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John Maynard Keynes
Sie postuliert, dass Veränderungen im Konsum in erster Linie von Veränderungen im tatsächlich verfügbaren Einkommen verursacht werden. ... Politik und Wirtschaft.
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Kernidee und Bedeutung
John Maynard Keynes (5. Juni 1883 bis 21. April 1946) war ein britischer Ökonom, Politiker und Mathematiker. Seine Arbeiten veränderten die Makroökonomie, also die Untersuchung der Gesamtwirtschaft, und die Wirtschaftspolitik von Regierungen grundlegend. Er beschäftigte sich besonders mit Konjunkturzyklen, Arbeitslosigkeit, Geld, Zinsen und Investitionen. Seine Ideen bilden die Grundlage des Keynesianismus und verschiedener späterer Weiterentwicklungen.
Keynes wandte sich während der Weltwirtschaftskrise der neoklassischen Vorstellung entgegen, freie Märkte führten bei flexiblen Löhnen und Preisen kurz- bis mittelfristig automatisch zur Vollbeschäftigung. Nach Keynes kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, also die Nachfrage aller privaten Haushalte, Unternehmen, des Staates und des Auslands, zu niedrig sein. Dann kann die Wirtschaft auch langfristig in einem Zustand der Unterbeschäftigung mit hoher Arbeitslosigkeit verharren.
Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage setzt sich aus privatem Konsum, privaten Sachinvestitionen, Netto-Exporten und staatlicher Nachfrage zusammen. Sie bestimmt zunächst das Niveau von Produktion, Einkommen und Beschäftigung. Erst wenn die vorhandenen Ressourcen vollständig ausgelastet sind, wird die Wirtschaft durch diese Ressourcen begrenzt. In einer Unterbeschäftigungslage soll der Staat durch Finanz- und Geldpolitik die Nachfrage erhöhen und sie wieder an das Niveau heranführen, bei dem Vollbeschäftigung herrscht.
Leben, Ausbildung und öffentliches Wirken
Keynes wurde in Cambridge als Sohn des Professors für Politische Ökonomie John Neville Keynes und Florence Ada Keynes (geb. Brown) geboren. Ab 1897 besuchte er das Eton College. Danach studierte er am King’s College der Universität Cambridge Mathematik, Philosophie und Geschichte sowie Ökonomie, soweit sie mathematisch behandelt wurde. Zu seinen Lehrern und Studienfreunden gehörten Alfred Marshall und Arthur Cecil Pigou. 1905 legte er die Abschlussprüfung in Mathematik ab.
1906 trat Keynes in den britischen Staatsdienst ein und arbeitete zunächst im India Office, nachdem er trotz sehr guter Ergebnisse bei der Aufnahmeprüfung keine Stelle im Schatzamt erhalten hatte. Die geringe Arbeitsbelastung nutzte er für seine Arbeit an A Treatise on Probability, einer systematischen Darstellung der logischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeit, die 1921 veröffentlicht wurde. 1908 verließ er das India Office und begann am King’s College zunächst unbezahlt, ab 1909 als bezahlter Dozent (Fellow), Volkswirtschaftslehre zu lehren. Von 1920 bis zu seinem Tod blieb er dort tätig. Er stand der starken Mathematisierung ökonomischer Theorien skeptisch gegenüber und verwendete selbst wesentlich weniger mathematische Formulierungen als viele Kollegen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Keynes Vertreter des britischen Schatzamtes bei den Versailler Vertragsverhandlungen. Kurz vor deren Abschluss trat er aus Protest zurück und kritisierte 1919 in Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages die Deutschland auferlegten Reparationszahlungen als ökonomisch widersinnig. Sie würden die internationalen Wirtschaftsbeziehungen destabilisieren und sozialen Sprengstoff schaffen.
Keynes beriet sein Leben lang die Politik und war Mitglied der Liberal Party Englands. 1944 leitete er die britische Delegation bei den Bretton-Woods-Verhandlungen. Er wollte feste Wechselkurse schaffen, ohne die Rigidität des Goldstandards zu übernehmen. Außerdem schlug er eine internationale Zahlungsunion und die Verrechnungseinheit Bancor vor, die dem US-Dollar keine Vormachtstellung gegeben hätte. Gegen die von Harry Dexter White vertretene US-amerikanische Position konnte er sich damit nicht durchsetzen.
