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Christianisierung des Römischen Reiches

Die Konstantinische Wende ab 313 brachte die Christenheit in die Rolle einer staatlich begünstigten Religion. Davon profitierte aber nur die katholische Kirche, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Prozess und Grundzüge
  2. 2. Ursprünge, Gemeinden und Verfolgungen
  3. 3. Christen in der Gesellschaft vor Konstantin
  4. 4. Von Diokletian zur Reichskirche
  5. 5. Spätantike: Wandel von Kult, Alltag und Herrschaft
  6. 6. Deutungen der Forschung

Prozess und Grundzüge

Die Christianisierung des Römischen Reiches war ein mehrere Jahrhunderte dauernder, regional sehr unterschiedlicher Prozess. Das Christentum entwickelte sich von einer Gruppierung innerhalb des Judentums im östlichen Mittelmeerraum zur dominanten Religion des Imperium Romanum. Es verlief nicht als ein einmaliger „Sieg“ über ein einheitliches Heidentum: Es gab verschiedene Christentümer und vielfältige nichtchristliche Kulte, und religiöse Praktiken bestanden nebeneinander fort.

Wichtig für die Ausbreitung waren weniger einzelne Missionare als Alltagskontakte in Familie, Beruf und persönlichen Netzwerken. Ortsgemeinden boten Taufe, Eucharistie, regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, engen Zusammenhalt sowie Unterstützung bei Krankheit und Armut. Als attraktiv galten auch Heilungen, Exorzismen, Prophetie und die Standhaftigkeit von Märtyrern. Das Christentum verband einen exklusiven Monotheismus mit dem Anspruch auf ein einheitliches Bekenntnis und eine umfassende Lebensdeutung. Es grenzte sich damit stärker von anderen Kulten ab als diese untereinander.

Ursprünge, Gemeinden und Verfolgungen

Jesus von Nazareth war ein galiläischer Jude, Heiler, Exorzist und Weisheitslehrer. Er verkündete das nahe Reich Gottes, trat als Prophet des Gottes Israels auf und wurde mit messianischen Erwartungen verbunden. Nach seiner Kreuzigung durch römische Soldaten auf Urteil des Präfekten Pontius Pilatus sammelten sich seine Anhänger in Jerusalem, überzeugt von seiner Auferweckung und Erscheinungen. Von dort gingen Apostel als Abgesandte zur Gewinnung neuer Mitglieder aus.

In Antiochia wurden auch Nichtjuden durch Taufe aufgenommen, ohne dass Männer beschnitten werden mussten; dies waren Heidenchristen. Paulus von Tarsus wurde nach einem spirituellen Erlebnis zum wichtigen Missionar und vertrat ein Christentum ohne Übernahme des jüdischen Lebensstils. Nach dem Jüdischen Krieg und der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. verlor das Judentum sein gemeinsames religiöses Zentrum; nach dem Bar-Kochba-Aufstand von 132–136 durften Juden und damit auch Judenchristen Aelia Capitolina nicht betreten.

Bis etwa 150 verbreitete sich das Christentum vor allem im griechischsprachigen Osten und in Rom. Rodney Stark rechnet modellhaft mit etwa 1000 Christen im Jahr 40, 40 Prozent Wachstum je zehn Jahre und etwa 40.000 Christen im Jahr 150; Dietrich-Alex Koch hält dies für vertretbar. Kleine Gemeinden von 70 bis 80 Mitgliedern konnten bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts durchschnittlich etwa 800 Personen umfassen. Die Leitung lag zunächst bei Presbytern („Ältesten“). Im 2. Jahrhundert setzte sich zunehmend der Monepiskopat durch: Ein auf Lebenszeit ernannter Episkopos, später Ortsbischof, leitete die Gemeinde und garantierte die richtige Lehre. Synoden dienten der Klärung regionaler Konflikte.

Christen akzeptierten grundsätzlich staatliche Ordnung, zahlten Steuern und beteten für den Kaiser. Zugleich erwarteten viele die nahe Wiederkunft Christi; andere kritisierten das Reich scharf. Verfolgungen waren zunächst örtlich und zeitlich begrenzt. Um 100 wurde Christsein als todeswürdiges Verbrechen behandelt, doch konnte ein Beschuldigter durch Opferhandlung zeigen, dass er nicht mehr Christ war. Decius verpflichtete 249–251 alle Einwohner zum Kaiseropfer und ließ libelli ausstellen. Valerian verfolgte ab 257 besonders Kleriker und christliche Oberschichten. Märtyrer konnten Nichtchristen beeindrucken und besaßen in ihren Gemeinden außergewöhnliche Autorität.

