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John Stuart Mill

Mill war Anhänger des Utilitarismus, der von Jeremy Bentham, dem Lehrer und Freund seines Vaters James Mill, als Nutz-Ethik entwickelt wurde. Seine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Staat, Demokratie und Freiheit
  3. 3. Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsentwicklung
  4. 4. Utilitarismus und Gleichberechtigung
  5. 5. Politische Ökonomie und stationärer Zustand
  6. 6. Erkenntnis und wissenschaftliche Methoden

Bedeutung und Lebensweg

John Stuart Mill (20. Mai 1806 in Pentonville, Vereinigtes Königreich; 8. Mai 1873 in Avignon, Frankreich) war ein britischer Philosoph, Politiker und Ökonom. Er zählt zu den einflussreichsten liberalen Denkern des 19. Jahrhunderts, entwickelte den Utilitarismus weiter und prägte die klassische Nationalökonomie. Zugleich trat er als sozialer Reformer für individuelle Freiheit, politische Beteiligung, Bildung und Frauenrechte ein. Der von ihm als Gegenentwurf zu Thomas Morus’ Utopia verwendete Begriff „Dystopia“ bezeichnet einen pessimistischen Zukunftsentwurf.

Sein Vater James Mill, ein Vertreter des radikalen Utilitarismus, unterrichtete ihn außergewöhnlich früh und streng. Mill lernte ab seinem dritten Lebensjahr Griechisch, beherrschte mit zehn Jahren Latein auf universitärem Niveau und beschäftigte sich mit 13 Jahren mit der politischen Ökonomie von Adam Smith und David Ricardo. 1821 lernte er die Schriften Jeremy Benthams kennen und übernahm zunächst dessen Nützlichkeitsprinzip. 1822 gründete er mit Freunden die Utilitaristische Gesellschaft. Ab Mai 1823 arbeitete er bei der Ostindischen Handelsgesellschaft.

Eine depressive Krise im Jahr 1826 ließ Mill die rein rationalistische Erziehung seines Vaters und die Annahme kritisch prüfen, nützliches Handeln müsse stets Lust erzeugen. Danach rückte die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die „innere Kultur des Individuums“, in das Zentrum seines Denkens. Harriet Taylor, die er 1830 kennenlernte und 1851 heiratete, beeinflusste besonders seine Ansichten über Freiheit und Frauenrechte.

Von 1865 bis 1868 gehörte Mill für die Whigs dem britischen Parlament an. Er setzte sich für Sozialreformen, ein erweitertes Wahlrecht und das Frauenwahlrecht ein. Im Juli 1866 unterstützte beinahe ein Drittel der anwesenden Parlamentarier seinen entsprechenden Antrag. Nach seiner Abwahl zog er sich nach Avignon zurück, wo er am 8. Mai 1873 starb.

Staat, Demokratie und Freiheit

Mill betrachtet Freiheit als den „ersten und stärksten Wunsch der menschlichen Natur“. Sie ermöglicht dem Menschen, seine geistigen, moralischen und praktischen Fähigkeiten zu entwickeln. Sein als Freiheitsprinzip oder Harm Principle bekannter Grundsatz lautet: Zwang gegen ein Mitglied einer zivilisierten Gesellschaft ist nur rechtmäßig, um die Schädigung anderer zu verhindern. Niemand darf dagegen allein deshalb gezwungen werden, weil ein bestimmtes Verhalten angeblich klüger, besser oder glücklicher mache. „Über sich selbst, über seinen eigenen Körper und Geist“ ist der Einzelne souverän.

Das Prinzip gilt nach Mill nur für mündige Menschen; Kinder und geistig Kranke schließt er aus. Auch gegenüber einer von ihm als noch nicht entwicklungsfähig betrachteten Gesellschaft hält er Despotismus für legitim. Außerdem können Pflichten wie wahrheitsgemäße Aussagen vor Gericht, Landesverteidigung oder Beiträge zur notwendigen Infrastruktur erzwungen werden.

Freiheit umfasst insbesondere:

  • Gewissensfreiheit sowie Gedanken-, Rede- und Publikationsfreiheit,
  • die freie Wahl von Ausbildung, Lebensweise, Geschmack und Lebensplanung,
  • freiwillige Vereinigungen zu sozialen, politischen, wirtschaftlichen oder privaten Zwecken, sofern sie anderen nicht schaden.

Mill steht dem Staat kritisch gegenüber, weist ihm aber mehr Aufgaben zu als viele zeitgenössische Liberale. Er soll ein stabiles Rechtssystem und eine einheitliche Währung sichern, Monopole etwa bei Gas, Wasser und Eisenbahnen verhindern und Armen helfen, ohne deren Eigeninitiative zu ersticken. Bildung hält Mill für die Grundlage selbstständigen Handelns. Der Staat soll deshalb Elementarunterricht sichern und Kinder zum Bildungserwerb verpflichten, aber kein Bildungsmonopol besitzen. Unabhängige Bildungsträger sollen Meinungsvielfalt erhalten und Konformismus verhindern.

