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Besinnung vor der Feier der Heiligen Messe

Der Altar zeigt dem Gläubigen den Weg aus der Ferne unserer endlichen Gestalt der Geschöpflichkeit hinüber zu Gottes Ewigkeit. Tisch. Bearbeiten. Altartisch.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Anliegen
  2. 2. Vorbereitung durch Stille, Wort und Hören
  3. 3. Heiliger Raum und Altar
  4. 4. Heiliger Tag und entscheidende Stunde
  5. 5. Handlung, Gemeinde und Versöhnung

Werk und Anliegen

„Besinnung vor der Feier der Heiligen Messe“ ist ein zweibändiges Werk des römisch-katholischen Theologen und Religionsphilosophen Romano Guardini. Es erschien erstmals 1939 und entstand aus kurzen Ansprachen, die Guardini vor Messfeiern auf Burg Rothenfels hielt. Das Werk war Lene und Hans Waltmann gewidmet. Guardini war von 1927 bis 1939 „Burgvater“ der Burg, die als Zentrum der Quickborn-Bewegung diente.

Das Buch behandelt die Voraussetzungen dafür, dass eine Gottesdienstgemeinde und ein Priester die heilige Messe angemessen vollziehen können. Es möchte Gedanken aus verschiedenen Ausgangspunkten vermitteln, die den Leser dazu befähigen, die Messfeier besser mitzuvollziehen. Das Werk steht in der Tradition von Guardinis liturgischen Schriften „Vom Geist der Liturgie“ (1918) und „Von heiligen Zeichen“ (1922). Es trägt das Imprimatur des Mainzer Bischofs Albert Stohr vom 31. Oktober 1939, wurde mehrfach im Matthias-Grünewald-Verlag in Mainz neu aufgelegt und erreichte laut Frédéric Debuyst bald „den Rang eines Klassikers der eucharistischen Theologie“. Von ihm gingen wichtige Impulse für die Liturgische Bewegung und die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils aus.

Vorbereitung durch Stille, Wort und Hören

Guardini kritisiert, dass die Messfeier in der damaligen Form, also vor der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, für viele den Charakter eines „heiligen Schauspiels“ angenommen habe. Die Gläubigen schauten einer Handlung zu oder beteten vor einem „geheimnisvollen Geschehnis“. Dadurch werde das Eigentliche der Messe überdeckt und Unersetzliches gehe verloren. Er bemängelt unter anderem einen übermäßig prunkvollen Altar, dekorative Zeremonien, eine zierliche und „puppenhafte“ Kleidung der Messdiener, süßliche Lieder, selbstgemachte Messandachten und das unverständliche Kirchenlatein. Das Gedächtnis des Herrn drohe so zu einer erbaulichen Schaustellung zu werden.

Der eigentliche Anfang der Liturgie ist für Guardini die Stille vor Gott. Sie soll bereits auf dem Weg zur Kirche und in der Zeit vor Beginn der Messe eintreten. Während der Feier hilft die Stille, die Gedanken und Gefühle der Gemeinde zur Ruhe zu bringen. Sie steht in enger Beziehung zum Wort: Das Wort kommt aus dem Inneren des Menschen, wird als Ton durch dessen körperliche Organe hervorgebracht und drückt Geist und Herz aus. Der Mensch erfindet das Wort nicht, sondern findet es vor, lernt es und gebraucht es. Mehrere aufeinander bezogene Wörter bilden die höhere Einheit der Sprache.

Die Liturgie besteht zu einem großen Teil aus Worten, die von Gott her und zu Gott hin gesprochen werden und aus der inneren Quelle des Schweigens kommen. Deshalb setzt auch das Hören Schweigen voraus. Im Sinne der Worte Jesu „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ (Mt 11,15 EU) und der Aussage des Paulus, dass aus dem Hören der Glaube kommt (Röm 10,14 EU), soll Christus als das fleischgewordene und erlösende Wort Gottes gehört werden.

