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Stille
Die Stille (von althochdeutsch stilli: ohne Bewegung, ruhig, ohne Geräusch) bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, …
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Begriff und grundlegende Bedeutung
Stille bezeichnet die empfundene Lautlosigkeit beziehungsweise die Abwesenheit von Geräuschen; außerdem kann das Wort Bewegungslosigkeit meinen. Gegenbegriffe sind Geräusch und Lärm. Stille ist bedeutungsverwandt mit Schweigen, aber davon zu unterscheiden: Schweigen betrifft vor allem das Nichtsprechen, Stille kann die gesamte hörbare Umgebung betreffen.
Umgangssprachlich wird besonders vollständige Stille als „Totenstille“ oder „Grabesstille“ bezeichnet. Solche Bilder verbinden sehr geräuscharme Situationen mit der Atmosphäre eines menschenleeren Friedhofs oder einer Gruft. Stille kann als angenehme Ruhe erlebt werden, aber je nach Situation auch Spannung, Bedrohung oder die Möglichkeit des Todes andeuten.
Wirkungen auf Wahrnehmung, Lernen und Alltag
Nicht jede Form von Stille wirkt wohltuend. Völlige Stille ohne jede Reflexion, etwa in einer Camera silens, kann wegen der fehlenden akustischen Orientierung im Raum unangenehm und beängstigend sein. Hält sie länger an, kann sensorische Deprivation entstehen: Durch den Mangel an Außenreizen können Halluzinationen und Denkstörungen auftreten. Dies wird auch bei Verhören, Folterungen wie der Weißen Folter und zur Gehirnwäsche eingesetzt.
Eine ruhige Umgebung ohne störende Geräusche kann dagegen beruhigen sowie Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden steigern. Sie kann außerdem religiöse Empfindungen unterstützen. Der Hörsinn lässt sich nicht bewusst abschalten; an Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Deshalb ist Stille für verschiedene Tätigkeiten und Zustände eine wichtige Rahmenbedingung:
- Tätigkeiten, die auf das Hören angewiesen sind, brauchen oft Ruhe, obwohl sie selbst Geräusche erzeugen, etwa Musizieren oder Telefonieren.
- Bei intensiven Denkprozessen unterstützt Stille die Konzentration. Pädagogen gehen davon aus, dass sie dem Lernen förderlicher ist als ablenkende Geräusche.
- Bibliotheken bieten Stille, damit Lesen und Konzentration nicht gestört werden.
- Entspannungsverfahren wie autogenes Training sowie Besinnung und Kontemplation werden durch Geräuschkulissen beeinträchtigt.
Stille kann außerdem die „Ruhe vor dem Sturm“, also die Vorahnung eines nahenden negativen Ereignisses, darstellen. In Bühnenstücken, Spielfilmen und Reden oder Gedichten kann bewusst gesetzte Stille die Spannung erhöhen. Im Marketing gilt Stille als möglicherweise konsumhemmend; daher wird sie in Verkaufsräumen häufig durch Hintergrundmusik überdeckt.
Stille in Religion und Andacht
In vielen Religionen besitzt Stille einen hohen Stellenwert, besonders wenn Priester oder Gläubige sich konzentrieren sollen. Beispiele sind stilles Gebet und Meditation im Buddhismus und Daoismus. Auch Anachoreten, also religiöse Einsiedler, nutzen Stille, um sich auf spirituelle Zusammenhänge zu konzentrieren.
In der katholischen Liturgie ist Stille nach der Liturgiereform infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils ein eigenes Element. Sie kann vor dem Schuldbekenntnis, nach Lesungen und Predigt, bei der Gabenbereitung und nach der Kommunion vorkommen. In den Großen Fürbitten beten die Gläubigen auch für Ruhe im eigenen Leben.
Im Pietismus des 18. Jahrhunderts wurde Stille als mystisches Element der Frömmigkeit verstanden. Pietisten zogen sich bewusst „in den stillen Winkel“ zurück; als „Stille im Lande“ fanden sie ihre Basis in der 1780 gegründeten Christentumsgesellschaft. Die Begriffe Andachtsstille und Gebetsstille stammen aus dieser Bewegung.
