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Analytische Philosophie

Analytische Philosophie ist eine Sammelbezeichnung für bestimmte philosophische Ansätze, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Kennzeichen
  2. 2. Sprache als philosophisches Werkzeug
  3. 3. Frühe Entwicklung und Logischer Empirismus
  4. 4. Alltagssprache und Sprechhandlungen
  5. 5. Geschichte, Wissenschaft und Kritik
  6. 6. Verhältnis zur Kontinentalphilosophie

Gegenstand und Kennzeichen

Analytische Philosophie ist eine Sammelbezeichnung für philosophische Ansätze, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Ihr zentrales Ziel ist, philosophische Probleme eindeutig und präzise zu formulieren. Anschließend werden sie mit logischer, begrifflicher oder alltagssprachlicher Analyse untersucht. Dabei kann sich zeigen, dass ein Problem lösbar ist, nur auf einem sprachlichen Missverständnis beruht oder ein philosophisches „Scheinproblem“ ist.

Frühe Vertreter standen dem Empirismus nahe: Erkenntnis wird dabei wesentlich oder ausschließlich auf sinnliche Wahrnehmung bezogen. Viele von ihnen, besonders im Logischen Empirismus, betrachteten metaphysische Aussagen skeptisch oder als sinnlos. Metaphysik fragt etwa nach sehr allgemeinen Grundlagen der Wirklichkeit, die nicht direkt empirisch überprüfbar sind. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird analytisches Arbeiten jedoch in praktisch allen Bereichen der Philosophie eingesetzt; auch metaphysische, idealistische, naturalistische und empiristische Positionen werden vertreten.

Zwei klassische Linien lassen sich unterscheiden. In der Linie von Frege und Russell über den frühen Wittgenstein und den Wiener Kreis bis Quine bedeutet Begriffsanalyse: Einen Begriff als Idee in grundlegendere Begriffe zerlegen und dadurch seine Bedeutung erklären. Die Linie von Moore über den späten Wittgenstein und die Philosophie der normalen Sprache bis Strawson versteht Begriffe als sprachliche Ausdrücke. Hier wird ihre Bedeutung durch eine genaue Beschreibung ihres Gebrauchs in konkreten Alltagssituationen geklärt.

Trotz großer Unterschiede bleiben einige methodische Neigungen erkennbar: Gedankenexperimente und begriffliche Intuitionen, Orientierung an empirischen Wissenschaften, hohe Anforderungen an Klarheit und präzises Argumentieren sowie häufig die Konzentration auf eng umrissene systematische statt auf historische Fragen.

Sprache als philosophisches Werkzeug

Für weite Teile der analytischen Philosophie ist Sprache ein zentrales Mittel, um Gedanken und philosophische Probleme zu untersuchen. Gottlob Frege wollte mit seiner „Begriffsschrift“ von 1879 Täuschungen aufdecken, die durch den gewöhnlichen Sprachgebrauch entstehen können. Er arbeitete an einer Idealsprache: einer formalen, logisch und mathematisch aufgebauten Sprache, in der wissenschaftliche Erkenntnisse besonders klar ausgedrückt werden und der Bezug zur Wirklichkeit eindeutig sein sollte.

Diese Richtung heißt Ideal Language Philosophy. Auch Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ von 1921 sowie Bertrand Russell und Rudolf Carnap gehören zu ihr. Das Vorhaben einer solchen formalen Sprache scheiterte aber daran, dass keine formale Sprache mit demselben Funktionsumfang und denselben Ausdrucksmöglichkeiten wie die gesprochene Alltagssprache entwickelt werden konnte. Kritiker betonten außerdem, Logik sei zu eng, um Sprache vollständig zu erfassen, weil Sprache auch ein soziales Phänomen ist.