Keynes gehörte zur Bloomsbury Group und heiratete 1925 die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova. Wegen seiner Unterstützung der Eugenik wurde er später scharf kritisiert. 1942 wurde er als Baron Keynes of Tilton in the County of Sussex in den Adelsstand erhoben und erhielt einen Sitz im House of Lords. Er starb 1946 in Tilton bei Firle, East Sussex, an Herzversagen und blieb kinderlos; sein erblicher Adelstitel erlosch daher mit seinem Tod.
Wirtschaftspolitische Grundposition
Keynes bezeichnete den Goldstandard 1923 als „barbarisches Relikt“. Er warnte, eine Rückkehr zu den Vorkriegsparitäten könne Konjunktur und Arbeitsplätze gefährden. Eine Deflationspolitik der Notenbanken, also eine Politik zur Senkung von Preisen und Geldmenge, senke Preise und Löhne nach seiner Auffassung nicht automatisch, sondern könne hohe Arbeitslosigkeit verursachen. Knappes Geld könne zur Beendigung eines Booms sinnvoll sein, dürfe aber eine deflationäre Depression nicht verschärfen. 1930 erklärte Keynes außerdem, dass eine Rückkehr von Nominallöhnen und Preisen auf das Vorkriegsniveau die Probleme nicht lösen müsse, weil Deflation die reale Last der Schulden erhöhe.
Die Weltwirtschaftskrise deutete Keynes als Folge falscher globaler makroökonomischer Steuerung, nicht als grundsätzlichen Fehler der marktwirtschaftlichen Ordnung. Er war ein Liberaler und wollte individuelle Freiheit, private Initiative und Unternehmertum möglichst erhalten. Seine Forderung nach staatlicher Steuerung der Gesamtwirtschaft bedeutete keine staatliche Planung nach dem Vorbild der Sowjetunion oder des faschistischen Italien. Er wollte Reformen innerhalb der liberalen Demokratie Großbritanniens verwirklichen und setzte dabei auf politische Toleranz, konstruktive Kritik und demokratische Evolution.
Keynes befürwortete eine staatliche Globalsteuerung: Der Staat sollte das allgemeine Niveau von Produktion und wirtschaftlicher Aktivität auf einer möglichst günstigen Höhe halten und Probleme lösen, die Einzelne allein nicht bewältigen können. In wirtschaftlichen Einzelfragen sollten private Entscheidungen und Initiativen möglichst bestehen bleiben. Während der Weltwirtschaftskrise forderte er außerdem mehr „nationale Selbstgenügsamkeit“ und weniger internationale Verflechtung, damit Großbritannien den Zinssatz unabhängig vom Weltfinanzmarkt weit genug senken konnte, um ausreichende Investitionen zu ermöglichen.
Zentrale Bausteine der Theorie
Die Konsumfunktion beschreibt den Zusammenhang zwischen Konsum und tatsächlich verfügbarem Einkommen. Keynes nahm eine Konsumquote kleiner eins an: 0 < c < 1. Haushalte geben demnach nicht ihr gesamtes Einkommen aus, sondern sparen einen Teil. Außerdem sinkt die marginale Konsumneigung, also der zusätzliche Anteil des Einkommens, der für Konsum ausgegeben wird, wenn das Einkommen steigt. Auf dieser Konsumfunktion beruht der Multiplikator. Das Fundamental-psychologische Gesetz über das Konsumverhalten gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang.
Investitionen hängen bei Keynes von der Differenz zwischen erwarteter Rendite und Marktzinssatz ab. Unternehmer müssen dafür Erwartungen über die Zukunft bilden. Keynes betonte jedoch die „keynesianische Unsicherheit“: Über die Gewinne einer langfristigen Investition, etwa einer Autofabrik, lässt sich möglicherweise keine verlässliche Aussage treffen. Im Gegensatz zum berechenbaren Risiko mit einer erwarteten Wahrscheinlichkeitsverteilung bezeichnet Unsicherheit die Lage, in der man überhaupt nicht weiß, was künftig geschehen wird. Keynes fasste dies 1937 mit den Worten „We simply do not know.“ zusammen. Diese Unsicherheit erklärt die starke Schwankungsanfälligkeit der Investitionen und stellt die Annahme jederzeit rationaler, nutzenoptimierender Entscheidungen infrage.
