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Christlich-islamischer Dialog
Der christlich-islamische Dialog umfasst das Gespräch, die Begegnung, die Konfrontation und den theologischen Diskurs zwischen Christentum und Islam und ist …
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Begriff und Bedeutung
Der christlich-islamische Dialog umfasst Gespräche, Begegnungen, Konfrontationen und theologische Diskussionen zwischen Christentum und Islam. Er ist ein Teil des interreligiösen Dialogs. Sein Ziel besteht heute meist darin, gegenseitigen Respekt und Verständnis zu fördern, religiöse Streitfragen zu besprechen und das Zusammenleben in einer gemeinsamen Gesellschaft zu gestalten.
Christentum und Islam sind monotheistische Religionen: Beide bekennen sich zu einem einzigen Gott und beziehen sich auf Abraham beziehungsweise Ibrahim als Stammvater. Zugleich beanspruchen beide Religionen universale Gültigkeit für ihre Verkündigung der endgültigen Offenbarung Gottes. Dieser Anspruch und das häufig damit verbundene Bewusstsein eigener Überlegenheit erschwerten den Austausch über lange Zeit. Der Dialog ist daher sowohl von gemeinsamen Wurzeln als auch von grundlegenden Unterschieden geprägt.
Historische Entwicklung und theologische Konflikte
Der Dialog begann im Zusammenhang mit der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert n. Chr. im Nahen Osten und in Ägypten. Zunächst musste vor allem das Zusammenleben von Christen und Muslimen unter islamischer Herrschaft geregelt werden, etwa durch die Rechtsordnungen von Siyar und Dhimma. Ein Dhimmi war ein nichtmuslimischer Schutzbefohlener unter islamischer Herrschaft. Frühe Diskussionen, beispielsweise bei Theodor Abū Qurra und Johannes von Damaskus, waren meist apologetisch und polemisch: Jede Seite verteidigte den eigenen Glauben und griff die Lehre der anderen an. Im Mittelalter wurde der Islam häufig als christologische Häresie, also als Irrlehre über Christus, betrachtet.
Aus islamischer Sicht wird dem Christentum vorgeworfen, biblische Glaubenszeugnisse und die christliche Tradition falsch aufzunehmen und das Bekenntnis zu dem einen Gott zu verletzen. Betroffen ist besonders die Trinitätslehre, nach der Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Sie wurde laut Anja Middelbeck-Varwick aufgrund koranischer Aussagen auch in der späteren islamischen Tradition vielfach als „Beigesellung“ eines weiteren Gottes missverstanden. Ein weiterer Streitpunkt ist die unterschiedliche Bewertung der Propheten: Der Islam erkennt Jesus als Propheten an, während das Christentum Mohammed nicht entsprechend würdigt. Im Koran gilt Mohammed als „das Siegel der Propheten“ (Sure 33,40), also als der mit letzter Gültigkeit auftretende Prophet. Ebenso bestreitet der Koran in Sure 4:157 ausdrücklich die Kreuzigung Christi, die für die christliche Kreuzestheologie entscheidend ist. Zu deren besonders deutlichen islamischen Kritikern gehörte der Reformdenker Raschīd Ridā.
Auf christlicher Seite prägten die Bezeichnungen von Muslimen als „Ungläubige“ oder „Häretiker“ sowie die Behauptung, der Islam habe sich allein „mit Feuer und Schwert“ verbreitet, ein negatives Islambild. Hinzu kam die Auffassung, der Koran falle hinter ein bereits erreichtes religionsgeschichtliches Niveau zurück. Den Abstand vergrößerte außerdem, dass sich das westliche Christentum in der Neuzeit mit Aufklärung und gesellschaftlicher Emanzipation auseinandersetzen musste.
Trotz der Konflikte bestanden Beziehungen und gegenseitige Einflüsse. Übersetzungen und Kommentare zu Aristoteles von muslimischen Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna), al-Fārābī und Ibn Ruschd (Averroes) beeinflussten die mittelalterliche Scholastik stark. Petrus Venerabilis ließ 1143 durch die Übersetzerschule von Toledo eine lateinische Koranübersetzung anfertigen. Im islamisch beherrschten al-Andalus begegneten sich Muslime, Juden und Christen, wobei Christen nur den Status von Dhimmis hatten. Nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 behandelte Nikolaus von Kues in „Über den Frieden im Glauben“ religiöse Toleranz und übertrug diese Überlegungen in der „Cribratio Alkorani“ auf das Verhältnis zum Islam. Er löste sich teilweise von älteren Streitstrategien, betrachtete den Frieden aber weiterhin hauptsächlich durch islamische Heere als bedroht und blendete christliche Eroberungskriege und die Kreuzzüge aus.
Neuorientierung und heutige Aufgaben
Einen wichtigen Wendepunkt bildete die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65). In Nr. 3 erklärte die katholische Kirche ihre Hochachtung vor Muslimen, die den einen Gott anbeten. Christen und Muslime sollten vergangene Feindschaften zurücklassen, einander aufrichtig verstehen lernen und gemeinsam soziale Gerechtigkeit, sittliche Güter, Frieden und Freiheit fördern.
