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Benjamin R. Barber
„Die Zivilgesellschaft, der bürgerliche Raum, besetzt die Mitte zwischen Politik und privatem Sektor. Dort geben wir weder unsere Stimme ab, noch kaufen und …
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Person und Bedeutung
Benjamin R. Barber (* 2. August 1939 in New York City; † 24. April 2017 ebenda) war ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Professor für Zivilgesellschaft an der University of Maryland. Er gilt als einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der Vereinigten Staaten.
Wichtig wurde Barber vor allem durch seine Demokratietheorie. Er stand dem Kommunitarismus nahe, einer sozialphilosophischen Richtung, die Gemeinschaft, Verantwortung und aktive Bürgerschaft betont. Sein Hauptwerk Strong Democracy von 1984, auf Deutsch Starke Demokratie, gilt zugleich als zentrales Werk dieses Denkens. Darin kritisierte er die repräsentative Demokratie, besonders wenn politische Beteiligung fast nur noch durch Berufspolitiker stattfindet. Als Alternative entwarf er eine partizipatorische Demokratie: Bürgerinnen und Bürger sollen nicht nur wählen, sondern selbst regelmäßig an öffentlichen Entscheidungen mitwirken.
Außerhalb der Politikwissenschaft wurde Barber besonders durch Jihad versus McWorld bekannt, auf Deutsch unter anderem Coca-Cola und Heiliger Krieg. Darin beschreibt er zwei gegensätzliche, aber miteinander verbundene Bedrohungen der Zivilgesellschaft: radikale, partikularistische Ideologien einerseits und einen grenzenlosen Kapitalismus andererseits, der Bürger vor allem zu Konsumenten macht.
Leben und politisches Umfeld
Barber wuchs in New York auf. Mit 18 Jahren ging er zum Studium an das Albert Schweitzer College in Graubünden. 1958 setzte er sein Studium an der London School of Economics and Political Science fort. Nach seinem Diplom 1963 promovierte er 1966 an der Harvard University im Fach „Government“. Für George Quinceys Oper Home and the River schrieb er das Libretto. Er war mit der Choreographin Leah Kreutzer verheiratet.
2001 wurde Barber Professor für Zivilrecht an der Universität von Maryland. Er arbeitete auch praktisch-politisch: Er war innenpolitischer Berater der Clinton-Regierung und beriet unter anderem Howard Dean und Roman Herzog. Außerdem war er Mitvorsitzender der Initiative Democracy Collaborative. Diese Initiative wollte Ressourcen des Bildungssystems nutzen, um die Zivilgesellschaft zu stärken. Barber unterstützte darüber hinaus weitere Initiativen.
Starke Demokratie
In Starke Demokratie entwickelt Barber eine partizipatorische Demokratietheorie als normative Demokratietheorie. „Normativ“ bedeutet hier: Die Theorie beschreibt nicht nur, wie Politik tatsächlich funktioniert, sondern fragt nach einem wünschenswerten Zustand. Barber analysiert ein Demokratiedefizit und entwirft dann eine Form demokratischer Erneuerung.
Kern seiner Kritik ist die Skepsis gegenüber einer ausschließlich repräsentativen Demokratie. Wenn Interessen nur noch von Berufspolitikern vertreten werden, verlieren Bürgerinnen und Bürger ihre politische Rolle. Barber formuliert zugespitzt: „Starke Demokratie ist die Politik von Amateuren“. Damit meint er nicht Unwissenheit, sondern die aktive Beteiligung gewöhnlicher Bürger. Demokratische Erziehung soll die Bürgerschaft wiederbeleben und unmittelbare Selbstregierung ermöglichen. Barber knüpft dabei an republikanische Theoretiker wie Thomas Jefferson, Alexis de Tocqueville, Walt Whitman, John Dewey und Hannah Arendt an.
Als Kennzeichen der „Starken Demokratie“ nennt Barber eine „Form von Gemeinschaft, die nicht kollektivistisch“ ist, eine „Form des öffentlichen Argumentierens, die nicht konformistisch“ ist, und das Vorhandensein „bürgerlicher Institutionen, die mit einer modernen Gesellschaft vereinbar sind“.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Erstens analysiert Barber die Lage der Demokratie: Der Liberalismus könne dazu führen, dass aus dem Recht auf Privatheit Egoismus werde, Toleranz in Apathie umschlage und Rechte zu Indifferenz würden. Zweitens entwickelt er eine andere Begrifflichkeit von Politik. Seine Definition lautet: „Politik beginnt dort, wo Entscheidungszwang besteht, obwohl keine allgemein anerkannte Wahrheit mehr zu erkennen ist“. Politische Konflikte sollen öffentlich, im „anhaltenden Gespräch“ und durch gegenseitiges Verständnis und Anerkennung bearbeitet werden. Drittens schlägt Barber praktische Reformen vor. Politische Institutionen sollen so verändert werden, dass Beteiligung und Entscheidungsfindung leichter werden, ohne die Bürger unrealistisch zu überfordern.
Ein konkreter Vorschlag ist eine neue „Architektur des öffentlichen Raums“. Dazu gehören landesweite „Nachbarschaftsversammlungen“ von jeweils etwa 1000 bis 5000 Bürgern, die auf kommunaler Ebene legislative Kompetenzen erhalten sollen.
