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Akrostichon
Die deutsche Bezeichnung für diese literarische Form ist Leistenvers oder Leistengedicht. Akrostichon Iēsoûs Christòs Theoû Yiòs Sōtér (Jesus Christus …
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Begriff und Funktion
Ein Akrostichon ist ein Gedicht, meist in Versform, bei dem die Anfänge aufeinanderfolgender Wörter oder Verse einen zusätzlichen Sinn ergeben. Bei Wortfolgen sind dies Buchstaben, bei Versfolgen ganze Wörter; auch Anfangssilben können verwendet werden. So können etwa ein Name oder ein Satz verborgen beziehungsweise zusätzlich lesbar werden. Die deutschen Bezeichnungen lauten Leistenvers oder Leistengedicht.
Akrosticha zählen zur Steganographie, also zu Verfahren, bei denen eine Botschaft versteckt wird, und zugleich zu den rhetorischen Figuren, also sprachlichen Gestaltungsmitteln. Sie unterscheiden sich von bloßen Abkürzungen oder Aneinanderreihungen von Wörtern, etwa Akronymen wie INRI.
Verwendung in Religion und Literatur
In der jüdischen Literatur kommen Akrosticha seit der hebräischen Bibel häufig vor. Die Klagelieder Jeremias sind – mit Ausnahme von Kapitel 5 – akrostisch aufgebaut. In den Psalmen 9 und 10, 25, 34, 37, 111, 112, 119 und 145 folgen die Anfangsbuchstaben von jeweils 22 Versen der Reihenfolge der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. In späterer rabbinischer Literatur weisen Anfangsbuchstaben von Werken oder Liedstrophen oft auf den Verfasser. Bei der Sabbathymne Lecha Dodi ergeben die Anfangsbuchstaben der ersten acht Strophen „Schlomo ha-Levi“ und verweisen auf den Autor Schlomo Alkabez.
Auch das frühchristliche Symbol Ichthys kann, je nach Schreibweise, als Akrostichon ausgelegt werden: Iēsoûs Christòs Theoû Yiòs Sōtér bedeutet „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“; die Anfangsbuchstaben I Ch Th Y S ergeben ἰχθύς, „ichthýs“, also „Fisch“.
In der antiken, mittelalterlichen und barocken Dichtung war die Form beliebt. Genannt werden unter anderem Otfrid von Weißenburg und Martin Opitz. Paul Gerhardts Lied „Befiehl du deine Wege“ ist ein Akrostichon aus Psalm 37,5. In Heinrich von dem Türlins Werk diu crône erscheint der Name des Dichters als Akrostichon. Auch in moderner Literatur treten Akrosticha auf, etwa bei Elfriede Hablé, Joachim Ringelnatz und in Vladimir Nabokovs Erzählung Die Schwestern Vane.
Verwandte Formen und Anwendung
Akrosticha dienen auch als Eselsbrücken für wissenschaftliche oder alltägliche Zusammenhänge. Ein Sonderfall ist der Abecedarius: Seine Anfangsbuchstaben bilden das Alphabet.
Verwandte Formen richten sich nach der Position der bedeutungstragenden Buchstaben: Beim Telestichon ergeben die Endbuchstaben ein Wort oder einen Satz, beim Mesostichon die mittleren Buchstaben. Ein Akroteleuton ist ein mehrfaches Akrostichon oder eine Verbindung aus Akrostichon und Telestichon.
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