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Bruttowertschöpfung
Die Bruttowertschöpfung (kurz BWS; englisch gross value added, GVA) ist ein volkswirtschaftliches Aggregat, das von besonderer Relevanz in der …
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Definition und Bedeutung
Die Bruttowertschöpfung (BWS; englisch gross value added, GVA) ist ein volkswirtschaftliches Aggregat der Entstehungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sie misst den Mehrwert, der in einem Produktionsprozess durch die Herstellung von Waren und Dienstleistungen entsteht. Grundsätzlich ergibt sie sich aus dem Wert der produzierten Güter abzüglich des Wertes der dafür eingesetzten Vorleistungen.
Für eine Region, einen Wirtschaftssektor oder eine Branche erfasst die BWS somit den Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen ohne die bereits von anderen Wirtschaftssubjekten bezogenen und im Produktionsprozess verwendeten Vorleistungen. Sie ist ein Standardmaß für die wirtschaftliche Leistung eines Sektors oder einer Region innerhalb eines Landes. Für Länder als Ganzes wird dagegen üblicherweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verwendet.
Für amtliche Statistiken sind insbesondere das System of National Accounts der Vereinten Nationen von 2008 (SNA 2008), das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen von 2010 (ESVG 2010) und die Angaben des Statistischen Bundesamtes maßgeblich. Nach dem Statistischen Bundesamt und dem ESVG 2010 hat die BWS eine Bedeutung; im SNA 2008 werden drei Varianten unterschieden.
Preise, Aggregate und Formeln
Die in Deutschland und der Europäischen Union verwendete Bruttowertschöpfung ist die Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen (gross value added at basic prices). Sie wird so definiert:
Produktionswert − Wert der Vorleistungen zu Anschaffungspreisen = Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen.
Der Herstellungspreis ist nach dem ESVG 2010 der Betrag, den der Produzent je Einheit vom Käufer erhält, ohne die auf die produzierten oder verkauften Güter zu zahlenden Gütersteuern, aber einschließlich der empfangenen Gütersubventionen. Vorleistungen sind beispielsweise Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, Zwischen- und Halbfertigprodukte, Reparaturaufwand anderer Unternehmen, Zinsen für Bankkredite, Provisionen sowie Mieten und Pachten. Investitionen zählen nicht zu den Vorleistungen, weil sie über mehrere Perioden im Produktionsprozess eingesetzt und allmählich abgeschrieben werden; deshalb sind sie in der BWS enthalten.
Für ein Wirtschaftsgebiet wird aus der BWS zu Herstellungspreisen das zu Marktpreisen bewertete Bruttoinlandsprodukt berechnet:
Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen + Gütersteuern − Gütersubventionen = Bruttoinlandsprodukt.
Das Wirtschaftsgebiet muss kein Staat sein; auch europäische NUTS-2-Regionen werden betrachtet.
Die BWS zu Faktorkosten wird im ESVG 2010 nicht verwendet, ist aber als Begriff üblich:
Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen − sonstige Produktionsabgaben + sonstige Subventionen = Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten.
In Deutschland gehört insbesondere die Grundsteuer zu den sonstigen Produktionsabgaben.
Die dritte SNA-2008-Variante heißt gross value added at production price. Sie entsteht, indem von der BWS zu Herstellungspreisen die Gütersteuern ohne Mehrwertsteuer und Importsteuern abgezogen und die Gütersubventionen addiert werden. Zum BIP gelangt man aus diesem Maß durch Addition der Mehrwertsteuer und der Importsteuern. Die frühere Bezeichnung gross value added at marked prices wird im SNA 2008 nicht empfohlen, weil sie wegen unterschiedlicher Preisangaben in den USA und der Europäischen Union missverständlich ist.
Ermittlung und Wertschöpfungskette
Statistisch wird die BWS überwiegend über die Herstellungspreise ermittelt. Die Vorleistungen werden in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu Anschaffungspreisen bewertet. Diese Standardmethode wird auf Unternehmensebene sowie für Branchen und größere Aggregate eingesetzt. Bei Nicht-Marktproduzenten, insbesondere beim Staat und bei Non-Profit-Organisationen, wird die BWS abweichend über die Kosten ermittelt.
Bei Finanzvermittlern wie Kreditinstituten und Versicherungsunternehmen wird außerdem die unterstellte Bankgebühr FISIM (Financial Intermediation Service Charge Indirectly Measured) berücksichtigt. Sie soll die Dienstleistung der Finanzinstitute erfassen und wird zur BWS der Institute addiert. Leiht beispielsweise eine gebietsansässige Bank einem gebietsansässigen Unternehmen Geld, hat die Einführung der FISIM für die BWS der gesamten Volkswirtschaft keine Auswirkung.
Das Konto der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, auf dem diese Buchungen vorgenommen werden, heißt Produktionskonto (production account). Je nachdem, ob auch Abschreibungen gebucht werden, ist sein Saldo die Brutto- oder Nettowertschöpfung. Die Bruttowertschöpfung zu einer der drei Definitionen abzüglich Abschreibungen ergibt die entsprechende Nettowertschöpfung, zum Beispiel:
Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten − Abschreibungen = Nettowertschöpfung zu Faktorkosten.
