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Brahmanen
Im Hinduismus ist es Vorrecht und Pflicht der Brahmanen, Lehrer des Veda und Gelehrte zu sein. Bis heute stellen hauptsächlich sie die Priester. Daher war „ …
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Stellung und Bedeutung
Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, brāhmaṇa) sind im indischen Kastensystem die Angehörigen der obersten Kaste, eines sogenannten Varna. Traditionell ist es im Hinduismus ihr Vorrecht und ihre Pflicht, den Veda – die heiligen Schriften – zu lehren und als Gelehrte zu wirken. Bis heute stellen sie hauptsächlich die hinduistischen Priester; deshalb wurde „Brahmane“ auch als religiöser Titel verwendet. Im modernen Indien gehören Brahmanen jedoch allen Berufsgruppen an, und nur eine Minderheit arbeitet als Priester oder Gelehrte.
Entstehungsmythos und historische Entwicklung
Das Purusha Sukta im 10. Buch des Rigveda erklärt die Entstehung der Kasten durch einen Mythos: Beim Opfer des göttlichen Urriesen Purusha entstanden die Brahmanen aus seinem Mund, die Kshatriya (Fürsten) aus seinen Armen, die Vaishya (Händler und Bauern) aus seinen Schenkeln und die Shudra (Dienende) aus seinen Füßen.
Die Zeit der brahmanischen Kultur wird ungefähr von 500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. datiert. Der Höhepunkt der Brahmareligion beziehungsweise des Brahmanismus lag etwa um 800 v. Chr. Brahmanen waren auch Träger der brahmanischen Medizin.
Im Verlauf der Geschichte festigten Brahmanen ihren Anspruch auf Macht und Autorität in Ritual und Gesellschaft. Als Reaktion darauf konnten sich zeitweise asketische, teilweise gegen brahmanische Vorherrschaft und Rituale gerichtete Religionen wie Buddhismus und Jainismus in Indien durchsetzen. Auch innerhalb des Hinduismus schwächten neue Bewegungen, etwa die Bhakti-Frömmigkeit, den Einfluss der Brahmanen allmählich.
Traditionelle Ideale und Lebensführung
Aufgaben, Pflichten, Rechte und gesellschaftlicher Status der Brahmanen werden in der Manusmriti beschrieben, einem über 2000 Jahre alten religiösen Gesetzbuch. Für das heutige Alltagsleben der meisten Menschen besitzt es allerdings kaum Bedeutung.
Nach hinduistischen Schriften soll ein Brahmane vor allem durch bestimmte Charaktereigenschaften gekennzeichnet sein. Die Bhagavad Gita (18.42) nennt „Gelassenheit des Geistes (śama), Selbstbeherrschung (dama), Askese (tapa), Reinheit (śauca), Nachsicht (kṣānti) und Aufrichtigkeit (arjavam), Wissen (jñānam), Weisheit (vijñānam), und religiöser Glaube (āstikyam)“. Das Mahabharata nennt Reinheit, gutes Verhalten und Mitleid mit allen Lebewesen.
Traditionell wurde von Angehörigen der höchsten Kaste eine durch Geburt erworbene psychische Reinheit und ein besonders reiner Lebenswandel erwartet. Das Mahabharata thematisiert zugleich den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit und erklärt: „Weder die Herkunft noch die Weihe und Gelehrsamkeit machen den Brahmanen aus, allein sein Lebenswandel ist der Grund.“ Beim Initiationsritual Upanayana erhalten Brahmanen eine heilige Schnur.
Nach dem alten hinduistischen Dharma, wie es auch die Manusmriti beschreibt, begann der ideale Lebenslauf eines Brahmanen ungefähr mit acht Jahren beim Lehrer. Dort blieb er bis zum Abschluss des Vedenstudiums. Danach sollte er heiraten, regelmäßig Opfer darbringen, Söhne zeugen, unterrichten und Geschenke machen. Sobald die Söhne erwachsen waren, sollte er sich in den Wald zurückziehen. Im letzten Lebensstadium sollte er sich von allen Bindungen lösen und als Eremit leben. Dieses asketische Leben durfte er aber erst anstreben, nachdem er seine familiären und gesellschaftlichen Pflichten erfüllt hatte.
In der Geschichtswissenschaft wird vermutet, dass religiöse Autoritäten diese Abfolge gezielt festlegten, um erfolgreiche asketische, häufig antibrahmanische und antiritualistische Bewegungen einzubinden. Das Ideal eines geheiligten asketischen Lebens wurde dadurch anerkannt, ohne Familie, Wirtschaft und Gesellschaft vorzeitig zu verlassen.
Überlieferung der Veden
Brahmanen gaben die Veden über Generationen hinweg mündlich weiter, auch nachdem die Brahmi-Schrift entstanden war. Bestimmte Familiennamen waren ursprünglich Ehrenbezeichnungen für die Beherrschung einer festgelegten Zahl von Veden: Dvivedi oder Dwivedi, verkürzt Dube oder Dubey, stand für zwei Veden; Trivedi, Tripathi oder Tripati für drei; Chaturvedi, verkürzt Chaube oder Chaubey, für alle vier Veden.
Die UNESCO nahm die Tradition des vedischen Chantens, also des überlieferten gesanglichen Vortrags der vedischen Texte, 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.
Gegenwart und Berufe
Heute üben Brahmanen grundsätzlich alle Berufe aus. Nur eine Minderheit arbeitet in den traditionellen Tätigkeiten als Priester oder Gelehrte. Das Einkommen eines durchschnittlichen Priesters ist eher gering, sofern er nicht einen angestammten Platz an einem bedeutenden Pilgerort mit vielen zahlenden Besuchern besitzt. Zunehmend übernehmen auch Angehörige anderer Kasten priesterliche Aufgaben.
Obwohl Brahmanen nur einen kleinen Teil der indischen Bevölkerung bilden, sind sie in der intellektuellen Elite stark vertreten. Sie arbeiten außerdem im Geschäftsleben und besonders häufig in „White-Collar“-Berufen, also nicht körperlich geprägten Büro- und Fachberufen. Dennoch sind Brahmanen auch als Industriearbeiter tätig. Zwar besteht häufig eine Abneigung gegen Tätigkeiten mit niedrigem gesellschaftlichem Status, aber keine grundsätzliche Ablehnung körperlicher Arbeit. Da nicht alle Brahmanen wohlhabend sind, müssen viele jede verfügbare Arbeit annehmen.
Besonders häufig arbeiten Brahmanen als Köche. Traditionell spielen für sie rituelle Reinheit und Hygiene eine wichtige Rolle. Alte religiöse Rechtstexte wie die Manusmriti weisen ihnen als höchster Kaste außerdem das Recht zu, für Angehörige aller anderen Kasten Speisen und Getränke zuzubereiten und auszugeben. In der heutigen Praxis nehmen jedoch viele Hindus, einschließlich vieler Brahmanen, Essen von Menschen jeder Kastenzugehörigkeit an.