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Britisch-Indien

Britisch-Indien (englisch British India oder British Raj, aus Hindi [राज] rāj [rɑːdʒ]) war im engeren Sinne das zwischen 1858 und 1947 bestehende, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Aufstieg der britischen Macht
  3. 3. Herrschaft, Reformen und Aufstand
  4. 4. Kaiserreich und Verwaltung
  5. 5. Unabhängigkeitsbewegung und Teilung
  6. 6. Wirtschaft und Gesellschaft

Begriff und Bedeutung

Britisch-Indien war im engeren Sinn das von 1858 bis 1947 direkt von Großbritannien regierte Kolonialreich auf dem indischen Subkontinent. Im weiteren Sinn umfasst der Begriff auch die frühere Herrschaft der Britischen Ostindien-Kompanie. Nach der Niederschlagung des Aufstands von 1857 wurden die Besitzungen der Kompanie in eine Kronkolonie mit mehreren Provinzen umgewandelt. 1876 nahm Königin Victoria den Titel „Kaiserin von Indien“ an. Das Kaiserreich Indien galt als das „Kronjuwel des britischen Empire“.

In seiner größten Ausdehnung umfasste Britisch-Indien die Gebiete der heutigen Staaten Indien, Pakistan, Bangladesch, Bhutan und Myanmar sowie Teile Kaschmirs, die heute unter chinesischer Kontrolle stehen. Portugiesisch- und Französisch-Indien gehörten nicht dazu. Nur etwa die Hälfte der Landfläche, aber zwei Drittel der Bevölkerung standen direkt unter britischer Provinzverwaltung. Der Rest bestand aus mehr als 500 teilautonomen Fürstenstaaten, die von einheimischen Herrschern wie Rajas, Maharadschas oder Nawabs regiert wurden und der britischen Krone Treue schuldeten.

1947 wurde Britisch-Indien in zwei unabhängige Dominions geteilt: die mehrheitlich hinduistische Indische Union und das mehrheitlich muslimische Pakistan. Burma, das heutige Myanmar, war bereits 1937 als eigene Kolonie abgetrennt worden und wurde 1948 unabhängig. Bangladesch gehörte zunächst als Ostpakistan zu Pakistan und wurde 1971 unabhängig.

Aufstieg der britischen Macht

Die britische Einflussnahme begann mit der Gründung der Englischen Ostindien-Kompanie im Jahr 1600. 1612 eröffnete sie ihr erstes Handelskontor in Surat. Nach einem Abkommen am Hof des Mogulkaisers Jahangir durfte sie weitere geschützte Niederlassungen gründen, darunter 1639 Madras. Später erhielt sie auch Bombay und verlegte 1690 ihr Hauptquartier nach Kalkutta. Ab 1707 firmierte sie als Britische Ostindien-Kompanie.

Nach dem Tod Kaiser Aurangzebs 1707 zerfiel die Macht der Mogulherrscher. Die Kompanie nutzte diese Schwäche und trat bis 1857 formal im Namen der Mogulherrscher auf, weil dies ihrer eigenen Herrschaft Legitimität gab. Ein entscheidender Wendepunkt war die Schlacht bei Plassey 1757: Die Kompanie besiegte die Armee des Nawabs von Bengalen und stieg zur indischen Großmacht auf. 1765 erhielt sie das Steuerprivileg in Bengalen. Weitere indische Mächte wurden in den Mysore-Kriegen von 1766 bis 1799 und den Marathenkriegen von 1775 bis 1818 besiegt oder durch Druck in das britische System eingebunden.

Die Kompanie entwickelte sich schrittweise von einer Handelsgesellschaft zu einer Verwaltungsorganisation unter britischer Kontrolle. Wichtige Gesetze waren der Regulating Act von 1773, der India Act von 1784 sowie Regelungen von 1813 und 1833/34, durch die das Handelsmonopol weitgehend aufgehoben und die Kompanie zu einer Verwaltungskörperschaft ohne Handelskontore wurde.

Herrschaft, Reformen und Aufstand

Die britische Verwaltung war lange uneinheitlich. Warren Hastings ließ zunächst das islamische Strafrecht bestehen; ab 1774 gab es einen Obersten Gerichtshof nach englischem Gesetz, der nach einer Festlegung von 1781 nur für Europäer galt. Englisch wurde erst in den 1830er Jahren Verwaltungssprache, vorher war Persisch wichtig. Bis 1861 gab es kein verbindliches Strafgesetzbuch.