Die Nettowertschöpfung zu Faktorkosten eines Wirtschaftsbereichs entspricht der Summe aus Arbeitnehmerentgelten, Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und Unternehmensüberschüssen. Für ein Wirtschaftsgebiet heißt sie auch Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten. Daraus wird das Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten, in Deutschland auch Volkseinkommen genannt, berechnet:
Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten + Primäreinkommen gebietsansässiger Einheiten in der übrigen Welt − Primäreinkommen gebietsfremder Einheiten im betrachteten Wirtschaftsgebiet = Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten.
Der Unterschied beruht auf dem Inlandsprinzip beim Nettoinlandsprodukt und dem Inländerprinzip beim Nettonationaleinkommen.
Beispiel der Berechnung
Die Wertschöpfungskette der Orangensaftherstellung umfasst drei Stufen: Ein Landwirt verkauft Orangen an eine Getränkefabrik, die daraus Orangensaft herstellt und ihn an einen Supermarkt verkauft; der Supermarkt verkauft den Saft an die Endverbraucher. Die Produktion einer Stufe entspricht dabei den Vorleistungen der folgenden Stufe.
- Landwirt: Bruttoproduktionswert 60.000 €, Vorleistungen 0 €, Bruttowertschöpfung 60.000 €.
- Getränkefabrik: Bruttoproduktionswert 100.000 €, Vorleistungen 60.000 €, Bruttowertschöpfung 40.000 €.
- Supermarkt: Bruttoproduktionswert 170.000 €, Vorleistungen 100.000 €, Bruttowertschöpfung 70.000 €.
Die gesamte Bruttowertschöpfung beträgt 170.000 €. Sie entspricht in diesem Beispiel dem Umsatz der letzten Stufe. Die Vorleistungen werden nicht mehrfach gezählt; addiert werden nur die in den einzelnen Stufen neu geschaffenen Werte.
Verwendung, Weltwerte und Kritik
BWS- und Nettowertschöpfungsdaten bilden eine wichtige Grundlage zur Bestimmung des Produktivitätsniveaus und der Produktivitätsdynamik eines Wirtschaftsbereichs. Die BWS pro Kopf einer Region ist der Quotient aus BWS und Einwohnerzahl. Sie kann zum Vergleich regionaler Produktivität verwendet werden, berücksichtigt aber weder die Erwerbsquote noch den Anteil der Ein- und Auspendler oder Teilzeitarbeit. Für die Arbeitsproduktivität einer Branche oder eines Sektors werden insbesondere die preisbereinigte BWS pro Erwerbstätigem oder pro geleisteter Arbeitsstunde verwendet. Bei Ländervergleichen betrachtet man üblicherweise das preisbereinigte BIP pro Erwerbstätigem oder pro Arbeitsstunde.
Für das Jahr 2007 betrug die weltweite BWS in jeweiligen Preisen knapp 51.784 Mrd. US-Dollar; gegenüber dem Vorjahr war dies eine Steigerung um etwa 11,75 %. Die sechs größten Volkswirtschaften waren die USA mit 13.799 Mrd., Japan mit 4.535 Mrd., die Volksrepublik China mit 3.242 Mrd., Deutschland mit 2.973 Mrd., das Vereinigte Königreich mit 2.563 Mrd. und Frankreich mit 2.280 Mrd. US-Dollar. Zusammen erreichten sie 29.391 Mrd. US-Dollar beziehungsweise 56,8 % der Welt-BWS; auf die USA entfielen etwa 26,6 %.
Die BWS von Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei betrug 2007 weltweit 2.030 Mrd. US-Dollar beziehungsweise 3,92 % der Welt-BWS. Die industrielle BWS lag bei fast 9.224 Mrd. US-Dollar beziehungsweise etwa 17,8 %. Die USA, China und Japan kamen in diesem Bereich zusammen auf 41,8 %. Für Finanz-, Versicherungs-, Sozial- und andere Dienstleistungen wurden 23.510 Mrd. US-Dollar beziehungsweise fast 45,4 % ausgewiesen; davon entfielen 7.725 Mrd. US-Dollar auf die USA. Im Baugewerbe erreichten die USA 661 Mrd. US-Dollar und 22,9 % der weltweiten BWS dieses Bereichs.
Kritisiert wird, dass der Begriff Wertschöpfung einen Wert der produzierten Güter nahelegt, obwohl der Zusammenhang zwischen Preis und wirtschaftlichem Wert schwer eindeutig zu bestimmen ist. Umbewertungsgewinne bei längerer Lagerung von Fertigprodukten und Rohstoffen werden nicht berücksichtigt. Außerdem erfassen die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nur marktgerechte Güter und Dienstleistungen. Schwarzmarkt, Schattenwirtschaft, Subsistenzwirtschaft sowie unbezahlte Nachbarschaftshilfe und Hausarbeit können deshalb zu einer zu niedrigen oder ungenauen Erfassung von BIP, Wirtschaftsleistung und Wohlstand führen. Die Bedeutung dieser nicht ausgewiesenen Tätigkeiten unterscheidet sich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Schließlich beeinflussen Preisniveauänderungen die BWS-Bewertung und das BIP, ohne die Wertschöpfung selbst zu verändern.
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