Quäker feiern seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Gottesdienst meist als stille Andacht ohne Lieder, Lesungen und Predigten. Die Teilnehmenden warten gemeinsam aufmerksam in der Stille und versuchen, sich der Führung des Geistes anzuvertrauen. Dadurch sollen sie innerlich ruhig werden, Sinn erfahren, Freude und Staunen über die Schöpfung erleben sowie sich von Furcht, Ängsten, emotionaler Unordnung und Selbstsucht befreien. Wer sich innerlich dazu gedrängt fühlt, kann aus dem Schweigen heraus sprechen. Die Stille dauert in der Regel eine Stunde. In ihr können Brautpaare ihr Treue-Gelöbnis ablegen, neugeborene Kinder der Obhut der Gruppe empfohlen und Verstorbene bedacht werden. In Afrika sowie Nord- und Südamerika gibt es daneben Andachtsformen mit liturgischen Elementen, zum Beispiel gemeinsam gesprochenen Gebeten.
Stille in Sprache und Kunst
Weil vollständige Lautlosigkeit in der Natur selten ist, wurde Stille vielfach künstlerisch gestaltet. Besonders die Lyrik unterscheidet sie nach Ort oder Zeit: Bergesstille, Meeresstille, Windstille und Winterstille sowie Morgen-, Mittags-, Abend- und Nachtstille. Solche Formen verbinden Stille häufig mit Ruhe, Naturbeobachtung, fehlender Bewegung oder einer besonderen Stimmung.
In Johann Wolfgang von Goethes „Wandrers Nachtlied“ heißt es: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh“ und „Die Vögelein schweigen im Walde.“ Friedrich Nietzsche betont in Also sprach Zarathustra, die größten Ereignisse seien nicht die lautesten, sondern die stillsten Stunden; auch „Die stillsten Worte“ könnten den Sturm bringen. Stille kann damit als Ort von Nachdenken und bedeutenden inneren Vorgängen erscheinen.
In der Bildenden Kunst heißt ein Stillleben die Darstellung eines leblosen und bewegungslosen Arrangements von Gegenständen. Pantomime bezeichnete Marcel Marceau als „Kunst der Stille“.
In der Neuen Musik führte die Frage, was Musik überhaupt ist, zu einer intensiven Beschäftigung mit Stille. Sie wird dort als graduelles Phänomen verstanden: Erst absolute Stille, sofern sie mehr als eine metaphysische Vorstellung ist, lässt sich mit Lautlosigkeit verbinden. Ein bekanntes Beispiel ist John Cages Klavierstück 4′33″. Es besteht aus drei Sätzen, die ausschließlich Pausen enthalten und zusammen vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden dauern. Auch Ambient-Musik, Klanginstallationen, Performances und besonders das Genre lowercase setzen sich mit Stille auseinander; in lowercase ist ihr Einsatz essenziell.
Stille bei Bestattungen und in der Technik
Die Formulierung „in aller Stille“ bei Bestattungen, auch „ohne Sang und Klang“, bedeutete ursprünglich, dass keine aufwändige Feier mit Totengeläut und Kirchengesang stattfand. Gründe konnten sein, dass diese Leistungen nicht bezahlt werden konnten oder dass die verstorbene Person keinen Rechtsanspruch darauf hatte. Heute bezeichnet die Wendung meist eine weniger aufwändige Bestattung im kleinen Kreis.
Im technischen Kontext meint Funkstille die regelmäßige Unterbrechung des Funkverkehrs zum Empfang von Notrufen. Eine Sendepause liegt vor, wenn Fernseh- oder Hörfunksender aus technischen oder programmbedingten Gründen kein Signal aussenden. Beide Begriffe werden im Alltag auch bildlich verwendet: Funkstille kann Gesprächs- oder Kontaktvermeidung bedeuten, während Sendepause die Erwartung eines Schweigens ausdrücken kann.