Christen in der Gesellschaft vor Konstantin

Christliche Autoren verstanden die Ehe als sittliche Beziehung zweier Menschen und betonten bei vorausgesetzter Unterordnung der Ehefrau gegenseitigen Respekt. Sie schätzten Ehelosigkeit und sexuelle Askese hoch, lehnten Kindesaussetzung rigoros ab und übernahmen häufig Verantwortung für Waisenkinder. Mischehen kamen trotz kirchlicher Vorbehalte vor. Sklaven waren zwar aktive Gemeindemitglieder, doch blieb die Aussage des Paulus, unter Getauften gebe es „nicht Sklave noch Freier“, eher Ideal als soziale Wirklichkeit.

Die Sklaverei wurde nicht grundsätzlich infrage gestellt. Clemens Alexandrinus lehrte um 200, Besitz sei nicht an sich heilsgefährdend; entscheidend sei sein richtiger Gebrauch. Reiche sollten Güter verwalten statt ihnen innerlich zu verfallen, und es sei widersinnig, wenn ein Einzelner im Überfluss lebe, während die Mehrheit Mangel leide. Christliche Philosophen wie Tertullian und Origenes wirkten als Lehrer, Ratgeber und Seelsorger. Sie nutzten Rhetorik und philosophische Bildung, wandten sich aber auch an Frauen, Jugendliche und sozial niedrigere Gruppen. Origenes verband in seiner Schule christliche Lebensführung mit wissenschaftlicher Bibelauslegung.

Von Diokletian zur Reichskirche

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts waren Christen nach Klaus Martin Girardet nur 5 bis 10 Prozent der Reichsbevölkerung; im Westen waren sie schwächer vertreten als im Osten. Diokletian verfolgte sie ab 303. Das Edikt vom 24. Februar 303 ordnete die Zerstörung von Kirchen und Schriften an, inhaftierte Kleriker und zwang sie unter Todesdrohung zum Opfer. Die Durchführung war im Westen schwächer, im Osten stärker und besonders heftig in Ägypten. Die Ursachen sind umstritten; diskutiert werden die Sicherung der religiösen Grundlagen der Tetrarchie und die Sorge um die öffentliche Ordnung. Das Toleranzedikt des Galerius vom 30. April 311 erlaubte christlichen Kult wieder.

Die Konstantinische Wende ab 313 machte die katholische Kirche zur staatlich begünstigten Kirche. Konstantin erstattete ihr Eigentum, förderte Kirchenbauten, befreite Kleriker weitgehend von städtischen Pflichten und wertete Bischöfe auf. Bischofsgerichte (episcopalis audientia), karitative Aufgaben, das Erbrecht von Gemeinden und die manumissio in ecclesia stärkten die Kirche gesellschaftlich. Konstantins Verhältnis zu traditionellen Kulten und zu Sol Invictus blieb jedoch mehrdeutig. Er beanspruchte als Kaiser Aufsicht über die Christenheit und berief Konzilien ein. Seine Rolle beim Konzil von Nicäa ist in der Forschung strittig; die homoousios-Formel wurde dort auf seine Anordnung angenommen.

Der Staat verfolgte nun auch christliche Abweichler. Donatisten wurden zeitweise als religio illicita behandelt; Arius wurde in Nicäa verurteilt, 327 aber von Konstantin rehabilitiert. Priscillian und einige Anhänger wurden am 11. November 385 in Trier hingerichtet. Im 4. und 5. Jahrhundert entstanden unterhalb der Bischofsebene Parochien und oberhalb davon Kirchenprovinzen. Daraus entwickelten sich die Patriarchate Rom, Alexandria, Antiochia, Konstantinopel und Jerusalem. Die Pentarchie war laut Artikel eher ein System von fünf Großkirchen als eine einheitliche Kirche und entsprach nie vollständig der Realität. Reichskirche bezeichnet das Zusammenwirken von Kirche und Reich: Kaiser beriefen Synoden ein und setzten Beschlüsse durch, Bischöfe nutzten staatliche Verkehrs- und Kommunikationswege. Glaubensbekenntnisse und Konzilien schufen jedoch oft neue Konflikte und verbreiteten lokale Streitfragen reichsweit.

Spätantike: Wandel von Kult, Alltag und Herrschaft

Unter Constantius II. und späteren Kaisern wurde der Einfluss auf Bischofsbesetzungen und Glaubensfragen verstärkt. Julian hob 361–363 die Förderung der katholischen Kirche vorübergehend auf und wollte traditionelle Kulte mit staatlicher Organisation und christlich geprägter Wohltätigkeit erneuern. Nach seinem Tod am 26. Juni 363 setzte sich dies nicht fort. Die Senatsaristokratie Roms christianisierte sich mehrheitlich erst im 5. Jahrhundert. Dabei wurden Reichtum, klassische Bildung, Freundschaftsnetzwerke, Almosen und Kirchenbau mit einem aristokratischen Christentum verbunden.