Der späte Wittgenstein, besonders in den „Philosophischen Untersuchungen“ von 1953, und Gilbert Ryle setzten deshalb auf die Untersuchung der Alltagssprache. Entscheidend ist dann nicht eine ideale Formalsprache, sondern wie Wörter in einer bestimmten Situation gebraucht werden. Beide Richtungen teilen den Anspruch, klar, einfach und anhand überprüfbarer Aussagen zu arbeiten. Analytische Philosophie ist daher eher eine methodische Haltung als eine einheitliche Lehre; Sprachanalyse galt lange als ihre grundlegende philosophische Methode.

Frühe Entwicklung und Logischer Empirismus

Als Begründer werden meist G. E. Moore und Bertrand Russell genannt. Sie knüpften an den britischen Empirismus von John Locke, George Berkeley und David Hume an; die logischen Arbeiten Freges und Giuseppe Peanos lieferten wichtige Werkzeuge. Russell und Moore wandten sich gegen den damals einflussreichen Idealismus. Sie wollten ihn nicht bloß durch Gegenbehauptungen zurückweisen, sondern seine Begriffe und Sätze sprachlich-logisch prüfen und mit Auffassungen des gesunden Menschenverstandes, dem common sense, vergleichen.

Die erste Phase lag im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und hatte ihre Blütezeit in den 1920er Jahren. Sie war vom Logischen Atomismus geprägt, dargestellt etwa in Russells „Die Philosophie des Logischen Atomismus“ von 1918 und Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ von 1921. Moore wandte begriffsanalytische Methoden konsequent auf philosophische Fragen an. In der Ethik untersuchte er in „Principia Ethica“ (1903) und andere Autoren Begriffe wie „gut“, „Pflicht“ und „Recht“ sowie die Funktion moralischer Urteile, statt vor allem konkrete moralische Inhalte zu diskutieren.

Die zweite Phase, ungefähr von 1930 bis Ende der 1940er Jahre, war der Logische Positivismus beziehungsweise Logische Empirismus. Der Wiener Kreis verband mathematische Logik mit empiristisch geprägtem Positivismus. Seine streng antimetaphysische Haltung beruhte auf dem Verifikationsgedanken: Nicht-empirische und daher prinzipiell nicht verifizierbare metaphysische Aussagen könnten nicht sinnvoll sein. In Großbritannien wurde diese Richtung vor allem durch Alfred Jules Ayer aufgenommen. Sein Buch „Language, Truth and Logic“ von 1936 griff Religionsphilosophie und christliche Theologie an; es führte zu Debatten darüber, ob religiöse Sätze Propositionen, also Aussagen mit kognitivem Gehalt, sind.

Alltagssprache und Sprechhandlungen

Die dritte Phase, die Linguistische Analyse oder der Linguistische Phänomenalismus, begann noch im Zweiten Weltkrieg und reichte bis weit in die 1960er Jahre. Der linguistic turn, die Hinwendung der modernen Philosophie zur Sprache, wurde hier entscheidend. Statt Wahrheitsbedingungen in einer konstruierten Idealsprache zu bestimmen, untersuchte man die normale gesprochene Sprache: Wie wird ein Wort verwendet? Was will ein Sprecher ausdrücken? Welche Regeln gelten im jeweiligen Sprachspiel?

Der späte Wittgenstein verstand Sprache als eine Vielzahl von Sprachspielen. Sprachspiele haben eigene Regeln, überschneiden sich aber durch „Familienähnlichkeiten“. Philosophische Probleme seien oft Sprachverwirrungen; sie könnten dadurch aufgelöst werden, dass man die tatsächlichen Regeln der Wort- und Satzverwendung sichtbar macht. Auch Ryle verstand Philosophie als therapeutische Aufklärung begrifflicher Verwirrung. Ein Kategorienfehler liegt vor, wenn etwas wie ein Gegenstand oder eine Handlung behandelt wird, obwohl es nicht zu dieser Kategorie gehört. Ryles Beispiel ist der „Mannschaftsgeist“: Er ist nicht eine zusätzliche Fußballoperation und keine Aufgabe einer einzelnen Person.