Besonders folgenreich war das Permanent Settlement von 1793 in Bengalen, Bihar und Orissa. Die bisherigen Steuereintreiber, die Zamindare, wurden zu erblichen Landeigentümern nach europäischem Vorbild erklärt. Als Gegenleistung mussten sie eine sehr hohe, festgeschriebene Landsteuer von etwa 90 % der geschätzten Erträge an die Kompanie zahlen. Nach der „Sunset Law“ musste die Steuer bis Sonnenuntergang des Stichtags bezahlt werden, sonst wurde das Land beschlagnahmt und versteigert. Dadurch entstand eine britentreue Klasse von Großgrundbesitzern, während viele Bauern ihre traditionellen Nutzungsrechte verloren und in Armut und Abhängigkeit gerieten.

Unter Lord Dalhousie, Generalgouverneur von 1848 bis 1856, wurde die Verwaltung stärker zentralisiert. Mit der Doctrine of Lapse konnten Fürstenstaaten annektiert werden, wenn die Nachfolge durch Adoption nicht anerkannt wurde. Auch Avadh wurde 1856 annektiert. Solche Eingriffe, Enteignungen, Steuerbelastungen, die Aufhebung der Kastentrennung in Gefängnissen und westliche Bildungsreformen trugen zur Unzufriedenheit bei.

Der Sepoy-Aufstand von 1857/58 wird teilweise als erste Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten gesehen. Sepoys waren indische Soldaten unter britischem Kommando. Vor dem Aufstand standen 277.746 Sepoys 45.522 britischen Soldaten gegenüber. Die Briten siegten. Danach endete die Herrschaft der Ostindien-Kompanie. Der Government of India Act vom 2. August 1858 übertrug Territorien, Machtbefugnisse, Vermögen und Verträge der Kompanie auf die Krone. Der letzte Mogulkaiser Bahadur Shah II. wurde abgesetzt, und Indien wurde von nun an im Namen Königin Victorias regiert.

Kaiserreich und Verwaltung

1876 nahm Königin Victoria den Titel „Kaiserin von Indien/Kaisar-i Hind“ an. Der Titel sollte auch eine rechtliche Grundlage für die britische Herrschaft schaffen, da die Ostindien-Kompanie bis dahin formal im Namen des Mogulkaisers regiert hatte. Seit 1858 trug der Generalgouverneur zusätzlich den Titel Vizekönig. Das Kaiserreich Indien war in direkt kontrollierte Gebiete und Fürstenstaaten geteilt.

Birma fiel im 19. Jahrhundert nach mehreren Kriegen unter britische Herrschaft und wurde am 1. Januar 1886 Teil von Britisch-Indien. 1937 wurde es wieder abgetrennt und als eigene Kronkolonie organisiert. An der Nordwestgrenze zu Afghanistan kam es zu langen Konflikten; eine direkte Kontrolle Afghanistans erwies sich als undurchführbar. 1893 wurde die Durand-Linie gezogen, die bis heute die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan bildet.

Die Provinzen wurden je nach Größe von Gouverneuren oder Chief Commissioners geleitet. Zu den wichtigen Provinzen gehörten Bengalen, Bombay, Madras, Punjab, die United Provinces of Agra and Oudh, Assam, die Zentralprovinzen und Berar sowie später Sindh und Orissa. Nach dem Government of India Act von 1919, in Kraft ab dem 1. April 1921, gab es elf Provinzen unter einem Gouverneur. Provinzen waren weiter in Divisions und Districts unterteilt; 1935 gab es 273 Districts.

Es entstanden auch begrenzte Volksvertretungen. Einige Provinzparlamente wurden gewählt, doch viele Mitglieder waren ernannt, und wichtige Macht lag weiterhin bei britischen Behörden. Frauen erhielten in Birma 1923 ein Wahlrecht, dieses war aber wie bei Männern an Steuer- und Einkommensbedingungen gebunden. Insgesamt blieb die politische Beteiligung stark eingeschränkt.

Unabhängigkeitsbewegung und Teilung

1885 wurde der Indische Nationalkongress gegründet. Er war zunächst eine eher elitäre Organisation westlich gebildeter Inder, entwickelte sich aber später zur wichtigsten Kraft der Unabhängigkeitsbewegung. Wegen des wachsenden hinduistischen Einflusses im Nationalkongress entstand 1906 die Muslimliga. 1916 forderten Nationalkongress und Muslimliga im Lucknow-Pakt gemeinsam mehr Selbstregierung und Unabhängigkeit. Die britische Regierung kündigte 1917 einen allmählichen Übergang zur Selbstregierung an.