Das Schweigen überwindet Lärm und Gerede; die Sammlung überwindet innere Zerstreuung und Unruhe. Beides gehört zusammen. Erst aus dieser Sammlung wird Liturgie möglich. Sie führt zum Tun, also zum Dienst vor Gott. Die Messe ist dabei nicht bloß privates Gebet, weil Gott in der Liturgie anwesend ist. Das entscheidende Wort lautet nicht „Sprecht dies“ oder „Denkt darüber nach“, sondern: „Tuet dies zu meinem Gedächtnis.“ Das Urbild ist der um den Tisch versammelte Kreis der Jünger, wie ihn die Apostelgeschichte (Apg 2,46 EU) beschreibt; ein ähnliches Bild findet sich in 1 Kor 11,21 EU.

Heiliger Raum und Altar

Der Bischof weiht kraft seines Amtes eine Kirche. Dadurch wird der Raum aus dem allgemeinen Zusammenhang der Natur und der Menschenwelt herausgelöst und von den Zwecken des täglichen Lebens getrennt. Er wird zum Gotteshaus. Heilig wird die Kirche nach Guardini jedoch erst durch die Feier der heiligen Messe: In der Wandlung kommt der Herr selbst in die versammelte Gemeinde, gibt sich in der Kommunion als Speise und geht anschließend wieder fort. Die Kirche ist deshalb Ort seines Kommens, Verweilens und Gehens.

Guardini setzt sich mit dem Einwand auseinander, Gott könne an jedem Ort, besonders in der Natur, erfahren und verehrt werden. Aus dem Wort „Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20 EU) lässt sich diese Möglichkeit ableiten. Dem Vorwurf, die Kirche misstraue der Natur und schaffe aus Lebensfeindlichkeit einen künstlichen Raum, hält Guardini entgegen, dass die Kirche die Welt ernst nehme. Gerade deshalb sei ein besonderer Raum wichtig, der „losgelöst von allen sonstigen Zwecken und Verwendungen, Gott gehören soll“. Dort könne das Heilige als etwas bewusst werden, das anders ist als Natur und Menschenwerk.

Mit dem Wachstum der christlichen Gemeinden in den ersten Jahrhunderten wurde der Tisch zum Altar. Bei einer großen Zahl von Menschen entsteht leicht die Haltung des Zuschauens; deshalb wird der heilige Ort weiter gegliedert. Die wichtigsten Handlungen der Liturgie sollen nicht dem Zufall oder der Beliebigkeit überlassen bleiben. Der Altar ist der bestimmte Ort, an dem das Tun der heiligen Messe stattfindet.

Der Altar besitzt zwei zentrale Bedeutungen. Als Schwelle bezeichnet er Grenze und Übertritt: Er trennt den Raum der Welt vom Raum Gottes und lässt an Mose und den brennenden Dornbusch auf dem Horeb denken. Er zeigt den Weg aus der begrenzten Gestalt des Geschöpfes hinüber zu Gottes Ewigkeit. Zugleich ist er Tisch. In vielen Religionen erscheint die Vorstellung, dass sich die Gottheit auf einem Tisch niederlässt. Die Gläubigen bringen Gaben dar, entziehen sie dem gewöhnlichen Gebrauch und vollziehen durch Schlachtung, Verbrennung oder Ausschütten des Trunks ihren Übergang in den göttlichen Raum. Gottheit und Mensch haben Anteil an derselben heiligen Speise. Augustinus deutet den Empfang der Eucharistie dabei so, dass nicht in erster Linie der Mensch das Göttlich-Lebendige isst, sondern dieses Lebendige den Menschen in sich hineinzieht.

Heiliger Tag und entscheidende Stunde

Nach Guardini ist der siebte Tag heilig, weil Gott nach der Erschaffung der Welt an diesem Tag ruhte (Gen 2,2 EU). Die Heiligkeit kommt nicht daher, dass der Mensch nach sechs Tagen weltlicher Pflichten ruht, und auch nicht aus einem natürlichen Lebensrhythmus. Sie gründet in Gottes Handeln: Gott ist nicht nur ein ewiger Geist, sondern ein Handelnder, der an diesem Tag ruht.

