Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit
Die Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit bezeichnet den Teil der Geschichte Europas, der sich mit Wachstum, Wanderung und Ansiedlung der …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Forschungsgrundlage
Die Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit (Neolithikum) untersucht Wachstum, Wanderungen und Ansiedlungen von Menschen zwischen dem 6. und 2. Jahrtausend v. Chr. DNA-Proben aus jungsteinzeitlichen Skelettfunden des Mittelelbe-Saale-Gebiets weisen auf vier wesentliche Migrationsereignisse hin.
Ein internationales Forscherteam untersuchte 2013 insgesamt 364 Skelette von 25 Fundplätzen. Die günstigen Erhaltungsbedingungen der mitteldeutschen Funde erlaubten genetische Untersuchungen. DNA aus Knochen und Zähnen wurde analysiert, besonders mitochondriale DNA (mtDNA). Diese wird von der Mutter an ihre Nachkommen vererbt und ermöglicht deshalb die Rekonstruktion mütterlicher Abstammungslinien. So entstand eine genetische Chronologie für die Umbrüche zwischen 5500 und 1500 v. Chr.
Archäologische Kulturen lassen sich zunächst nur über materielle Hinterlassenschaften unterscheiden. Die Untersuchung sollte klären, ob kultureller Wandel durch wandernde Populationen oder durch Ideentransfer zwischen ansässigen Gruppen entstand. Nach der Studie trugen spätere Migrationen deutlich zur genetischen Vielfalt heutiger Europäer bei; diese lässt sich nicht allein durch die Vermischung lokaler Jäger und Sammler mit eingewanderten Bauern aus dem Nahen Osten erklären.
Ausgangslage und Überblick
Spätestens vor 45.000 Jahren erreichte der anatomisch moderne Mensch, Homo sapiens, Europa. Er war rund 50.000 bis 60.000 Jahre zuvor aus Afrika aufgebrochen. Dort lebten bereits Neandertaler (Homo neanderthalensis), deren Vorfahren ebenfalls aus Afrika stammten, den Kontinent aber Hunderttausende Jahre früher verlassen hatten. Die Neandertaler starben in Europa vor etwa 40.000 Jahren aus; dies markiert laut Artikel den Übergang vom Altpaläolithikum zum Mittelpaläolithikum.
Das Neolithikum entwickelte sich um 10.000 v. Chr. im Nahen Osten. In Zentraleuropa verliefen im Neolithikum vier wesentliche Migrationsereignisse. Der erste Bevölkerungsumbruch war mit dem Wechsel von der mesolithischen Lebensweise als Jäger und Sammler zur Landwirtschaft verbunden. Über den ostmediterranen Raum und den Balkan erreichten Bauern um 5500 v. Chr. Zentraleuropa. Nach der Neolithisierung folgte zunächst eine etwa 2500 Jahre dauernde Phase relativer genetischer Stabilität. Ab etwa 3000 v. Chr. brachten Trichterbecher-, Schnurkeramik- und Glockenbecherkultur mehrere aufeinanderfolgende Bevölkerungsverschiebungen; die genetische Signatur der ersten Bauern wurde dabei ausgedünnt und neue Linien kamen hinzu.
Landwirtschaft und erste Bauern
Mit der Linearbandkeramischen Kultur verbreiteten sich um etwa 5500 v. Chr. Ackerbau und Viehzucht rasch über Mitteleuropa. Dieses erste große genetische Ereignis steht für den Übergang von mesolithischen Jäger- und Sammlergruppen zu den ersten neolithischen Bauern. Die eingewanderten Bauern ersetzten im Lauf der Zeit große Teile der ansässigen Jäger-Sammler-Bevölkerung.
Die mtDNA-Zusammensetzung änderte sich deutlich: Jäger und Sammler wiesen ausschließlich Haplogruppen der Linie U auf, nämlich U, U4, U5 und U8. Eine Haplogruppe ist eine Gruppe verwandter genetischer Linien. Bei Bauern der Linearbandkeramik trat dagegen ein neues Muster mit N1a, T2, K, J, HV, V, W und X auf. Dieses „neolithische Paket“ wird mit Einwanderung aus dem Nahen Osten, Anatolien und dem Kaukasusraum verbunden. Die Daten sprechen für eine rasche, weitreichende Migration von Ackerbauern nach Mitteleuropa; ihre genetische Signatur blieb etwa 2500 Jahre relativ stabil.
Wechselwirkung mit Südskandinavien
Das zweite Ereignis beschreibt eine genetische Wechselwirkung in beide Richtungen zwischen Mitteleuropa und Südskandinavien. Um 4100 v. Chr. breitete sich die Trichterbecherkultur von Mitteleuropa nach Norden aus und brachte Landwirtschaft in Regionen, deren Bevölkerung zuvor als Jäger und Sammler lebte.
Die skandinavischen Gruppen übernahmen die Landwirtschaft, behielten jedoch einen hohen Anteil an Jägerhaplogruppen von rund 30 %. Etwa ein Jahrtausend später gelangten genetische Elemente aus dem Norden nach Mitteleuropa zurück. Die Bernburger Kultur, eine späte Variante der Trichterbecherkultur, besitzt etwa 29 % Jägerhaplogruppen; zugleich nahmen bäuerliche Haplogruppen ab. Dies deutet auf erneute genetische Durchmischung von Bauern und Jägern und auf einen Wechsel von einer nahöstlich orientierten zu einer stärker nordeuropäischen genetischen Signatur hin.
Einwanderung aus der osteuropäischen Steppe
Um 2800 v. Chr. breitete sich die Schnurkeramische Kultur über weite Teile Mittel- und Osteuropas aus. In ihrer mtDNA erscheinen erstmals Haplogruppen I, U2 und T1, die in den vorherigen mitteleuropäischen Populationen nicht vorkamen. Dieselben Haplogruppen sind in Steppenkulturen der eurasischen Kurgan-Regionen, besonders in Südsibirien und Kasachstan, häufig.
Ein zusätzlicher Hinweis ist die Y-chromosomale Haplogruppe R1a1a. Sie kommt sowohl in Funden der Schnurkeramischen Kultur als auch in alten sibirischen und osteuropäischen Populationen vor. Die Befunde sprechen für eine Einwanderung aus der osteuropäischen Steppe nach Mitteleuropa, möglicherweise im Zusammenhang mit frühen indoeuropäischen Wanderbewegungen.
Einfluss aus Südwesteuropa
Das vierte Ereignis wird mit der Glockenbecherkultur verbunden, die ab etwa 2500 v. Chr. in Mitteleuropa auftrat. Sie entstand ursprünglich um 2800 v. Chr. im Westen der Iberischen Halbinsel und breitete sich von dort nach Mitteleuropa aus.
Genetisch unterschied sie sich deutlich von der gleichzeitig bestehenden Schnurkeramischen Kultur. In Proben der Glockenbecherkultur dominiert die Haplogruppe H mit fast 50 %. Die für die Schnurkeramik typischen Haplogruppen I und U2 fehlen dagegen. H war in früheren mitteleuropäischen Kulturen kaum vertreten, kommt aber in iberischen Populationen seit dem Mesolithikum häufig vor. Die Befunde belegen laut Artikel eine genetische Einwanderung aus Südwesteuropa und einen westlichen Einfluss auf Mitteleuropa. Obwohl Glockenbecher- und Schnurkeramische Kultur mehrere Jahrhunderte nebeneinander bestanden, zeigen genetische Analysen nur geringe Durchmischung zwischen beiden Gruppen.