Im Ersten Weltkrieg kämpften 1,3 Millionen Mann der Indischen Armee auf britischer Seite. Danach wurde Indien Gründungsmitglied des Völkerbundes. Unter Mahatma Gandhi gewann der Nationalkongress eine Massenbasis. Gandhi setzte auf gewaltlosen Widerstand. Dazu gehörten die Kampagne der Nichtkooperation von 1920 bis 1922, die Swadeshi-Bewegung zum Boykott ausländischer Waren und der Salzmarsch von 1930. 1919 erschossen britische Soldaten beim Massaker von Amritsar mindestens 379 Demonstranten.

Der Government of India Act von 1935 führte Wahlen zu Provinzparlamenten ein. 1937 gewann der Nationalkongress in sieben von elf Provinzen. Im Zweiten Weltkrieg erklärte der britische Generalgouverneur Lord Linlithgow den Kriegszustand des Indian Empire mit Deutschland, ohne indische Politiker zu konsultieren. Zu Kriegsbeginn hatte Indien etwa 200.000 Soldaten, am Ende hatten sich 2,5 Millionen Mann gemeldet. Offiziell starben 24.338 indische Soldaten, 64.354 wurden verwundet und 11.754 blieben vermisst. Durch kriegsbedingten Nahrungsmangel verhungerten schätzungsweise zwei Millionen Menschen, besonders im Zusammenhang mit der Hungersnot in Bengalen 1943.

Nach 1945 verhandelten Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru für den Nationalkongress und Mohammed Ali Jinnah für die Muslimliga über die Unabhängigkeit. Jinnah forderte Pakistan als eigenen muslimischen Staat. Wegen unterschiedlicher Ziele und wachsender Gewalt zwischen Hindus und Muslimen entschied Großbritannien eine schnelle Machtübergabe. Statt Juni 1948 erfolgte sie bereits im Juni 1947. Nach der Zwei-Nationen-Theorie und dem Mountbattenplan wurde Britisch-Indien in Indien und Pakistan geteilt. Die überstürzte Machtübergabe und Grenzziehung führten zu schweren Konflikten.

Wirtschaft und Gesellschaft

Unter der Ostindien-Kompanie wurde Indien zunehmend wirtschaftlich ausgebeutet. Die indische Weberei wurde durch europäische Maschinenproduktion und britische Fertigwaren stark geschädigt: Der europäische Markt war verschlossen, während Indien selbst zum Absatzmarkt für britische Kleidung wurde. Das Handelsmonopol der Kompanie wurde 1813 abgeschafft, doch sie behielt zunächst die Verwaltung. Ab 1833/34 stellte sie alle Handelsgeschäfte ein.

Die britische Kolonialwirtschaft folgte dem Muster, Rohstoffe in Indien zu gewinnen, sie in Großbritannien zu verarbeiten und Fertigwaren wieder in Indien zu verkaufen. Deshalb wurde Indien nur begrenzt industrialisiert. Ausgebaut wurde vor allem die Infrastruktur, besonders Straßen, Kanäle und Eisenbahnen. 1839 begann der Ausbau der Grand Trunk Road, ab 1853 der Bau der ersten Eisenbahnlinie. 1909 umfasste das Eisenbahnnetz etwa 45.000 bis 50.000 km. Wichtige Exportprodukte waren Baumwolle, Tee, Jute und Weizen.

Im sozialen Bereich wurden die Sklaverei abgeschafft und 1829 die Witwenverbrennung im direkt britisch verwalteten Gebiet verboten. Ram Mohan Roy wandte sich gegen Kastenwesen, Witwenverbrennung und Unterdrückung von Frauen. Nach dem Sepoy-Aufstand wurden Indern formal dieselben Rechte wie Briten und Zugang zu Regierungsposten zugesagt, doch hohe Aufnahmebedingungen erschwerten den Aufstieg in höhere Verwaltungsstellen.

Die Modernisierung nutzte vor allem den Briten und einer entstehenden indischen Mittelschicht. Viele Bauern und Handwerker blieben arm, ungebildet und verschuldet. Der Anbau von Exportprodukten statt Grundnahrungsmitteln, hohe Steuern sowie Dürre und Hochwasser verschärften die Lage. Die Briten unternahmen im Rahmen ihrer Laissez-faire-Wirtschaftspolitik wenig gegen Hungersnöte. Besonders teuer waren Kolonialkriege und der Unterhalt der Armee: Der Militäranteil am Haushalt stieg von 41,9 % im Jahr 1881 auf 51,9 % im Jahr 1904. Die wichtigste Einnahmequelle blieb die Grundsteuer; weitere Einnahmen kamen unter anderem aus Wald- und Weidegebühren, Einkommensteuer, Umsatzsteuer, Verbrauchssteuern und Salzsteuer.

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