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Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig
Die BVfS Leipzig wurde im Zuge der Verwaltungsreform von 1952 gegründet und war bis zu ihrer Auflösung Ende 1989 tätig. ... Nach der Besetzung am 4. Dezember 1989 …
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Aufgabe und Bedeutung
Die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig (BVfS Leipzig) war von 1952 bis Ende 1989 die regionale Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, „Stasi“) im Bezirk Leipzig der DDR. Ihre zentrale Aufgabe war die Überwachung und Unterdrückung Andersdenkender. Sie kontrollierte die Bevölkerung mit hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern (IM), überwachte Kommunikation und Opposition und wirkte auch bei der Kontrolle der Leipziger Messe sowie bei Auslandsspionage mit.
Die BVfS verfügte über 13 Kreisdienststellen. Ende 1988 hatte die BV Leipzig 3.792 hauptamtliche Mitarbeiter; für 1989 werden außerdem insgesamt 9.979 IM in Bezirksverwaltung und Kreisdienststellen genannt. Die Angaben zur Zahl hauptamtlicher Mitarbeiter unterscheiden sich je nach einbezogenen Diensten und Mitarbeitergruppen: Im Überblick werden über 2.390 bis 3.792 genannt. Ungefähr 750 arbeiteten in der Leipziger Zentrale. Die große Zahl der IM bildete nach dem Artikel eine „Schattenarmee“ der Geheimpolizei.
Standort und Gebäude
Der Komplex liegt auf einem etwa 15.800 Quadratmeter großen Grundstück in der nordwestlichen Leipziger Altstadt zwischen Dittrichring, Großer Fleischergasse, Matthäikirchhof und Goerdelerring. Dort befand sich im 11. Jahrhundert die Burg Leipzig, die Thietmar von Merseburg für 1015 als „urbs lipzi“ erwähnte. Später lagen auf dem Gelände ein Franziskanerkloster und die Matthäikirche. Archäologische Reste dieser frühen Stadtgeschichte sollen bei künftigen Planungen berücksichtigt werden.
Die „Runde Ecke“ wurde 1911 bis 1913 als Geschäftshaus der Alten Leipziger Feuerversicherung nach Plänen von Hugo Licht und Karl Poser mit Weidenbach & Tschammer errichtet. Nach Nutzungen durch die US-Armee und sowjetische Stellen war sie von 1950 bis 1989 Sitz der BVfS. Seit August 1990 zeigt sie die Dauerausstellung „Stasi – Macht und Banalität“.
Der Saalbau entstand 1956 bis 1958. Er enthielt einen Fest- und Kinosaal, Büros sowie unter anderem Bereiche für Finanzen, Kader und Schulung und die Auslandsaufklärung. Der Erweiterungsbau wurde 1980 bis 1985 errichtet, kostete etwa 78 Mio. Mark der DDR und wird wegen seiner Fassadengestaltung auch „Ohrenburg“ genannt. Sein Bunker im zweiten Kellergeschoss bot über 1.000 Quadratmeter Platz für alle 750 Beschäftigten der Zentrale im Kriegsfall.
Entwicklung bis 1988
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Sachsen politische Polizeieinheiten, die ab Anfang 1947 „K 5“ hießen und der sowjetischen Geheimpolizei zuarbeiteten. Nach dem Gesetz vom 8. Februar 1950 wurde das MfS gebildet. Die Leipziger Bezirksverwaltung entstand mit der Verwaltungsreform von 1952.
Schon in den frühen 1950er Jahren ging das MfS gegen politisch aktive „bürgerliche“ Wähler vor und verhaftete in Plauen und Leipzig zahlreiche CDU-Mitglieder. Beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 wurden in Leipzig Menschen verfolgt und getötet: Herbert Kaiser wurde verhaftet, einem sowjetischen Militärtribunal übergeben und am 15. Dezember 1953 hingerichtet; Dieter Teich wurde bei Schüssen von Volkspolizisten und Stasi-Offizieren tödlich getroffen.
Die BVfS überwachte auch Hochschulen, Kirchen, Kultur und Jugendliche. Beispiele sind die Verfolgung des Kunsthistorikers Wolfgang Hütt, Festnahmen nach der Beat-Demonstration vom 31. Oktober 1965 und Maßnahmen nach Protesten gegen die Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968. In den 1980er Jahren überwachte sie unter anderem Bausoldaten, Computerinteressierte, Sportfeste und oppositionelle Gruppen wie die 1986 gegründete Arbeitsgruppe Menschenrechte und den 1987 gegründeten Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig. Umweltprobleme der Braunkohleindustrie wurden in der DDR geheim gehalten; seit dem Ministerratsbeschluss vom 16. November 1982 galten Umweltdaten als geheim.