Als vorläufig beste Regierungsform befürwortet Mill eine repräsentative Demokratie, fürchtet jedoch eine „Tyrannei der Mehrheit“. Daher tritt er nicht für ein gleiches, sondern für ein nach Bildung abgestuftes Mehrklassenwahlrecht ein: Gebildete sollten mehrere Stimmen erhalten. Frauen sollen grundsätzlich ebenfalls wählen dürfen. Unaufhebbare Rechte wie persönliche Freiheit, Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit müssen nach Mill auch gegen Mehrheitsentscheidungen geschützt werden.

Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsentwicklung

Eine Meinung darf nach Mill weder vom Staat noch durch gesellschaftlichen Druck unterdrückt werden. Ist die unterdrückte Meinung wahr, verliert die Gesellschaft eine Möglichkeit zur Erkenntnis und Weiterentwicklung. Ist sie falsch, hilft die Auseinandersetzung mit ihr, die Wahrheit genauer zu begründen. Ohne Widerspruch kann eine richtige Lehre zu einem bloßen Dogma werden, dessen Gründe niemand mehr versteht. Da einzelne Menschen und ganze Epochen irren können, muss auch allgemein anerkanntes Wissen überprüfbar bleiben. Als Beispiele für fehlgeleitete Mehrheiten nennt Mill die Verurteilung von Sokrates, die Kreuzigung Jesu und den Widerstand gegen Galileo Galileis Erkenntnisse.

Meinungen und Handlungen sind jedoch nicht in gleicher Weise frei. Mill will selbst unfaire Diskussionsweisen wie Grobheiten oder persönliche Angriffe nicht ohne Weiteres verbieten. Andere müssen einer Belästigung aber ausweichen können und dürfen dabei nicht weiter verfolgt werden. Handlungen, die ohne gerechten Anlass Schaden verursachen, Aufforderungen zur Gewalt und das Aufhetzen eines Mobs dürfen untersagt werden. Individuelle Rechte reichen nur bis zu den Rechten und Interessen anderer.

Innerhalb dieser Grenze soll jeder seine Persönlichkeit möglichst frei entfalten. Individualität ist für Mill an sich wertvoll und nützt zugleich der Gesellschaft: Originelle Menschen können neue Lebensweisen und bessere Wertmaßstäbe entwickeln; vorhandenes Gutes beruht auf schöpferischer Eigenständigkeit; Menschen finden durch individuelle Entwicklung die für sie produktivste Lebensform; und Fortschritt entsteht im Widerstand gegen die „Tyrannei der Gewohnheit“. Eine Gesellschaft, die nur Gleichförmigkeit anstrebt, droht wissenschaftlich und sozial zu stagnieren.

Da jeder von einer Gemeinschaft profitiert, muss er die Interessen anderer achten und darf zu einem Beitrag für das Gemeinwohl verpflichtet werden. Solange keine Rechte verletzt werden, bevorzugt Mill Warnungen, Ratschläge und gegebenenfalls soziale Ablehnung gegenüber staatlichen Strafen. Verbote könnten „Rebellen“ erzeugen; oft schrecke bereits der erkennbare Schaden einer Handlung besser ab. Staatlicher Zwang ist erst gerechtfertigt, wenn andere tatsächlich betroffen sind, etwa wenn ein trinkender Vater seine Familie nicht mehr ernähren kann oder ein Schuldner durch Verschwendung seine Verpflichtungen nicht erfüllt.

Utilitarismus und Gleichberechtigung

Der Utilitarismus ist eine von Jeremy Bentham und James Mill entwickelte Ethik, nach der eine Handlung moralisch gut ist, wenn sie nützlich ist. John Stuart Mill bestimmt den Nutzen genauer: Handlungen sind sittlich, wenn sie dazu tendieren, Glück zu fördern, und moralisch falsch, wenn sie Leiden hervorrufen. Menschen streben demnach nach Lust und versuchen Unlust zu vermeiden.

Mit „Lust“ oder pleasure ist nicht nur körperlicher Genuss gemeint, sondern vor allem geistige Erfüllung und happiness, die auf „Bildung und Arbeit“ beruht. Mill unterscheidet verschiedene Qualitäten des Glücks. Das Glück eines Schweines oder eines Narren sei leichter erreichbar als das eines Sokrates, aber nicht gleichwertig. Der Utilitarismus könne sein Ziel daher nur durch allgemeine Bildung und die Pflege eines edlen Charakters erreichen. Menschen mit „höheren Fähigkeiten“ kennen unterschiedliche Formen des Glücks und streben nach Vollkommenheit, obwohl sie wissen, dass diese unerreichbar ist; Menschen mit „niederen Fähigkeiten“ seien schneller zufriedenzustellen.

