Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bernhard Weiß (Jurist)
Zur Zeit der Weimarer Republik war er in Berlin Leiter der Politischen Polizei, Chef der Kriminalpolizei und von 1927 bis 1932 Polizeivizepräsident.
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Profil
Bernhard Weiß (30. Juli 1880 in Berlin – 29. Juli 1951 in London) war ein deutscher Jurist, Kriminalpolizist und entschiedener Verteidiger der Weimarer Republik. In Berlin leitete er die Politische Polizei, wurde 1925 Chef der Kriminalpolizei und war von 1927 bis 1932 Polizeivizepräsident. Besondere Bedeutung erlangte er durch sein Vorgehen gegen links- und rechtsextreme Gegner der demokratischen Ordnung, vor allem gegen die NSDAP. Als jüdischer, liberaler und republiktreuer Spitzenbeamter wurde er zugleich zum Ziel antisemitischer Kampagnen Joseph Goebbels’.
Ausbildung und Militärdienst
Weiß stammte aus einer liberalen jüdischen Berliner Familie. Nach dem Besuch des Französischen Gymnasiums Berlin wechselte er auf das Fridericianum in Rudolstadt und legte dort 1900 das Abitur ab. Danach studierte er Rechtswissenschaften in Freiburg im Breisgau, Berlin und München. Im Sommer 1900 wurde er nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem Studenten, der ihn judenfeindlich beleidigt hatte, von der Universität Freiburg ausgeschlossen.
1903 bestand Weiß das erste juristische Staatsexamen. 1904 promovierte ihn die Universität Würzburg zum Dr. jur. et Dr. rer. pol.; seine Dissertation behandelte die Geschäftsordnungsautonomie des Reichstags. Nach dem zweiten Staatsexamen wurde er 1909 Gerichtsassessor.
Da Juden in der preußischen Armee kaum Offiziere werden konnten, trat Weiß 1904 als Einjährig-Freiwilliger in die bayerische Armee ein. Er erhielt 1906 das Reserveoffizierspatent und wurde 1908 Leutnant der Reserve. Im Ersten Weltkrieg wurde er reaktiviert, stieg 1917 zum Rittmeister auf und erhielt im selben Jahr das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Politisch engagierte er sich gegen Antisemitismus, für das liberale Judentum und gegen den Zionismus; er verstand sich als deutscher Patriot.
Polizeikarriere und Schutz der Republik
Im Sommer 1918 holte der preußische Innenminister Bill Drews Weiß als stellvertretenden Leiter der Berliner Kriminalpolizei in den Polizeidienst. Er war der erste Jude in der zuvor von Juden ausgeschlossenen preußischen Verwaltung. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch beauftragte Polizeipräsident Wilhelm Richter ihn 1920 mit dem Aufbau der Politischen Polizei. Diese sollte links- und rechtsextreme Gegner der Republik bekämpfen. Gleichzeitig wurde Weiß Oberregierungsrat.
1922 leitete er die Ermittlungen nach der Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau. Durch die damals ungewöhnliche Einbeziehung der Presse wurden mehr als zwölf Beteiligte an der Verschwörung gefasst. Weiß gehörte wie Rathenau der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an. 1925 wurde er Chef der Kriminalpolizei, 1927 Polizeivizepräsident. Gemeinsam mit republikanisch gesinnten Polizeiführern wie Karl Zörgiebel und Albert Grzesinski ging er systematisch gegen Rechtsbrüche vor.
Joseph Goebbels und die NSDAP griffen Weiß wegen seiner jüdischen Herkunft fortlaufend an. Goebbels nannte ihn „Isidor Weiß“ und prägte die Bezeichnung „ViPoPrä“ für Vizepolizeipräsident. Die NSDAP-Zeitung Der Angriff verbreitete antisemitische Texte und Karikaturen gegen ihn. Weiß reagierte mit mehr als sechzig überwiegend erfolgreichen Gerichtsverfahren, die jedoch keine dauerhafte Wirkung gegen die Hetze erzielten.
