete Barack Obama ein Gesetz zur Förderung der Forschung an embryonalen Stammzellen und hob damit Finanzierungsbeschränkungen von George W. Bush auf. Tony Perkins vom Family Research Council kritisierte dies als „eine tödliche Verordnung“.
Rassentrennung und politische Bündnisse
Der Beginn der christlichen Rechten als moderne politische Bewegung in den USA hängt laut Artikel auch mit dem Ende der Rassentrennung nach Brown v. Board of Education von 1954 zusammen. Nach diesem Urteil nahmen weiße Eltern ihre Kinder zunehmend aus öffentlichen Schulen und schickten sie auf private, meist christliche Schulen, die nur weiße Schüler aufnahmen. Nach Gerichtsurteilen von 1969 entzogen Steuerbehörden solchen Schulen die Steuerbefreiung, wenn sie Afroamerikaner diskriminierten.
Der konservative Aktivist Paul Weyrich, Gründer der Heritage Foundation, nutzte zusammen mit religiösen Führern wie Jerry Falwell die Ablehnung dieser Entwicklung, um eine christlich-konservative Bewegung aufzubauen. Eine wichtige Rolle spielte die Bob Jones University in Greenville, South Carolina. Sie ließ ursprünglich keine Afroamerikaner zu, ab 1971 unter Druck der Steuerbehörde nur verheiratete Afroamerikaner. Beziehungen über die eigene „Rasse“ hinaus waren verboten; Studierende mussten dies schriftlich bestätigen und durften das Prinzip der Rassentrennung nicht öffentlich in Frage stellen. 1976 verlor die Universität den Status der Gemeinnützigkeit. Ronald Reagan erwähnte im Präsidentschaftswahlkampf vor 10.000 Evangelikalen in Dallas die ungerechte Behandlung christlicher Bildungseinrichtungen, nicht aber Abtreibungen. 1983 entschied der Supreme Court gegen die Universität. Danach wurde das religiös motivierte Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zum nächsten wichtigen Mobilisierungsthema.
Es gibt außerdem Überschneidungen zwischen der religiösen Rechten und der Tea-Party-Bewegung. Eine Umfrage von 2010 ergab, dass sich die Hälfte der US-Amerikaner, die sich als religiöse Rechte sehen, auch zur Tea-Party-Bewegung zählten. Nach einer Umfrage des Pew Research Center unterstützten 69 % der befragten Wahlberechtigten, die Positionen der religiösen Rechten zustimmten, die Tea-Party-Bewegung. Weiße evangelikale Protestanten sind in beiden Gruppen überrepräsentiert.