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Buddhistischer Kanon

Der Pali-Kanon ist der einzige vollständig in einer indischen Sprache erhaltene Kanon. ... Tipitaka, der Pali-Kanon des Theravāda-Buddhismus in deutscher Sprache …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Aufbau
  2. 2. Entstehung und Überlieferung
  3. 3. Pali und Sanskrit
  4. 4. Chinesische und ostasiatische Kanones
  5. 5. Tibet und Mongolei
  6. 6. Weitere Sprachräume und Sonderformen

Begriff und Aufbau

Der buddhistische Kanon ist die Sammlung der grundlegenden Schriften des Buddhismus. Er umfasst vor allem die Lehrreden des Buddha, die Sutras, die Ordens- und Disziplinregeln, Vinaya genannt, sowie scholastische oder philosophische Texte, auf Pali Abhidhamma. Allgemein wird diese Sammlung mit dem Sanskrit-Ausdruck Tripiṭaka bezeichnet, auf Deutsch etwa „Dreikorb“. Nicht alle buddhistischen Schulen besitzen Abhidhamma-Schriften.

Mit „Kanon“ ist die Sammlung als eigene Größe gemeint. Ihr Inhalt ist je nach Sprach- und Kulturraum sehr unterschiedlich zusammengesetzt und verschieden umfangreich. Besonders wichtig sind drei vollständig erhaltene Sammlungen: das Tipiṭaka in Pali, der chinesische Sanzang, chinesisch 三藏, Pinyin Sānzàng, „drei Schatzhäuser“, und der tibetische Kanjur.

Entstehung und Überlieferung

Nach dem Tod des Buddha, den Buddhisten als Eingehen ins Nirwana bezeichnen, entstand der Wunsch, seine Lehrreden möglichst vollständig und unverfälscht zu bewahren. Für den historischen Buddha werden im Artikel zwei mögliche Lebensdaten genannt: 563–483 oder 448–368 v. Chr. Zur Lebenszeit des Buddha war es in Indien nicht üblich, religiöse Texte schriftlich festzuhalten. Man überlieferte sie durch Auswendiglernen und Rezitation; Spezialisten dafür hießen bhāṇaka. Deshalb beginnen viele Sūtras mit der Formel: „So hab ich’s gehört“ (pali: evam me suttam).

Die mündliche Weitergabe prägte den Pali-Kanon stark. Viele Texte erhielten mnemotechnische Eigenarten, also Merkmale, die das Erinnern erleichtern sollten. Dazu gehörten feste Wortblöcke, Wiederholungen und Suttas, die an mehreren Stellen im Kanon vorkamen. Einen einheitlichen „Ur-Kanon“ kann es nach dem Artikel nicht gegeben haben, weil die einzelnen Pitakas zu verschieden sind. Die Sicherung der Texte geschah auf den ersten drei buddhistischen Konzilen: Dort wurden die ersten beiden „Körbe“ verbindlich festgelegt und um das Kathāvatthu als Grundlage des dritten Korbs ergänzt.

Pali und Sanskrit

Der Pali-Kanon der Theravada-Tradition ist der einzige vollständig in einer indischen Sprache erhaltene Kanon. Er geht auf die in Hinterindien und Ceylon verbreitete Vibhajyvāda-Schule der Theravada-Richtung zurück. Sein Wortlaut gilt seit der Entstehung der großen Kommentare im 5. oder 6. Jahrhundert auf Ceylon als gesichert.

Bis zum 6. Konzil war der Pali-Kanon in Ceylon, Burma, Thailand, Kambodscha und Laos nur handschriftlich verbreitet, meist auf Palmblättern und seltener auf Holz. Gedruckt wurde er erstmals im späten 19. Jahrhundert, angeregt durch das Interesse europäischer Forscher. Der Artikel weist darauf hin, dass der Pali-Kanon fälschlicherweise oft als ursprünglicher oder einzig richtiger Kanon bezeichnet wurde; dieser Irrtum geht auf Indologen jener Zeit zurück. Wichtige moderne Ausgaben sind unter anderem die Text Series der Pali Text Society seit 1882 und ihre englische Translation Series seit 1909.

Neben dem Pali-Kanon gab es in Indien früh verschiedene buddhistische Schulen mit eigenen Sanskrit-Kanones. Wie vollständig diese jeweils waren, ist nicht sicher. Die meisten Texte gingen mit der Verdrängung des Buddhismus in Indien um 1200 verloren. Der Artikel betont, dass nicht der Pali-Kanon, sondern Sanskrit-Urtexte, beginnend etwa im 1. Jahrhundert v. Chr., die älteren sind. Erhalten sind solche Texte vor allem durch Handschriftenfunde aus Zentralasien, etwa Turfan, aus Nordindien, etwa Gilgit, oder durch Rekonstruktionen aus chinesischen und tibetischen Übersetzungen.

Chinesische und ostasiatische Kanones

Der Buddhismus wurde der Überlieferung nach 61 in China eingeführt; sicher ist aber, dass es schon im 1. Jahrhundert v. Chr. Buddhisten in China gab. Der chinesische Kanon heißt Sanzang (三藏, Sānzàng) oder Dazangjing (大藏經 / 大藏经, Dàzàngjīng, „große Sammlung der kanonischen Schriften“). Er ist wie der Pali-Kanon in Sūtra, Abidharma und Vinaya gegliedert, unterscheidet aber zusätzlich nach der Herkunft der Texte in Hinayāna und Mahāyāna. Hinzu kommt die Gruppe „Vermischtes“. Die Agama-Sutras entsprechen inhaltlich im Wesentlichen dem Pali-Kanon. Außerdem entstanden früh apokryphe Schriften, also Texte mit zugeschriebener, aber unsicherer Herkunft.