1930 verfassten Weiß, Hans Schoch und Johannes Stumm mit Unterstützung Robert Kempners ein Gutachten zur Verfassungstreue der NSDAP. Sie bewerteten die Partei als staatsfeindliche Verbindung und forderten die strafrechtliche Verfolgung Hitlers, Goebbels’ und weiterer führender Nationalsozialisten. Weiß übermittelte die Denkschrift am 28. August 1930 dem Oberreichsanwalt Karl August Werner. Eine Anklage und ein Verbotsverfahren blieben aus, weil die Regierung die NSDAP politisch statt juristisch bekämpfen wollte.
Am 12. Mai 1932 leitete Weiß einen viel beachteten Polizeieinsatz im Reichstag. Mehrere NSDAP-Abgeordnete hatten zuvor den Journalisten Helmuth Klotz zusammengeschlagen. Nachdem vier Abgeordnete für dreißig Tage ausgeschlossen worden waren, sich aber weigerten, den Plenarsaal zu verlassen, ließ Weiß den Saal durch Polizeikräfte räumen. Zwei Abgeordnete wurden festgenommen; die übrigen Verdächtigen stellten sich später.
Amtsverlust, Verfolgung und Exil
Beim sogenannten Preußenschlag setzte Reichskanzler Franz von Papen 1932 die preußische Regierung ab. Weiß wurde im Berliner Polizeipräsidium verhaftet und kurzzeitig festgehalten. Seine Freilassung war daran gebunden, dass er schriftlich auf jede weitere dienstliche Tätigkeit verzichtete. Im Dezember 1932 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 blieb Weiß zunächst in Berlin. Am 5. März 1933 stürmte und plünderte die SA seine Wohnung; Weiß und seine Frau Edith Lotte Buß entkamen durch einen Hinterausgang. Der Versuch, ihre zwölfjährige Tochter Hilde als Druckmittel festzunehmen, wurde durch das Eingreifen eines Rechtsanwalts verhindert. Nach einer Zeit in wechselnden Verstecken floh die Familie mit Unterstützung ehemaliger Kollegen nach Prag. Am 25. August 1933 wurde Weiß mit der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen.
Anfang 1934 gelangten Weiß und seine Frau mit tschechoslowakischen Pässen nach London. Dort gründete er ein kleines grafisches Unternehmen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er 1939 als Angehöriger eines Feindstaates für mehrere Wochen interniert. 1949 besuchte er erstmals wieder Berlin. Oberbürgermeister Ernst Reuter bot ihm eine beratende Tätigkeit beim Neuaufbau der West-Berliner Polizei an, doch aus gesundheitlichen Gründen konnte Weiß nicht zurückkehren. Kurz vor der geplanten Wiedererlangung seiner deutschen Staatsangehörigkeit starb er 1951 in London an Krebs.
Schriften, Erinnerung und Darstellungen
Weiß veröffentlichte juristische und polizeifachliche Arbeiten. Dazu zählen 1906 Schriften über den Reichstag und seine Geschäftsordnung, 1919 Werke über Glücksspiel und das Reichswahlgesetz, 1923 ein gemeinsam mit Fritz Goehrke verfasster Kommentar zum Gesetz zum Schutze der Republik sowie 1928 Polizei und Politik. Weitere Veröffentlichungen behandelten die Strafprozessordnung, die Berliner Straßenordnung und die Berliner Polizeiverordnungen.
Seit 2007 verleiht der Bund jüdischer Soldaten in der Bundeswehr die Bernhard-Weiß-Medaille für Verständigung und Toleranz. Sie würdigt Menschen, die couragiert gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus eintreten. Am 31. Oktober 2011 benannte der Berliner Senat einen Abschnitt der Otto-Braun-Straße in Berlin-Mitte nach ihm; außerdem erinnert eine Gedenktafel am Kaiserdamm 1 in Berlin-Charlottenburg an Weiß.
Sein Leben wurde in Büchern, Hörfunkbeiträgen und der WDR-Dokumentation Der Mann, der Goebbels jagte von 2003 dargestellt. Im Historiendrama Babylon Berlin ist die Figur des republiktreuen Regierungsrats August Benda an Bernhard Weiß angelehnt.