Die Einnahme Roms durch Alarich im August 410 erschütterte Christen und Nichtchristen. Augustinus entwickelte in De civitate Dei die Lehre von civitas Dei und terrena civitas: Gottesstadt und irdische Stadt sind seit der Schöpfung miteinander verflochten. Christen sind als Bürger der himmlischen Gottesstadt Fremdlinge auf Erden und nutzen den irdischen Frieden als Bedingung ihrer Pilgerschaft. Damit löste Augustinus Heilsgeschichte von der Geschichte des Römischen Reichs.

Justinian I. (527–565) beschrieb das Verhältnis von Kaiser und Kirche als symphōnía agathḗ, „gute Übereinstimmung“. Er verlangte mit einem eigenen Glaubensbekenntnis Zustimmung aller Reichsbewohner; abweichende private Überzeugungen wurden illegal. Die Kirche erhielt umfangreiche Verwaltungsaufgaben, großen Landbesitz und Mittel für Hospitäler, Einrichtungen für Alte, Waisen und Witwen. Kirchenland war unveräußerlich, steuerlich begünstigt und meist in Emphyteuse verpachtet. Die Trullanische Synode 680/681 bestätigte älteres Kirchenrecht und fixierte die Pentarchie rechtlich.

Nichtchristliche Anhänger traditioneller Kulte wurden im lateinischen Westen zunehmend pagani genannt, eine von Christen geprägte soziale Kategorie. Das Opferwesen wurde schrittweise zurückgedrängt: Theodosius I. verbot am 8. November 392 auch privaten heidnischen Kult. Tempel wurden dennoch nicht überall zerstört oder geschlossen. Das Serapeum von Alexandria wurde 391 oder 392 nach gewaltsamen Konflikten entweiht und sein Kultbild zerstört; eine flächendeckende Tempelzerstörung in Ägypten gab es aber nicht. Christliche Quellen stellen Gewalt durch Mönche oft triumphalistisch dar; neuere Forschung bewertet den Wandel als allmählichen, komplexen Prozess mit einzelnen Gewaltausbrüchen.

Viele Neubekehrte bewahrten Praktiken wie Amulette, Astrologie, Sonnengebet, Festbesuche oder Formen des Totenkults. Die Trullanische Synode verbot 680/681 unter anderem Feuerüberspringen, Brumalien, Vota, Kalendenfeiern, Masken und Verkleidungen. Ehe und Scheidung blieben überwiegend weltlich geregelt; Justinian verbot 542 die einvernehmliche Scheidung, Justin II. nahm dies 566 zurück. Sklaverei bestand fort, auch die Kirche besaß Sklaven. Klassische Bildung blieb wichtig, obwohl Justinian 529 die Athener Akademie schloss und 531 Heiden die Lehrtätigkeit untersagte. Theater, Amphitheater und Hippodrom bestanden ebenfalls weiter, meist in säkularisierter Bedeutung. Kirchen, Prozessionen, Märtyrerorte und Pilgerziele veränderten zugleich das Stadtbild und den Alltag.

Deutungen der Forschung

Edward Gibbon erklärte 1776 die Ausbreitung des Christentums mit religiöser Exklusivität, Wunderglauben, scheinbar tugendhafter Lebensführung und wachsender bischöflicher Organisation. Er bezweifelte hohe Opferzahlen der Christenverfolgungen und sah in kirchlichen Privilegien, Konflikten und Mönchtum Faktoren des Reichsniedergangs.

Adolf von Harnack betonte 1902, das Christentum habe sich so ausgestaltet, dass es Weltreligion werden musste. Für ihn war es ab Mitte des 3. Jahrhunderts eine besonders anpassungsfähige synkretistische Religion, die Gegensätze verbinden konnte: hohe moralische Anforderungen und Buße, Überschreitung sozialer Grenzen und Trennung von Klerus und Laien. Harnack schätzte die Christianisierung zu Beginn des 4. Jahrhunderts regional sehr unterschiedlich ein. Zentral war für ihn die weit fortgeschrittene Christianisierung Kleinasiens; deshalb hielt er es für wahrscheinlich, dass auch ohne Konstantin irgendwann ein vergleichbarer Herrscher die führenden Provinzen in ihrer gewünschten Religion unterstützt hätte.

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