Gerade weil der Sonntag keinem natürlichen Rhythmus entspringt, ist seine Existenz nach Guardini immer gefährdet. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte können ihn verdrängen. Wird die Ruhe nur noch aus Zwang eingehalten, kann Langeweile entstehen, die schlimmer ist als fortgesetzte Arbeit. Der christliche Sonntag beginnt nicht erst am Morgen, sondern bereits am Vorabend mit der Vigil oder Rüste.

Die entscheidende Stunde der Eucharistie liegt im Abend vor dem Tod Jesu. Bei der Stiftung der Eucharistie nahm Jesus Brot, sprach das Dankgebet, brach es und reichte es den Jüngern mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Nach dem Mahl nahm er den Kelch und sagte: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,19–20 EU).

Zum christlichen Glauben gehört, dass Gott in Jesus Christus wirklich Mensch wurde, im Regierungsjahr des Kaisers Augustus wirklich lebte und unter Pontius Pilatus wirklich starb, nicht früher und nicht später. Wenn der Priester kraft seiner Vollmacht die Worte über Brot und Wein spricht, tritt Christus nach Guardini lebendig und leibhaftig unter die Gemeinde. Zur rechten Feier der Messe gehört daher das Bewusstsein dieses Vorübergangs des Herrn.

Handlung, Gemeinde und Versöhnung

Die unmittelbare Stiftung der Handlung der Messe wird mit dem Auszug des israelitischen Volkes aus Ägypten verbunden. In diese Tradition stellt sich eine zweite Feier, die Christus begründet hat: das Gedächtnis seines Todes. Jesus ordnete nicht lediglich an, dass sich die Menschen an einem bestimmten Tag zu einem Mahl versammeln, Brot und Wein segnen und sich an ihn erinnern sollen. Seine Anweisung lautet vielmehr: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Der Mensch handelt, aber im Handeln des Menschen handelt Gott.

Gemeinde ist dort, wo mehrere Menschen in der Ordnung des Glaubens, im Bewusstsein ihrer Zugehörigkeit zu Christus und zur Feier der heiligen Geheimnisse versammelt sind. Gemeinde entsteht nicht automatisch und ist nicht von einem vollkommenen äußeren Rahmen abhängig. Sie kann auch ohne einen besonders weihevollen Raum, bei kümmerlichem Orgelspiel, unzulänglich verkündetem Wort und den menschlichen Mängeln eines Gottesdienstes bestehen.

Zur Gemeinde gehört jedoch die Verpflichtung zur Versöhnung. Nach der Bergpredigt (Mt 5,23–24 EU) soll sich ein Mensch zuerst mit seinem Bruder versöhnen, bevor er seine Gabe zum Altar bringt. Niemand kann die Kirche betreten und so tun, als sei trotz eines Unrechts alles in Ordnung. Bei schweren Zerwürfnissen ist eine sofortige Versöhnung oft nicht möglich. Dennoch soll man das Unrecht nicht stehen lassen, sich selbst zur Rede stellen und es wiedergutmachen, sobald dies möglich ist. Die Gemeinde bildet einen heiligen Zusammenhang, vergleichbar mit einem Band von Mensch zu Mensch, das durch ungelöstes Unrecht zerreißen kann.

Der Einzelne kommt zunächst mit einer Haltung des „Ich“ in den heiligen Raum. Misstrauen, Fremdheit, Überheblichkeit, Abneigung, Gleichgültigkeit, Feindseligkeit und Verhärtung prägen den Kampf um das tägliche Dasein. Auch die engere Gruppe aus Familie und Freundeskreis ist zunächst nur ein erweitertes Gruppen-Ich. Das eigentliche Wesen der Gemeinde zeigt sich dagegen im gemeinsamen „Wir“ ihrer Gebete. Das Wort „Ich“ steht vor allem im Sündenbekenntnis und im Credo im Mittelpunkt, wenn der Einzelne sich zur Offenbarung des fleischgewordenen Gottes bekennt. Sonst heißt es regelmäßig: „Wir loben dich“, „Wir preisen dich“ und „Wir beten dich an“. Dieses „Wir“ bezeichnet die Gemeinde, nicht bloß die einzelne Person.

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