Offen blieb dabei die Frage nach dem christlichen Anspruch auf universale Gültigkeit. Das Konzil vertrat keinen ausschließlich exklusiven Heilsanspruch mehr, aber weiterhin einen inklusiven: Alle Menschen seien in die Heilstat Jesu Christi einbezogen, sodass auch Andersgläubige am christlichen Heilsgeschehen Anteil hätten. In pluralistischen Religionstheologien wird diskutiert, ob Christentum und Islam auf einen Absolutheitsanspruch verzichten und dennoch an der Einzigartigkeit ihrer jeweiligen Botschaft und deren universaler Gültigkeit festhalten können.
In Europa findet der Dialog heute meist zwischen christlichen Einheimischen und muslimischen Einwanderern statt, die besonders seit den 1960er Jahren nach Europa kamen. Daneben gibt es alteingesessene muslimische Bevölkerungsgruppen, etwa die Tataren in Polen und die bosnischen Muslime. Aufgrund ihrer langen gemeinsamen Geschichte gelten sie gewöhnlich als besonders offen für den Dialog. Neben theologischen Fragen behandelt der Austausch praktische und politische Themen wie Religionsunterricht, Kopftuch, Schächten, Religionsfreiheit und Integration.
Dialog in Deutschland
In Deutschland führen Kirchen und islamische Institutionen, Theologen, Gemeinden, Dialoggruppen, Kindergärten, Schulen und Universitäten den christlich-islamischen Dialog. Hinzu kommen staatlich organisierte Veranstaltungen wie die Deutschen Islamkonferenzen. Im Zusammenhang mit staatlicher Integrationsförderung gibt es zugleich Widerstand gegen eine Konfessionalisierung von Einwanderern und ihren Nachkommen, also dagegen, sie vorrangig über ihre Religionszugehörigkeit einzuordnen.
Viele Dialogorganisationen sind im Koordinierungsrat des christlich-islamischen Dialogs (KCID) zusammengeschlossen. Zu ihnen gehören die 1982 gegründete Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) und das Bendorfer Forum. Der Austausch findet auch über Bücher, Filme, Ausstellungen, Fotos und Interviews statt. Ein Forschungsprojekt untersuchte Schulbücher auf häufige Vor- und Fehlurteile; die Ergebnisse veröffentlichte das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung.
Seit 2002 finanziert die Bundesregierung jährlich Dialogprojekte mit 425.000 Euro. Genannt werden jährlich 50.000 Euro für Dialogseminare für Imame, seit Gründung des KCID rund 40.000 Euro pro Jahr für Projekte und seit 2004 jährlich 60.000 Euro für die Muslimische Akademie. Auch Einrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Bildung und die Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligen sich am interreligiösen Dialog. 2007 entstand die „Christlich-Muslimische Friedensinitiative“, getragen vom Deutschen Städtetag, DITIB und KCID; den Vorsitz übernahm der Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz (CDU).
Die 1979 vom katholischen Orden der Weißen Väter gegründete Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO in Frankfurt am Main untersucht und dokumentiert den Dialog wissenschaftlich. Seit 1998 ist sie die Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für den christlich-islamischen Dialog und veröffentlicht vierteljährlich die Zeitschrift „CIBEDO-Beiträge“.
Weitere wichtige Orte sind katholische und evangelische Akademien sowie das seit 2003 bestehende Theologische Forum Christentum – Islam. Dieses wissenschaftliche Netzwerk setzt sich für islamische Theologie an deutschen Universitäten ein. Bei seiner offiziellen Eröffnung 2009 sprach sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble erstmals für eine islamisch-theologische Fakultät in Deutschland aus.
Österreich und Vereinigte Staaten
In Österreich schuf das Islamgesetz von 1912 besondere Voraussetzungen. Mit ihm erkannte Kaiser Franz Joseph I. den Islam an. Das bis zu seiner Neufassung im Jahr 2020 geltende Gesetz gewährte muslimischen Gläubigen und Religionsdienern im Rahmen der allgemeinen Gesetze dieselben Rechte wie anderen anerkannten Religionsgemeinschaften. Dazu gehörten freie Religionsausübung, die selbstständige Regelung innerer Angelegenheiten sowie das Recht, Krankenhäuser und Stiftungen zu gründen.
Die 1979 gegründete Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ist offizieller Ansprechpartner staatlicher Stellen und kirchlicher Dialogpartner. Sie vertritt islamische Verbände und Vereine, organisiert unter anderem den staatlich finanzierten islamischen Religionsunterricht, muslimische Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge sowie Bestattungen und arbeitet mit katholischer und evangelischer Kirche zusammen. Ein hervorgehobenes Beispiel war der Vortrag „Islam, Christentum und Relativismus“ von Gregor Henckel-Donnersmarck am 18. Juni 2011 im Islamischen Zentrum Wien. Es war das erste Mal, dass ein hoher katholischer Würdenträger in der Wiener Moschee vortrug. Elsayed Elshahed antwortete: „Herr Abt, betrachten Sie dieses Haus als Ihr Haus!“ Der Dialog wurde am 12. Jänner 2012 mit dem IGGÖ-Präsidenten Fuat Sanaç fortgesetzt.
In den Vereinigten Staaten widmet sich das 1993 gegründete Prince Alwaleed bin Talal Center for Muslim-Christian Understanding an der von Jesuiten geleiteten Georgetown University in Washington, D.C. dem muslimisch-christlichen Dialog.