Nach Keynes bestimmt die Investition die Gesamtersparnis; beide sind als reale Größen immer identisch. Steigende Zinsen verringern die Investitionen. Dann muss das Einkommen so weit sinken, dass auch die Ersparnis im gleichen Maße sinkt. Der Multiplikator bewirkt, dass eine kleine Investitionsänderung eine deutlich größere Veränderung von Einkommen und Beschäftigung auslösen kann. Eine Krise kann deshalb nach einem plötzlichen Umschwung der Marktstimmung besonders heftig ausbrechen. Anders als die Klassiker sah Keynes nicht eine zu geringe Ersparnis als Hauptursache der Krise an: Eine höhere Sparquote kann wegen des Multiplikators die Einkommen weiter senken, wenn keine ausreichende Investitionsnachfrage vorhanden ist. Dieses Problem wird als Sparparadoxon bezeichnet.
Die Liquiditätspräferenz erklärt, warum Wirtschaftsteilnehmer einen Teil ihres Geldvermögens zinslos als Bargeld oder Sichteinlagen halten. Keynes unterschied vier Motive: das Einkommensmotiv zum Überbrücken der Zeit zwischen Einnahme und Ausgabe, das Geschäftsmotiv zwischen Einkauf und Verkauf, das Vorsorge- oder Vorsichtsmotiv für unvorhersehbare Ausgaben und das Spekulationsmotiv für erwartete günstigere Anlagegelegenheiten. Einkommens- und Geschäftsmotiv bilden zusammen das Transaktionsmotiv. Die daraus entstehende Kassenhaltung hängt vom Einkommen ab; Vorsorge- und Spekulationskasse hängen zusätzlich, besonders, vom Zinssatz ab. Der Zinssatz ergibt sich bei Keynes aus Geldnachfrage und vorhandener Geldmenge, die in der General Theory als von der Zentralbank gesteuert gilt. Er ist damit nicht mehr die Variable, die automatisch Investitionen an die Ersparnisse anpasst.
Deficit spending und Nachwirkung
Deficit spending, also kreditfinanzierte staatliche Mehrausgaben, ist die geldwirtschaftliche Seite von Keynes’ Konjunkturtheorie. Geldvermögensbildung und Verschuldung stehen einander gegenüber. Wenn private Haushalte in einer Krise zu viel Geld sparen wollen, muss entweder eine entsprechende Kreditaufnahme entstehen oder die Wirtschaft schrumpft, bis Geldersparnis und Verschuldung wieder übereinstimmen. Durch ein Haushaltsdefizit ermöglicht der Staat den Privaten, Geldvermögen zu bilden, ohne dass die Einkommen und die wirtschaftliche Aktivität entsprechend einbrechen.
In einem offenen Brief an US-Präsident Franklin Delano Roosevelt vom Dezember 1933 erklärte Keynes, eine Belebung könne durch höhere private Ausgaben, geringeres Sparen aus laufendem Einkommen oder durch niedrigere Zinsen und dadurch angeregte Beschäftigung erfolgen. Am Tiefpunkt einer Krise könne jedoch nur der Staat durch Kreditschöpfung und deficit spending den entscheidenden Anstoß geben.
Keynes’ Einfluss nahm in den 1970er-Jahren wegen der Stagflation, also der Verbindung von wirtschaftlicher Stagnation und Inflation, ab. Milton Friedman und andere kritisierten insbesondere die Möglichkeit, den Konjunkturzyklus mit Fiskalpolitik zu beeinflussen. Seit den 1980er-Jahren entwickelte sich der Neukeynesianismus, der neue theoretische Begründungen für wirtschaftspolitische Maßnahmen lieferte. Solche Maßnahmen wurden unter anderem als Reaktion auf die Weltfinanzkrise von 2007 bis 2008 in vielen Industriestaaten eingesetzt. Der Neukeynesianismus gilt im Artikel als internationaler Konsens der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft.
Zu Keynes’ wichtigsten Schriften gehören The Economic Consequences of the Peace (1919), Treatise on Probability (1921), Tract on Monetary Reform (1923), The End of Laissez-Faire (1926), Treatise on Money (1930), Essays in Persuasion (1931), How to Pay for the War (1940) und vor allem The General Theory of Employment, Interest and Money von 1936, auf Deutsch Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Die gesammelten Schriften erschienen als The Collected Writings of John Maynard Keynes in 30 Bänden zwischen 1971 und 1998.