Die vierte Phase wurde durch John Langshaw Austins Sprechakttheorie in den 1950er Jahren eingeleitet und in den 1960er Jahren weiterentwickelt. Sie betont, dass Sprechen immer Handlungscharakter hat und von der jeweiligen Situation abhängt. Performative Sprechakte schaffen durch ihr Aussprechen eine neue Tatsache, etwa: „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.“ Die neuere analytische Philosophie wandte sich zugleich wieder klassischen und metaphysischen Problemen zu. Sie behandelt diese aber weiterhin mit sprachwissenschaftlichen Mitteln und mathematischer Logik.

Geschichte, Wissenschaft und Kritik

Analytische Philosophie wird häufig als logisch-systematisch und eher ahistorisch beschrieben. Quine sprach von einer „wissenschaftlichen Philosophie“, die mit einem logisch-technischen Instrumentarium präzise Spezialfragen untersucht. Philosophie soll danach keine den Einzelwissenschaften übergeordnete Disziplin und keine umfassende Weltanschauung liefern, sondern gemeinsam mit den Wissenschaften an einer empirischen Annäherung an die Realität arbeiten. Der Unterschied zwischen Philosophen und Einzelwissenschaftlern liege vor allem im Allgemeinheitsgrad der Fragen.

Diese Ausrichtung führte bei manchen Vertretern zur Ablehnung oder Geringschätzung der Philosophiegeschichte. Andere betonen dagegen, philosophische Texte und ihre historische Situation seien für gegenwärtiges systematisches Philosophieren wichtig. Die Abkehr von philosophiegeschichtlicher Forschung ist kein notwendiges Kennzeichen analytischer Philosophie: Viele analytisch arbeitende Philosophen verbinden historische Forschung mit Beiträgen zu aktuellen Debatten. Seit den 1980er Jahren wird außerdem kritisiert, dass manche klassische Sprachanalysen die Geschichtlichkeit und Kulturgebundenheit von Sprache und Denken vernachlässigen.

Verhältnis zur Kontinentalphilosophie

Früher wurde analytische Philosophie oft der sogenannten Kontinentalphilosophie gegenübergestellt. Als Kennzeichen der analytischen Seite galten Klarheit, Sachlichkeit, strenges Argumentieren und genaue Begriffsklärung; kontinentale Philosophie wurde dagegen teils als literarischer wahrgenommen. Die Trennung entstand unter anderem in der Auseinandersetzung zwischen Carnap und Heidegger. Heute ist jedoch umstritten, ob sie anhand theoretischer Voraussetzungen oder Methoden noch klar möglich und sinnvoll ist.

Peter Bieri hält mehrere frühere Abgrenzungsmerkmale für unhaltbare Dogmen. Analytische Philosophie habe weder einen fest begrenzten Gegenstandsbereich noch eine einzige Methode. Auch „Klarheit“ sei doppeldeutig: In der Idealsprache bedeutet sie Exaktheit, bei der Alltagssprache kontextuelle Genauigkeit und Übersichtlichkeit. Formale Logik könne zudem Inhalte verdrängen und habe viele Probleme nicht inhaltlich gelöst. Die frühe Ablehnung der Metaphysik sei durch spätere Entwicklungen weitgehend überholt, und Sprach- oder Bedeutungsanalyse helfe nicht bei jeder Frage, etwa bei mentaler Verursachung.

Als möglicher Unterschied wird vorgeschlagen: Die kontinentale Tradition untersucht und entwickelt Weltanschauungen vergleichend und richtet den Blick auf das Ganze des Denkens. Die analytische Tradition versucht eher, einzelne Sachfragen arbeitsteilig und systematisch zu klären, oft unabhängig von Geschichte, Nation, Sprache und Weltanschauung. Auch dieses Kriterium bleibt eine diskutierte Einordnung, keine allgemein gesicherte Grenze.

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