Für den „Tag X“ sah die geheime Direktive 1/67 innerhalb von 24 Stunden Internierungen und Isolierungen vor. Ende 1988 waren DDR-weit 85.939 Personen erfasst. Eine Leipziger Liste vom 9. Oktober 1989 nennt 122 dem politischen Untergrund zugeordnete Personen.
Überwachung und weitere Aktivitäten
Die Abteilung M kontrollierte trotz des verfassungsrechtlich geschützten Postgeheimnisses systematisch Sendungen aus oder in die Bundesrepublik und nach West-Berlin. In Leipzig öffneten etwa 200 Beschäftigte täglich bis zu 1.200 Briefe mit Wasserdampf, prüften und kopierten sie und verschlossen sie wieder. Etwa 100.000 Schriftproben aus privater Post wurden gesammelt. Zudem konnten aus der BVfS-Zentrale 600 Telefonate innerhalb Leipzigs gleichzeitig abgehört werden, was wegen der geringen Zahl von Anschlüssen nahezu einer Vollabdeckung entsprach.
Weitere Mittel waren Personenüberwachung, Verhöre und Zersetzung. Zersetzung bezeichnet die geheime, psychisch belastende Manipulation und Schwächung tatsächlicher oder vermeintlicher politischer Gegner, auch in deren persönlichen Beziehungen. Bei Verhören kamen Isolationshaft, Nachtverhöre und Schlafentzug zum Einsatz. Geruchsproben sollten den individuellen Geruch von Personen sichern und wurden als „Geruchskonserven“ aufbewahrt.
Die Leipziger Messe im März und September wurde intensiv überwacht. Die Staatssicherheit beobachtete ausländische Gäste und nutzte unter anderem Prostituierte als IM und „Honigfallen“, um westdeutsche Besucher zu kompromittieren. Die Abteilung XV unter Claus Brüning betrieb Auslandsspionage, besonders in Nordrhein-Westfalen. Erhaltene Akten belegen etwa die Anwerbung eines Bibliothekars der Universität Münster als IM „Park“ ab Mai 1974. Die BVfS arbeitete außerdem mit dem KGB zusammen und gab qualifizierte IM an ihn weiter.
Friedliche Revolution, Auflösung und Erinnerung
1989 nahm die BVfS weiterhin Demonstrierende fest, etwa 72 Personen am Tag der Kommunalwahlen am 7. Mai und 89 Personen nach dem Friedensgebet am 11. September. Zugleich wuchsen die Montagsdemonstrationen stark an: Am 4. September beteiligten sich 1.500 Menschen, am 25. September 8.000, am 9. Oktober über 130.000 und am 23. Oktober 300.000. Vor dem 9. Oktober standen 8.000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten bereit; die Demonstration verlief jedoch erstmals ohne staatliche Gewalt. Warum dies geschah und wie genau der Ablauf war, ist laut Artikel nicht vollständig geklärt.
Am 6. November 1989 wies Erich Mielke die MfS-Dienststellen an, brisantes Material zu vernichten. Als Hinweise auf Aktenvernichtung zunahmen, besetzten Demonstrierende, Bürgerkomitees, Vertreter der Staatsanwaltschaft und teils Journalisten am 4. Dezember die Leipziger BVfS. Die Räume wurden inspiziert und versiegelt. Damit verlor die Bezirksverwaltung ihre Funktion.
1990 blieb der Umgang mit den Akten umstritten. Im Februar wurden mit Zustimmung des Runden Tisches zahlreiche elektronische Dateien und Karteisysteme zerstört. Proteste der Bürgerrechtsbewegung bewirkten schließlich, dass die Akten erhalten blieben. Das Ende 1991 beschlossene Stasi-Unterlagen-Gesetz ermöglichte Betroffenen ab 1992 Einsicht.
Heute befinden sich im Stasi-Unterlagen-Archiv Leipzig 5.736,30 laufende Meter Unterlagen sowie etwa 3.000 laufende Meter Schriftgut auf Sicherungs- und Arbeitsfilmen. Seit 1992 gingen etwa 240.000 Anträge auf persönliche Akteneinsicht ein. Der Komplex wird teils als Museum, durch Ämter und Vereine oder gar nicht genutzt. Anfang 2024 wurde aus 66 Vorschlägen ein Entwurf ausgewählt, der wesentliche Teile des Bestands bewahren und durch Neubauten ergänzen soll.