Wegen der großen Textmenge mussten die chinesischen Schriften früh systematisiert werden. Belegt sind mehrere Zusammenstellungen und Kataloge, etwa im Auftrag von Kaiser Wu Di im Jahr 518 mit 2213 Werken, weitere Sammlungen in der Sui- und Tang-Zeit sowie eine Sammlung aus der Zeit Kublai Khans 1285–1287. Blockdrucke entstanden erstmals unter der Song-Dynastie; auch Kitan- und Jurchen-Dynastien ließen Ausgaben herstellen. Unter den Manju-Kaisern wurde Peking ein Zentrum der Kanon-Übersetzung, auch für tibetische, mongolische und manjurische Ausgaben.

Durch chinesischen Kulturexport gelangte der chinesische Kanon nach Korea, Japan und Vietnam. In Korea beruhte der erste Kanon auf dem Sung-Kanon, der an Kaiser Sŏng-jong gesandt wurde. Ein erster koreanischer Druck entstand um 1010 in 570 Bänden; nach der Zerstörung der Druckplatten 1232 während der mongolischen Invasion wurde eine große Ausgabe in chinesischer Schrift veranlasst, deren Druckstöcke noch vorhanden sind. In Japan kam der Buddhismus um 450 über Paekche an. Die japanische Tradition nennt das Tripiṭaka Issaikyō oder Daizōkyō und gliedert es in Kyōzō, Ritsuzō, Ronzō und Zatsu. Die Taishō-Ausgabe gilt heute als die vollständigste Edition des chinesischen Kanons. Vietnam erhielt den Buddhismus ebenfalls aus China; Lê Đại-Hành erbat 1008 das vollständige Tripiṭaka aus China und erhielt es, ebenso 1018, 1034 und 1239.

Tibet und Mongolei

Der tibetische Kanon unterscheidet sich vom Sanskrit-Kanon, weil er auch tantrische Vajrayāna-Schriften einbezieht, die im 1. Jahrtausend u. Z. entstanden und nicht mehr als Teil des Sanskrit-Kanons betrachtet wurden. Er ist deshalb anders gegliedert: 'Dul-ba (Vinaya), Śerphyin (Prajñāpāramīta), Phal-chen (Buddhāvataṃsaka), dKon-brtsegs (Ratnakŭṭa), mDo-se (Sūtrānta) und rGyud-'bum (Tantra).

Der Buddhismus soll im 7. Jahrhundert durch Padmasambhava nach Tibet gekommen sein; daneben gab es chinesische Einflüsse. König Khri-sron-lde-btsan entschied sich für die indische Tradition. Nach einer Unterdrückung im 9. Jahrhundert folgte im 10. oder 11. Jahrhundert eine zweite, „späte“ Bekehrung. In der frühen Übersetzungsperiode ab dem 8. Jahrhundert arbeiteten Inder und Tibeter zusammen und schufen mit dem Mahāvyutpatti ein verbindliches terminologisches Wörterbuch. Um 900 entstanden erste Kataloge der vorhandenen Schriften, sogenannte them-byan.

Ab dem 11. Jahrhundert wurden in der zweiten Übersetzungsperiode wichtige Sammlungen indischer Gelehrtentexte aufgenommen. Daraus entstanden Kanjur, „Übersetzung der Worte“, und Tanjur, „Übersetzung der Lehre“, wobei nur der Kanjur kanonische Literatur enthält. Tibetische Übersetzungen sind für die Rekonstruktion indischer Originale wichtig, weil sie im Unterschied zu chinesischen Ausgaben wörtliche Übersetzungen sind. Der heute akzeptierte Kanjur umfasst 1055 Werke in 92 Bänden, der Tanjur 224 Bände mit 3626 Werken.

Der mongolische Kanon entstand unter starkem tibetischem Einfluss. Zur Zeit der Yüan-Dynastie gewannen tibetische Mönche Einfluss am Hof. Erste Übersetzungen erfolgten unter Kaiser Wuzong, der von 1307 bis 1311 regierte. Größere Teile folgten nach der „zweiten Bekehrung“ durch die Gelbmützen-Sekte unter Altan Khan (1507–1582). Eine vollständige Übersetzung des gesamten Kanjur wurde 1628–1629 in 113 Bänden in Gold und Silber niedergeschrieben und in fünf Kopien hergestellt.

Weitere Sprachräume und Sonderformen

In Zentralasien gab es viele buddhistische Schulen, die ihre Überlieferung auf verschiedene Texte stützten, meist in Sanskrit. Die meisten chinesischen Übersetzungen beruhen auf solchen zentralasiatischen Texten. Tangutische buddhistische Schriften wurden im nordtibetischen Tangutenreich gefördert; Kaiserin Luo unterstützte um 1190 ihre Verbreitung, und 1302 wurde eine tangutische Ausgabe vollendet.

Neben Handschriften und Drucken gab es auch in Stein gemeißelte Kanones, Shijing (石經 / 石经). Dazu gehören unter anderem der Kaiyuan Dazangjing, der Fangshan Shijing im Yunju-Kloster, der Jīngāng Jīng auf dem Tai Shan in Shandong und weitere steinerne Sammlungen in Shandong, Shanxi und Hebei.

Manjurische Übersetzungen waren Teilausgaben des chinesischen San-tsang und entstanden erst im 18. Jahrhundert. Diese Beispiele zeigen, dass der buddhistische Kanon keine einzige überall gleiche Textsammlung ist, sondern in verschiedenen Sprachen, Regionen und Überlieferungslinien unterschiedlich bewahrt, geordnet, übersetzt und gedruckt wurde.

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