Dschihad und McWorld
Jihad versus McWorld machte Barber auch außerhalb politikwissenschaftlicher Kreise bekannt. Die zentrale These lautet: Die Zivilgesellschaft wird von zwei Seiten bedroht. Beide fördern Exklusion statt Inklusion und Anarchie statt demokratisch legitimierter Entscheidungsfindung.
Mit „Dschihad“ meint Barber nicht nur islamische Bewegungen und auch keine besondere Bedrohung der westlichen Kultur durch den Islam. Der Begriff dient als Metapher für extreme partikularistische oder tribalistische Tendenzen. Dazu zählt er radikale christliche oder islamische Strömungen, regionale Unabhängigkeitsbewegungen wie im Baskenland oder in Katalonien, aber auch einen „Dschihad“ der amerikanischen Rechten. Er warnt außerdem vor der Zerstückelung von Staaten, wenn immer kleinere Einheiten wie Nationen behandelt werden.
„McWorld“ bezeichnet bei Barber einen intellektuell entleerten und sozial verantwortungslosen Kapitalismus. Der Name spielt auf das Präfix „Mc“ vieler McDonald’s-Produkte an. Gemeint ist eine globale Marktlogik, die Menschen vor allem als Konsumenten anspricht und politische Bürgerschaft schwächt.
Dschihad und McWorld sind bei Barber dialektisch miteinander verbunden: Obwohl sie sich bekämpfen, bringen sie sich gegenseitig hervor und steigern einander. Beide untergraben den souveränen Nationalstaat und seine demokratischen Institutionen. Beide verachten demokratische Bürgerschaft und zeigen Gleichgültigkeit gegenüber bürgerlicher Freiheit. Der Dschihad bildet Gemeinschaften „aus Blut“, die auf Ausschluss und Hass beruhen. Die McWorld bildet globale Märkte, die auf Konsum und Profit beruhen. Barbers zentrale Frage lautet sinngemäß: Wenn alle nur noch Verbraucher oder Mitglieder eines Stammes sind, aber keine Bürger mehr, wie kann es dann Demokratie geben?
Barber wendet sich ausdrücklich gegen die Gleichsetzung von Demokratie und Marktwirtschaft. Beide schließen sich nicht grundsätzlich aus, haben aber oft unvereinbare Interessen. Besonders kritisiert er die Vorstellung, Konsumenten würden durch die Auswahl zwischen mehr Produkten politisch „emanzipiert“.
Zivilgesellschaft als Gegenstrategie
Barbers Gegenstrategie ist die Stärkung der Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaft meint bei ihm den bürgerlichen Raum zwischen Staat und privatem Markt. Dort stimmen Menschen nicht wie in der Politik ab und kaufen oder verkaufen nicht wie im Markt. Stattdessen handeln sie gemeinsam freiwillig: Sie sprechen mit Nachbarn über lokale Fragen, planen eine Benefizaktion für eine Schule, organisieren Hilfe für Obdachlose oder gestalten Freizeitangebote für Kinder.
Dieser Bereich ist öffentlich-politisch, weil er sich um gemeinsame Aufgaben und das Gemeinwohl kümmert. Er ist aber nicht staatlich, weil er kein Gewaltmonopol beansprucht. Zugleich ist er freiwillig wie der Privatsektor, aber nicht privatisiert, weil er auf Gemeinsamkeit und konsensuelle Handlungsweisen zielt.
Barber verbindet diese Idee mit seiner Demokratietheorie aus Starke Demokratie: Demokratie braucht Bürger, die sich als öffentliche Wesen verstehen und gemeinsam handeln können. Der Artikel vergleicht Barbers Gedanken mit Jürgen Habermas, der die „Lebenswelt“ gegen eine „Kolonisierung“ durch politische Bürokratie und Wirtschaft stärken will, sowie mit Zygmunt Bauman. Barbers Stil wird dabei als lebensnäher und trotz scharfer Kritik an der US-Gesellschaft optimistischer beschrieben.
Ausgewählte Schriften
Zu Barbers wichtigsten Veröffentlichungen gehören Strong Democracy: Participatory Politics for A New Age von 1984, deutsch 1994 als Starke Demokratie – Über die Teilhabe am Politischen, sowie Jihad vs. McWorld. How Globalism and Tribalism are Reshaping The World von 1996. Dieses erschien 1996 auf Deutsch als Coca Cola und Heiliger Krieg. Wie Kapitalismus und Fundamentalismus Demokratie und Freiheit abschaffen und 2000 als Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus – eine unheilige Allianz.
Weitere Bücher sind unter anderem The Conquest of Politics: Liberal Philosophy in Democratic Times (1988), An Aristocracy of Everyone: The Politics and Education and The Future of America (1992), A Passion for Democracy: American Essays (1998), A Place For Us: How To Make Society Civil and Democracy Strong (1998), The Truth of Power: Intellectual Affairs in The Clinton White House (2001), Fear’s Empire: War, Terrorism and Democracy in an Age of Intedependence (2003; deutsch Imperium der Angst) und Consumed! (2007; deutsch Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt).
Außerdem veröffentlichte Barber Artikel und Interviews zu Demokratie, Internet, Terrorismus, digitaler Technologie und Konsumkritik, darunter Texte wie Wie demokratisch ist das Internet?, Ein Krieg „jeder gegen jeden“ und Interviews mit Aussagen wie „Wir glauben, wir sind, was wir kaufen“.