Mills Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen hängt mit seinem liberalen und utilitaristischen Denken zusammen. In The Subjection of Women von 1869 bestreitet er, dass die damals angenommenen Unterschiede im Wesen und Verhalten von Frauen und Männern naturgegeben seien. Das meiste sei durch Erziehung und gesellschaftliche Strukturen entstanden. Eine egalitäre, also auf Gleichheit beruhende Gesellschaftsordnung nütze allen, während ungleiche Behandlung Unfrieden und ungerechte Selbstbevorzugung fördere.

Mill verlangt das Frauenwahlrecht und ein Scheidungsrecht und untersucht die Unterdrückung von Frauen als gesellschaftliches Phänomen. The Subjection of Women wurde noch 1869 von Jenny Hirsch als Die Hörigkeit der Frau ins Deutsche übersetzt und von der Frauenbewegung breit diskutiert.

Politische Ökonomie und stationärer Zustand

In Principles of Political Economy beziehungsweise Grundsätze der politischen Ökonomie beschreibt Mill einen stationären wirtschaftlichen Zustand. Sobald das Wachstumsziel eines Lebens in Wohlstand für alle erreicht ist, soll die Zunahme von Kapital und Bevölkerung zum Stillstand kommen. Das bedeutet weder Warenmangel noch ein Ende des intellektuellen, kulturellen oder wissenschaftlichen Fortschritts.

Mill beschreibt diesen Zustand als eine Gesellschaft, in der „keiner arm ist, niemand reicher zu sein wünscht, und niemand Grund zu der Furcht hat, dass er durch die Anstrengungen anderer, die sich selbst vorwärts drängen, zurückgestoßen werde“. Das ständige Streben nach Wachstum bezeichnet er als Sucht. Wenn Menschen darauf verzichteten, könnten gesellschaftliche, kulturelle und sittliche Fortschritte größer werden. Erwerbsarbeit und technische Verbesserungen blieben bestehen; Verbesserungen würden aber nicht vor allem das Vermögen vermehren, sondern die Arbeitszeit verkürzen.

Mill trennt außerdem die Bedingungen der Produktion von der gesellschaftlich gestaltbaren Verteilung des Reichtums. Trotz seiner Kritik an wirtschaftlicher Ungleichheit verteidigt er das Privateigentum, hält dessen negative Folgen aber für politisch und sozial abmilderbar. Karl Marx würdigte Mills soziale Absichten, kritisierte jedoch den Widerspruch zwischen dessen älteren ökonomischen Lehren und modernen Reformtendenzen und bezeichnete seine Position als „geistlosen Synkretismus“.

Erkenntnis und wissenschaftliche Methoden

In der theoretischen Philosophie lehnt Mill Wissen a priori, also von Erfahrung unabhängiges Wissen, ab. Wissen kann nach ihm nur aus empirischen Beobachtungen und den darauf aufbauenden Überlegungen entstehen. Induktion bedeutet dabei, aus einzelnen Erfahrungen allgemeine Aussagen abzuleiten. Für Mill ist sie die einzige Möglichkeit, Schlüsse über die Welt zu ziehen. Die damit verbundenen Probleme behandelt er ausführlich in A System of Logic von 1843.

Wissenschaft entwickelt sich nach Mill fortschreitend: sowohl durch induktive Erkenntnisse als auch durch die ständige Verbesserung der Induktion selbst. Zur Ermittlung der Ursachen von Phänomenen nennt er folgende Methoden:

  • Methode der Übereinstimmung: Fälle eines Phänomens werden auf einen gemeinsamen Umstand untersucht.
  • Methode des Unterschieds: Man vergleicht Fälle, die sich möglichst nur in einem entscheidenden Umstand unterscheiden.
  • Indirekte Methode des Unterschieds, auch gemeinsame Methode der Übereinstimmung und des Unterschieds genannt.
  • Methode der Residuen: Bereits erklärte Wirkungen werden abgezogen, um die Ursache des verbleibenden Restes zu bestimmen.
  • Methode der gleichzeitigen Änderungen: Veränderungen zweier Größen werden daraufhin untersucht, ob sie gemeinsam auftreten.

Zu Mills Hauptwerken gehören außerdem On Liberty von 1859, Utilitarianism, zunächst 1861 als Artikelserie und 1863 als Buch erschienen, Considerations on Representative Government von 1861 sowie Subjection of Women von 1869. Seine Autobiography erschien 1873 nach seinem Tod.

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